Die Erlösungssehnsucht der Verdammten

Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/5

Über den Song Кони беспредела (Kóni bjesprjedjéla: Pferde des Chaos)

Boris Grebenschtschikows Song Kóni bjespredjéla (Die Pferde des Chaos) handelt von dem Sturz aus dem Paradies in die Welt des Chaos – und von den vergeblichen Versuchen, mit den Kräften eben dieser Welt in das Paradies zurückzugelangen.

Podcastfassung:

Pferde des Chaos

Soldaten der Liebe, vom Himmelsblau den Blick getränkt,
mit bunten Borten die Röcke geschmückt,
so sind wir von einem Gipfel zum nächsten getanzt.
Dann aber brach die Achse unseres Wagens.

Über verschlungene Pfade führte man uns
zu einem blassen Vogel. Aus Augen der Verdammnis
sah er mich an. Ich aber sprach zu ihm:
"Sing für mich, Vogel! Vielleicht tanze ich dann.

Wie kannst du ein Vogel sein, wenn du nicht singst?
Kann ein Vogelkörper ohne Seele sein?"
Spann mir, Herr, die Pferde des Chaos an –
zu Fuß gelange ich nicht an mein Ziel!

Doch was soll ich tun, wenn mein Futter sie nicht sättigt?
Womit sie tränken, wenn das Wasser ihren Durst nicht stillt?
Herrlich duften ihre seidigen Mähnen –
ihre Hufe aber sind scharf, blutrot ihre Spuren.

Nichts als Wodka ohne Brot bleibt meinen Gefährten.
Drei Brüder habe ich. Sírin1 heißt der erste, Spas2 der zweite.
Der dritte wollte hinauf in den Himmel steigen,
doch berauscht verlor er alle Kraft.

Hoch hinauf ist der Vogel geflogen – doch er kam nicht an.
Ein räuberischer Vogel krallte sich die Taube.
Ja, man hat mir die Pferde des Chaos gesattelt,
doch sie trugen mich fort, weit fort von dir.

Wir wollten hoch hinaus, doch ausgespielt
ist der letzte Trumpf, verloren das Spiel.
Heiliger Sergius!3 Heiliger Seraphim!4 Ihr, meine Sterne,
leuchtet vom Himmel. Wir aber irren durch kalten Schnee.5

Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der BG-Band: Кони беспредела (Kóni bjesprjedjéla) Aus: Русский Альбом (Rússkij Albóm: Russisches Album; 1992)

1)      Sírin (Сирин): etymologisch auf die Sirenen der griechischen Mythologie zurückgehendes Mischwesen aus Frau und Vogel (meist mit Eulenkörper). Wie den Sirenen wird ihnen die Fähigkeit zugeschrieben, die Menschen mit ihrem verlockenden Gesang ins Verderben zu stürzen. Aufgrund der darin anklingenden Harmonie werden sie jedoch auch mit der Sphäre der Poesie assoziiert.

2)      Spas (Спас): Kurzform für“Spassítel'“ („Спаситель“): Erlöser

3)      Heiliger Sergius: Sergius von Radonesch(Сергий Радонежский / Sérgij Rádonezhskij, um 1314 – 1392) ist einer der am meisten verehrten Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche. Aus der von ihm zusammen mit seinem Bruder errichteten Einsiedelei ist das berühmte Kloster der Dreifaltigkeit (Tróize-Sérgijew-Kloster) im nordöstlich von Moskau gelegenen Sérgijew Possád entstanden.

4)      Heiliger Seraphim: Seraphim von Sarow (Серафим Саровский / Serafím Sarówskij, 1759 – 1833) gilt als Vermittler zwischen klösterlichem Leben und Laienalltag. Seine Lehre ist mystischer Natur und zielt auf eine durch Entsagung und Meditation zu erlangende Öffnung der Seele für den Heiligen Geist ab – was gut zu Grebenschtschikows späterer Hinwendung zu fernöstlichen Religionen passt.

5)      Für den Schluss des Liedes existieren zwei Varianten. Die eine lautet: „Звёзды – наверху, a мы здесь – на пути“ („Zvjózdy nawjerchú, a my zdjes‘ – na putí“): „Dort oben sind die Sterne, aber wir sind hier [unten] auf dem Weg / unterwegs“. Die zweite Variante lautet: „Звёзды – наверху, а снег – на пути“ („Zvjózdy nawjerchú, a snjeg – na putí): „Dort oben sind die Sterne, aber  [hier unten] auf dem Weg liegt Schnee“. Im einen Fall wird stärker die Kälte der Welt betont, im anderen Fall das immerwährende Unterwegssein der Suchenden.

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1992:

Albumfassung

Sturz aus dem Himmelswagen

Der Song Кони беспредела (Kóni bjesprjedjéla) findet sich wie Gosssudárynja (Herrscherin) und Wólki i Wórony (Wölfe und Raben) auf Grebenschtschikows Rússkij Albóm. Wie die beiden letztgenannten Lieder kreist er um den Themenkomplex „Orientierungslosigkeit/Neuorientierung“. Und auch in diesem Song führt ein unerwartetes Ereignis zu einem Bruch in der bisherigen Lebensroutine und macht einen völligen Neuanfang erforderlich.

Allerdings tritt in Kóni bjesprjedjéla die geistige gegenüber der politisch-gesellschaftlichen Ebene deutlich in den Vordergrund. Sie ist dabei zudem erkennbar religiös konnotiert.

Dies zeigt sich bereits in der ersten Strophe. In Verbindung mit der religiösen Metaphorik des Liedes erinnern die „Soldaten der Liebe“ – zumal in der zärtlichen Verkleinerungsform des Originals („soldátiki“ statt soldáty“) – an Engel. Diese sind in dem Sinne „Soldaten der Liebe“, dass sie als Mittler der göttlichen Kraft, die das Universum zusammenhält – der Liebe – für die Verbreitung des Guten in der Welt kämpfen.

Der Wagen lässt sich vor diesem Hintergrund mit dem Himmelswagen assoziieren, in dem insbesondere die Sonnengottheiten in vielen Mythologien über das Firmament gleiten. Der Achsenbruch erinnert folglich an das Motiv der gefallenen Engel und damit an den Sturz aus dem Paradies.

Hierzu passt auch der Vogel mit den „Augen der Verdammnis“, auf den die Gestürzten treffen. Dass er zwar fliegen, aber nicht singen kann, verweist auf die verlorene Brücke ins Paradies, von dem die Seele abgeschnitten bleibt.

Leben in einer Zwischenwelt

Die geistige Grundkonstellation nach dem Sturz aus dem Paradies wird in dem Lied durch das Bild der drei Brüder beschrieben. Es existiert zwar – vermittelt über den zweiten Bruder, „Spas“, also den Erlöser – noch eine Ahnung vom paradiesischen Leben in der Einheit mit Gott. Eine unmittelbare Rückkehr dorthin, wie sie der dritte Bruder versucht, ist jedoch nicht möglich.

Die Folge davon ist ein Leben in einer Zwischenwelt, also in einer Sphäre zwischen Himmel und Erde, Erlösungshoffnung und Höllenangst. Symbolisiert wird dieses Leben durch „Sírin“, den ersten Bruder.

Dies ist insofern passend, als es sich bei der Sirin in der slawischen Mythologie um ein Mischwesen handelt, bei dem der Kopf und Oberkörper einer Frau in einen Vogelleib übergeht. Eine Sirin – deren Name auf die Sirenen der griechischen Mythologie zurückgeht – verfügt zudem über die Fähigkeit, die paradiesischen Harmonien in ihren Gesängen anklingen zu lassen. Dementsprechend wird sie auch meist mit dem Körper einer Eule, des Vogels der Weisheit, dargestellt.

Die Gesänge einer Sirin sind jedoch nur für die Heiligen erträglich. Gewöhnliche Sterbliche bringt der Gegensatz zwischen himmlischer Harmonie und weltlicher Disharmonie um den Verstand.

Aufgrund ihrer Fähigkeit, die Vollkommenheit der Schöpfung in ihrem Gesang zum Ausdruck zu bringen, wird die Sirin auch mit dem Dichter assoziiert. Hierauf hat sich offenbar auch Vladímir Nabókov bezogen, als er unter diesem Pseudonym publizierte.

Auf diese assoziative Verknüpfung mit der dichterischen Sphäre scheint auch Grebenschtschikow in dem Lied anzuspielen – denn „Sirin“ wird darin ja als Bruder und damit als männliche Gestalt angesprochen. Als Synonym für den Dichter umgibt ihn dabei dieselbe Tragik wie die Sirin der Mythologie: Je näher sein Gesang der Vollkommenheit kommt, je perfekter er darin die Harmonien der Schöpfung widerspiegelt, desto schmerzlicher kommt auch der Gegensatz zu der Disharmonie des alltäglichen Lebens in seiner Dichtung zum Ausdruck.

Prometheischer Ruf nach den Pferden des Chaos

Der Ruf nach den „Pferden des Chaos“ erscheint vor diesem Hintergrund als ein Akt trotziger Verzweiflung. Da der Weg ins Paradies versperrt ist, soll der göttliche Schöpfungsakt nachgeahmt und dem Chaos aus eigener Machtvollkommenheit eine neue, ebenso vollkommene Gestalt abgerungen werden.

Diese Fähigkeit ist dem Menschen aber natürlich nicht gegeben. Um das Chaos in etwas ihm Entgegengesetztes, Wohlgeformtes zu verwandeln, müssten dessen Triebkräfte – als die sich die Pferde in dem Lied deuten lassen – mit göttlicher, außerhalb ihrer Sphäre liegender Nahrung gefüttert werden.

Da ein Mensch aber keinen Zugang hat zum göttlichen Nektar, führen die Pferde des Chaos ihn nur weiter weg von Gott. Sie erinnern folglich auch weniger an Abgesandte des Himmels als an das fahle Pferd der biblischen Apokalypse, auf dem in der Offenbarung des Johannes der Tod mit seinem Unterweltsgefolge in die Welt reitet.

So bleibt dem Ich in dem Lied am Ende nur der wehmütige Blick zu den Sternen beziehungsweise zu deren religiösem Äquivalent: den Heiligen, als jenen wenigen Auserwählten, denen es mit der Kraft ihres Glaubens gelungen ist, Gott nahezukommen. Die breite Masse dagegen muss weiter durch die kalte Wüste der Welt irren.

Vielfältige Bedeutung des Wortes „bjesprjedjél“

Bei alledem stellt sich allerdings die Frage, warum Grebenschtschikow nicht die direkte russische Entsprechung für das Wort „Chaos“ – „Хаос“ (Kháos) – gewählt hat, sondern von „bjesprjedjél“ spricht.

Der Grund dafür könnte sein, dass das heute mit diesem Wort verbundene Assoziationengeflecht in Debatten wurzelt, die unmittelbar vor der Entstehung von Grebenschtschikows Song eingesetzt haben. Ausgangspunkt ist dabei ein Artikel über Missstände in einer Strafkolonie im – damals noch zur Sowjetunion gehörenden – lettischen Riga, veröffentlicht 1988 von Leoníd Nikítinski  in der Zeitschrift Огонёк (Ogonjók; Nr. 32, S. 27 – 29).

Nikitinski beschrieb darin nicht nur die Gewalt der Aufseher gegenüber den Gefangenen, sondern auch das System der Einschüchterung und der gewalttätigen Übergriffe, von dem deren Umgang untereinander geprägt war. Aus seinen Beobachtungen entwickelte er zudem ein Drehbuch, das unter der Regie von Igor Góstjew verfilmt wurde. Der Film kam 1989 in die Kinos und trug – wie bereits Nikitinskis Artikel – den Titel „Bjesprjedél“.

Der Ausdruck „bjesprjedjél“ wurde so zum Synonym für eine jede Grenze überschreitende Amoralität und Inhumanität – denn eben dies ist die wörtliche Übersetzung von „bjesprjedjél“: „ohne Grenze“. Er erschien damit auch prädestiniert dafür, das Netzwerk aus korrupten Staatsbediensteten und Raubtierkapitalisten beziehungsweise künftigen Oligarchen zu beschreiben, das sich in den 1990er Jahren daranmachte, den Staat auszuplündern.

Heute ist der Begriff auch ein passendes Etikett für die Verhaltensweise der aktuellen russischen Machthaber. Auch sie überschreiten bei ihrer ostentativen Missachtung des regelbasierten Umgangs miteinander und in ihrer Gewaltbereitschaft gegenüber dem eigenen Volk wie gegen Nachbarländer jede Grenze von Moral und Humanität.

Paradoxe Erlösungshoffnung

Das Chaos erhält damit in Grebenschtschikows Lied eine konkretere, auf die soziale Wirklichkeit bezogene Nebenbedeutung. Es bezeichnet nicht einfach nur den absoluten Gegensatz zu der vollkommen Ordnung des Paradieses, sondern erscheint als Resultat des Unfriedens, der aus der menschlichen Natur erwächst.

Dies führt die ganze Tragik des Versuchs, mit den „Pferden des Chaos“ ins Paradies zurückzugelangen, vor Augen. Einerseits gibt es für die Menschen keinen anderen Weg dorthin: Nur wenn sie das soziale Chaos in ein friedliches Miteinander verwandeln, können sie das „Paradies auf Erden“ erschaffen. Andererseits erscheint eben dies aufgrund ihrer gewaltbereiten Natur, die dem „Chaos“ – im Sinne von „bjesprjedjél“ – nähersteht als der himmlischen Vollkommenheit, nur schwer vorstellbar.

Die Erlösungssehnsucht, die aus dem Lied spricht, erinnert vor diesem Hintergrund an die verzweifelten Helden aus den Romanen Fjodor Dostojewskis. Es ist eine Sehnsucht, die sich ihrer eigenen Unerfüllbarkeit bewusst ist, weil sie weiß, dass ihre Erfüllung sowohl dem eigenen Wesen als auch dem der Menschheit insgesamt widersprechen würde. Umso schmerzlicher brennt in der Seele der Betreffenden aber der Wunsch nach Erlösung, umso leidenschaftlicher wird diese erfleht. 

Bild: Arturo Souto (1902 – 1964): Die vier apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes (1937); Wikimedia commons

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..