Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/6
Über den Song Кострома mon amour (Kostromá, mon amour)
Boris Grebenschtschikows Song Kostromá, mon amour kreist um den Traum vom einfachen, vorzivilisatorischen Leben. Das erträumte Idyll wird dabei allerdings zugleich als unrealistische Traumwelt entlarvt.
Kostromá, mon amour
Ich brauche weder Lohn noch Lorbeerkränze
und keine Zauberin, um meinen Weg zu gehen.
Die Frühlingssüße reicht mir und ein Leben ohne Lügen.
Ach Samára, du meine Schwester!
Durch Himmelsgärten ziehn zerzauste Herden.
Lug und Trug ertränken sie im Weihwasser …
Es bricht mir das Herz, aber ein weißer Schwan
fließt läuternd durch mein Blut.
Jenseits der Hügel grüßt mich [die Stadt] Wladímir,
darunter [der Ort] Pokrów.
Über mir das Ringen von Sonne und Wolken,
ein Vogel ruft nach seiner Liebsten.
Murmelnd hinter weißen Wänden
weißbärtige Sehnsucht aus grauer Zeit.
Was für ein Glück ich habe, noch zu leben!
Berauscht bin ich, ein Erzengel mit Schalmei,
im Dunkeln rein, bei Licht von Narben überdeckt.
Und über mir gleitet der himmlische Lotse
in grimmiger Gerechtigkeit.
Ach Sámara, du meine Schwester,
Kostromá, du meine Liebe!
Wie gerne würde ich nüchtern leben und ohne Hast!
Doch meine ruhelose Seele zieht es in die Welt hinaus.
Auf denn, Piraten, bereit zum Entern!
Ach Samára, du meine Schwester,
Kostromá, du meine Liebe!
Ich brauche weder Lohn noch Lorbeerkränze.
Doch meinen Stall in Gottes Reich errichten?
Hätt' ich doch wenigstens geschnitzte Türen
und einen Lampenschirm mit Spitzenmuster!
Ach Samára, du meine Schwester,
Kostromá, du meine Liebe ...
Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium (Аквариум): Кострома mon amour (Kostromá, mon amour; 1993). Aus dem gleichnamigen, 1994 erschienenen Album
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1996:
Im Arm von Mütterchen Wolga
Kostromá, mon amour ist ein Lied über den Traum vom einfachen Leben. Jemand liegt irgendwo auf einer der vielen Inseln oder am Strand von Mütterchen Wolga und träumt in den Himmel hinauf. Über ihm ziehen die Wolken an der Sonne vorbei, ab und zu ist ein Vogelruf zu hören, hinter den weißen Klostermauern läutet von Zeit zu Zeit eine Glocke zum Gebet, dann dringt das Gemurmel der Mönche in die Träume des am Wasser Liegenden.
So fühlt er sich eins mit dem paradiesischen Versprechen, für das die zahlreichen Kloster- und Kirchenbauten stehen, die sich in den Städten des Goldenen Rings befinden. Hierauf deutet insbesondere die Erwähnung der Städte Wladímir, Pokrów und Kostromá hin. Durch letzteren Ort ergibt sich auch die Verbindung zum ungleich größeren Samára. Beide Städte liegen an der Wolga, wenn auch etwa tausend Kilometer voneinander entfernt.
Wie wäre es also, denkt sich der Träumende, wenn ich immer so leben würde? Wozu brauche ich eigentlich diese rastlose Jagd nach Geld und Ruhm? Wäre ich nicht glücklicher, wenn ich mich wie die Mönche hinter die Mauern eines Klosters zurückziehen und meinen Sinn im stillen Gebet dem Ewigen zuwenden würde? Wenn ich mich wie die Menschen auf dem Land mit dem bescheiden würde, was Mütterchen Wolga und die von ihr befruchteten Felder mir schenken?
Das verlorene Paradies
Ein schöner Traum … Aber es bleibt eben nichts als ein Traum. Zwei Gründe klingen dafür in dem Lied an. Zum einen ist die Vorstellung vom gottesfürchtigen und bescheidenen Leben selbst ein Klischee, das mit der Wirklichkeit nur bedingt etwas zu tun hat. Ein reines Landleben gibt es im Zeitalter von Verkehrsadern und Hochgeschwindigkeitstrassen nicht mehr.
Auch das Leben im Einklang mit Gott ist oft nur eine Fassade, die durch den sonntäglichen Weihwasser-Ablass erkauft wird. Heuchelei und Unaufrichtigkeit geben damit auch in der scheinbar heilen Welt der gottesfürchtigen Menschen den Takt vor.
Zum anderen ist die Person, die sich da im Arm von Mütterchen Wolga in eine himmlische Harmonie hineinträumt, aber offenbar auch selbst nicht dafür geschaffen, ein ruhiges, einfaches Leben zu führen. So beschreibt sie selbst ihren Rausch als den eines „Erzengels mit Schalmei“. Es ist also, als hätte der ewig ruhelose Schalmeispieler Pan sich kurzzeitig in den Himmel verirrt.
Nach einer kurzen Hingabe an den Traum wird denn auch gleich wieder zum Aufbruch geblasen – sinnigerweise mit einem alten Schlachtruf der Wolga-Piraten: Der im Originaltext in dem Kontext gerufene Befehl „Сарынь на кичку“ (Sarýn na kítschku) wies die Schiffsbesatzung bei Überfällen an, sich am Bug des Schiffes zu versammeln, damit die Piraten ungehindert auf Beutejagd gehen konnten.
Der moderne Mensch erscheint demnach wie ein Plünderer, wenn er am selbstgenügsam-ruhevollen Leben schnuppert: Er kann sich dort ein paar Stunden oder Tage ergaunern, dauerhaft heimisch wird er in der anderen Welt jedoch nicht.
Entstehungsgeschichte des Songs
Dem entspricht auch die Entstehungsgeschichte des Liedes: Es ist – wie auch die anderen Songs des gleichnamigen Albums – keineswegs in der Abgeschiedenheit eines Wolgastädtchens oder gar hinter den Mauern eines Klosters entstanden. Stattdessen wurden die Lieder unterwegs verfasst, während Tourneen von Grebenschtschikow und seiner Band – Kostromá, mon amour etwa in Tel Aviv.
Dies unterstreicht den Charakter des Traums vom einfachen Leben als einer Sehnsucht nach etwas, das unerreichbar ist: einer Sehnsucht nach einem Leben, das wieder von der harmonischen Schönheit der bäuerlichen Alltagskultur geprägt wäre, auf die der Schluss des Liedes verweist. Und einer Sehnsucht nach einem vom Göttlichen durchdrungenen Leben, wie sie durch die Anspielung auf den Schwan – das Symbol der göttlichen Liebe – anklingt.
Dabei sucht Grebenschtschikow selbst die göttliche Harmonie allerdings nicht im christlich-orthodoxen Glauben, sondern im tibetischen Buddhismus, mit dem er sich zur Entstehungszeit von Kostromá, mon amour eingehender zu befassen begann. Musikalisch macht sich das auf dem gleichnamigen Album insbesondere durch Art und Einsatz der Perkussionsinstrumente bemerkbar. Daneben stehen allerdings auch Elemente der traditionellen russischen Volksmusik und Instrumentierung. In Kostromá, mon amour stehen diese, entsprechend der Thematik des Liedes, klar im Vordergrund.
Bild: Alexej Sawrassow (1830 – 1897): Die Wolga (1874); Kaluga, Museum der Schönen Künste; Wikimedia commons