Verwirrende Wahrheitssuche

Interview mit Nadja Dietrich zur Neuausgabe ihres Romans Das russische Labyrinth

Nadja Dietrichs 2008 erschienener Kriminalroman ist jetzt in einer überarbeiteten Ebook-Fassung erhältlich. Aus diesem Anlass hat  die Literaturkritikerin Nona Suomy die Autorin zu einem Interview getroffen.

Inhaltsangabe:

In Nadja Dietrichs Roman Das russische Labyrinth wird diePrivatdetektivin Sylvia Wagner durch ein Komplott nach Russland gelockt. Dort verfängt sie sich in einem dreifachen Labyrinth: dem Labyrinth einer fremden Kultur, dem Labyrinth ihrer Vergangenheit und dem Labyrinth einer gnadenlosen Verfolgungsjagd. Gleichzeitig trifft sie aber auch auf Menschen, die ihr bei ihrem Weg durch die verschiedenen Labyrinthe zur  Seite stehen.

Nona Suomy: 16 Jahre nach dem Erscheinen deines Romans Das Russische Labyrinth hast du eine Neuausgabe des Werks herausgebracht. Wie ist es denn dazu gekommen?

Nadja Dietrich: Der Anlass war eigentlich eher banal: Der Roman sollte endlich auch in Ebook-Form erscheinen. Aber wie das so ist: Wenn man sich nach so langer Zeit noch einmal ein Manuskript vornimmt, entdeckt man doch ein paar  Dinge, die man mit dem größeren zeitlichen Abstand anders ausdrücken würde.

Nona Suomy: Kannst du da ein paar Beispiele nennen?

Nadja Dietrich: Kurz gesagt, habe ich manches gekürzt und anderes etwas ausführlicher dargestellt. Einige Passagen erschienen mir beim nochmaligen Lesen etwas zu kursorisch. Da habe ich dann etwas weiter ausgeholt. Bei anderen hatte ich den Eindruck, etwas zu weitschweifig gewesen zu sein. Hier  habe ich also den Rotstift zur Hand genommen.

Nona Suomy: War nicht auch die Erzählperspektive in der Ursprungsfassung eine andere?

Nadja Dietrich: Ja, richtig, in der neueren Fassung erzählt Sylvia, meine Protagonistin, ihre Geschichte nicht  mehr selbst. Das war für mich auch ein Mittel, den größeren zeitlichen Abstand zu dem Geschehen widerzuspiegeln.

Nona Suomy: Und die Anmerkungen? Waren die in der früheren Version schon enthalten?

Nadja Dietrich: Ja, die gab es da auch schon. Sie bestanden allerdings in der Ursprungsfassung nur aus den Übersetzungen für die russischen Wörter in dem Text. Jetzt habe ich auch die Anspielungen auf andere Texte, die der Roman enthält, mit Anmerkungen versehen.

Nona Suomy: Warum denn das?

Nadja Dietrich: Nun, ich weiß wohl, dass das so ein Spiel ist zwischen Schreibenden und Lesenden: Die einen legen eine Spur aus, und die anderen müssen raten, was damit gemeint ist. Jetzt habe ich mir aber gesagt: Die Literatur ist doch kein Kreuzworträtsel! Also habe ich jeweils auf die Quellen verwiesen, die ich beim Schreiben im Kopf hatte. Wer möchte, kann jetzt also ohne größere Probleme den Spuren meines  Geistes  folgen.

Nona Suomy: Befürchtest du eigentlich nicht, dass der Roman nach der langen Zeit etwas abgestanden wirken könnte?

Nadja Dietrich: Nein – wieso denn? Mord und Totschlag hat es doch schon immer gegeben. Kriminalromane werden also leider nicht so schnell aus der Mode kommen.

Nona Suomy: Ich dachte ja auch eher an das Bild von Russland, das du in dem Roman zeichnest. Das ist stellenweise ja doch sehr positiv. Und jetzt, nach dem Überfall auf die Ukraine …

Nadja Dietrich: … ist Russland ein einziges Reich des Bösen, möchtest du sagen? – Sorry, aber das sehe ich ganz anders. Diese Vergiftung der Beziehungen zu anderen Ländern ist für mich etwas ganz und gar Künstliches, das von einer Krieger-Riege im Kreml in die Welt gesetzt worden ist. Deshalb denke ich auch, dass dieses Gift rasch wieder aus der Welt geschafft werden kann. Und sobald Russland sozusagen „entgiftet“ ist, wird es uns auch zugutekommen, wenn wir uns noch eine Vorstellung von der sprichwörtlichen russischen Gastfreundschaft bewahrt haben.

Nona Suomy: In der gegenwärtigen Situation wirkt die Vorstellung aber doch reichlich deplatziert.

Nadja Dietrich: Sie steht in dem Roman ja auch nicht isoliert da. Es gibt durchaus auch Passagen, die auf die andere, dunkle Seite der russischen Kultur hindeuten.

Nona Suomy: Die sich in dem Roman dann allerdings immer wieder mit den dunklen Seiten der deutschen Geschichte vermischen – weil deine Protagonistin ja gerade in Russland auf die dunklen Seiten ihrer eigenen Familiengeschichte stößt.

Nadja Dietrich: Ich denke nicht, dass beides sich miteinander „vermischt“. Eher stehen doch die Abgründe der deutschen und der russischen Kultur in dem Roman nebeneinander. Meine Absicht war es, anzudeuten, dass die autoritären und  totalitären Elemente in der Geschichte beider Länder mit vergleichbaren Tendenzen zu Gewalt und der Unterdrückung Andersdenkender einhergehen. Dies ist heute ja leider eher noch aktueller als beim ersten Erscheinen des Romans.

Nona Suomy: Hast du eigentlich eine Lieblingsfigur in dem Roman?

Nadja Dietrich: Nein … In gewisser Hinsicht sind das ja alles meine Kinder. Und man soll ja wohl immer all seine Kinder gleich gern haben.

Nona Suomy: Auch die Fieslinge?

Nadja Dietrich: Gut, das sind natürlich nicht gerade meine Favoriten. Aber sie gehören doch auch irgendwie zu mir – sonst hätte ich sie ja wohl kaum in die Welt setzen können.

Nona Suomy: Probieren wir es noch mal anders: Wenn du in den Kampf gegen das Böse ziehen müsstest – welche deiner Romanfiguren würdest du dafür mitnehmen?

Nadja Dietrich: Du meinst, wenn ein Star-Wars-Produzent auf die Idee käme, den Roman zu verfilmen?

Nona Suomy: Wäre das denn so schlimm?

Nadja Dietrich: Nein, natürlich nicht. Es ist nur eine reichlich fiktionale Vorstellung …

Nona Suomy: Um noch mal auf meine Frage zurückzukommen …

Nadja Dietrich (schmunzelt):Ich würde natürlich den weißen Ritter mit in den Kampf gegen das Böse nehmen.

Nona Suomy: Den weißen Ritter? Wer ist das denn?

Nadja Dietrich: Das wird nicht verraten. Du wirst den Roman wohl noch einmal lesen müssen …

Nona Suomy: Wie gemein!

Nadja Dietrich (grinst):Immerhin habe ich so wieder eine Leserin hinzugewonnen!

Eine Antwort auf „Verwirrende Wahrheitssuche

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