Hoffnung in hoffnungsloser Zeit

Über den Song Дубровский (Dubrówskij)

Boris Grebenschtschikows Song Dubrówskij knüpft an den gleichnamigen Roman von Alexander Puschkin an, weist in seiner Symbolik jedoch darüber hinaus. Im Kern kreist er um die Frage: Wie soll man Trost finden in trostloser Zeit?

Podcast

Dubrówskij

Wenn der Wind des Unglücks stürmisch treibt
den bitteren Geruch der Not in jede Kammer,
dann tritt um Mitternacht – du merkst es kaum –
ein alter Weiser aus dem Wald.

Doch sieh genauer hin: Er ist nicht alt!
Von jugendlicher Kraft ist er,
schön und voller Energie,
dieser waldgeborene Dubrówskij.

Wacht auf, ihr Städte meiner Heimat,
Twer, Sarátow, Kostromá, schlaft nicht mehr!
Oder wollt ihr ewig wandern
durch die Wüste eures Unglücks?

Seht doch: Dubrowskij breitet seine Flügel aus!
Er erhebt sich behütend über die sündige Welt,
er gleitet furchtlos durch die dunklen Wolken
und schreibt mit seinen Zauberfingern in die Nacht:

"Weine nicht, Mascha, ich bin ja da!
Ein neuer Morgen wird deine Tränen trocknen.
Verschließe deine Augen nicht vor Gott –
wie soll er dich finden, wenn du ihn nicht siehst?

Durch dichtestes Eis und die finsterste Nacht
leuchtet der himmlische Tempel,
Jerusalem, die Heimat unserer Seelen,
umfängt uns und wartet, wartet auf uns."

Seht doch: Dubrowskij wirft seine Waffen weg!
Sein Schwert und sein Schild versinken im Moor,
er aber atmet befreit, denn er weiß:
Kein Akt der Rache wird ihn je erlösen.

So breitet er behütend seine Flügel aus
und gleitet, leuchtend wie eine Ikonenwand,
furchtlos durch die dunklen Wolken
und schreibt mit seinen Zauberfingern in die Nacht:

"Weine nicht, Mascha, ich bin ja da …

Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Дубровский (Dubrówskij; 1993) Aus: Снежный Лев (Snjézhnyj Ljew: Schneelöwe; 1996)

Live-Aufnahme im Zuge der Neugründung der Band im Jahr 1993:

Albumfassung

Bezüge zu einem Roman von Alexander Puschkin

Das Lied von Boris Grebenschtschikow und der Band Aquarium weist deutliche Bezüge zu Alexander Puschkins Roman Dubrówskij auf. Dies bezeugt auch ein Musikvideo zu dem Song aus dem Jahr 1993 – das mit seiner Mischung aus Szenen einer Romanverfilmung und Kriegsbildern jedoch eher von dem Sinn des Textes wegführt. Für ein besseres Verständnis des Liedes erscheint es allerdings in jedem Fall notwendig, zunächst auf Puschkins Werk einzugehen.

Die Handlung des 1832/33 entstandenen, unvollendet gebliebenen Romans, der erstmals 1841 in einer posthumen Gesamtausgabe von Werken Puschkins veröffentlicht wurde, entwickelt sich aus einem Konflikt zwischen zwei Gutsbesitzern. Ehemals befreundet, entzweien sich die beiden schließlich voneinander, woraufhin der eine – Trojekúrow – eine Notlage des anderen – Dubrowskij – ausnutzt und dessen Gut in seinen Besitz bringt. 

Dubrowskijs verarmter Sohn Wladimir versucht das Gut zurückzugewinnen, indem er sich, als Hauslehrer verkleidet, Zugang zum Haus Trojekurows und zu dessen Tochter Mascha verschafft. Daraus entsteht jedoch eine echte Liebesbeziehung – der allerdings Wladimirs Räuberkarriere entgegensteht, mit der er mittlerweile seinen Unterhalt bestreitet.

Während Wladimir im Wald bei seiner Räuberbande weilt, schmiedet Trojekurow Pläne zur Verheiratung seiner Tochter mit dem reichen, aber mehr als doppelt so alten Besitzer des Nachbargutes. Mascha bittet Wladimir um Hilfe, doch Trojekurow ist schneller und zwingt seine Tochter in die Ehe mit dem Nachbarkrösus.

Dubrowskij als mythische Gestalt

Grebenschtschikow greift die Figurenkonstellation des Romans in dem Lied auf, gibt ihr jedoch eine deutlich über eine Liebesbeziehung hinausweisende, mythische Bedeutung.

Ebenso wie Puschkins Roman knüpft auch das Lied an die ursprüngliche Bedeutung des Namens „Dubrowskij“ an: „Dub“ ist das russische Wort für „Eiche“, „Dubrowskij“ bedeutet im wörtlichen Sinn also „Bewohner eines Eichenwaldes“. Eine weitere Nähe zu dem Roman ergibt sich durch die in dem Lied erwähnten Städte, die allesamt an der Wolga liegen – in deren Nähe sich auch die Gutshöfe in Puschkins Roman befinden.

Grebenschtschikows Dubrowskij ist ebenso wie der Sohn des Gutsbesitzers in Puschkins Roman im Wald zu Hause – und auch er tritt daraus hervor, um anderen zu Hilfe zu eilen. Diese Hilfe bezieht sich jedoch nicht, wie bei Puschkin, auf eine in Bedrängnis geratene Geliebte, sondern auf das eigene Volk, das, wie es zu Beginn des Songs heißt, „stürmische Zeiten“ durchlebt.

Dementsprechend erhält auch der Wald hier eine übertragene Bedeutung. Diese ist eher auf der innerpsychischen Ebene angelegt, wo der Wald das Unbewusste repräsentiert. So tritt Dubrowskij in dem Lied auch zu mitternächtlicher Stunde aus dem Wald, was ihn als auf der „Nachtseite“ des Lebens beheimatetes Wesen kennzeichnet.

Im konkreten Fall lässt sich der Wald als das im Dunkeln liegende, ungehobene Potenzial des Volkes deuten – das, worauf es sich stützen kann, um sich aus seiner Notlage zu befreien. Die archetypische Dimension Dubrowskijs wird dabei durch sein gleichzeitig jugendliches und an einen alten Weisen erinnerndes Erscheinungsbild hervorgehoben. Noch deutlicher verweist seine Fähigkeit, sich in die Lüfte zu erheben und Trostworte in den Himmel zu schreiben, auf den mythischen Charakter der Gestalt.

Dies verleiht auch der Person, an die sich Grebenschtschikows Dubrowskij wendet, eine über die persönliche Ebene hinausgehende Konnotation. Die Mascha des Liedes erscheint eher als Mariengestalt – „Mascha“ ist ein Kosename für „Maria“. Aus der Gottesmutter wird dabei allerdings eine Mutter des Volkes bzw. eine Personifikation von dessen leidender Seele.

Geistiges Gegengift gegen den herrschenden Ungeist

Grebenschtschikows Dubrowskij steht demnach nicht für unmittelbar unterstützendes oder gesellschaftsveränderndes Handeln. Das Lied bezieht sich vielmehr auf die geistigen und emotionalen Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit sich ein solches Handeln entwickeln kann.

Durch die Forderung, die Augen nicht von Gott abzuwenden, erhält die in dem Lied formulierte Hoffnung eine eindeutig religiöse Dimension. Dies kann allerdings auch im allgemeinen Sinn eines inneren Kraftquells verstanden werden.

In der Tat ist ja gerade der moderne, von Gott und Religion entfremdete Mensch besonders auf die Verwurzelung in inneren, geistigen Werten angewiesen. In Zeiten der Not erscheinen sie als Fundament, von dem aus Wege in eine glücklichere Zukunft gesucht werden können. Dies gilt umso mehr, wenn diese Werte auf der äußeren Ebene durch einen Ungeist bedroht werden, der den auf Harmonie mit sich selbst und anderen abzielenden inneren Kraftquell zu zerstören droht.

Eben dies ist im gegenwärtigen Russland der Fall, wo eine tollwütige Machtclique die gesamte Kultur des Landes in den Abgrund zu stürzen droht. In der Bildsprache des Liedes entspricht dies einer Vergewaltigung der Volksseele, ähnlich wie es Puschkins Protagonistin Mascha bei der Zwangsehe mit dem ungeliebten Nachbarn ergeht.

Dementsprechend hat Boris Grebenschtschikow, der den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mehrfach klar verurteilt hat, das Lied denn auch explizit als Friedensbotschaft genutzt. So ist es sicher kein Zufall, dass er im März 2022 bei einer Solidaritätskundgebung für die Ukraine am Brandenburger Tor gerade dieses Lied vorgetragen hat.

Zur Entstehungsgeschichte des Songs

Gemäß der Erinnerung von Oljég Sakmárow (Олег Сакмаров), der seinerzeit als Flötist und Keyboarder in der Band Aquarium mitgewirkt hat, ist Grebenschtschikow die Idee zu dem Song 1992 bei einem Aufenthalt in Tel Aviv gekommen. Damals hätten sie beide am dortigen Strand ein Flugzeug beobachtet, das mit Slogans für die bevorstehenden Wahlen warb.

Dies könnte erklären, warum Dubrowskij seine Botschaft im Originaltext in einem Flugzeug an den Himmel schreibt. Auch die Tatsache, dass in dem Song die Utopie eines mit sich selbst und der Welt versöhnten Lebens durch das himmlische Jerusalem der biblischen Offenbarung symbolisiert wird, lässt sich womöglich darauf zurückführen.

Dass der bereits 1993 entstandene und auch schon öffentlich vorgetragene Song erst 1996 auf einem Album erschienen ist, liegt daran, dass die Band noch an der endgültigen Fassung feilen wollte. Auch dies spricht für die besondere Bedeutung, die Grebenschtschikow und die übrigen Bandmitglieder dem Song beigemessen haben.

Live-Aufnahme vom 20. März 2022 am Brandenburger Tor in Berlin:

Infos zur Songgeschichte entnommen von einer Übersicht auf reproduktor.net zu dem Lied: Дубровский – Аквариум

Eine Zusammenstellung von Aussagen Grebenschtschikows gegen den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine findet sich auf „StarsAboutWar“:

Boris Grebenshchikov über den Krieg; starsaboutwar.in.ua, aktualisiert am 9. Juli 2025.

Wiktor Wasnezow (1848 – 1926): Fliegender Teppich; Nischni Nowgorod, Staatliches Kunstmuseum (Wikimedia commons)

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