Die Schlangenhand

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns

Tagebuch eines Schattenlosen/4

Der entwürdigende Aufenthalt bei der Schattenermittlungsstelle lässt Theo das Angebot von „Shadow Colours“ für einen neuen Schatten ernsthafter in Erwägung ziehen. Da steht plötzlich wieder der Schattenhändler vor seiner Tür.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Ein schmerzhafter Handschlag

Nach den unangenehmen Erlebnissen der letzten Tage kam mir die Vorstellung, mir einen neuen Schatten anpassen zu lassen, nicht mehr so abwegig vor wie beim ersten Besuch des Schattenhändlers. Dennoch wollte ich nichts überstürzen.

„Ich würde mir das Ganze gerne noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen“, bat ich ihn deshalb. „Lassen Sie mir doch einfach Ihre Handynummer da. Ich werde mich dann in den nächsten Ta­gen bei Ihnen melden.“

Der Schattenhändler schüttelte bedauernd den Kopf: „Es tut mir furchtbar leid, aber das ist ganz gegen unsere Geschäftsbedin­gungen. Sie wissen ja, dass ich gerne mal ein Auge zudrücke – auch wenn ich das eigentlich nicht dürfte. Aber hier habe ich lei­der überhaupt keinen Spielraum. Das Angebot gilt nur für den heutigen Tag. Wenn ich zu Ihrer Tür hinausgehe, ist es schon ver­fallen.“

„Sie können doch nicht von mir verlangen“, empörte ich mich, „dass ich ohne nähere Prüfung einen Vertrag unterschreibe, der so weit reichende Folgen für mein weiteres Leben hätte!“

„Aber wer redet denn von einem Vertrag?“ wiegelte er ab. „So etwas widerspräche doch in eklatanter Weise dem kollegialen Verhältnis, das wir zu unseren Kunden pflegen! Wenn Sie unser Angebot annehmen, erfolgt unsere Einigung ganz einfach per Handschlag. Wir sind der festen Überzeugung, dass das Ehren­wort unserer Kunden mehr wert ist als alle vertrag­lichen Bindun­gen. Und unsere Kunden haben so die Sicherheit, dass sie sich nicht in den Fallstricken des Kleingedruckten verfangen können. Sie haben unser Wort, und darauf ist zu hundert Prozent Ver­lass.“

Ich stutzte: Wenn mit dieser Firma keine richtigen Verträ­ge abgeschlossen werden konnten, so handelte es sich bei dem Schatten­händler offenbar doch nur um einen Betrüger, der mei­ne Notlage mit irgendwelchen Hintergedanken ausnutzen wollte. Ich nahm mir vor, den Flur später erneut auf etwaige Verände­rungen hin abzusu­chen. Vielleicht war das Ganze ja auch eine raf­finierte Form von Marktforschung, bei der heimlich ein Mikrofon oder eine Kamera in der Wohnung des Kunden installiert wurde.

Die wieder etwas eindringlicher werdende Stimme des Schatten­händlers riss mich aus meinen Gedanken: „Ich muss Sie nur – so leid es mir tut – bitten, sich nun gleich zu entschei­den. Ich bedau­re, Ihnen keine intensivere Beratung bieten zu können, aber es warten nun einmal noch andere Kunden auf mich.“

Derart unter Druck gesetzt, beschloss ich, mir die seltsamen Ge­schäftsprakti­ken dieser Firma zunutze zu machen. Was hinderte mich eigentlich daran, einem unbedeutenden Vertreter die Hand zu geben? Wenn ich mich am Ende doch gegen eine Geschäftsbe­ziehung mit Shadow Colours entscheiden sollte, könnte ich ja je­derzeit von der Vereinbarung zurücktreten – rechtlich bindend wäre sie ohnehin nicht!

Gleichzeitig ließe sich, dachte ich mir, auf diese Weise überprü­fen, wie ernst es meinem Gegenüber mit seinem Ehrenwort war. Ich würde feststellen können, ob man überhaupt für die Durch­führung einer Schattenadhäsion an mich heranträte, wie diese aussähe und ob sie mir zusagte. Und wenn sie mir nicht gefallen sollte, könnte ich sie ohne weitere Begründung ablehnen. Warum sollte ich also nicht einfach einschlagen? Ich konnte dabei doch nur gewinnen!

„Also gut“, sagte ich schließlich, „ich bin einverstanden!“ Mit die­sen Worten hielt ich dem Schattenhändler meine Hand hin.

„Eine vernünftige Entscheidung!“ lobte er mich. Er löste seine Finger, die er in Erwartung meiner Antwort geknetet hatte, aus ihrer Verschränkung und streckte mir den linken Arm entgegen. Dabei ging er – wie mir schien – unnatürlich langsam vor und blickte mir überdies in einer unangenehm stechenden Weise in die Augen.

Als unsere Hände einander berührten, drückte er nicht gleich fest zu, son­dern ließ seine Finger förmlich in meine hineingleiten. An­gewidert spürte ich, wie sich das kalte, etwas feuchte Fleisch um meine Haut schlängelte. Es war mir, als würde ich in ein Loch vol­ler Maden greifen. Ich war jedoch zu benommen, um meine Hand wegzuziehen.

Umso mehr erschrak ich, als plötzlich die fremden Finger zu­schnappten und sich fest um meine Hand schlossen. Es war kein normaler Händedruck. Ich empfand es eher wie einen Biss, der mein Blut in jäher Hast durch die Adern pulsieren ließ.

Podcast, Teil I:

Episode 9:

Nach dem unangenehmen Besuch des Schattenhändlers beschließt Theo, sich auf keine weiteren Kontakte mit dessen Firma einzulassen. Dennoch hat er das Gefühl, sich nicht mehr aus den Fängen des obskuren Händlers befreien zu können.

Episode 10:

Per Zufall trifft Theo wieder auf Lina. Ihr Gespräch öffnet ihm für manches die Augen – aber wird er die neuen Erkenntnisse auch für den richtigen Umgang mit seiner Schattenlosigkeit nutzen können?

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: 1tamara2: Schlange vor nebligem Himmel (Pixabay)

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