Giuseppe Ungarettis Gedicht L’isola (Die Insel) / Giuseppe Ungaretti’s Poem L’isola (The Island)
Giuseppe Ungarettis Gedicht L’isola (Die Insel) entführt uns in eine Traumwelt. Diese steht im Gegensatz zu den faschistischen Strukturen, die sich in Italien, auch unterstützt von Ungaretti, zur Entstehungszeit des Gedichts etablierten.
Podcast:
Die Insel
Gestreift von einem Federrauschen,
das sich dem schrillen Herzschlag
eines flammenden Flusses entrissen hatte,
stieg er hinab von seinem Pfad
in einen Wald, darin der Abend
sich bis in alle Ewigkeit verfangen hatte.
Traumwandelnd sah er,
aufblühend und erlöschend,
erlöschend und aufblühend,
eine schillernde Larve.
Aufsteigend aber erkannte er,
im Schlummer
an eine uralte Ulme geschmiegt,
als eine Nymphe die Larve.
Schwankend zwischen Trug und Spiegelung,
zwischen Wahrhaftigkeit und Wahn,
irrte er umher, bis seine Augen
das jungfräuliche Dunkel tranken
eines vom Abend durchglühten Olivenhains.
Ein träger Funkenregen tropfte
durch das Labyrinth der Zweige
auf die schimmernden Schilde der Schafe,
die sich, umfangen vom wärmenden Arm
des Abends, in die Weide tupften.
Die Hände des Hirten aber
erblühten zu einem gläsernen Kelch,
darin das Feuer des Abends sich verfing,
gekeltert zu einem wohligen Fieber.
Giuseppe Ungaretti: L’isola (entstanden 1925)aus: Sentimento del tempo (Zeitgefühl; 1933)
Ein Gedicht in der Sprache der Träume
Das Gedicht L’isola von Giuseppe Ungaretti (1888 – 1970) spricht zu uns in der Sprache der Träume und Märchen. Es erinnert an die aus tiefenpsychologischen Analysen bekannten Traumbilder und an die Märchenreisen durch gefahrvolle Wälder, deren Durchquerung die Erlösung von einem dunklen Fluch verheißt.
Aus tiefenpsychologischer Perspektive lässt sich der Wald in dem Gedicht als Bild für das kollektive Unbewusste deuten. Dieses bezeichnet in der Psychologie C. G. Jungs die tiefere Schicht des menschlichen Unbewussten, in der die existenziellen Erfahrungen der Menschheit in kompakten Bildern – den so genannten „Archetypen“ – abgespeichert sind [1].
Die Nymphe des Gedichts lässt sich so als Erscheinungsform des Archetypus der „Schwester“ verstehen, der bei C. G. Jung die gegengeschlechtliche Repräsentanz des eigenen Unbewussten entspricht. Ihre schillernd-wechselhafte Erscheinung verweist dabei auf die mangelnde Klarheit, aber auch auf die Fülle des Unbewussten, das uns immer wieder ein anderes Gesicht zuwendet.
Den Hirten, den das lyrische Ich am Ende antrifft, könnte man aus dieser Perspektive als Entsprechung für den Archetypus des „alten Weisen“ ansehen. Die durch ihn symbolisierte Erleuchtung findet in dem Gedicht eine Parallele in dem Hinübertreten aus den Wahnbildern des Waldes in die Klarheit des Olivenhains.
Ungaretti als Vertreter eines symbolistischen Hermetismus
Das Gedicht zeichnet so in kompakter Form eine Lebensreise nach, die das lyrische Ich zu sich selbst führt. In der Tiefenpsychologie wird dieses Ziel durch ein mythisches göttliches Kind symbolisiert, in dem sich bei C. G. Jung der transzendente Kern des inneren Selbst widerspiegelt. In dem Gedicht wird diese Frucht der inneren Reise in den wie zum Geschenk ausgebreiteten Händen des Hirten angedeutet.
Dass Ungarettis 1933 erschienener Gedichtband Sentimento del tempo (Zeitgefühl), in dem das 1925 entstandene Gedicht enthalten ist, dem Symbolismus zugerechnet wird, erscheint vor dem Hintergrund dieser Deutung plausibel. Auch die Charakterisierung seiner Dichtung als „hermetisch“ ist angesichts der Tatsache, dass sie sich dem unmittelbaren Verstehen entzieht, nachvollziehbar.
Ungaretti und der italienische Faschismus
Die poetische Abkehr vom Alltag hatte bei Ungaretti allerdings nicht nur – anders als etwa bei dem französischen Dichter Stéphane Mallarmé [2] – dichtungstheoretische Gründe. Vielmehr diente sie ihm auch dazu, der Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in Krieg und Faschismus auszuweichen.
So zählte Ungaretti im Ersten Weltkrieg zu den Interventionisten. Diese befürworteten den Eintritt Italiens in den Krieg auf Seiten der Entente um Frankreich, England und Russland, weil sie sich davon Vorteile für ihr Land versprachen.
Auch nach Kriegsende distanzierte Ungaretti sich nicht von der Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Stattdessen gehörte er 1925 zu den Unterzeichnern des von Giovanni Gentile verfassen Manifesto degli intellettuali fascisti (Manifest der faschistischen Intellektuellen), in dem die gewaltsame Eroberung der Macht durch Mussolini und seine Getreuen ausdrücklich begrüßt wird.
Im faschistischen Italien wirkte Ungaretti in der Pressestelle des italienischen Außenministeriums mit und ließ sich 1942 in die Accademia d’Italia (die faschistische Variante der Italienischen Akademie der Künste und der Wissenschaften) aufnehmen.
Einer stärkeren Verstrickung in den italienischen Faschismus stand lediglich seine wissenschaftliche Karriere entgegen, die ihn von 1936 bis 1942, als Professor im brasilianischen São Paulo, aus seiner Heimat fortführte.
Ungarettis „dunkle“ Lyrik hat demnach auch in moralischer Hinsicht eine dunkle Seite. Sie führt nicht nur hinab bzw. hinüber auf die dunkle Seite der Existenz – sie war für den Dichter auch eine Möglichkeit, seine eigenen dunklen Seiten, seine Verstrickung in Krieg und Faschismus, vor sich selbst und anderen zu verschleiern.
Nachweise
[1] Eine gute Einführung in das Werk von C. G. Jung stammt von Jolande Jacobi (Die Psychologie von C. G. Jung). Das Buch ist zuerst 1940 erschienen und danach unzählige Male neu aufgelegt und dabei auch erweitert worden.
[2] Vgl. hierzu ausführlicher: Rother Baron: Aufstand gegen das Leben. Stéphane Mallarmés hermetischer Symbolismus. Mit Nachdichtungen ausgewählter Werke des Dichters; literaturplanet.com, Juni 2022 (PDF).

English Version
Dream Journey on a Dark Abyss
Giuseppe Ungaretti’s Poem L’isola (The Island)
Giuseppe Ungaretti’s poem L’isola (The Island) takes us into a dream world – in contrast to the fascist structures that were established in Italy, partly supported by Ungaretti, at the time the poem was written.
The Island
Stroked by a rustle of feathers,
snatched from the shrill heartbeat
of a flaming river,
he descended from his path
into a forest where the evening
had become entangled until all eternity.
Walking as if in a dream, he saw,
blossoming and extinguishing,
extinguishing and blossoming,
a shimmering larva.
Climbing upwards, he recognised,
in slumber
nestled against an ancient elm tree,
as a nymph the larva.
Wavering between deception and reflection,
between truth and delusion,
he wandered until his eyes
drank the virginal darkness
of an olive grove bathed in evening glow.
A languid spray of sparks
dripped through the labyrinth of branches
onto the shimmering shields of sheep
which, embraced by the evening’s warming arm,
were spotted on the pasture.
And the hands of the shepherd
blossomed like a crystal chalice
in which the evening glow was caught,
metamorphosing into a pleasant fever.
Giuseppe Ungaretti: L’isola (created 1925) from: Sentimento del tempo (Sense of Time; 1933)
A Poem in the Language of Dreams
The poem L’isola by Giuseppe Ungaretti (1888 – 1970) speaks to us in the language of dreams and fairy tales. It is reminiscent of the dream images familiar from psychological analysis and of fairy-tale journeys through perilous forests, the crossing of which promises redemption from a dark curse.
From a psychological perspective, the forest in the poem can be interpreted as an image of the collective unconscious. In C. G. Jung’s psychology, this refers to the deeper layer of the human unconscious, in which the existential experiences of humanity are encoded in compact images – the so-called „archetypes“ [1].
The nymph of the poem can thus be understood as a manifestation of the archetype of the „sister“, which corresponds to the fact that, according to C. G. Jung, the unconscious always appears in the gender opposite to that of the conscious ego. Her iridescent, changing appearance points to the lack of clarity, but also to the fullness of the unconscious, which constantly turns different faces towards us.
From this perspective, the shepherd whom the lyrical I encounters at the end could be seen as the equivalent of the archetype of the „old sage“. The enlightenment symbolised by him finds a parallel in the poem in the crossing over from the delusions of the forest into the clarity of the olive grove.
Ungaretti as a Representative of a Symbolist Hermetism
The poem thus describes in compact form a life journey that leads the lyrical I to himself. In C. G. Jung’s psychoanalysis, this destination is symbolised by a mythical divine child, in which the transcendent core of the inner self is reflected. In the poem, this fruit of the inner journey is indicated by the shepherd’s hands extended as if for a gift.
The fact that Ungaretti’s 1933 poetry collection Sentimento del tempo (Sense of Time), which includes the poem written in 1925, is attributed to Symbolism seems plausible against the background of this interpretation. Likewise, the characterisation of his poetry as „hermetic“ is understandable in view of the fact that it eludes immediate comprehension.
Ungaretti and Italian Fascism
Ungaretti’s poetic turning away from everyday life, though, was not only for theoretical reasons – in contrast to the French poet Stéphane Mallarmé [2], for example. It was also a way for him to avoid coming to terms with his own involvement in war and fascism.
Thus, Ungaretti belonged to the interventionists in the First World War. This faction advocated Italy’s entry into the war on the side of the Entente around France, England and Russia, expecting advantages from this for their country.
Even after the end of the war, Ungaretti did not distance himself from the use of violence to achieve political goals. Instead, in 1925 he was one of the signatories of the Manifesto degli intellettuali fascisti (Manifesto of Fascist Intellectuals), written by Giovanni Gentile, which explicitly welcomed the violent seizure of power by Mussolini and his followers.
In fascist Italy, Ungaretti worked in the press office of the Italian Foreign Ministry and was admitted to the Accademia d’Italia (the fascist version of the Italian Academy of Arts and Sciences) in 1942.
The only thing standing in the way of a stronger involvement in Italian fascism was Ungaretti’s academic career, which took him away from his homeland from 1936 to 1942, as a professor in São Paulo, Brazil.
Ungaretti’s „dark“ poetry thus has a dark side in moral terms as well. It not only leads down or over to the dark side of existence – it was also a way for the poet to conceal his own dark sides, his involvement in war and fascism, from himself and others.
References
[1] A good introduction to the work of C. G. Jung is offered by Jolande Jacobi (Psychology of C. G. Jung). The book was first published in 1940 (English version 1942) and has since been reprinted and expanded countless times.
[2] Cf. in more detail: Rother Baron: Revolt against Life. Stéphane Mallarmé’s Hermetic Symbolism. With English adaptations of selected works by the poet; literaturplanet.com, June 2022 (PDF).
Bilder / Images: Guy Rose (1867 – 1925): Ländlicher Olivenhain / Provincial Olive Grove (um 1910); Wikimedia commons; Giuseppe Ungaretti mit Baskenmütze (Wikimedia commons; Fotograf unbekannt) / Giuseppe Ungaretti with beret(Wikimedia Commons; photographer unknown)