Das Lächeln am Abgrund des Nichtverstehens

Zu Wisława Szymborskas Gedicht Nic dwa razy (się nie zdarza) (Nichts geschieht ein zweites Mal)

Können wir zweimal in den gleichen Fluss steigen? Und ist eine Rose eine Blume? Diese Fragen verbindet Wisława Szymborska in ihrem Gedicht Nic dwa razy (się nie zdarza) (Nichts geschieht ein zweites Mal) zu einer anregenden Gedankenreise.

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Nichts geschieht ein zweites Mal

Nichts geschieht ein zweites Mal,
kein Ereignis wird sich wiederholen.
So werden wir als weißes Blatt geboren
und kehren unbeschrieben in das Nichts zurück.

Niemand lernt schlechter als wir
in der Schule des Lebens. Sitzenbleiben aber
können wir nicht. Kein Winter und kein Sommer
wird uns ein zweites Mal belehren.

Kein Tag wird sich wiederholen,
nie gleicht eine Nacht der anderen.
Kein Kuss schmeckt wie der andere,
jedes Auge ist ein and’res Tor zur Welt.

Wie der Duft einer Rose, vom Wind
zum Fenster hereingeweht, streift mich
der Klang deines Namens. Verwehen aber
wird auch dieser Duft.

Doch gleicht dein Sein der Rose?
Was ist eine Rose? Eine Blume? Ein Stein?
Wenn wir zusammen sind, verwirren sich
die Zeichen an der Wand.

Unser Lächeln, unsere Umarmungen
schenken uns eine gemeinsame Stimme,
obwohl wir nur zwei Tropfen sind
in einem schwindenden Fluss.

Doch warum säst du, flüchtige Stunde,
diese dunkle Angst in mir?
Du bist – also musst du vergehen.
Du vergehst – dies ist deine Schönheit.

Wisława Szymborska: Nic dwa razy aus: Wołanie do Yeti (Anrufung des Yeti, 1957). Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Twórczość (1955)

Vertonung von Zuzanna Irena Jurczak, genannt „Sanah“ (aus dem Album Sanah śpiewa poezyje / Sanah singt Gedichte; 2022):

Eines der populärsten polnischen Gedichte

Das zuerst 1955 veröffentlichte Gedicht Nic dwa razy (się nie zdarza) (Nichts geschieht ein zweites Mal) ist nicht nur Wisława Szymborskas wohl bekanntestes Gedicht. Es gehört auch zu den populärsten polnischen Gedichten überhaupt.

Bereits 1965 hat Andrzej Mundkowski eine von seiner Frau Łucja Prus gesungene Vertonung des Liedes vorgelegt. 2022 spielte dann Zuzanna Irena Jurczak (als Künstlerin kurz „Sanah“ genannt) eine weitere Liedfassung des Gedichts ein, die es – in Verbindung mit einem stimmungsvollen Videoclip – im Netz auf über 70 Millionen Klicks brachte.

Das Gedicht kreist um zwei philosophische Kernthemen: zum einen um das Thema der Wiederholbarkeit von Leben und zum anderen um die Frage nach der Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit.

Niemand steigt zweimal in denselben Fluss

Das erste Thema des Gedichts lässt sich mit der alten Heraklit-Formel umschreiben, die in popularisierter Form lautet: „Niemand steigt zweimal in denselben Fluss.“

Wenn auch der Flusslauf sich über die Jahre kaum verändert, so ist das Wasser doch nie dasselbe. In ähnlicher Weise mögen sich zwar Situationen und emotionale Konstellationen in einem einzelnen Leben und in verschiedenen Generationen ähneln, sind jedoch aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen nie identisch miteinander.

In dem Gedicht wird daraus zunächst eine pessimistische Schlussfolgerung gezogen: Weil sich zwei Situationen nie komplett gleichen, können wir Erfahrungen auch nicht beliebig wiederholen. Einen einmal verpassten Erkenntnisgewinn können wir nicht einfach nachholen, indem wir uns in eine ähnliche Situation begeben.

So sind wir dazu verdammt, immer wieder dieselben Fehler zu begehen. Dies gilt sowohl auf der Ebene des Einzellebens als auch generationenübergreifend. Jede Generation fängt wieder bei Null an und muss in entsprechenden Situationen aufpassen, etwa nicht in einen Krieg hineinzurutschen oder durch einen problematischen Umgang mit der Natur eine zivilisationsgefährdende Eigendynamik auszulösen.

Auf der anderen Seite liegt in der Erkenntnis, dass jede Situation wieder neu und anders ist als alle vorherigen, auch eine Chance. Denn jede neue Konstellation in unserem Leben bietet uns wieder die Möglichkeit, aus unseren Fehlern zu lernen. In diesem Sinne ist die Vergänglichkeit auch eine Chance. Sie schneidet uns zwar von unseren vergangenen Möglichkeiten ab, bietet uns aber zugleich immer wieder neue Möglichkeiten.

Ist eine Rose eine Blume?

Die in dem Gedicht gestellte Frage, ob eine Rose eine Blume ist oder ein Stein, erscheint zunächst unsinnig. Allerdings ist dies lediglich eine überspitzte Ausdrucksform für die Tatsache, dass eine Rose für uns mehr ist als nur eine Blume und dass keine zwei Menschen eine Rose auf genau die gleiche Weise wahrnehmen.

Rosen sind über die Jahrhunderte hinweg so sehr mit der Liebe verknüpft worden, dass wir sie nicht mehr nur als eine bestimmte Art von Blumen wahrnehmen, sondern stets auch mit Liebeserfahrungen assoziieren. Diese können jedoch – wie die Rose selbst – ebenso „dornig“ wie „duftend“ sein. Je nachdem, welche Art von Erfahrungen überwiegen, ändert sich demzufolge auch die Einstellung gegenüber Rosen.

Hinzu kommen Erfahrungen mit den konkreten Rosen, die ebenfalls sehr unterschiedlich sein können. Manche denken dabei vielleicht an glückliche Kindheitstage in Großmutters Garten, andere an eine Blutvergiftung, die sie sich durch einen Rosendorn zugezogen haben.

Auf diese komplexe Assoziationskette verweist das berühmte Zitat von Gertrude Stein aus ihrem 1913 entstandenen Gedicht Sacred Emily, dem sie 1935 in Lectures in America die Form gab: „A rose is a rose is a rose is a rose“ [1]. Der Satz verbindet den vordergründigen Eindruck, dass eine Rose nichts anderes ist als sie selbst, mit der Realität der Veränderung ihrer Wahrnehmung durch eigene Erfahrungen und die der Sprache eingeprägten Deutungsmuster.

So ist die Frage, ob eine Rose eine Blume ist oder ein Stein, nicht so unsinnig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Für die einen ist eine Rose angefüllt mit Bedeutung, für die anderen ist sie aufgrund anders gearteter Erfahrungen so tot wie ein Stein.

Ist „Rose“ ein Name oder ein Ding?

Darüber hinaus lässt sich der Vers auch auf den Universalienstreit in der Philosophie beziehen. Dabei geht es um die Frage, ob die „Universalien“ bzw. Allgemeinbegriffe – wie eben „Blume“ – eine Entsprechung in der äußeren Realität haben oder nur eine menschliche Erfindung sind, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Der „Name der Rose“, auf den auch Umberto Eco in seinem gleichnamigen Roman Bezug nimmt, dient dabei dem mittelalterlichen Philosophen und Theologen Petrus Abaelard als Beispiel für die problematische Gleichsetzung von Begriff und real existierendem Ding [2]. Denn selbst das Wort „Rose“ subsumiert eine Vielzahl unterschiedlicher Seins- und Wahrnehmungsformen unter eine allgemeine Kategorie, die der Vielfalt des Existierenden kaum gerecht wird.

Das Wagnis zwischenmenschlicher Kommunikation

Auch aus diesen philosophischen Überlegungen wird in Szymborskas Gedicht zunächst eine pessimistische Schlussfolgerung gezogen: Wenn jedes außersprachliche Objekt für jeden Menschen mit unterschiedlichen Assoziationen verknüpft und jeder Begriff von Person zu Person anders konnotiert ist, gleicht jede zwischenmenschliche Kommunikation einem Gespräch zwischen Wesen aus verschiedenen Universen.

Allenfalls die Liebe kann uns die Illusion einer völligen Übereinstimmung mit einem anderen Menschen verschaffen. Auch diese Illusion ist jedoch, wie das Gedicht deutlich macht, stets nur von kurzer Dauer – und bleibt eben nichts als eine Illusion.

Das Gedicht bleibt indessen nicht bei dieser skeptischen Sicht auf die zwischenmenschliche Kommunikation stehen. Stattdessen wird auch hier gerade in der Unvollkommenheit menschlicher Sprache und Verständigung eine Chance gesehen: Eben weil jeder Mensch die Welt anders sieht, bieten die immer neuen Begegnungen mit anderen Menschen die Möglichkeit, die Welt immer wieder mit anderen Augen zu sehen.

Insofern gilt selbst in Bezug auf die Illusion der völligen Übereinstimmung mit anderen in der Liebe: Es ist schön, dass es sie gibt. Es ist aber auch schön, dass sie vergeht und Raum gibt für neue Erfahrungen.

Über Wisława Szymborska

Die 1923 geborene Wisława Szymborska verbrachte den größten Teil ihrer Kindheit in Krakau, wo sie 2012 auch verstarb.

Nachdem sie ihre Schulausbildung während des Krieges zunächst in Untergrundklassen fortgesetzt hatte, arbeitete sie ab 1943 bei der Eisenbahn, einem kriegswichtigen Unternehmen, wodurch sie der Zwangsarbeit für das NS-Regime entging. Nach dem Krieg nahm sie erst ein Studium auf, widmete sich dann jedoch ganz dem Schreiben.

Neben Gedichten schrieb Szymborska anfangs auch Kurzgeschichten und fertigte Buchillustrationen an, widmete sich aber vor allem der journalistischen Arbeit. In der Wochenzeitung Życie Literackie (Literarisches Leben) war Szymborska von 1953 bis 1966 für die Gedichtveröffentlichungen zuständig. Ab 1967 schrieb sie die Kolumne Lektury nadobowiązkowe (Fakultative Lektüre).

Obwohl Szymborska sich bei Kriegsende zunächst der literarischen Gruppe Inaczej (Die Anderen) anschloss, lagen ihre Überzeugungen anfangs ganz auf der Linie der neuen polnischen Machthaber. Dennoch wurde ihr erster Gedichtband 1949 nicht zur Veröffentlichung zugelassen. Die offizielle Begründung dafür war eine mangelnde Übereinstimmung mit den Prinzipien des sozialistischen Realismus. Eine nicht unwesentliche Rolle könnte aber auch die Tatsache gespielt haben, dass ihr Vater als ehemaliger gräflicher Gutsverwalter und konservativer Politiker ein natürliches Feindbild für das neue sozialistische Regime darstellte.

Szymborska reagierte hierauf mit ostentativer Anpassung. So schloss sie sich einer selbstironisch Pryszczaty (Die Pickligen) genannten Gruppe junger Schriftsteller an, die sich mit ihrem Schaffen explizit auf den Boden des sozialistischen Realismus stellten. 1953 unterzeichnete sie überdies die berüchtigte Resolution des Krakauer Schriftstellerverbandes, mit der dieser sich hinter das Vorgehen des Staates gegen Geistliche der Stadt stellte. Dabei wurden drei Priester in einem gegen die katholische Kirche gerichteten Schauprozess auf der Grundlage konstruierter Vorwürfe zum Tode verurteilt (später allerdings zu lebenslanger Haft „begnadigt“).

In ihrem späteren Leben distanzierte Szymborska sich zunehmend von dem realsozialistischen Regime. So trat sie 1966 aus Protest gegen den Parteiausschluss und das Lehrverbot für den Philosophen Leszek Kołakowski aus der Kommunistischen Partei aus. Gegen die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 protestierte sie mit der Beendigung ihrer Mitarbeit an der Zeitschrift Życie Literackie und einem Wechsel zu weniger regimetreuen Publikationsorganen.

Besonderheiten von Szymborskas Lyrik

Mit zunehmender Distanz zum Regime entfernte Szymborska sich auch immer mehr von der Doktrin des sozialistischen Realismus. Dies machte sich bereits in ihrem dritten, 1957 erschienenen Gedichtband Wołanie do Yeti (Anrufung des Yeti) bemerkbar. Ihre Gedichte wurden vielschichtiger und enthielten später auch immer wieder unterschwellige Regimekritik. Dies gilt insbesondere für die Gedichte des 1986 veröffentlichten Bandes Ludzie na moście (Menschen auf der Brücke), für den Szymborska den Literaturpreis der Gewerkschaft Solidarność erhielt.

Szymborskas Gedichte enthalten immer wieder überraschende „Denk-Bilder“, die zu philosophischen Betrachtungen einladen. Gleichzeitig sind sie von einem ironischen Unterton durchzogen, der das lyrische Ich ebenso wie die Lesenden davor bewahrt, sich selbst allzu ernst zu nehmen.

Die Gedichte geben so zwar einerseits Denkanstöße, stellen sich aber zugleich dem Streben nach absoluten Wahrheiten entgegen. Sie ermutigen den Menschen, über sich selbst und die menschliche Existenz nachzudenken, machen aber stets deutlich, dass alles Nachdenken nicht über die letztendliche Absurdität der conditio humana hinwegtäuschen kann.

Ihr dichterischer Humor hat sich bei Szymborska auch in einer besonderen Vorliebe für Limericks geäußert. Außerdem hat sie neuartige Formen humoristischer Gedichte erfunden, die sie mit eigenen Sprachschöpfungen bezeichnet hat.

Szymborska hat sich so mit der Zeit eine eigene dichterische Sprache erarbeitet, für die sie 1996 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist.

Nachweise

[1]    Gertrude Steins Gedicht Sacred Emily lässt sich samt Publikationsgeschichte nachlesen in der Digital Library des Electronic Poetry Center: Gertrude Stein: Rose is a rose is a rose is a rose

[2]    Vgl. Hoye, William J.: Der Ausdruck „Der Name der Rose“ bei Peter Abaelard (PDF).

Mehr Infos zu Wisława Szymborska (polnisch):

Kowalczyk, Janusz R.: Wisława Szymborska. Culture.pl, 2012; zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2024 [mit Bildern der Dichterin].

Bilder: Stefan Keller: Phantasie-Landschaft (Pixabay); Mariusz Kubik: Wisława Szymborska (2009); Wikimedia commons

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