Zu Anna Świrszczyńskas Gedicht Otworzę okno
Die Liebe kann den Blick für andere öffnen. Sie kann aber auch ein Käfig sein, in dem wir uns vor der Welt abschirmen. – Über ein Gedicht der polnischen Lyrikerin Anna Świrszczyńska.
Das geöffnete Fenster
Zu lange haben wir uns
in den Armen gehalten –
so fest, dass unsere Knochen ächzten
und einer das Skelett des anderen spürte
unter den Krämpfen der Umarmungen.
Jetzt liege ich da und lausche
der Entflechtung unserer Körper,
dem Geflüster deiner Schritte,
das langsam erlischt
in dem verlassenen Flur.
Die Einsamkeit ist nun
meine einzige Bettgenossin.
Sie stößt die Fenster auf,
sie bricht die Wände auf,
sie lädt den frostigen Wind zu mir ein.
Er weht ein neues Geflüster herein,
das Denken der andern,
das Fühlen der andern,
ihr Elend, ihre Heiligkeit,
ihre lebenspralle Tragödie.
Jetzt liege ich da und lausche
dem leise erzählten Leid,
den flammenden Appellen.
Und plötzlich fürchte ich deine Umarmungen
wie ein vom Aussterben bedrohtes Tier.
Anna Świrszczyńska: Otworzę okno (Ich werde das Fenster öffnen) aus dem Zyklus Miłość Antoniny (Antoninas Liebe) in: Jestem baba (Ich bin eine Frau; 1972)
Befreiende und beengende Liebe
Das Gedicht Otworzę okno (Ich werde das Fenster öffnen) setzt mit dem Abschied zweier Liebender ein. Daraus entwickeln sich in der Folge Überlegungen zu möglichen Auswirkungen einer Liebesbeziehung auf den Umgang mit anderen.
Eine Liebesbeziehung kann stets ein befreiendes Erlebnis sein. Das Ich tritt dabei aus sich selbst heraus und öffnet sich ganz für einen anderen Menschen. So kann eine Liebesbeziehung immer auch ein Schritt hinaus in die Welt sein, ein Ausstieg aus der Ichbezogenheit und ein Einstieg in ein Leben, das von größerer Empathie und Sensibilität für die Empfindungen anderer geprägt ist.
Auf der anderen Seite kann eine Liebesbeziehung aber auch eine gegenteilige Wirkung haben. Dies ist dann der Fall, wenn die Liebenden ganz aufeinander bezogen bleiben, anstatt ihre Liebe als Kraftquell für eine andere Form des Zugangs zur Welt zu nutzen. Dann ist die Liebe keine Befreiung, sondern ein Käfig, in dem einer den anderen für eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit der Welt missbraucht.
Die Welt jenseits des Fensters
Dies ist die Situation, von der das Gedicht auszugehen scheint. Die Liebe ist schön – aber hinter den Mauern ihres Palastes liegt eine andere Welt, für die sich der Blick des lyrischen Ichs erst öffnet, als es wieder in seine Einsamkeit zurücksinkt.
Vor dem Hintergrund des spezifisch weiblichen Blicks auf die Welt, wie ihn Świrszczyńska in Jestem baba (Ich bin eine Frau) demonstriert hat, ist hier wohl auch an die besondere Gefährdung der weiblichen Freiheit in einer (heterosexuellen) Liebesbeziehung zu denken. Dies bezieht sich nicht allein auf die physischen Folgen, also eine mögliche Schwangerschaft. Letztere können auch leicht zu einer verstärkten psychischen Abhängigkeit vom männlichen Partner führen.
Weibliche Selbstbestimmung erscheint vor diesem Hintergrund als ein kostbares Gut, das sich gegen die vielfältigen männlichen „Umarmungstaktiken“ behaupten muss. Gleichzeitig wird sie zur Voraussetzung für einen anderen, solidarischeren und mitfühlenderen Zugang zur Welt, der sich bewusst von dem patriarchalen Hahnenkampfdenken abgrenzt.
Infos über Anna Świrszczyńska in dem Beitrag Ein Appell gegen das Schachbrettdenken der Feldherren
Podcast zu Anna Świrszczyńska
Bild: Edvard Munch: Der Kuss am Fenster (1892); Oslo, Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design