Der Tunnel der Karfreitagsnacht

Kann erlöst werden, wer den Erlöser tötet?

Eine Meditation von Bruder Norabus

Der Karfreitag steht für eine der dunkelsten Stunden der Menschheit: die Ermordung des Erlösers. Die Finsternis, die sich daraufhin auf die Welt gesenkt hat, wirkt bis heute nach. – Eine Meditation von Bruder Norabus.

Neulich hatte ich ein echtes Karfreitagserlebnis – ein Erlebnis von der Sorte, bei dem sich von einem Augenblick zum anderen ein undurchdringlicher Vorhang vor die Welt zu schieben scheint und man in ewiger Nacht versinkt.
Mein Karfreitagserlebnis ereignete sich – ausgerechnet – in unserer Klosterkirche. Vor ein paar Tagen hat mich dort plötzlich ein Kruzifix, an dem ich schon hunderte, nein: tausende Male vorbeigegangen bin, ohne auf seine Details zu achten, plötzlich in seinen Bann gezogen.
Minutenlang stand ich davor und konnte meinen Blick nicht von dem Geschehen abwenden, das sich da, zu Holz erstarrt, vor meinen Augen abspielte. Erst als ein Mitbruder mich vorsichtig am Arm berührte, um mich auf die beginnende Frühmesse hinzuweisen, erwachte ich aus meinem Tagtraum und setzte mich zu den anderen in die Bankreihe.
Seit jenem Tag komme ich nicht mehr von dem Bild los, das sich da so unvermittelt in meine Seele gebrannt hat. Seitdem ist das Kreuz für mich nicht mehr einfach ein Symbol für den Glauben, sondern ein Folterinstrument, mit dem ein Mensch, der anderen die Erlösung bringen wollte, auf qualvolle Weise zu Tode gebracht worden ist.
Seitdem verstehe ich auch, warum Menschen anderen Glaubens so oft erschrecken, wenn sie das zentrale Symbol unseres Glaubens sehen. Was ist das für ein Glaube, der um den grausamen Foltertod eines Menschen kreist, der zugleich als Sohn Gottes verehrt wird? Wie kann man Erlösung erwarten, wenn man den Erlöser ermordet hat – und dazu noch auf so bestialische Weise?

Vollständiger Text auf literaturplanetpodcast.com:
Der Tunnel der Karfreitagsnacht

Buch

Bild: Odilon Redon (1840 – 1916): Melancholie (1876); Wikimedia commons

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