Ein polnischer Blues-Dichter

Bogdan Loebls Gedicht Modlitwa (Gebet)

Bogdan Loebl ist einer der wichtigsten Dichter der polnischen Blues-Bewegung. Von entscheidender Bedeutung dafür war seine Zusammenarbeit mit Tadeusz Nalepa, dem Leader der Band Breakout. Ein klassisches Beispiel ihrer Zusammenarbeit ist der Song Modlitwa (Gebet).

Gebet

Höre, o Herr der Welten, mein Lied!
Dich, o Herr, sucht meine Stimme,
dich, der du überall und alles bist,
alles, alles, nur kein Stein.

Dich, o Herr, sucht meine Stimme,
dich, der du alles geben kannst.
Dich bitte ich, o Herr, aus tiefstem Herzen:
Gib mir noch eine, eine letzte Chance!

Ein Fingerzeig, ein Wink, ein Nicken,
ein Gedanke schon von dir genügt –
und schon beginne ich ein neues Leben!
So bitte, Herr, ich um ein Zeichen dich.

Dich, o Herr, sucht meine Stimme –
hörst du mein flehentliches Singen?
Lass noch einmal mich zum Anfang gehen,
bring mich noch einmal neu zur Welt!

Ich schwöre dir: Kein Stück des Neuen
werde ich vergeuden! Ich weiß, wie bitter
die verlorenen Tage schmecken. So bitte,
Herr, ich dich um eine letzte Chance!

Ich weiß, o Herr: Ein völlig neues Leben
kannst du mir nicht geben. Der Liebe aber
kannst du neues Leben schenken. So lass sie,
Herr, noch einmal lebenspendend in mir lodern!

Dich, o Herr, sucht meine Stimme,
dich ruft mein flehender Gesang.
Die Sonne bist du, Herr, der Vogel und das Brot.
So bitte ich dich: Sei kein Stein für mich!

Bogdan Loebl: Modlitwa. Musik: Tadeusz Nalepa

ursprüngliche Fassung aus dem 1974 erschienenen Album Kamienie (Steine) der Band Breakout

Live-Aufnahme (1992):

Bogdan Loebl über die Entstehung des Textes:

„Ich habe Modlitwa, wie auch die anderen Texte [des Albums Kamienie/Steine], zu Hause geschrieben. Unter den üblichen Umständen – Abgeschiedenheit, ein verhängtes Fenster, eine brennende Lampe und die Klänge der Demoversion von Tadeusz [Nalepa]. Auch hier hat die Musik die Atmosphäre vorgegeben, das Thema fast aufgezwungen. Es ist so ein Appell an Gott, aber die Worte sind poetische Fiktion, denn ich bin Atheist.

Der Text ist ein bisschen wie eine Rückkehr in die Jugendjahre, in denen der Mensch die meisten Fehler macht. Als ich ihn schrieb, war ich noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Vielleicht ist das meine dunkle Seite? In dem Text geht es auch um die Liebe, denn Liebe bleibt immer Liebe. Im Rückblick ist das einer der Texte, an dem ich die wenigsten Veränderungen vornehmen würde.“

Übersetzt von rockgaweda.pl: Modlitwa

Über Bogdan Loebl

Der 1932 geborene Bogdan Loebl wuchs im heute zur Ukraine gehörenden Jasień nad Łomnica als Sohn eines aus Österreich stammenden Vaters und einer ukrainischen Mutter auf. Der Vater arbeitete als Förster, die Mutter als Lehrerin.

Loebl studierte zunächst einige Semester Physik und polnische Philologie in Krakau, entschied sich dann aber für eine Karriere als freier Autor. Mitte der 1950er Jahre veröffentlichte er erste Gedichte, Kurzgeschichten und Reportagen in Zeitschriften. 1961 erschien sein erster Gedichtband, auf den danach etliche weitere folgten. 1965 brachte er seine erste Sammlung mit Kurzgeschichten heraus.

Als Leiter des Literaturclubs der im Südosten Polens gelegenen Stadt Rzeszów schloss Loebl Mitte der 1960er Jahre Bekanntschaft mit Stan Borys (Stanisław Guzek) und Tadeusz Nalepa von der Bluesrock-Band Blackout. Daraus entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit, in deren Folge Loebl zahlreiche Texte zu den insgesamt zehn Alben der – bald darauf in Breakout umbenannten – Band beisteuerte. Stan Borys, der schon früh aus der Band ausschied, und Nalepa unterstützte er auch bei ihren Solokarrieren mit Texten.

Außer zahlreichen Gedichtbänden hat Loebl auch Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht, darunter eine Trilogie mit autobiographischer Prosa, die sich mit seinen Kindheitserlebnissen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet auseinandersetzt.

Im Alter von 88 Jahre hat Loebl 2020 einen Pożegnalny Blues (Abschieds-Blues) getauften Band mit Gedichten und Prosatexten herausgegeben. Darin findet sich auch eine Einladung an all seine musikbegeisterten Fans, seinen Texten „Leben einzuhauchen“.

Dieses Appells hätte es allerdings gar nicht bedurft. Auch ohne ihn hat es unzählige Vertonungen von Texten Loebls gegeben. Dabei hat sich gezeigt, dass seine Gedichte keineswegs nur blues-kompatibel sind, sondern auch mit zahlreichen anderen Musikrichtungen harmonieren.

Zitat und Infos zu Loebl entnommen aus der Biographie von Bogdan Loebl auf breakoutdays.pl.

Podcast zu Bogdan Loebl

3 Antworten auf „Ein polnischer Blues-Dichter

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