Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/10
Über den Song Три сестры (Tri sjestrý: Drei Schwestern)
In seinem Song Tri sjestrý (Drei Schwestern) verbindet Boris Grebenschtschikow den Bezug zu Anton Tschechows gleichnamigem Drama mit mythologischen Anspielungen. Daraus ergibt sich das Psychogramm eines nostalgischen Charakters, das nicht nur im russischen Kontext aufschlussreich ist.
Drei Schwestern
Was schaust du drein wie eine Eule
und schnappst nach Luft, als wärest du
in dein Leben gestürzt
von einer tausendjährigen Eiche?
Sieh dich nur an: Wie eine Katze
schaust du mit aufgestelltem Schwanz
und furchtsam-wachem Blick
hinaus in die Wüste der Welt.
Was störst du dich an all den Kleinigkeiten?
Liebenswert und leicht ist das Leben,
bis eines Tages unerwartet
drei Schwestern kreuzen deinen Weg.
Wie Seide schimmern ihre Locken,
aus untertassengroßen Augen
starren sie dich an. Seit siebentausend Jahren
kennen sie weder Gnade noch Erbarmen.
Sie weinen und sie lachen, doch ihr Herz
ist tief in ihrem Inneren verborgen.
Schau ihnen tief in die Augen
und bitte sie beim Abschied um Vergebung!
Drei Schwestern, drei Schwestern,
schwarz, weiß und rotgold gewandet,
locken dich in jene fernen Lande,
wohin keine Wege führen.
Drei Schwestern, drei Schwestern
werden dich in Stücke reißen:
das Herz nach oben, die Beine nach unten,
der Rest soll fallen, wohin er fällt.
Ihr Garten aber duftet nach Glückseligkeit,
nach Honig und nach Flieder
bis in alle Ewigkeit. "Komm doch, komm …",
flüstert der Wind in den Wipfeln dir zu.
Wer das Licht in dir entzündet hat,
wird in deinen Schatten sich verwandeln
und in der sternentrunkenen Stille der Nacht
das Herz aus deiner Brust dir rauben.
Drei Schwestern …
Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Три сестры (Tri sjestrý: Drei Schwestern) Aus: Навигатор (Navigator; 1995)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1996:
Tschechows Drama Drei Schwestern als Referenztext
Im Kontext der russischen Kultur erinnert der Songtitel Drei Schwestern zunächst an das gleichnamige Theaterstück von Anton Tschechow. 1901 uraufgeführt, gilt es bis heute als Meilenstein der russischen Literatur. Darüber hinaus hat es auch in dramaturgischer Hinsicht neue Maßstäbe gesetzt.
Bei den 20, 24 und 28 Jahre alten Schwestern, die dem Stück den Namen gegeben haben, handelt es sich um die Töchter eines Generals, der aus Moskau an eine Garnison in der Provinz versetzt worden ist. Zum Zeitpunkt, in dem die Handlung des Stücks einsetzt, lebt die Familie dort schon seit elf Jahren, wobei der Vater bereits ein Jahr zuvor verstorben ist.
Alle drei Frauen sind unzufrieden mit ihrem Leben:
- Irina, die jüngste der drei Schwestern, schwankt in ihrer Sehnsucht nach einem erfüllten Leben zwischen dem Eintritt in die Welt der Arbeit und der Suche nach einem Märchenprinzen. In ihrer Unentschlossenheit findet sie weder auf die eine noch auf die andere Weise Erfüllung: Die Arbeit auf dem Telegrafenamt, von der sie bald darauf in eine Ausbildung zur Lehrerin wechselt, erweist sich als monoton, ihre beiden Verehrer entsprechen nicht ihren unrealistischen Idealvorstellungen. Als sie sich dennoch für einen der beiden entscheidet, wird dieser von seinem Rivalen in einem Duell erschossen.
- Mascha, die zweitälteste Schwester, langweilt sich in der Ehe mit ihrem ehemaligen Lehrer, den sie als 18-Jährige geheiratet hat. Sie flüchtet sich in eine Affäre mit einem verheirateten Offizier, der jedoch in eine andere Provinz versetzt wird, so dass sie auf ihr früheres Leben zurückgeworfen wird.
- Olga, die älteste der drei Schwestern, ist zwar als Lehrerin so erfolgreich, dass sie schließlich sogar zur Schuldirektorin aufsteigt. Sie ist jedoch ebenfalls unzufrieden, da sie lieber ein beschauliches Leben als Hausfrau und Mutter führen würde. Ihr Unglück wird dabei noch dadurch vergrößert, dass sie sich in denselben Offizier wie ihre Schwester Mascha verliebt.
Porträt einer orientierungslosen Intelligenzija
Tschechows Stück lässt sich als Porträt der russischen Intelligenzija an der Wende zum 20. Jahrhundert ansehen. Diese wird als orientierungslos und damit als unfähig gezeigt, einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft neue Impulse zu geben. Sie ist deshalb selbst zum Untergang verurteilt.
In dem Drama wird dies durch den Bruder der drei Schwestern, Andrej, und seine Hochzeit mit Natascha, einer Frau aus einer niederen sozialen Schicht, symbolisiert. Andrej scheitert beruflich und verspielt das Erbe der Familie, seine Frau gewinnt die Oberhand über das Familienanwesen und bringt Olga, die älteste der drei Schwestern, dazu, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen.
Anstatt sich jedoch darum zu bemühen, die Initiative zurückzugewinnen und das „Haus“ ihres Daseins aktiv zu gestalten, versäumen die Schwestern ihr Leben durch realitätsfremde Träumereien. Deren Fixpunkt ist eine idealisierte Vorstellung von Moskau, ihrer ehemaligen Heimat.
Die Unfähigkeit zu realistischem, zielgerichtetem Denken und Handeln spiegelt sich in dem Drama auch in einer Dialogstruktur wider, bei der die Figuren oft nur aneinander vorbei- oder vor sich hinreden. Daraus ergibt sich eine absurde Wirkung, die bereits auf Samuel Becketts späteres Theater des Absurden vorausdeutet.
Die epochalen Veränderungen, die schließlich zum Untergang der in dem Stück porträtierten Gesellschaftsschicht führen werden, deuten sich in einem Großbrand im dritten Akt an. Bezeichnenderweise bleiben die Schwestern auch danach in ihren Kokon aus Alltagssorgen und fruchtlosen Träumen eingesponnen und leben ihr Leben weiter, als wäre nichts geschehen.
Griechische Göttinnen in russischen Nationalfarben
Eine direkte Anspielung auf das Stück von Tschechow gibt es in Grebenschtschikows Lied allenfalls über die äußere Erscheinung der drei weiblichen Figuren. Mit ihrem seidigen Haar und dem an teures Porzellan erinnernden „Untertassenschimmern“ ihrer Augen verweisen sie auf die Ausstattung eines wohlhabenden Haushalts.
Durch die Farbgebung, die er den drei Schwestern zuweist, ist der Song allerdings dennoch klar mit dem Kontext der russischen Kultur verbunden: Die Farben Schwarz, Weiß und Rotgold (pыжий/rýzhij) verbinden die Farben des Wappens der Zarenzeit (schwarzer Adler auf goldenem Grund) mit denen auf dem Wappen, das nach dem Zerfall der Sowjetunion in Russland eingeführt worden ist (goldener Adler auf rotem Grund) – wobei in beiden Fällen die Mitte durch die kleinere Abbildung eines Drachentöters auf rotem Grund gebildet wird.
Diese Anspielung auf den russischen Kontext verknüpft das Lied nun allerdings mit einer auf mythologische Formen weiblicher Dreigestaltigkeit verweisenden Bildsprache. Dies betrifft insbesondere
- die Schicksalsgöttinnen („Moiren“ in der griechischen bzw. „Parzen“ in der römischen Mythologie);
- die ebenfalls als Trias auftretenden Rachegöttinnen, die in der griechischen Mythologie Erinnyen hießen und aus der Römerzeit als „Furien“ bekannt sind;
- die aus Homers Odyssee bekannten Sirenen, die mit ihren verführerischen Gesängen die Seeleute auf ihre Insel locken und so ins Verderben stürzen wollen. Während in der Odyssee von zwei Sirenen die Rede ist, werden sie in späterer Zeit meist ebenfalls als Trio beschrieben.
Mythologische Anspielungen in dem Lied
Der mythologische Charakter der drei Schwestern ergibt sich in dem Lied zunächst aus der Plötzlichkeit ihres Erscheinens. Dass sie wie aus dem Nichts auf dem Weg der angesprochenen Person auftauchen und schon seit siebentausend Jahren existieren, verleiht ihnen einen numinosen Charakter und verdeutlicht so die schicksalhafte Bedeutung der Begegnung mit ihnen.
Konkrete Anspielungen auf die verschiedenen mythologischen Gestalten lassen sich aus folgenden Passagen des Liedes herauslesen:
Schicksalsgöttinnen: Hier ergibt sich die Verbindung insbesondere aus der Siebenzahl: Als Kombination aus der die irdische Sphäre symbolisierenden Vier (vier Himmelsrichtungen, vier Elemente, vier Jahreszeiten) und der die kosmisch-himmlische Sphäre symbolisierenden Drei (Unterwelt – Erde – Himmel, christliche Trinitätslehre u.a.) steht die Sieben für göttliche Vollkommenheit. Dementsprechend benötigt Gott in der Bibel für seine Schöpfung auch sieben Tage. „Siebentausend Jahre“ sind in dem Lied folglich gleichbedeutend mit „seit Anbeginn der Zeiten“ – was abermals den mythologischen Charakter der drei Schwestern unterstreicht. Hierzu passt auch die Beschreibung der Heimat der drei Schwestern als unvergänglicher „Garten der Glückseligkeit“. Im gegebenen Kontext handelt es sich dabei offenbar um den „Garten Eden“, also das Paradies.
Rachegöttinnen: Auf die Erinnyen bzw. Furien verweist die Tatsache, dass die drei Schwestern „weder Gnade noch Erbarmen“ kennen. Auch dass sie die angesprochene Person zu zerstückeln und ihr das Herz aus der Brust zu reißen drohen, erinnert an die zu Raserei neigenden Rachegöttinnen. Deren griechischer Beiname – Maníai – klingt denn auch im heutigen Wort „Manie/manisch“ nach. Darauf lassen sich auch ihre untertassengroßen Ungeheueraugen beziehen, die wie im Zorn geweitet wirken.
Sirenen: Anklänge an die Sirenen weisen die drei Schwestern durch die Gleichzeitigkeit von verführerischer Erscheinung und destruktiver Wirkung bzw. Handlungsweise auf. Ihr seidiges Haar wirkt ebenso verheißungsvoll wie der Garten der Glückseligkeit, in dem sie zu Hause sind. Wer jedoch ihrem Lockruf folgt, wird von ihnen zerstört. Eben diese Janusköpfigkeit, ihr gleichzeitig anziehendes und abschreckendes Wesen, klingt auch in dem Nebeneinander von zarten Locken und Medusenaugen an.
Der Song als Psychogramm von Tschechows Protagonistinnen
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die mythologischen Anspielungen in dem Lied von Tschechows Stück wegführen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass das Gegenteil der Fall ist: Indem Grebenschtschikow die drei Schwestern in dem Song in die russischen Nationalfarben kleidet und sie gleichzeitig mit bestimmten mythologischen Attributen ausstattet, zeichnet er in ihnen ein Psychogramm von Tschechows Schwestern.
So entspricht das nostalgisch verklärte frühere Russland, das Tschechows Schwestern in Moskau sehen, genau jenem vordergründigen Paradies, das die dorthin Gelockten in Grebenschtschikows Lied ins Verderben stürzt. Der Grund dafür ist, dass es sich bei diesem Paradies eben nicht um einen echten Garten Eden handelt, sondern nur um einen erträumten Hort vollkommenen Glücks.
Indem das Traumbild an die Stelle eines realen Handlungsentwurfs tritt, jagen die Betreffenden einer Schimäre nach, die ihnen den Weg ins wirkliche Leben verstellt. Dies erklärt auch die Mahnung in dem Song, dem Lockruf der drei Schwestern nicht zu folgen, sondern sich schnellstmöglich von ihnen und ihren falschen Versprechungen zu verabschieden.
Musikalisch wird der einlullende Charakter der trügerischen Hoffnungen in dem Song durch eine wiegenliedartige Melodie umgesetzt. Die Musik passt allerdings auch zu dem furchtsamen Rückzug ins Private, die der Anfang des Songs andeutet. Die bizarren Bilder, die dafür verwendet werden, knüpfen an den Grundton des Absurden an, der Tschechows Drama durchzieht.
Aktuelle Bezüge des Songs
Das von dem Lied gezeichnete Psychogramm von Menschen, die sich in eine vermeintlich heile Vergangenheit zurückträumen und darüber ihr Leben versäumen, lässt sich allerdings nicht nur auf die russische Intelligenzija an der Wende zum 20. Jahrhundert beziehen. Es findet auch Entsprechungen in anderen Zeiten und Kulturen.
Dies gilt zunächst einmal für Russland selbst. Dort hatte sich – begünstigt durch die unregulierte Einführung kapitalistischer Wirtschaftsformen, die für viele Menschen mit sozialem Abstieg verbunden waren – schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine ausgeprägte Sowjet-Nostalgie entwickelt.
Bereits Mitte der 1990er Jahre – also auch schon zur Zeit der Veröffentlichung von Grebenschtschikows Lied – gab es Tendenzen zur Verklärung der Vergangenheit und einer gleichzeitigen Verharmlosung der Stalinschen Verbrechen sowie der Repressionen und Freiheitseinschränkungen in der Zeit danach. Dies hat der Geheimdienstclique um Wladimir Putin die spätere Machtübernahme zweifellos erleichtert.
Die Falle der Nostalgie
Nicht nur in Russland kann im Falle einer als trostlos empfundenen Gegenwart der zeitliche Abstand zur Vergangenheit dazu führen, dass deren dunkle Seiten ausgeblendet werden. Ansätze zu einer Verharmlosung oder gar Verklärung der Vergangenheit gibt es auch in anderen Ländern. Deutschland und Italien, wo Benito Mussolini bis heute von vielen verehrt wird, sind dafür prägnante Beispiele.
Dabei muss das Vergangene allerdings keineswegs so offensichtlich mit dunklen Seiten behaftet sein wie in diesen Beispielen. Das Hauptproblem bei der Verklärung einer untergegangenen Welt zu einem paradiesischen Sehnsuchtsort besteht vielmehr darin, dass man sich damit von seiner eigenen Zukunft abschneidet. Oder vielmehr: dass die Zukunft dann nichts als ein verzerrter Abklatsch der Vergangenheit sein wird.
Dieses Vergangenheitssurrogat wird dann aber nur neue Unzufriedenheit auslösen, anstatt den Menschen die Erfüllung zu bringen, nach der sie sich sehnen. Das Resultat sind Ressentiments und unbewusste Aggressionen, durch welche die Betreffenden sich bestens als Werkzeug in der Hand gewaltbereiter Potentaten eignen – jener Potentaten mit der populistischen Heile-Welt-Rhetorik, denen sie selbst mit ihrer Sehnsucht nach einer Rückkehr in das Luftschloss der Vergangenheit zur Macht verholfen haben.
Nachdem sie erst das „Licht der Hoffnung“ in den Menschen entzündet haben, indem sie auf der Klaviatur ihrer Nostalgie gespielt haben, bringen diese Potentaten, einmal an der Macht, alle Freiheitsregungen zum Erliegen. So betrachtet, enthält der Schluss des Liedes eine höchst aktuelle Botschaft: Das vermeintliche „Licht“ der Nostalgie verwandelt sich in einen alles verfinsternden Schatten, wenn man ihm folgt.
Bild: Bolesław Barbacki (1891 – 1941): Erinnye (1907); Wikimedia commons