Das verschlossene Liebesglück

Minnelieder Walthers von der Vogelweide/2

Kennzeichnend für die Lieder der „hohen“ Minne ist die Gleichzeitigkeit von Lobpreis der verehrten Frau und Entsagung. Dafür lassen sich sowohl historische als auch soziologische Erklärungsmuster anführen.

Podcast

Walther von der Vogelweide: Was gibt es Schöneres auf der Welt?

Was gibt es Schöneres auf der Welt
als den Hafen einer schönen Frau,
an dem ein sehnsüchtig suchendes Herz
vor Anker gehen kann?

Kann es auf Erden ein größ’res Glück geben
als das des Gleichklangs zweier Herzen –
wenn ein Mann geliebt sich weiß
von einer Frau, für deren Lobpreis er lebt?

Doch ach! Zwei schwere Schlösser
schließen meinen Schatz vor mir ab.
Der eine Schlüssel ist ihr Götterglanz,
der andere ihr Lebensglanz.

Denn wie könnte eine Göttin
mir Liebesgenuss gewähren?
Wie könnte eine hohe Herrin
einen armen Ritter erhören?

Und doch: Wenn auch die Wächter
der Adelsburg und der Verehrung
mir die Erfüllung der Liebe versagen:
Ich werde immer, immer auf sie hoffen!

Innerer und äußerer Zwang
mögen von meiner Liebsten mich scheiden.
Doch bleibt die Liebe selbst
von allen Zwängen unberührt.

Mittelhochdeutsches Original: Waz hât diu welt ze gebenne … (zwischen 1205 und 1220)

Liebesideal und Liebeswirklichkeit

In dem Gedicht thematisiert Walther zunächst eine Form der Liebe, wie er sie in seinem späteren Werk verstärkt in den Vordergrund gestellt hat: eine Liebe, die auf dem Gleichklang zweier Herzen beruht, die einander in gegenseitiger Zuneigung zugetan sind. Wörtlich schreibt er, es gäbe kein größeres Glück, „swenne sô ein wîp von herzen meinet / den der ir wol lebt ze lobe“ („als wenn eine Frau den von Herzen liebt, der sein Leben ihrem Lobpreis gewidmet hat“).

Auf der anderen Seite werden in dem Gedicht aber auch die Schranken erwähnt, die der Erfüllung der Liebe entgegenstehen. „Zwir beslozzen“ – „zweifach verschlossen“ – ist die Angebetete für das lyrische Ich. Der Weg zu ihr ist zum einen versperrt durch die Standesgrenzen, die der Liebende nicht überschreiten kann. Zum anderen steht einer Erfüllung der Liebe aber auch die „tugent“ der Verehrten entgegen, ihr reines, moralisch einwandfreies Wesen, das durch die Hingabe an den Verehrer beschmutzt werden könnte.

Die Reaktion auf die Unerfüllbarkeit der Liebe ist typisch für die hohe Minne. Zwar beharrt der Liebende trotzig darauf, er „diene iemer ûf den minneclîchen wân“, verknüpfe also seine Loblieder auf die Angebetete weiter mit der Hoffnung auf die Erfüllung der Liebe. Sein eigentlicher Trost besteht aber darin, dass bei allen Schranken, die der Erfüllung des Liebesglücks entgegenstehen, die Liebe selbst doch frei bleibt.

Auch hier ersetzen also wieder die Bereicherung durch die Liebesgefühle selbst und die geistige Berührung die körperliche Begegnung der Liebenden. So stellt sich die Frage, wie dieser für die „hohe“ Minne typische Entsagungstopos zu erklären ist. Anders gefragt: Warum ist die hohe Minne gerade im hohen Mittelalter entstanden?

Lehnswesen und Minnesang

Die mittelalterliche Gesellschaft wurde bekanntlich durch das Lehenssystem strukturiert: Ein Lehnsherr verleiht einem Lehnsmann ein Gut oder auch ein Amt oder eine Leibrente als Lehen und versichert sich dadurch der Treue sowie ggf. der Dienstpflicht des Lehnsmanns im Kriegsfall. Der Lehnsmann kann dabei seinerseits wieder gegenüber anderen als Lehnsherr fungieren, so dass die allseits bekannte Lehnspyramide entsteht.

In der Theorie sollte dieses System für sozialen Frieden sorgen, indem Rechte und Pflichten von Lehnsherr und Lehnsmannen klar geregelt waren. In der Praxis konnten die Lehnsmannen sich durch die überlassenen Lehen aber oft eine eigene Machtbasis aufbauen und so die Herrschaftsansprüche der Lehnsherren in Frage stellen.

Dies galt auch auf höchster Ebene, also für die Könige und Kaiser des Mittelalters. Da diese nämlich über keine festen Residenzen verfügten, sondern als Reisekaiser ständig in ihrem Land unterwegs waren, benötigten sie Verwalter, die sich in ihrer Abwesenheit um die betreffenden Güter kümmerten.

Schon in der Merowingerzeit hatte dies dazu geführt, dass die Hausmeier mit der Zeit die Macht an sich rissen und 751 mit der Ausrufung Pippins des Jüngeren zum König die karolingische Herrscherdynastie begründeten. In späteren Jahren wurde das Amt des Pfalzgrafen bei Rhein, das ursprünglich nur der Aufsicht über lokale Kaiserpfalzen und die dazugehörigen Ländereien diente, so aufgewertet, dass der Amtsinhaber im 14. Jahrhundert zu einem der sieben Kurfürsten aufstieg, denen das Recht der Königswahl zustand.

Der Minnesang lässt sich vor diesem Hintergrund als Mittel begreifen, die Ritterschaft in ritualisierter Form an die Grenzen ihres Standes zu binden. Denn eben dies – die feierliche Absage an eine Überschreitung dieser Grenzen – ist ja der soziale Kern der Minnelieder. Dies war umso wichtiger, als die Herrscher jener Jahre für die Kreuzzüge und die Machtkämpfe innerhalb des Reiches auf eine loyale Gefolgschaft angewiesen waren.

Der Minnesang vor dem Hintergrund des „Prozesses der Zivilisation“

Die historische kann durch eine soziologische Sicht der Minnesangkultur ergänzt werden, wie sie sich aus Norbert Elias‘ bahnbrechender Studie über den „Prozess der Zivilisation“ (1939) ableiten lässt [1]

Elias geht davon aus, dass den Einzelnen mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft in einen das Zusammenleben der Menschen regelnden modernen Staat und eine immer arbeitsteiliger organisierte Wirtschaft eine verstärkte Triebkontrolle und eine Verlagerung bestimmter körperlicher Aktivitäten in den Privatbereich abverlangt werden. So werden Sexualität, Ausscheidungsvorgänge, Krankheit und Tod zunehmend aus der Öffentlichkeit verdrängt.

Gleichzeitig erfordert das engere Zusammenleben mit und Angewiesensein auf andere eine stärkere Bewusstheit für und ggf. ein Zurückdrängen oder Aufschieben der Triebbefriedigung. Dies betrifft die Kontrolle über die Ausscheidungsvorgänge ebenso wie sexuelle Bedürfnisse oder Rachegelüste. Eine verfeinerte Esskultur – wie etwa durch die Einführung der Gabel – soll dazu dienen, auch bei Tisch mit Bedacht und Zurückhaltung zu handeln.

Elias geht dabei davon aus, dass die anfangs explizit aufgestellten Regeln mit der Zeit internalisiert werden. Die innere Verhaltenskontrolle – psychoanalytisch gesprochen: das Über-Ich – übernimmt die Rolle des Aufpassers, verstärkt durch das Fremdbild, in dem sich die Sicht des sozialen Umfeldes auf das Ich widerspiegelt.

Erzieherische Wirkung des Minnesangs

Der Minnesang erfüllt aus dieser Perspektive eine doppelte Funktion: Er dient zum einen der Kontrolle des Sexualtriebs, drängt zum anderen aber auch spontane Gewaltimpulse zurück, indem er allgemein auf eine Verfeinerung der Sitten hinwirkt. Walther bringt das auch explizit zum Ausdruck, indem er dichtet:

„Die Minne ist aller Tugenden Hort.
Nie wird ein Herz Erhebung finden ohne sie.“
[2]

Wie das verbreitete Fehdeunwesen im Mittelalter zeigt, hatte der Minnesang bei der Zurückdrängung von Gewaltimpulsen zwar allenfalls eine dämpfende Wirkung. Wichtiger waren in dieser Hinsicht aber wohl ohnehin andere kulturelle Überformungen aggressiven Verhaltens, wie etwa durch die Ritterturniere. Indem sie Konkurrenzdenken und Gewalt in einen symbolisch-spielerischen Raum überführten, wo sie eher der staatlichen Kontrolle unterlagen, haben sie langfristig ihren Teil zur Etablierung des staatlichen Gewaltmonopols beigetragen.

Die erzieherische Wirkung des Minnesangs bezog sich dagegen vor allem auf die Achtung der Standesgrenzen. Gerade die ritualisierten Formen des Minnesangs waren dazu angetan, bestimmte Verhaltensprinzipien zu internalisieren. Dem entspricht auch, dass es sich bei den angebeteten „frouwen“ oft nicht um reale Damen der Gesellschaft handelte, sondern lediglich um der Phantasie der Dichter entsprungene Idealgestalten. Ebenso gingen die Minnesänger ihrem Metier meist professionell nach und waren nicht notwendigerweise identisch mit jenen Rittern, die das lyrische Ich in ihren Gedichten idealtypisch verkörperte.

Bei alledem darf man sich den Minnesang aber natürlich nicht als gezielt eingesetztes staatliches Erziehungsprogramm vorstellen. Er hat lediglich als zeittypisches Phänomen bestimmte Entwicklungstendenzen der Epoche verstärkt.

Nachweise

[1]    Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Band 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes; Band 2: Wandlungen der Gesellschaft: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation (1939); Gesammelte Schriften, Band 3.1 und 3.2, herausgegeben im Auftrag der Amsterdamer Norbert-Elias-Stiftung von Heike Hammer. Frankfurt am Main 1997: Suhrkamp.

[2]    Walther von der Vogelweide: Maniger frâget waz ich klage (vor 1200); Text (S. 126) mit ausführlicher Interpretation von Arthur Groos: Entlehnung, Aneignung, Authentisierung. Zum „frühen“ Walther-Lied Maniger frâget waz ich klage. In: Birkhan, Helmut / Cotten, Ann (Hgg): Der achthundertjährige Pelzrock, S. 125 – 138. Wien 2006: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; austriaca.at (Vorträge von einem Walther-Symposion aus dem September 2003; PDF).

Eine Antwort auf „Das verschlossene Liebesglück

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..