Ebene Minne: Liebesglück „unter der Linde“

Minnelieder Walthers von der Vogelweide/5

Walthers „Mädchenlieder“ beruhen auf dem Ideal der „ebenen Liebe“. Gemeint ist damit eine Liebe, die – jenseits aller Konventionen – nur auf der gegenseitigen Zuneigung zweier Menschen füreinander gründet.

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Walther von der Vogelweide: Was ist Minne?

Wer weiß zu sagen, was das ist – die Minne!
Zwar habe ich schon viel davon erfahren –
Doch saget mir: Wie kommt’s, dass Minne
oft ihre Dornen legt um das Herz?

Ist die Minne denn nicht immer gehüllt
in das Duftkleid einer Rose?
Wie kann Minne Minne heißen,
wenn sie das Herz mit Dornen durchbohrt?

Minne kann nur dann zu Recht den Namen tragen,
wenn zwei Herzen im Gleichklang schlagen.
Schlägt nur eines im Takt der Minne,
so verzehrt sie nur das Herz des Minnenden.

Mittelhochdeutsches Original: Saget mir ieman: waz ist minne? (erste und zweite Strophe); zwischen 1203 und 1205 [1]

Gegenseitige Durchdringung von „hoher“ und „niederer“ Minne

Wie im vorigen Beitrag (Die launische Liebesgöttin) ausgeführt, hat sich Walther von der Vogelweide in seiner späteren Lyrik immer mehr vom Ideal der „hohen Minne“ abgewandt. „Niedere“ wie „hohe“ Minne erscheinen dadurch in einem neuen Licht.

Eingeräumt wird nun, dass auch die „niedere“, körperbetonte Minne zu einem Hochamt der Liebe werden kann. Umgekehrt kann die „hohe“, durchgeistigte Minne die Liebenden in die scheinbaren Niederungen der körperlichen Begegnung führen – ohne dabei etwas von ihrem erhabenen Charakter zu verlieren.

Vor diesem Hintergrund verliert die Unterscheidung in „hohe“ und „niedere“ Minne letztlich ihren Sinn. Walther stützt sich deshalb verstärkt auf das Konzept der „ebenen“ Minne – das allerdings schon in seinem Frühwerk angelegt ist.

Das Ideal der „ebenen Minne“

Die „ebene“ Minne zeichnet sich – wie der Name schon sagt – in mehrfacher Hinsicht durch eine Einebnung der Unterschiede aus, wie sie für die Differenzierung in „hohe“ und „niedere“ Minne kennzeichnend sind. Dies betrifft

  1. die Ebene der Liebe selbst. Liebe entsteht dort, wo zwei Herzen im Gleichklang mit- und füreinander schlagen und daraus Glücksgefühle entstehen. Eine Liebe, die durch erzwungene Entsagung Leid verursacht, ist keine Liebe.
  2. die soziale Ebene. Die Liebe ebnet soziale Unterschiede ein. In der Liebe begegnen sich zwei Menschen immer auf einer existenziellen Ebene und damit von Gleich zu Gleich.
  3. die Ebene der Geschlechter. Beide Geschlechter streben in der „ebenen“ Liebe gleichermaßen nach Erfüllung. Das Rollenmuster von werbendem Minnesänger und abweisender Dame entfällt.

Walthers „Mädchenlieder“ – überraschend modern

Das Konzept der „ebenen Minne“ erscheint damit überraschend modern. Noch deutlicher wird dies in Walthers so genannten „Mädchenliedern“. Darin wird nicht nur gänzlich ungezwungen die körperliche Liebe gefeiert. Die Lieder erlauben es auch, das Geschehen aus der Sicht einer Frau zu schildern.

Dieser Perspektivenwechsel verdeutlicht, dass es eben nicht nur die Männer sind, die sich eine Erfüllung ihres Liebessehnens in der körperlichen Vereinigung erträumen. Dieselbe Empfindung kann vielmehr auch die Frau in ihrem Denken, Fühlen und Handeln lenken – so dass der Gedanke der „ebenen“ Liebe hier auch eine emanzipatorische Komponente enthält.

Das berühmteste Beispiel eines „Mädchenliedes“ Walthers von der Vogelweide ist ein Gedicht, zu dem Walther möglicherweise – was Versmaß, Strophenbau und Naturbilder anbelangt – durch das nordfranzösische Trouvères-Lied En mai au douz tens nouvel (frei übersetzt: Im neu erblühten Wonnemonat Mai) angeregt worden ist: das Gedicht Under der linden. Es soll – in einer neuen Übertragung ins Neuhochdeutsche – den Abschluss dieser kleinen Reihe über Walthers Minnelieder bilden:

Unter der Linde

Unter einer Linde,
von Heidekraut umkränzt,
da haben wir aus Erika und Pfeifengras
uns ein Liebesnest geflochten.
Noch duften Blütenwolle und Gräserstaub
von unseren Umarmungen,
und heimlich zwitschert die Nachtigall
mit süßem Erinnerungssang
von unserem Kosen und Küssen.

Mit flüsternder Verheißung
haben die wogenden Gräser
mich zu dem Wiesentempel geleitet.
Wie eine Göttin hat dort
mein Liebster mich empfangen
und mich beschenkt
mit himmlischer Seligkeit.
Auf ewig zwitschert die Nachtigall
von unserem Kosen und Küssen.

Wohl werden manche lachen
über das Bett aus Heide und Gras,
das mein Liebster mir bereitet hat.
Die Gloriole aus Rosen,
die mein Haupt umkränzte,
sehen sie nicht.
Die sieht nur die Nachtigall
und preist sie mit ihrem Liebesgesang
wie unser Kosen und Küssen.

Und wenn auch das Wiesennest kündet
von dem, was geschah –
mit wem es geschah,
verrät es doch nicht.
Dieses Geheimnis verwahren
mein Liebster und ich
auf ewig in ihrem Herzen.
Und nur die Nachtigall zwitschert verschwiegen
von unserem Kosen und Küssen.

Mittelhochdeutsches Original: Under der linden (nach 1204) [3]

Vertonungen:

Meditative Version des Ensembles Céladon:

Volkstümliche Version von Knud Seckel mit dem Musiktheater Dingo, kombiniert mit dem mutmaßlichen französischen Vorbild für das Lied:

Nachweise und Anmerkungen

[1] Das Gedicht wird zuweilen auch in anderer Zusammensetzung wiedergegeben; vgl. die Überlieferungsvariante Saget mir ieman, waz ist minne?

[2]    Der Text vonEn mai au douz tens nouvel ist ebenso wie ein Hörbeispiel (von der Band Wünnespil auf bandcamp.com eingestellt) im Netz abrufbar.

[3]    Das Lied ist noch in einer weiteren Fassung überliefert.

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