Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/4
Über den Song Волки и вороны (Wólki i Wórony: Wölfe und Raben)
Boris Grebenschtschikows 1992 veröffentlichter Song Wólki i Wórony (Wölfe und Raben) ist ein Plädoyer, verantwortungsbewusst mit der durch das Ende der kommunistischen Ära neu gewonnenen Freiheit umzugehen. Leider hat sein Appell nicht die erhoffte Wirkung gezeitigt.
Wölfe und Raben
Um uns die dunkle, moosbewachsene Kirche des Waldes:
Weht uns Gottes Atem daraus an,
oder ist dies nur ein flüchtiger Weihrauchgeruch?
Sind wir in Gottes Haus oder in einen Hinterhalt geraten?
Fremdartige Bilder schweben auf uns zu,
Lichter aus dunklen Teichen weisen ihnen den Weg.
Wie sind wir an diesen Ort gelangt?
Werden wir von hier aus das Gestirn der Wärme erreichen?
Hoch in den Himmel ragt dieser Tempel,
doch Finsternis umfängt uns unter seiner Kuppel.
Nichts erleuchtet diese Nacht – verkauft
ist die letzte Kerze, unerreichbar das Licht des Geistes.
Schnee umweht uns kalt von allen Seiten –
und nur reine Seelen laufen barfuß durch den Schnee.
Nur die Wölfe und die Raben können jetzt uns noch
den Weg zu dem Gestirn der Wärme weisen.
Vergoldete Kreuze wurden überall gepflanzt –
das Eine, Einzige aber wurde gegen Wein getauscht.
Und am verkaterten Morgen danach
war statt Wasser im Fluss nur Mongól Shuudán.*
Wie gerne würden wir uns an die Engel wenden –
doch sie sind verschwunden mit unseren Spuren im Schnee.
So würde jeder bekommen, was er verdient –
wäre da nicht das Licht dieses reinen Gestirns.
Singend müssen wir das Licht erringen, um nicht zu verbrennen
in unserer Leere. Wie aber sollen wir singen mit leeren Händen?
Wenn wir aber nicht zu Ende singen, werden die Adler
hohläugig uns verfolgen über den trüben Wassern.
Doch sollen sie ruhig kommen! Ein schwarzer Vogel
bin auch ich, mit nichts als einer Wüste aus Eis um mich.
So lasst uns, Wölfe und Raben, uns gegenseitig schützen,
auf dass irgendjemand gelange zu dem reinen Gestirn!
Ja, Finsternis umfängt uns unter dieser Kuppel,
nichts ist zu sehen in diesem Tempel,
alle Lichter sind erloschen, alle Kerzen sind verkauft –
wir aber wissen, wie wir das Feuer entfachen können.
Vielleicht gibt es nur noch ausgetretene Pfade,
vielleicht können nur reine Hände das Wunder erringen.
Uns aber haben nur Wölfe und Raben gewärmt
und segnend uns gewiesen den Weg zu dem reinen Gestirn.
Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der BG-Band: Волки и вороны (Wólki i Wórony) Aus: Русский Альбом (Rússkij Albóm: Russisches Album; 1992)
* Mongól Shuudán (Монгол Шуудан: Mongolische Post): Name einer 1988 gegründeten russischen Band, die sich nach unter diesem Label in der Sowjetunion verbreiteten Sammelbriefmarken benannt hat. Ihre musikalischen Anfänge orientierten sich an Punk und Hardrock, die Texte an anarchistischen Liedern der Bürgerkriegszeit, verbunden mit einer noch 2012 von Bandleader Валерий Скородед (Walérij Skorodjéd) bekräftigten nihilistischen Haltung: „Wir sind gegen alles – wir sind für Wodka.“ [1]
Das Lied enthielt ursprünglich zwei zusätzliche Strophen, die jedoch von Grebenschtschikow nicht in die endgültige Fassung des Songs aufgenommen wurden:
So schwebten Seraphim, begleitet von Frauen mit Myrrhekränzen,
herab aus der ewigen Stille des Himmelsthrones,
heilten mit ihren Flammenfingern die Wunden
und läuteten das Fasten und das Osterfest ein.
Die Augen der Blinden netzten sie wieder mit Licht,
den vom Durst Verbrannten flößten sie reines Quellwasser ein
und teilten, die grenzenlosen Tempeltore blitzhaft öffnend,
die Feuerhostie des Gestirns der Wärme an die Suchenden aus.
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1992:
Wólki i Wórony als Fortsetzung des Songs Gossudárynja
Der Song Wólki i Wórony findet sich auf Grebenschtschikows Rússkij Albóm in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Lied Gossudárynja (Herrscherin). Er kann damit als eine Art Fortsetzung der darin entwickelten Gedanken verstanden werden.
In Gossudárynja geht es um den Auszug aus dem „leeren Haus“ der (kommunistischen) Herrschaft. Die Ausgangssituation in Wólki i Wórony wirkt wie die Folge davon: Die Ausgezogenen stehen mitten in einem dunklen Wald, mit nichts als der vagen Idee von einem Ziel ihres Weges, aber ohne Vorstellung davon, wie sie dieses Ziel erreichen können.
Die mystische Beschreibung des Waldes lässt sich zunächst allgemein im Sinne des Wunschs nach einer geistigen Neuorientierung verstehen. Dabei bleibt unklar, ob diese erreicht werden kann. Die Dunkelheit, in der man sich nach dem Verlust der alten Gewissheiten wiederfindet, kann die Chance auf einen Neuanfang bieten, birgt aber auch die Gefahr eines völligen geistigen Bankrotts in sich.
Entfremdung vom christlichen Glauben
Die religiösen Konnotationen bei der Beschreibung des Waldes können allerdings auch ganz konkret im Sinne einer Hinwendung zum christlich-orthodoxen Glauben verstanden werden – oder genauer: im Sinne einer Wiedergewinnung dieses Glaubens. Die Wahrnehmung der – offenbar als Ikonen zu verstehenden – Bilder in der Nähe des „Waldtempels“ als „fremdartig“ würde sich vor diesem Hintergrund nicht auf die Bilder selbst, sondern auf die Entfremdung von dem Glauben beziehen, den sie repräsentieren.
Die erneute Hinwendung zu diesem Glauben erweist sich deshalb als problematisch. Jahrzehntelang ist an die Stelle des ihn symbolisierenden Kreuzes das Glaubenssurrogat einer heilen Zukunftswelt gesetzt worden – im Text symbolisiert durch den Wein, gegen den das Kreuz eingetauscht worden ist. Der Rausch eines pseudoreligiösen Zukunftsglaubens hat den Sinn für die christliche Lehre absterben lassen, so dass dieser nicht mehr als Quelle für einen geistigen Neuanfang taugt.
Um dies zu verdeutlichen, dreht der Song die christliche Symbolik um. Aus dem biblischen Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein wird eine Vernichtung des „Glaubensquells“ durch den Rausch des Atheismus. Eben hierauf verweist die Erwähnung der für ihren anarchistischen Nihilismus bekannten Band „Mongól Shuudán“ in dem Lied.
Zwiespältige Rolle der Kirche in der Sowjetunion
Eine einfache Wiederanknüpfung an den christlichen Glauben war nach dem Ende der kommunistischen Ära aber auch deshalb nicht möglich, weil die Kirche hiervon nicht unbeeinflusst geblieben war.
Zwar hatten die Deportationen, nicht selten tödlichen Verfolgungen und alltäglichen Repressionen, denen Gläubige und Priester während dieser Zeit ausgesetzt waren, bei vielen dazu geführt, dass sie sich ihrem Glauben im Untergrund umso intensiver zuwandten. In der Spätzeit der Sowjetunion hatte sich jedoch ein neuer Umgang des Staates mit der orthodoxen Kirche herausgebildet. Dabei wurde diese geduldet, musste sich dafür aber stärker für den Einfluss des Staates auf die Personalpolitik der Kirche und die Überwachung der Glaubensaktivitäten öffnen [2].
Darüber hinaus wurde die Kirche nun auch verstärkt für die religiöse Überhöhung der von der Staatsführung vertretenen panslawistischen Ideen genutzt. Der damit einhergehende Führungsanspruch Russlands wirkt bis heute nach und lässt sich konkret an der aktiven Unterstützung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine durch den Moskauer Patriarchen Kyrill I. ablesen.
Dass in dem Lied kein Licht mehr in der Kirche entzündet werden kann, weil alle Kerzen „verkauft“ sind, erhält dadurch eine doppelte Bedeutung. Es kann sich zum einen auf die allgemeine Entfremdung vom Glauben beziehen, zum anderen aber auch als Anspielung auf den „Verkauf“ des Glaubens an den Staat und damit den Verrat der eigenen Ideale durch hohe Kirchenrepräsentanten verstanden werden.
Die helle Seite des Raben
Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum Grebenschtschikow seinen ursprünglichen Plan, das Lied in den letzten beiden Strophen in eine Art religiöses Happy End münden zu lassen, aufgegeben hat. Statt vom christlichen Glauben bzw. allgemein der Religion geht die Hoffnung auf einen geistigen Neuanfang so allein von den beiden titelgebenden Symboltieren aus: den „Wölfen“ und den „Raben“.
Beide scheinen sich auf den ersten Blick kaum als positive Symbole zu eignen. Raben gelten als Unglücksboten und als Begleiter von Hexen und Dämonen. Wölfe werden aufgrund ihrer im Dunkeln leuchtenden Augen, ihres Heulens und ihres verborgenen Lebens im Wald ebenfalls als unheimlich empfunden. In beiden Fällen hat die abergläubische Furcht vor den Tieren zu einer gnadenlosen Jagd auf sie geführt.
Wölfe wie Raben werden als Aasfresser darüber hinaus mit der Sphäre des Todes assoziiert. Eben diese Berührung mit der Nachtseite des Lebens hat ihnen in der Mythologie aber auch immer wieder eine andere, mit Magie und geheimem Wissen verbundene Bedeutung verliehen.
In besonderem Maße gilt dies für den Raben. So trägt etwa der nordische Göttervater Odin den Beinamen „Hrafnáss“ (Rabengott) und wird von zwei Raben begleitet. Deren Namen – Hugin und Munin – verweisen auf den altnordischen Wortschatz für das Denken, das Gedenken und die Erinnerung, bezeichnen also die geistige Seite der Gottheit.
Diese Bedeutung des Raben lässt sich auch gut mit dem Gedanken eines geistigen Neuanfangs, um den das Lied von Grebenschtschikow kreist, verbinden. Ein solcher Neuanfang wäre demnach nur möglich in Verbindung mit einer intensiven Rückbesinnung.
Dies bezieht sich ebenso auf die persönliche Ebene – im Sinne einer Besinnung auf die eigenen Wurzeln – wie auf die soziale Ebene. In letzterem Fall wäre dabei an eine offene, kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu denken, wie sie etwa die 1989 gegründete Menschenrechtsorganisation Memorial angestrebt hat.
Ambivalente Wolfsnatur
Auch die Wölfe, von denen Odin begleitet wird, haben nur auf den ersten Blick eine rein negative Bedeutung. Ihre Namen – „Geri“ und „Freki“, was etwa mit „der Gefräßige“ und „der Lüsterne“ wiederzugeben wäre – klingen zwar nicht gerade nach sympathischen Wesen. Angedeutet ist darin jedoch eher der von dem Göttervater zusammengehaltene Kreislauf des ewigen Werdens und Vergehens, also die gebärend-verschlingende Natur des Kosmos.
Indem dieser Kreislauf der Garant für den langfristigen Erhalt des Lebens ist, ist die Wolfssymbolik auch in diesem Fall nicht einseitig negativ konnotiert. Dass der Wolf als Wächter über Leben und Tod auch mit dem Schutz des Lebens assoziiert werden kann, zeigt nicht zuletzt die Wölfin der römischen Mythologie, die Romulus und Remus mit ihrer Milch das Überleben sichert.
Positive Rabenbilder in der russischen Literatur
Auch im Kontext der russischen Kultur sind Raben und Wölfe nicht einseitig negativ konnotiert. So kreist etwa in einem der berühmtesten russischen Volkslieder, Чёрный ворон (Tschórnij Wóron: Schwarzer Rabe) der Rabe zwar als klassischer Todesvogel über einem schwer verwundeten Soldaten. Er dient diesem dabei aber zugleich als Bote, der die letzten Worte des Sterbenden an die Liebsten daheim überbringen soll [3].
Positiv konnotiert ist der Rabe auch in Alexander Bloks Gedicht Чёрный ворон в сумраке снежном (Tschórnij Wóran v súmrakje snjézhnom: Ein schwarzer Rabe in der verschneiten Dämmerung) aus dem Jahr 1910. Als Gegenpol zu der weißen Schneewüste, die das lyrische Ich umfängt, symbolisiert der Rabe darin den imaginären Flug in wärmere Gefilde bzw. in eine alle Sorgen aufhebende Unendlichkeit [4].
Darin ließe sich auch eine Parallele zu dem „warmen Stern“ bzw. dem „Gestirn der Wärme“ sehen, dem Sehnsuchtsort in Grebenschtschikows Lied. In beiden Fällen geht es um die Utopie eines innerlich wie äußerlich wärmenden Lebens – also einer Sorglosigkeit, die nicht nur auf materieller Sicherheit, sondern auch auf innerer, geistiger Harmonie beruht.
Der Wolf als Freiheitssymbol: Wladímir Wyssózkis Lied Wolfsjagd
Noch deutlicher als im Falle des Raben ist die positive Konnotation im russischen Kontext allerdings in Bezug auf den Wolf. Der Grund dafür ist insbesondere Wladimir Wyssozkis berühmtes Lied Охота на волков (Ochóta na wolków: Wolfsjagd) aus dem Jahr 1968 [5].
In dem Lied stehen die Wölfe für den Freiheitswillen des Volkes. Dieser wird durch eng gesteckte „rote Fahnen“ – also kommunistische Dogmen – „eingehegt“.
Schon den Wolfsjungen wird in dem Lied eingetrichtert, dass sie nicht „hinter die Fahnen“ gehen, also das Gehege der staatlichen Denkverbote und Verhaltensvorschriften nicht verlassen dürfen. Sobald sie dies tun, werden die Wölfe von den Jägern attackiert, die aus dem Schutz des Unterholzes heraus auf sie anlegen. Dies entspricht der Alltagserfahrung in einer Gesellschaft, in der niemand wissen kann, ob sich hinter der bürgerlichen Maske des Nachbarn nicht vielleicht ein Spitzel oder Denunziant verbirgt.
Nichtsdestotrotz entziehen sich die Wölfe aber immer wieder dem Gehorsamsgebot – denn ihr „Lebenshunger“ ist stärker als die Angst vor dem Tod. Die Ausbruchsversuche erscheinen dabei zunächst als hoffnungsloses Unterfangen: Immer wieder umzingeln die Jäger die Wölfe und hetzen ihre Hunde auf sie, so dass sich – wenn sie schon im Leben nicht gehorsam sein wollten – ihr „Blut im Schnee“ am Ende doch vor den „roten Fahnen“ verneigen muss.
Hinzu kommt, dass die Jäger auch aus purer Willkür auf die Wölfe zu zielen scheinen, unabhängig davon, ob sie innerhalb des Normengeheges bleiben oder sich an dessen Grenzen wagen. Dies kann als Anspielung auf die Willkürherrschaft insbesondere zur Zeit der euphemistisch als „Säuberungen“ (Tschistka) bezeichneten Vorgehensweise der Staatsführung unter Stalin angesehen werden. Damals kam es zu massenhaften Verhaftungen, Deportationen und Hinrichtungen von Menschen, deren Linientreue durch Denunziationen in Frage gestellt wurde oder die schlicht anderen bei ihrem Streben nach Macht und Erfolg im Wege standen.
In dem Lied ist der Freiheitswille der Wölfe am Ende aber doch stärker als alle Repression. Die Jäger umzingeln die Wölfe zwar weiterhin, können sie jedoch nicht mehr erlegen. So vermittelt das Lied die hoffnungsvolle Botschaft, dass die Freiheit zwar unterdrückt, aber nie getötet werden kann. Entsprechend hysterisch reagierten die Behörden seinerzeit auf das Lied: Als es 1970 in eine Theateraufführung integriert wurde, wurde diese umgehend abgesetzt.
Plädoyer für eine Kultur der Besinnung
Die positiven Konnotationen von Wolf und Rabe in Grebenschtschikows Song beziehen sich damit auf zweierlei: zum einen auf eine Kultur der Besinnung in einem umfassenden Sinn und zum anderen auf das uneingeschränkte Bekenntnis zur geistigen Freiheit.
Worauf eine umfassende Kultur der Besinnung abzielt, deutet das Lied bereits in der ersten Strophe an. In der Phase einer völligen geistigen Neuorientierung bezieht sich diese auf so grundsätzliche Fragen wie: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin wollen wir gehen?
Bezogen auf die russische Kultur im Allgemeinen betrifft dies etwa die Frage, wie stark das in dem Song angesprochene mongolisch-asiatische Erbe zu gewichten ist bzw. wie eng die geistig-kulturelle Bindung an die europäische Geistesgeschichte ist. Mit anderen Worten: Es geht um die Frage, was es überhaupt bedeutet, „russisch“ zu sein.
Eben hierum kreist das gesamte „Russische Album“ Grebenschtschikows – sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Die in Wólki i Wórony angesprochene Notwendigkeit einer geistigen Standortbestimmung wird dabei musikalisch durch eine kontemplative, zur Reflexion einladende Melodie unterstützt. Die spezifisch russischen Elemente werden durch Mandoline und Oboe eingebracht, wobei Letztere durch das ausgeprägte Trillerspiel eine ausgesprochen orientalische Klangfärbung erhält.
Im Zusammenhang mit der jüngeren sowjetischen Geschichte betrifft eine Kultur der Besinnung natürlich zunächst die Auseinandersetzung mit den Stalinschen Verbrechen, dem Gulag- und Spitzelstaat, den Deportationen und Verfolgungen all jener, die nicht in das enge marxistisch-leninistische Normenkorsett passten. Ebenso wichtig ist jedoch die Frage, inwieweit das eigene Freiheitsverständnis durch das Leben in einem solchen Staat geprägt worden und womöglich auch verkümmert ist.
Das Verfemte als Ausgangspunkt für eine geistige Neuorientierung
Dass kritische Reflexion und geistige Freiheit in dem Song durch zwei Tiere symbolisiert werden, die von vielen eher negativ wahrgenommen werden, spiegelt die Situation in der sowjetischen Vergangenheit wider: Menschen, die sich in dieser Zeit in ihrem Denken keine Schranken auferlegen wollten, wurden dafür ebenso zu gesellschaftlichen Parias gestempelt wie Rabe und Wolf, die, auf der „anderen Seite“ des Lebens verortet, auch für eine andere Sicht auf das Leben stehen.
Der Gedanke einer geistigen Rettung durch Wolf und Rabe lässt sich damit auch im Sinne einer Bewahrung der geistigen Integrität der russischen Kultur durch das Dissidententum, die Samisdat-Kultur und die künstlerische Subkultur verstehen. Die Bemerkung des Ichs in dem Lied, selbst „ein schwarzer Vogel“ zu sein, kann insofern als Bekenntnis zu diesem Neben- und Underground-Strom der russischen Kultur in der kommunistischen Ära gedeutet werden.
Damit verbunden ist die Aufforderung, für die geistige Neuorientierung eben hieran anzusetzen und dabei auch eine gewisse Beharrlichkeit an den Tag zu legen – also „nicht im Singen nachzulassen“, um es in der Sprache des Liedes auszudrücken. Dabei wäre auch an die Verstetigung der neu gewonnenen Freiheit durch den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen zu denken.
Wird dies versäumt oder durch die politische Führung unterbunden – wie es ja in der Tat nach der Machtübernahme durch Wladimir Putin geschehen ist – droht die Gefahr, dass wieder neue Jäger der geistigen Freiheit auftauchen. Eben hierauf deuten die Adler in dem Lied hin – den Raben körperlich überlegene Vögel, die zudem als Wappentier Russlands die Staatsmacht repräsentieren.
Unerfüllte Hoffnung auf Bewahrung der geistigen Freiheit
Die weitere Entwicklung Russlands seit dem Zerfall der Sowjetunion zeigt, wie wichtig Grebenschtschikows damaliger Appell für ein Bekenntnis zur geistigen Freiheit und deren verantwortungsbewusste, kritisch-reflexive Nutzung war – aber auch, wie folgenlos dieser Appell geblieben ist. Daran ist der Westen nicht ganz unschuldig.
Das Ende der UdSSR wurde damals auch im Sinne eines ideologischen Sieges des Kapitalismus über den Kommunismus gedeutet. Entsprechend rücksichtslos drangen westliche Großkonzerne auf den russischen Markt vor. Statt Begegnung und Dialog standen Konkurrenz und Wettbewerb im Vordergrund. Russland sollte gewissermaßen ökonomisch erobert werden.
So entstand bei vielen Menschen in Russland der Eindruck, die neu gewonnene geistige Freiheit mit materieller Unfreiheit bezahlen zu müssen – und sie dadurch gar nicht nutzen können, weil der tägliche Kampf ums Überleben ihre ganze Kraft absorbierte. Der westliche Freiheitsbegriff wurde daher als ideologisches Konstrukt abgetan, das lediglich ein paar wenigen skrupellosen Raubrittern dazu diente, sich mit dem Tafelsilber des Landes zu Oligarchen fettzufüttern.
Die verbreitete Reaktion darauf war eine ausgeprägte Sowjetnostalgie. Diese hat letztlich der Geheimdienstriege, die heute die Geschicke des Landes bestimmt, den Weg in den Kreml geebnet.
Die Folge ist, dass das Freiheitsgehege der Menschen heute noch viel enger abgesteckt ist als zur Zeit Wladimir Wyssozkis. Öffentlich ein neues, noch nicht durch Kanonisierung abgenutztes Lied mit dem kritischen Potenzial von dessen Wolfsjagd vorzutragen, ist in Russland mittlerweile kaum noch vorstellbar. Wer es dennoch versuchen sollte, würde dies wahrscheinlich nicht sehr lange überleben.
Nachweise
[1] Äußerung von Walérij Skorodjéd in einem Beitrag von Денис Ступников (Denís Stúpnikow): Монгол Шуудан взял реванш у Лимонова и Паука („Mongol Shudan“ hat sich an Limonov und Pauk gerächt); km.ru/myzyka, 7. Februar 2012.
[2] Zu der Thematik gibt es einen aufschlusseichen Artikel von Hans-Dieter Döpmann: Stalin und die Russische Orthodoxe Kirche. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (JHK) 11 (2003), S. 113 – 130.
[3] Das LiedЧёрный ворон (Tschórnij Wóron: Schwarzer Rabe) beruht auf Versen des russischen Dichters und Soldaten Nikolaj Werjewkin (1800 – 1837), die 1831 in der Zeitschrift Russkij Invalid (Der russische Invalide) veröffentlicht wurden. Die musikalische Bearbeitung wird Kosaken zugeschrieben, die sich im 19. Jahrhundert zu einer wichtigen Stütze der zaristischen Armee entwickelt hatten und oft fern der Heimat kämpften.
Bei Tschórnij Wóron handelt es sich fraglos um ein Kriegslied. Thematisiert wird jedoch die düstere Seite des Krieges: das einsame Sterben des tödlich verwundeten Soldaten auf dem Schlachtfeld. Eben dies kommt auch in einer von der Künstlergruppe LARGO vorgetragenen Fassung des Liedes zum Ausdruck – aufgenommen vor der kahlen Kulisse des kaukasischen Berglands in Tscherkessien. Der Videoclip datiert aus dem Jahr 2021.
Auf Wikipedia findet sich ein Überblick über die Entstehungsgeschichte des Liedes. Die verschiedenen Varianten des Liedes sind auf wikisource.org aufgeführt.
[4] Alexander Blok (Александр Блок, 1880 – 1921): Чёрный ворон в сумраке снежном (Tschórnij Wóran v súmrakje snjézhnom: Ein schwarzer Rabe in der verschneiten Dämmerung); entstanden im Februar 1910, zuerst veröffentlicht im selben Jahr in der Zeitschrift Русская мысль (Rússkaja Myssl: Russisches Denken / Russischer Geist).
[5] Wladimir Wyssozki (Владимир Высоцкий, 1938 – 1980): Охота на волков (Ochóta na wolków: Wolfsjagd); entstanden 1968, öffentlich erstmals präsentiert im selben Jahr im Moskauer Театр сатиры (Satire-Theater). Im Netz ist eine Live-Aufnahme aus dem Jahr 1980 abrufbar. Außerdem gibt es einen eigenen Wikipedia-Eintrag zur Wirkungsgeschichte des Liedes.
Bild: Nanne Tiggelman: König Rabe (Pixabay)