Das Leben nach der Apokalypse

Zu Anna Świrszczyńskas Gedicht Moje wszy (Meine Läuse)

Anna Świrszczyńskas Gedicht Moje wszy (Meine Läuse) spielt auf die nationalsozialistische Unterteilung in „lebenswertes“ und „lebensunwertes“ Leben an. Es ist ein Appell für die Achtung vor der Würde jedes einzelnen Lebens.

Meine Läuse

Durch die Stadt der Toten laufend,
über Tote stolpernd und springend,
spüre ich unter meiner Bluse
die warmen Läuse sich regen.

Nur sie und ich sind noch am Leben
in der Stadt der Toten.
Nur wir dürsten noch nach Leben
in der vom Leben verlassenen Stadt.

Schwach sind meine Läuse,
schwach und lebenssüchtig wie ich.
Selbst in einer Stadt der Toten
träumen wir noch vom Leben.

Jenseits der Stadt der Toten aber,
wo ein lebendiges Wesen mir
die Türen öffnet zu einem lebendigen Haus
in einer lebendigen Stadt,

wird meine Bluse mit den warmen Läusen,
meinen fieberfeuchten Fluchtgenossen,
die mit mir vom Leben träumten,
gedankenlos im Feuer enden.

Anna Świrszczyńska: Moje wszy aus: Budowałem barykadę (Ich baute eine Barrikade; 1974)

Ein apokalyptisches Szenario

Das Gedicht Moje wszy (Meine Läuse) entwirft zunächst ein apokalyptisches Szenario: Eine einsame Überlebende irrt durch eine völlig zerstörte Stadt. Ihre einzigen Begleiter sind die Läuse, die unter ihrer Bluse an ihrem Blut saugen.

Läuse gelten normalerweise als „Ungeziefer“, als Schädlinge, die im Interesse der menschlichen Hygiene auszurotten sind. In der Situation einer völligen Abwesenheit menschlichen Lebens erhalten sie jedoch unvermittelt eine andere Bedeutung. Sie erscheinen dann als Beleg dafür, dass überhaupt noch Leben möglich ist. Angesichts des destruktiven Potenzials der menschlichen Spezies, dessen Zeugin das lyrische Ich geworden ist, verbietet es sich zudem, die Läuse im Vergleich zu ihren menschlichen Mitgeschöpfen als weniger lebenswerte Spezies darzustellen.

Ein Appell für die unbedingte Achtung vor dem Leben

Eben diese Neigung, Lebewesen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ einzuteilen, ist offenbar auch der entscheidende Referenzpunkt für das Gedicht. Denn bekanntermaßen war es ja ein zentrales Merkmal der nationalsozialistischen Rassenlehre, die Menschheit in „Herren-“ und „Untermenschen“ einzuteilen. An der untersten Skala dieser zynischen Hierarchie standen diejenigen, die im nationalsozialistischen Kategoriensystem menschliches „Ungeziefer“ waren: Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, Sinti und Roma – und natürlich Menschen mit jüdischen Wurzeln.

Der Schluss des Gedichts macht allerdings auch deutlich, dass die verächtliche Unterteilung anderer Lebewesen in „lebenswerte“ und „lebensunwerte“ Geschöpfe keineswegs mit dem nationalsozialistischen Regime untergegangen ist. Auch heute noch wird nicht jedes menschliche Leben und schon gar nicht jedes tierische Leben mit Respekt vor der Würde des jeweiligen Individuums behandelt. Menschliches Leben wird für den Rohstoffabbau und das Spardiktat im Gesundheitswesen geopfert, unzählige Tierarten verschwinden unter der zerstörerischen Kraft des Anthropozäns.

Infos über Anna Świrszczyńska in dem Beitrag Ein Appell gegen das Schachbrettdenken der Feldherren

Podcast zu Anna Świrszczyńska

Bild: Adrian Hill (1895 – 1977): Ruinen zwischen Bernafay Wood und Maricourt (1918); Wikimedia commons

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