Minnelieder Walthers von der Vogelweide/4
Auf der Suche nach dem rechten Maß (der „mâze“) in der Liebe verwirft Walther von der Vogelweide allzu exzessive Sinnesfreuden. Aber auch der übersteigerten Verehrung der Angebeteten steht er skeptisch gegenüber.
Walther von der Vogelweide: Frau Mâze
All meine Würde und meinen inneren Frieden
verdanke ich Euch, Frau Mâze!
Ob bei Hofe, ob auf der Straße –
nirgends muss sich verstecken,
wer bei Euch in die Lehre geht.
Und so erbitte ich, Frau Mâze,
auch Euren Rat im rechten Liebeswerben.
Denn in der hohen wie in der niederen Minne
habe ich Schiffbruch schon erlitten.
Beide können uns zugrunde richten.
Die niedere Minne lockt mich
mit grellem Lachen und derber Lust.
Verliere ich mich in ihren Armen,
so ist’s um mein Seelenheil geschehen.
Die hohe Minne lockt mich
mit Entsagung, die mich zu Höherem führt.
Aus ihren vergeistigten Augen
lächelt der Himmel mir zu.
Doch ach, Frau Mâze! Wie oft schon hat
die hohe mich zu niederer Minne verführt!
Je geistreicher die Worte klingen,
desto mehr lockt mich der Mund,
aus dem die himmlischen Worte dringen.
Wie also soll, Frau Mâze,
ich niedere von hoher Minne scheiden?
Mittelhochdeutsches Original: Aller werdekeit ein füegerinne … (zwischen 1205 und 1220) [1]
Wer ist „Frau Mâze“?
Der „mâze“ kam im mittelalterlichen Wertekanon eine zentrale Funktion zu. Als Ideal des „rechten Maßes“ bzw. der „Mäßigung“ bringt sie eben jenes Ziel der Selbstdisziplin und Triebkontrolle zum Ausdruck, das nach Norbert Elias eine entscheidende Triebkraft bei der Entwicklung der höfischen Kultur war [2].
Die „mâze“ erscheint so als das Fundament, auf dem die gesamte höfische Ordnung aufbaut. „Werdekeit“ (Würde), „êre“ (Ehre/gesellschaftliches Ansehen), „triuwe“ (Treue, auch gegenüber den eigenen Idealen), „staete“ (Beständigkeit im eigenen Denken und Handeln, also eine Übereinstimmung zwischen innerer Haltung und Tun) sind ohne „mâze“ nicht zu erreichen.
Der „mâze“ kommt damit auch über den höfischen Kontext hinaus eine zentrale Bedeutung für die mittelalterliche Gesellschaft zu. Sie ist das Drahtseil, auf dem die Einzelnen balancieren müssen, um auf der Ebene ihres persönlichen Lebens die Grenze zwischen der Erfüllung irdischer Bedürfnisse und einem gottgefälligen Leben nicht zu überschreiten. Sie ist aber auch ein soziales Regulativ, das alle Mitglieder der Gesellschaft mahnt, sich an die ihnen durch ihren Stand gesetzten Grenzen zu halten.
Fallstricke in „niederer“ und „hoher“ Minne
Wenn Walther sich in seinem Gedicht an „frouwe Mâze“ wendet, so personifiziert er damit also eines der zentralen normativen Regulative der mittelalterlichen Gesellschaft. So stellt er sich einer imaginären Autorität in Fragen des Anstands und des rechten Verhaltens gegenüber. Diese befragt er über das zentrale Thema des Minnesangs: die Minne, also den liebenden Umgang mit der besungenen Frau.
Walther unterscheidet dabei zwischen „hoher“ und „niederer“ Minne. Erstere bezieht sich auf die klassische Form des Minnesangs, in der eine höhergestellte Dame von einem Ritter besungen wird, ohne dass dieser dabei auf eine Erfüllung der ausgedrückten Liebessehnsucht hoffen darf. Dem stehen sowohl der höhere soziale Stand als auch das idealisierte Wesen der Gepriesenen entgegen.
Die „niedere“ Minne ist dagegen mit der Hoffnung auf eine Erhörung durch die Auserwählte verbunden. In ihr sind körperliches Verlangen und liebende Vereinigung nicht nur denkbar, sondern zentrales Ziel und Thema der entsprechenden Dichtung.
In seinem Gedicht legt Walther nun auseinander, dass sowohl „niedere“ als auch „hohe“ Minne für den Liebenden mit Herzschmerz verbunden sein können: Die niedere Minne kann einen Selbstverlust im sinnlichen Rausch zur Folge haben und so vom Weg der „mâze“ wegführen. Aber auch die hohe Minne ist nicht notgedrungen mit dem Ideal der „mâze“ vereinbar. Sie kann zu einer übersteigerten Verehrung der Angebeteten führen und zu einer Entsagung, die den Liebenden überfordert.
Dabei kommt es – wie Walther in einem anderen Gedicht deutlich gemacht hat [3] – zu einem Paradox: Je mehr die Auserwählte gepriesen wird, desto begehrenswerter erscheint sie. Gleichzeitig hat aber eben die Tatsache ihrer Erhebung zu einer Göttin zur Folge, dass sie immer unnahbarer wird.
Der Unerreichbarkeitstopos des Minnesangs – eine Erfindung der Romantik?
„Hohe“ und „niedere“ Minne lassen sich vor diesem Hintergrund nicht so klar voneinander trennen, wie es auf den ersten Blick scheint. So verweist Walther in seinem Gedicht explizit darauf, dass auch das geistreiche Gespräch mit einer edlen Dame die „herzeliebe“ im Minnenden entzünden kann. Die anfängliche „hohe“ kann also durchaus auch in „niedere“ Minne übergehen.
Anders ausgedrückt: Die „niedere“ Minne ist womöglich gar nicht so niedrig, wie die abfällige Bezeichnung körperlich werdender Liebe suggeriert. Die körperliche Vereinigung kann vielmehr durchaus eine sinnvolle Ergänzung oder gar die Bestätigung und Erfüllung der geistigen Vereinigung sein.
So ist vielleicht auch zu hinterfragen, inwieweit unsere heutige Sicht des Minnesangs nicht allzu sehr von der Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kultur in der Romantik geprägt ist. Für die Romantik nämlich war die Unerreichbarkeit vollkommenen Glücks – und damit auch einer erfüllten Liebe – ein zentraler Topos. Möglicherweise wurde dieser daher auch auf den Minnesang projiziert und hat so zumindest vorhandene Tendenzen stärker akzentuiert, als es der mittelalterlichen Realität entsprach [4].
Ressentiments eines enttäuschten Minnesängers: Das „Sumerlaten-Lied“
Nachdem Walther von der Vogelweide sich anfangs am Ideal der reinen „hohen Minne“ orientiert hat, wie es etwa von Reinmar von Hagenau vertreten und in seiner Dichtung umgesetzt wurde, scheint er sich in seiner späteren Dichtung zunehmend hiervon abgewandt zu haben. Dabei führt er mit teils eindeutiger Wortwahl vor Augen, wie leicht die Theorie des enthaltsamen, die Angebetete aus schamvoller Ferne anhimmelnden Dichters an der Klippe des konkreten Alltagslebens zerschellen konnte.
In seinem „Sumerlaten-Lied“ („Sommerzweige-Lied“) thematisiert Walther sogar offen die Enttäuschung eines Dichters, der eine Dame über Jahre hinweg gepriesen hat, ohne von ihr erhört zu werden. Ihre zunehmende Unnahbarkeit beruht hier nicht auf der himmlischen Ausstrahlung, die durch den Lobpreis des Dichters verstärkt wird, sondern auf einer darauf beruhenden Hochnäsigkeit.
Dies löst im Dichter ein Gefühl tiefer Kränkung aus, das schließlich in eine gar nicht mehr „minnigliche“ Erpressung mündet: Wenn die Angebetete ihm weiter den Rücken zukehrt, will auch er ihr seine dichterische Zuneigung entziehen – und so ihr gesellschaftliches Ansehen mindern. Und sollte seine Auserwählte gar dereinst einen Jüngeren vorziehen, so wünscht der Dichter sich, dass dieser die Untreue mit den besonders schmerzhaften Streichen frisch geschnittener „sumerlaten“ (Sommerzweige) züchtigen möge.
Nicht nur thematisch, sondern auch durch den ressentimentgeladenen Tonfall entfaltet das Gedicht eine Stimmung, die mit dem klassischen Minnesang kaum noch etwas zu tun hat:
„Eine Frau, der ich mit meinem Gesang
zu Ehre und Würde verhalf,
würdigt mich keines Blickes.
Hochnäsig hat ihr hohes Ansehen
die einst so Verehrte gemacht.
Sie ahnt wohl nicht,
wie schnell ihr Ruhm vergeht,
wenn ich sie nicht mehr rühme.
(…)
Sollt‘ sie mich nicht aus meiner Liebesnot erlösen,
so werde Gleiches ich mit Gleichem vergelten.
Will sie mich nicht erhören,
so wird auch mein Gesang
ihr nicht mehr gehören.
Mein Tod wird auch der ihre sein.
Und wenn ich altere in meinem Minnedienst,
(…)
und sie sich einen Jüngeren erwählt
zum Minnediener,
so mag dereinst mich dieser rächen
und mit jungen Zweigen ritzen meine Klage
in ihre runzelige Haut.“ [5]
Nachweise und Anmerkungen
[1] Die Ansprache an „Frau Mâze“ und die nachfolgenden Überlegungen zu niederer und hoher Minne werden zuweilen auch als unabhängig voneinander entstandene Gedichte betrachtet; vgl. den Kommentar von Björn Reich zu der Überlieferungsgeschichte der Verse auf der Website Lyrik des Mittelalters (ldm-digital.de)
[2] Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Band 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes; Band 2: Wandlungen der Gesellschaft: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation (1939); Gesammelte Schriften, Band 3.1 und 3.2, herausgegeben im Auftrag der Amsterdamer Norbert-Elias-Stiftung von Heike Hammer. Frankfurt am Main 1997: Suhrkamp.
[3] Vgl. das Gedicht Si wunderwol gemachet wîp, auf das in dem Beitrag Der Körper der Göttin eingegangen wird.
[4] Vgl. hierzu Willms, Eva: Liebesleid und Sangeslust. Untersuchungen zur deutschen Liebeslyrik des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts (1990). Tübingen 1998: Niemeyer (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters, Bd. 94).
[5] Walther von der Vogelweide: Lange swigen des hat ich gedaht („Sumerlaten-Lied“; zwischen 1203 und 1205; andere Überlieferungsvariante: Lange swîgen des hât ich gedâht).
Bild: Begleitbild für Heinrich von Strelingen aus dem zwischen 1300 und 1340 erstellten Korpus des Codex Manesse (Manessische/Große Heidelberger Liederhandschrift), der bedeutendsten Sammlung mittelalterlicher Lieder und Gedichte (Wikimedia commons).- Detail