Neugeburt

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/6

„Wir wollen die Dunkelheit selbst gestalten, anstatt uns von ihr gestalten zu lassen“ – dies ist das Motto der Dunkelmänner, einer Vereinigung von Menschen ohne Schatten. Um in ihren Geheimbund aufgenommen zu werden, muss Theo sich erneut von seinem Schatten trennen.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Rutschfahrt ins Taufbecken

Nachdem Theo von den Dunkelmänner entführt und in ein Verlies gesperrt worden ist, öffnet sich eines Tages die Tür seines Kerkers. Aufatmend tritt er hinaus auf den Gang. Dieser erweist sich jedoch als ausgesprochen eng und glitschig und wird zudem immer abschüssiger, so dass Theo auf ihm schließlich wie auf einer Rutschbahn in die Tiefe gleitet:

Immer steiler wurde der Gang, bis er am Ende fast senk­recht in die Tiefe führte und ich ohne jeden Halt durch ihn hinabstürzte. Nun war ich mir ganz sicher, dass die Entführer das Todesurteil über mich verhängt hatten. Es musste auf „Tod durch Ertrinken“ lauten oder in einer besonders perfiden Form von Erstickungstod bestehen.

Unmittelbar darauf stieß ich mit den Füßen gegen zwei einander über­lappende Ledervorhänge. Sie waren anscheinend sehr schwer, da sie sich trotz des gleichzeitig auf ihnen lastenden Drucks meines Körpergewichts und des herabströmenden Was­sers nicht gleich öffneten. Schließlich gaben sie aber doch nach. Ich glitt durch sie hindurch und stürzte wohl einen Meter tief nach unten, direkt in ein Becken mit kaltem Wasser, in dem ich bis über den Kopf versank.

Als ich nach einigen Augenblicken prustend wieder auf­tauchte, konnte ich zuerst überhaupt nichts erkennen. Meine Augen wa­ren an das Licht, das hinter dem Wasserschleier auf sie eindrang, einfach nicht mehr gewöhnt. Erst ganz allmählich fand ich mich blinzelnd in der neuen Umgebung zurecht.

Ich stellte fest, dass ich mich in einem gewölbeartigen Saal be­fand, an dessen Wänden in regelmäßigen Abständen Fa­ckeln an­gebracht waren. Mein Wasserbecken stand in einer Wandnische, von der aus ich nach rechts auf eine kleine Empore und nach links auf einen im Fackelschein glitzern­den Marmorboden blicken konnte, der sich in der Tiefe des Raumes verlor. Dazwischen standen einzelne Säulen, die das Kreuzgewölbe abstützten.

Sobald ich mich einigermaßen orientieren konnte, war natürlich mein erster Impuls, das Becken zu verlassen: War ich nur in ein neues, größeres Gefängnis hineingeraten oder konnte ich wo­möglich durch eine verborgene Tür in die Freiheit gelangen?

Kaum machte ich aber Anstalten, aus dem Becken zu steigen, da vernahm ich plötzlich ein vielstimmiges Summen. Gleichzeitig fiel mein Blick auf eine Reihe weiterer Fackeln, die zuvor von den Säulen ver­deckt worden waren.

Während das Summen in einen leisen, monotonen Sing­sang überging, schwebten die Fackeln langsam auf mich zu. Wie mir schien, wurden sie von Mönchen und Nonnen gehalten, die mit ihren schwarzen Gewändern und tief ins Ge­sicht gezogenen Ka­puzen in der Dunkelheit zunächst unsichtbar gewesen waren. Sie ordneten sich stern­förmig an und bewegten sich im Takt ihres gleichförmigen, für mich unverständlichen Gesangs auf mich zu.

Vor mir angekommen, hoben sie die Fackeln über ihre Köpfe und hielten sie gegeneinander, so dass das Feuer zu einer einzigen, hoch auflodernden Flamme zusammenschoss. Da­bei fixierten sie einen Punkt hinter mir an der Wand, auf dem sich das Flackern der Flammen in einem bizarren Schattenspiel spiegeln musste.

Unwillkürlich drehte ich mich um und suchte die Wand nach dem Tanz der Schatten ab, in dessen Zentrum sich mein eigener Schat­ten befinden musste. Ich erblickte jedoch nur den Schatten des Wasserbe­ckens und des Rauchs, den die Fackeln abgaben – mein ei­gener Schatten war nicht zu sehen.

Als ich mich wieder zu den Gesichtern der Fackelträger um­wandte, sahen diese mich ebenso ausdruckslos an wie zuvor. Auch der monotone Singsang setzte sich unverändert fort. Gleichzeitig senkten die Fackeln sich langsam in Rich­tung meines Beckens, weshalb ich ungeachtet der Umzinge­lung Anstalten machte, aus dem Wasser herauszuspringen.

Im gleichen Augenblick vernahm ich ein gewaltiges Zischen: Die Flammen ertranken im Wasser. Während es wieder völlig dunkel um mich wurde, griffen unzählige Arme nach mir und hoben mich aus dem Becken heraus. Ein wohlriechender Rauch stieg mir in die Nase, der mich ganz benommen machte.

An das, was danach geschehen ist, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich muss wohl das Bewusstsein verloren haben.

Podcast, Teil II:

Episode 3: 

Theo wird in die Gemeinschaft der Dunkelmänner eingeführt. Dabei trifft er auch auf eine alte Bekannte.

Episode 4:

„Das Innere ist wie ein Spiegel, der ständig beschlägt. Wir brauchen den Luftzug freier Assoziationen, um klare Sicht auf ihn zu bekommen.“ Das ist der Grundgedanke der Grassroots-Meditationen – die für Theo anfangs ebenso gewöhnungsbedürftig sind wie die Person, die sie leitet.

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Bruno: Erleuchtung (Pixabay)

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