Gedichte von Delmira Agustini/6
Sowohl inhaltlich als auch formal weist die Lyrik Delmira Agustinis voraus auf das später im Rahmen der Frauenbewegung postulierte „weibliche“ Schreiben. Damit leistet sie über den Tod hinaus Widerstand gegen männliche Gewalt – der sie selbst zum Opfer gefallen ist.
Meine Muse
Ein Chamäleon soll meine Muse sein,
launenhaft und listenreich,
mit abgründig leuchtenden Augen
und einem Mund voll fremder Früchte.
Tigerin und Taube soll meine Muse sein,
knospenzart und kämpferisch,
mit einem schmerzerfüllten Lachen,
das Liebkosungen und Dolchstiche vereint.
Mönch und Mänade soll meine Muse sein,
lautlos betend und orgiastisch tanzend,
den Kosmos in sich neu gebärend.
Dorn und Rose soll meine Muse sein,
von betörendem Duft, mit flammendem Stich
und einer Stimme voll fürstlicher Kraft.
Delmira Agustini: La musa Aus: Los Cálices Vacíos (Die leeren Kelche; 1913). Erstveröffentlichung – unter dem Titel „Buscando Musa“ (Auf der Suche nach der Muse) – in El Libro Blanco (Das weiße Buch; 1907)
Ein dynamisches Dichtungsideal
In dem Gedicht Musa formuliert Delmira Agustini schon früh ihre poetologischen Vorstellungen. Die erste Fassung des Gedichts ist bereits 1907 in ihrem ersten Gedichtband (El Libro Blanco – Das weiße Buch) erschienen. Die Autorin kann bei der Abfassung des Gedichts also nicht älter als 20 Jahre gewesen sein.
Agustinis Plädoyer für eine „musa cambiante“ – also eine wechselhafte, wandlungsfreudige Muse – lässt sich als Absage an eine Poetik verstehen, deren formale Vorgaben der dichterischen Kreativität allzu enge Fesseln auferlegen. Ihr Ideal ist stattdessen eine Dichtung, in der sich die Gegensätze und Widersprüche des Lebens unmittelbar widerspiegeln und die auf diese Weise die Dynamik des immerwährenden Werdens und Vergehens in sich abbildet.
In diesem Sinne wünscht sie sich eine Muse, die so stark wie ein Tiger und so friedfertig wie eine Taube ist und deren Hände Dolchstiche wie Liebkosungen austeilen können. Die Dichtung soll also nicht nur schön sein, sondern auch das Leiden an der Welt – sei es in sozialer oder in existenzieller Hinsicht – zum Ausdruck bringen.
Keine Sturm- und Drang-Programmatik
Bei einem flüchtigen Blick könnte man das Gedicht wohl als Ausdruck jugendlichen Überschwangs abtun. Taucht man tiefer in die Lyrik Delmira Agustinis ein, zeigt sich jedoch, dass das in Musa formulierte dichterische Ideal mehr ist als eine typische Sturm-und-Drang-Programmatik.
Um Agustinis poetologische Vorstellungen besser einschätzen zu können, empfiehlt es sich, das Gedicht Serpentina in die Betrachtung miteinzubeziehen, auf das im vorigen Beitrag zu der Dichterin näher eingegangen wurde. Darin vergleicht das (weibliche) Ich nicht nur den eigenen Körper und dessen Bewegungen mit den ebenso geschmeidigen wie potenziell todbringenden Windungen einer Schlange. Es formuliert auch den Wunsch, dass die erträumte Schlangenhaftigkeit des Körpers zugleich die Bewegungsform des eigenen Geistes bestimmen sollte:
„Üppig wie mein Körper wuchert mein Geist.
Meine schlangenhaften Träume
durchpulsen verwandelnd die Welt
als wetterleuchtendes Bacchanal.“ [1]
Parallelen zu Konzepten eines spezifisch „weiblichen“ Schreibens
Die dezidierte Ableitung der dichterischen Ausdrucksformen aus Struktur und Bewegungsform des eigenen Körpers erinnert an das „Körper-Schreiben“, wie es in den 1970er Jahren als Manifestation eines spezifisch weiblichen Schreibens von Teilen der Frauenbewegung formuliert wurde.
Ausgangspunkt war seinerzeit die Einsicht in die Existenz einer, so Johanna Wördemann, männlich dominierten „Herrschaftssprache, die die Wörter, die Diktion, die Syntax, – die alle Felder besetzt hält“ (Wördemann 1976: 116). Eine literaturtheoretische Fundierung erfuhr das Konzept des weiblichen Schreibens dabei u.a. durch Luce Irigaray und Hélène Cixous. Im Anschluss an Jacques Derrida und Jacques Lacan charakterisierten sie das weibliche Schreiben als eine Form aktiven Widerstands gegen die vom männlichen Denken bestimmte „symbolische Ordnung“.
Gegen deren logozentrische Ausrichtung wendet sich das weibliche Schreiben auf zweierlei Weise: zum einen durch seine Nicht-Linearität und zum anderen durch seine dezidierte Körperbetontheit. Als Referenzpunkt des Schreibens soll der weibliche Körper dabei zum einen aus seiner Objekt- und Opferrolle befreit werden, die ihm in der männlich bestimmten symbolischen Ordnung zukommt. Zum anderen fungiert die affirmative Bezugnahme auf die eigene Körperlichkeit aber auch als Gegenentwurf zu der Verachtung der Natur und alles Naturhaften, die sich aus dem logozentrischen Weltbild ergibt.
Weibliches als nicht-lineares, körperbetontes Schreiben: Hélène Cixous
Weibliches Schreiben bedeutet vor diesem Hintergrund für Hélène Cixous, dem eigenen „Körper (…) Gehör [zu] verschaffen“ [2]. Die Nicht-Linearität weiblichen Schreibens fasst sie in die Worte, dass ein weiblicher Text stets „der Text des Unvorhersehbaren“ sei: „Die Bewegung (…) dieses Textes ist also nicht der schnurgerade Weg“ [3].
Als gegen die herrschende Ordnung gerichtete Rede ist alles weibliche Schreiben auf das Ziel radikaler gesellschaftlicher Veränderung ausgerichtet. Schreibend sollen „über die Welt Werte“ ausgebreitet werden, „die die Regeln des alten Spiels ändern“:
„Ein weiblicher Text kann immer nur subversiv sein: indem er sich schreibt, hebt er vulkanartig die alte, immobile Kruste empor. In unaufhörlichem Fortschreiten. Die Frau muss sich schreiben, denn das Erfinden eines neuen aufständischen Schreibens lässt sie im Augenblick ihrer Befreiung die notwendigen Brüche und Veränderungen ihrer Geschichte vollziehen“ [4].
Elemente weiblichen Schreibens bei Delmira Agustini
Die Lyrik Delmira Agustinis kommt Cixous‘ Ideal eines weiblichen Schreibens nicht nur, wie oben gezeigt, auf der Inhaltsebene nahe. Ihre Gedichte enthalten vielmehr auch formale Elemente, die diesem Ideal entsprechen.
Dies gilt insbesondere für den assoziativ-elliptischen Stil, der sich in manchen Gedichten Agustinis beobachten lässt. Dadurch kommt es immer wieder zu plötzlichen, überraschenden Brüchen und Bildwechseln, die sich einer dem Logos verpflichteten linearen Denk- und Dichtungsweise widersetzen. Darauf wird im folgenden Beitrag dieser Reihe noch näher eingegangen werden.
Teilweise mag diese Befreiung von den Fesseln rationalen Denkens und Sprechens auch im Wesen der Lyrik im Allgemeinen und der Lyrik des Modernismo im Besonderen begründet sein. Angesichts der Tatsache, dass Agustini ihr Leben durch einen Femizid verloren hat, sollte man ihre Bemühungen, ihre weibliche Selbstbestimmung auch mit dichterischen Mitteln zu behaupten, aber auf jeden Fall angemessen würdigen.
Nachweise
[1] Delmira Agustini: Serpentina. In: Dies.: El Rosario de Eros (Der Rosenkranz des Eros), S. 36. Montevideo 1924: García; vollständige Nachdichtung in dem Beitrag Die dunkle Seite der Liebe.
[2] Wördemann, Johanna. Schreiben um zu überleben oder Schreiben als Arbeit. Notizen zum Treffen schreibender Frauen in München, Mai 1976. In: alternative 19 (1976), H. 108/109: Das Lächeln der Medusa. Frauenbewegung, Sprache, Psychoanalyse, S. 115 – 118 (hier S. 116).
[3] Cixous, Hélène: Schreiben, Feminität, Veränderung. In: alternative 19 (1976), H. 108/109: Das Lächeln der Medusa. Frauenbewegung, Sprache, Psychoanalyse, S. 134 – 147 (hier S. 147).
[4] Dies.: Geschlecht oder Kopf? (Le sexe ou la tête?, 1976). In: Dies.: Die unendliche Zirkulation des Begehrens. Weiblichkeit in der Schrift, S. 15 – 45 (hier S. 42 f.). Berlin 1977: Merve.
[4] Cixous (1976), S. 147 (s. Anm. 2).
Bild: (Karl Ludwig) Adolf Ehrhardt (1813 – 1899): Die Muse der Musik (Wikimedia commons)