Die brasilianische Dichterin Patrícia Galvão (Pagu)/3
Patrícia Galvão (Pagu) war ihr Leben lang hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf eine bessere Welt und der Verzweiflung über die realen Verhältnisse. Dies gilt, auf einer existenziellen Ebene, auch für das Ende ihres Lebens.
Nothing
Nichts, nichts, nichts,
nichts als das Nichts,
man kann nicht mehr wollen als nichts,
denn es gibt nur das Nichts;
das Nichts, das dich zerbricht
wie eine gesprungene Windschutzscheibe,
das Nichts,
das die Gesichtszüge verschwimmen lässt
und meine Freunde hinabzieht
durch aufgebrochene Türen
in einen Abgrund ohne Grund,
in dem alles versinkt
und nichts etwas anderes bedeutet
als nichts.
Patrícia Galvão: Nothing/Nada (Erstveröffentlichung am 23. September 1962 in der Zeitung A Tribuna; Nachdichtung umfasst den Anfang des Gedichts).
Ein doppeltes Trauma
Die dunkelsten Jahre im Leben Patrícia Galvãos folgten ausgerechnet auf eine der aufregendsten Perioden ihres Lebens. Nach einer Reise durch mehrere Länder der Welt geriet sie bei ihrer Rückkehr in das Räderwerk der Diktatur und musste fast die gesamte zweite Hälfte der 1930er Jahre als politische Gefangene in brasilianischen Haftanstalten und Folterkellern verbringen.
Zusätzlich stellte sich nach ihrer Haftentlassung die Kommunistische Partei Brasiliens (PCB), deren Kampf für eine gerechtere Gesellschaft sie jahrelang aktiv unterstützt hatte, gegen sie. Der Grund dafür waren ihre Zweifel an dem von der Partei vorgegebenen doktrinären Kurs, die insbesondere durch ihren Russlandaufenthalt in ihr genährt worden waren.
Wie sehr dieses doppelte Trauma auf der Dichterin lastete, zeigte sich, als sie 1949 einen Selbstmordversuch unternahm. Erst als sie sich den erlittenen Traumata bewusst stellte und sie in ihrer autobiographischen Schrift Verdade e Liberdade (Wahrheit und Freiheit; 1950) verarbeitete, gelang es ihr, wieder ins Leben zurückzufinden. Wie sie in der Schrift davon spricht, „Stufe für Stufe (…) die Leiter der Erniedrigung“ hinabgestiegen zu sein, kletterte sie nun durch die bewusste Auseinandersetzung mit den Traumata wieder die Leiter hinauf.
Hinwendung zum Theater
Wichtigstes Kennzeichen des Neuanfangs Galvãos in den 1950er Jahren war die Arbeit am Theater, der sie sich nun neben ihrer journalistischen und feuilletonistischen Arbeit und ihrer Tätigkeit als literarische Übersetzerin verstärkt widmete.
Nach einem kurzzeitigen Versuch, als Mitglied der Sozialistischen Partei Brasiliens in die Politik einzusteigen, schrieb sie sich 1952 an einer Schauspielschule, der Escola de Arte Dramática de São Paulo, ein und verfasste im Rahmen ihrer Ausbildung auch ein eigenes Theaterstück. In ihrer eigenen Theaterarbeit fühlte sie sich insbesondere zum Theater des Absurden von Jean-Paul Sartre und Eugène Ionesco hingezogen, denen sie auch persönlich begegnete. Ionescos Stück Die kahle Sängerin hat sie ins Portugiesische übertragen.
Das Theater war für Galvão offenbar auch eine Möglichkeit, wieder an die frühere Verbindung von Kunst und Leben anzuknüpfen. Für sie waren „die Bretter, die die Welt bedeuten“, nicht ein Kristallpalast der Hochkultur, ein Treffpunkt der Schönen und Reichen, sondern ein Ort der Begegnung, des gelebten Ausdrucks von Gefühlen und des Probehandelns im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen. Dies setzte sie u.a. durch die Förderung von Laienspielgruppen und die Einrichtung eines Theaterfestivals um.
Kapitulation vor dem Nichts
Mitten in dieser neuen Blütephase ihres Lebens traf Galvão 1960 ein weiterer Schicksalsschlag: Lungenkrebs! Sie reiste mit ihrem Mann nach Paris, um sich einer Chemotherapie zu unterziehen, doch die Krebserkrankung war bereits zu weit fortgeschritten.
In ihrer Verzweiflung unternahm sie einen weiteren Selbstmordversuch, überlebte jedoch und reiste schwerkrank nach Brasilen zurück. Dort starb sie im Dezember 1962 im Alter von nur 52 Jahren.
Das eingangs wiedergegebenen Gedichts spiegelt die Resignation der Künstlerin vor dem großen „Nada“ (Nichts), in das am Ende alles mündet, wider. Es ist im September 1962 entstanden, wenige Wochen vor ihrem Tod.
Zitat entnommen aus: Galvão, Patrícia: Verdade e Liberade (Wahrheit und Freiheit; 1950).
Eine chronologische Übersicht zum Leben Patrícia Galvãos und eine Fotogalerie zur Künstlerin finden sich auf pagu.com.
Bild: Francisco de Goya (1746 – 1828): Nada (Nichts; zwischen 1810 und 1820); Washington, National Gallery of Art (Wikimedia commons)
Svetlana
Dieser Post und a8uch das Gedicht stimmen mich sehr traurig. Es überleben doch nur die Gefühllosen, die Opportunisten und Machthungrigen…
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