Wiederauferstehung, Schwarze Löcher und die „Krankheit zum Tode“
Eine Ostermeditation von Bruder Norabus
Der Liebstöckel entfaltet jedes Jahr aufs Neue seine Blätter. Uns aber spart das Wunder der ewigen Wiederkehr aus: Wir sind rettungslos vergänglich. Oder können auch wir mit unserem Eintagsfliegenleben am Wiederauferstehungswunder teilhaben?
Neulich hatte ich einen Traum, in dem ich mich sozusagen von außen gesehen habe. Ich schlief, aber gleichzeitig war ich wach und sah mich in meiner Mönchszelle liegen.
Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, ich konnte einfach nicht einschlafen. Also tat ich schließlich etwas, das ich sonst nie tue: Ich schlich mich in unseren Gemeinschaftsraum, schaltete den Fernseher ein und zappte mich durch die Programme. Am Ende blieb ich bei einem Programm hängen, in dem gerade eine Talkshow übertragen wurde. Thema: Möglichkeit und Wirklichkeit des Menschen. Special Guest: Jesus.
Gerade wollte der Moderator von seinem Gast wissen, wie so etwas Unvollkommenes wie der Mensch habe entstehen können. Jesus versuchte bei seiner Antwort nicht lange herumzulavieren. Auch redete er nicht von einem „höheren Wesen“, einer himmlischen „Macht“ oder einem ominösen „Selbst“, sondern schlicht von „Gott“. Schließlich war dieser ja auch sein Vater – das erleichterte es ihm naturgemäß, an seine Existenz zu glauben.
„Sehen Sie“, sagte er, sich entspannt zurücklehnend, die Finger gegeneinander gespreizt, „man sagt immer: Gott würfelt nicht. Aber jeden von uns reizt es doch irgendwann einmal, etwas zu tun, das niemand von ihm erwartet – noch nicht einmal er selbst. Außerdem wollte mein Vater wissen, wie stark die Eigendynamik der Wiedergeburtslogik ist, die er seiner Schöpfung zugrunde gelegt hatte – ob sie sich also auch ohne sein Zutun durchsetzen würde. Deshalb erschuf er Wesen, denen er die völlige Freiheit ließ, für die Schöpfung insgesamt und für ihresgleichen die Wiederauferstehung oder die Hölle zu bedeuten.“
„Und?“ drängte der Talkmaster seinen Stargast. „War Ihr Herr Vater zufrieden mit dem Experiment?“
Jesus lächelte vielsagend. „Schauen Sie mich doch an“, forderte er seinen Gesprächspartner auf. „Was glauben Sie wohl, warum mein Vater mich in die Welt entsandt hat?“
Vollständiger Text auf literaturplanetpodcast.com:
Das Liebstöckel-Mysterium
Bild: Ludwig Sckell (1833 – 1912): Der Einsiedler (um 1912); Wikimedia commons
