Minnelieder Walthers von der Vogelweide/1
Neue Reihe auf LiteraturPlanet
Heute schlagen wir am Poetry Day auf LiteraturPlanet ein neues Kapitel auf. In einer fünfteiligen Reihe werden wir uns mit den Minneliedern Walthers von der Vogelweide beschäftigen.
Gepriesen sei die Stunde
Gepriesen sei die Stunde,
da sie in mein Leben getreten,
sie, die meinen Körper
und mein ganzes Wesen hat verzaubert!
Seit uns’re Wege sich berührten,
sind all meine Sinne
von ihrer edlen Anmut
und ihrem Liebreiz durchdrungen.
Nie will ich wieder von ihr scheiden –
von ihrem Liebreiz, ihrer Anmut
und ihrem rosenroten Mund,
der mich mit Perlen des Glücks beschenkt.
All mein Sinnen, all mein Trachten
gilt nun der Reinen, Guten, Lieben.
Beständiges Glück kann allein mir gewähren
die Gnade ihres himmlischen Wesens.
Was mir die Welt an Freuden schenkt,
verdank‘ ich einzig ihrem Wesen,
ihrem Liebreiz, ihrer Anmut
und ihrem rosenroten Mund.
Mittelhochdeutsches Original: Wol mich der stunde (nach 1204) [1]
Vertonung von der Band Ougenweide
aus dem Album Eulenspiegel (1976):
Eine zeitlose Liebeserklärung
Bei dem Gedicht Walthers von der Vogelweide, der ungefähr von 1170 bis 1230 gelebt hat, handelt es sich zunächst einmal um ein Liebesgedicht, das wohl auch heute noch viele Frauen gerne als Lobpreis entgegennehmen würden. Auch wenn ein Verehrer in unserer Zeit wohl etwas andere Worte wählen würde – der Grundgedanke, dass die Angebetete alle anderen Frauen mit ihrem Glanz überstrahlt, ist auch in heutigen Liebesgedichten noch ein zentraler Topos.
Auch die Gefühle, die Walther in dem Gedicht zum Ausdruck bringt, sind uns heute noch ebenso vertraut wie den Menschen zu Lebzeiten des Dichters. Dabei geht es zum einen um den Wunsch, nie mehr von dem Menschen getrennt zu sein, den man liebt. Zum anderen bringt das Gedicht aber auch den Zauber zum Ausdruck, der von der Liebe ausgeht – ihre Kraft, die eigene Person und die gesamte Wahrnehmung in ihren Bann zu ziehen und zu verwandeln.
Liebe und „Minne“
Unabhängig von diesen zeitlosen Aspekten ist das Gedicht aber doch in einer bestimmten Epoche entstanden, in der „Liebe“ – oder, in der damaligen Sprache: „minne“ – etwas anders konnotiert war als heute. Die damaligen Liebesbeziehungen waren in einen sozialen Zusammenhang eingebettet, der sich grundlegend von unserem heutigen unterschied. Und auch die Gedichte und Lieder, die sich darauf bezogen, sind ohne einen Blick auf den literaturgeschichtlichen Kontext nicht vollständig zu verstehen.
Fragen wir zu Beginn dieser kleinen Reihe über Minnelieder von Walther von der Vogelweide also zunächst einmal: Was bedeutet das genau – „minne“? Wie unterscheidet sich das Wort von unserem heutigen Begriff „Liebe“? Und: Was sind die zentralen Aspekte des Minnesangs? Wo liegt sein Ursprung?
Herkunft des Wortes „minne“
Das mittelhochdeutsche Substantiv „minne“ hat – wie das dazugehörige Verb „minnen“ – laut dem digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) seine Wurzeln im althochdeutschen „minna“ [2]. Beim Wechsel vom Alt- zum Mittelhochdeutschen ist es dabei zu einer leichten, aber dennoch nicht ganz folgenlosen Bedeutungsverschiebung gekommen.
Das althochdeutsche „minna“ konnte sich zwar auch bereits auf körperliche Zuneigung und sexuelles Verlangen beziehen. Im Vordergrund stand jedoch der Aspekt der platonischen – religiösen oder fürsorglichen – Liebe. Im Mittelalter trat dagegen der Aspekt der sinnlichen Liebe stärker in den Vordergrund, ohne dass allerdings die geistig-religiöse Konnotation des Wortes verloren gegangen wäre.
Dies zeigt sich auch an der Verwandtschaft des Wortes mit dem mittelenglischen „mind(e)“, aus dem das heutige englische Wort „mind“ (Geist) hervorgegangen ist. Die frühere Bedeutung des Wortes, die auch den Aspekt des „freundlichen Gedenkens“, also der wertschätzenden Bezugnahme auf andere, umfasste, deckt sich dabei mit einem weiteren Aspekt der mittelhochdeutschen „minne“.
Minne und Minnesang
Soweit „Minne“ sich mit „Liebe“ übersetzen lässt, ist damit in der ersten Blütephase des Minnesangs stets eine besonders innige Liebe – die „hohe“ Minne – gemeint, bei der das körperliche Verlangen nur ein Mittel für eine vertiefte geistige Vereinigung darstellt. Die Liebe zu einer konkreten Person erhält dabei nicht selten eine religiöse Konnotation, d.h., sie ist selbst wieder nur ein Medium, durch das die göttliche Liebe erfahren werden kann.
Minnesang im engeren Sinn kreist demnach stets um die Liebe. Da mittelalterliche Dichter allerdings zuweilen allgemein unter dem Begriff „Minnesänger“ zusammengefasst werden, werden in dem Kontext mitunter auch andere Formen mittelalterlicher Lyrik erwähnt. Dies gilt insbesondere für die Spruchdichtung, die dem Ausdruck religiös-philosophischer oder politischer Themen diente und mit der nicht selten – oft im Auftrag bestimmter Herrscher – auch propagandistische Ziele verfolgt wurden.
Herkunft und Kernelemente des Minnesangs
Der Ursprung von Minnesang und Minnedichtung liegt im südwestfranzösischen Aquitanien – genauer: am Hof des Herzogs Wilhelm (Guillaume) IX. (1071 – 1127). Dort entwickelte sich – in provenzalischer Sprache – eine Troubadour(Trobador)-Dichtung, die sich bald darauf nach Nordfrankreich ausbreitete und dort von den so genannten „Trouvères“ weiterentwickelt und an die lokalen Gegebenheiten angepasst wurde. Beide Varianten – die provenzalische allerdings stärker als die nordfranzösische – wurden dann in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu Vorbildern für den deutschen Minnesang.
Kernelement des frühen Minnesangs ist die dichterische Verehrung eines Ritters für eine höher gestellte adlige „frouwe“ (Dame). Zwar beziehen sich die Lobpreisungen dabei durchaus auch auf die körperlichen Vorzüge der Angebeteten. Dennoch bleibt die Erfüllung seines Liebessehnens für den Dichter unerreichbar.
Der Grund dafür sind zunächst die sozialen Schranken: Die Besungenen waren nicht nur von höherem Stand, sondern in der Regel auch verheiratet, also in doppelter Hinsicht tabu. Darüber hinaus wurde die Unerreichbarkeit der Verehrten aber noch dadurch verstärkt, dass der Dichter sie wie eine Göttin auf das Podest hob. Die körperliche Vereinigung mit ihr hätte sie folglich von ihrem Sockel gestoßen und damit gerade das zerstört, was der Dichter an ihr bewunderte – ihre Göttlichkeit.
Geistige statt körperlicher Berührung
Aus psychoanalytischer Sicht ist der Minnesang ein Paradebeispiel für Sublimierung: Die Libido wird von ihrem primären Ziel – der Befriedigung des körperlichen Verlangens – abgezogen und stattdessen auf geistige Ziele umgelenkt. Anstatt seine Auserwählte körperlich zu begehren, dient der Minnesänger ihr, indem er aus der Liebe zu ihr die Kraft für seine ritterlichen Taten zieht.
Die Minnelieder erfüllten damit ursprünglich nicht den Zweck, die Angebetete zu einem Stelldichein mit dem Dichter zu bewegen. Sie zielten vielmehr auf eine vergeistigte Liebe ab, die ihre Kraft gerade aus der bewussten Entsagung bezog. Walther selbst bringt dieses Ideal der „Begegnung im Geiste“ in einem Gedicht folgendermaßen zum Ausdruck:
„Schon lange hat mein Auge
sie, die ich verehre, nicht mehr erblickt.
Die Augen meines Herzens aber
zeigen mir immer ihr schönes Bild.
Die dicksten Mauern durchdringen,
die höchsten Wände überspringen
die Gedanken meines Herzens
und fliegen heim zu der, die ich verehre.
Den Himmel hätte ich auf Erden,
wenn auch sie, die ich verehre,
mit den Gedanken ihres Herzens
meinen Herzensblicken folgen würde.“ [3]
Nachweise und Anmerkungen
[1] Die Angaben zur Entstehungszeit der Gedichte beziehen sich auf die Chronologie in der „Bibliotheca augustana“ (zusammengestellt von Ulrich Harsch an der Technischen Hochschule Augsburg). Angesichts der unsicheren und oft auch lückenhaften Überlieferungsgeschichte von Walthers Gedichten sind sie lediglich als Schätzwerte zu verstehen.
[2] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Stichwort „minne“ .
[3] Walther von der Vogelweide: Sumer unde winter beide sint / guotes mannes trost … (dritte bis fünfte Strophe; sinngemäße Übertragung; entstanden vor 1200).
Bild: Begleitbild für Gottfried von Neifen aus dem zwischen 1300 und 1340 erstellten Korpus des Codex Manesse (Manessische/Große Heidelberger Liederhandschrift), der bedeutendsten Sammlung mittelalterlicher Lieder und Gedichte (Wikimedia commons). Detail