Ada Negris Gedicht Va l’onda / Ada Negri’s Poem Va l’onda
Der Schwerpunkt am Poetry Day auf LiteraturPlanet lautet im Oktober und November: Italienische Lyrik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir starten melodramatisch, mit einem selbstmörderischen Gedicht von Ada Negri.
Podcast:
Die weinende Welle
Zwischen den hohen Ufern,
blind in ungezügeltem Leid,
wälzt sich die weinende Welle,
schweigend belauscht
vom bleiernen Himmel.
Kein Lächeln hellt die Stille auf,
kein Hauch durchdringt die bleiche Nacht.
Weiter wälzt sich die weinende Welle.
In ihrem bergenden Schoß aber trägt sie
trauernd in die feuchte Nacht
einen todesleichten, kaum erblühten Körper,
der aus dem Leben sich in ihre Arme stürzte.
Kein Lächeln hellt die Stille auf,
kein Hauch durchdringt die bleiche Nacht.
Weiter wälzt sich die weinende Welle.
Aus ihrer Klage aber hallt
das Echo eines düsteren Geheimnisses.
Ihr Schluchzen ist durchdrungen
von dem stummen Schrei
einer gescheiterten Liebe.
Kein Lächeln hellt die Stille auf,
kein Hauch durchdringt die bleiche Nacht.
Ada Negri: Va l’onda …
aus: Fatalità (Schicksal/Verhängnis, 1892)
Ein düsteres Geheimnis
Ada Negris Gedicht lässt uns mit einer Frage zurück: Was ist passiert? Mit was für einem „düsteren Geheimnis“ haben wir es hier zu tun? Warum mündete diese Liebe in ihre absolute Negation – den Tod?
Es gibt viele Gründe, warum Liebe zu einer Verzweiflung führen kann, aus der die Betreffenden keinen anderen Ausweg sehen als die Flucht in den Tod: Untreue, Streit, unerwiderte Liebe … Da das Gedicht keinerlei Andeutungen zu den Ursachen der Tragödie macht, sind der Phantasie hier keine Grenzen gesetzt. Es bleibt den Lesenden überlassen, diese Leerstelle des Gedichts mit ihren Mutmaßungen zu füllen.
Betrachtet man die Verse allerdings im Kontext von Ada Negris Frühwerk und im Zusammenhang des Gedichtbands, in dem sie enthalten sind, so ergibt sich eine klare Perspektive für die Deutung. Dann ist davon auszugehen, dass die Dichterin ihr düsteres Bild von der Liebe, die nur im Wiegenlied einer tödlichen Welle Trost finden kann, mit sozialem Elend und gesellschaftlichen Konflikten assoziiert hat – also etwa mit Geldsorgen, unüberwindbaren Klassenschranken oder einer ungewollten Schwangerschaft.
Negris sozial engagiertes Frühwerk
Schon der Titel von Ada Negris erstem, 1892 veröffentlichtem Gedichtband – Fatalità (Schicksal/Verhängnis) – deutet auf die Ausweglosigkeit eines Lebens am Rand der Gesellschaft bzw. am unteren Ende ihrer Hierarchie hin. Eben dies ist denn auch das vorherrschende Thema ihrer frühen Gedichte.
Das auf die oben zitierten Verse folgende Gedicht handelt etwa von einem Straßenjungen, dessen Schicksal angesichts der sozialen Umstände, unter denen er leben muss, schon besiegelt zu sein scheint. Auf „schlammigen“ Wegen zu Hause, bekleidet „mit zerfetzter Jacke und kaputten Schuhen“, die „Mutter in der Fabrik, das Heim verwaist, der Vater im Gefängnis“, stellt sich in Bezug auf sein weiteres Leben die resignative Frage:
„Was wirst du tun?
Du, der du, zerlumpt und unwissend,
ohne Halt und ohne Ziel bist auf Erden?“ [1]
Selbstbewusst verweist Ada Negri in dem Gedichtband auch auf ihre eigene Herkunft aus bescheidenen sozialen Verhältnissen. So finden sich im unmittelbaren Umfeld des Gedichts über die gescheiterte Liebe ihre programmatischen Verse über ihre Verwurzelung im einfachen Volk, der sie die „Flamme“ ihrer Dichtung verdanke:
„Eine Namenlose bin ich,
die ungehobelte Tochter
einer schimmligen Baracke.
Das traurige und verdammte Volk
ist meine Familie.
In meinem Herzen aber
brennt eine unbeugsame Flamme.“
[2]
Bezugnahme auf die eigene Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen
Ada Negri hatte in der Tat keine leichte Kindheit. Die 1870 im lombardischen Lodi geborene Dichterin verlor schon früh ihren Vater, die Mutter musste allein für den Lebensunterhalt der Familie sorgen.
So verbrachte Negri einen Großteil ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter, die als Hausmeisterin für eine berühmte Opernsängerin arbeitete. Die Stunden des müßigen Herumsitzens in der Pförtnerloge des Palazzo, die das Mädchen für ein intensives Studium der Vorübergehenden nutzte, hat Negri später in ihrem autobiographischen Roman Stella Mattutina (Morgenstern; 1921) verarbeitet.
Die Dichterin kam also durchaus mit Angehörigen anderer sozialer Schichten Kontakt. Auch konnte sie dank des festen Einkommens ihrer Mutter eine Mädchenschule besuchen, was ihr den Erwerb eines Diploms als Volksschullehrerin ermöglichte. Dementsprechend war Negri ab 1887 auch als Lehrerin an einer Dorfschule und an einer Höheren Mädchenschule tätig.
Die Gedichte aus dem Band Fatalità, die Negri zunächst in Zeitungen veröffentlicht hatte, sind demnach keineswegs ein ungefilterter Spiegel des Lebens am unteren Ende der sozialen Skala. Dass sie geschrieben und veröffentlicht werden konnten, zeugt vielmehr gerade von dem sozialen Aufstieg, der Negri durch ihre Mutter ermöglicht worden war.
Von der schicksalhaften Hinnahme zur Bekämpfung des sozialen Elends
Gleich mit ihrem ersten Gedichtband etablierte Ada Negri sich als anerkannte Dichterin. Sowohl beruflich als auch privat ebneten die Gedichte ihr den Weg in ein wohlhabendes Leben: Sie erhielt eine Anstellung an einem Höheren Lehrinstitut in Mailand und ging 1896 eine Ehe mit einem reichen Fabrikanten ein (von dem sie sich 1913 wieder trennte).
Der Erfolg von Negris sozial engagierten Gedichten hing auch mit der Perspektive zusammen, aus der sie das soziale Elend thematisierte. Dessen Betrachtung als „fatalità“ unterstellte, dass Klassenunterschiede und soziale Not bis zu einem gewissen Grad schicksalhaft, also unvermeidlich seien.
Mit poetischen Mitteln Mitgefühl mit den Notleidenden zu wecken, dient hier folglich in erster Linie dazu, wohlhabende Menschen zu wohltätigem Verhalten gegenüber den Armen zu motivieren. Ein Aufruf zur Revolution lässt sich daraus nicht ableiten.
In späteren Gedichtbänden verband Negri die Thematisierung des sozialen Elends allerdings durchaus mit der Forderung nach gesellschaftlichen Veränderungen. Die sozialistischen Kreise, in denen sie in Mailand verkehrte, führten zudem zu einer Verbindung des dichterischen Protests mit konkretem sozialem Engagement.
Dabei verknüpfte die Autorin die dichterische Auseinandersetzung mit dem sozialen Elend zunehmend mit dem Einsatz für die Emanzipation der Frauen. So spielte sie sowohl bei der Gründung der Unione femminile nazionale (Nationalen Frauenunion) im Jahr 1899 eine führende Rolle als auch fünf Jahre später bei der Eröffnung des Asilo Mariuccia, das Mädchen aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Ausbildungsperspektive eröffnen sollte.
Negris Weg zur Zeit des Faschismus
Mit ihrer die Frauenfrage unter verschiedenen Aspekten thematisierenden Novellensammlung Le solitarie (Die Einzelgängerinnen, 1917) blieb Negri ihrer sozial engagierten Literatur auch während des Ersten Weltkriegs treu. Zur gleichen Zeit veröffentlichte sie mit Orazioni (Gebete, 1918) jedoch auch eine Sammlung patriotischer Oden.
Diese Mischung aus sozialem Engagement, sozialistischen Idealen und patriotischem Geist hat es der Dichterin wohl auch erschwert, sich vom aufkommenden italienischen Faschismus zu distanzieren. Überdies kannte sie Benito Mussolini aus ihrer Mailänder Zeit als kämpferischen Sozialisten, der von 1912 bis 1914 als Chefredakteur des Avanti!, des Parteiorgans der Sozialisten, fungiert hatte.
So konnte die Dichterin 1931 für ihre literarischen Leistungen mit dem Mussolini-Preis ausgezeichnet und 1940 als erste Frau in die von 1926 bis 1945 bestehende Accademia d’Italia (die faschistische Variante der Italienischen Akademie der Künste und der Wissenschaften) aufgenommen werden. Eine aktive Unterstützerin des faschistischen Regimes war sie freilich nicht. Vielmehr zog sie sich in ihren letzten Lebensjahren ins innere Exil zurück und wandte sich religiösen Themen zu, ehe sie im Januar 1945 in Mailand starb.
Nachweise
[1] Ada Negri: Birichino di strada (Straßenjunge); aus: Fatalità (Schicksal/Verhängnis; 1892).
[2] Ada Negri: Senza nome (Namenlos); aus: Fatalità (1892).

English Version
Impossible Life, Impossible Love
Ada Negri’s Poem Va l’onda
The focus on LiteraturPlanet’s Poetry Day in October and November will be: Italian poetry from the first half of the 20th century. We start melodramatically, with a suicidal poem by Ada Negri.
The Weeping Wave
Between the high banks of the river,
blind in untamable sorrow,
the weeping wave rises and falls,
silently surrounded
by the leaden sky.
No smile lights up the silence,
no breath penetrates the pallid night.
On and on the weeping wave surges.
In her sheltering womb she carries
mournfully into the damp night
a sallow, barely blossomed body
that threw itself from life into her arms.
No smile lights up the silence,
no breath penetrates the pallid night.
On and on the weeping wave surges.
But from her lament resounds
the echo of a gloomy secret.
Her sobs are filled
with the silent cry
of a failed love.
No smile lights up the silence,
no breath penetrates the pallid night.
Ada Negri: Va l’onda …
from: Fatalità (Fate/Doom, 1892)
A Dark Secret
Ada Negri’s poem leaves us with a question: What happened? What kind of „dark secret“ are we dealing with here? Why did this love lead to its absolute negation – death?
There are many reasons why love can lead to despair, from which those involved see no other way out than to escape into death: infidelity, quarrels, unrequited love … Since the poem makes no allusions to the causes of the tragedy, there are no limits to the imagination here. It is up to the readers to fill this empty space in the poem with their own speculations.
However, if we read the verses in the context of Ada Negri’s early work and of the volume of poetry in which they are included, a clear perspective for interpretation emerges. Then it can be assumed that the poet associated her gloomy image of a love that can only find comfort in the lullaby of a deadly wave with social conflicts and the resulting misery – for example, with money worries, insurmountable class barriers or an unwanted pregnancy.
Negri’s Socially Committed Early Work
The very title of Ada Negri’s first book of poems, Fatalità (Fate/Doom), published in 1892, suggests the hopelessness of a life on the margins of society or at the bottom of its hierarchy. This is indeed the predominant theme of her early poems.
The poem that follows the verses quoted above, for example, is about a street urchin whose fate seems already sealed in view of the social circumstances in which he has to live. Spending his days on „muddy“ roads, dressed „in a tattered jacket and broken shoes“, his „mother in the factory, his home deserted, his father in prison“, a resigned question arises with regard to his future life:
„What will you do?
You, who, ragged and illiterate,
are without footing
and without destination on earth?“
[1]
In the poetry collection, Ada Negri also self-confidently refers to her own origins from poor social circumstances. Thus, in the immediate vicinity of the poem about a failed love, we find the programmatic verses about her roots in the life of ordinary people, to whom she, as she emphasises, owes the „flame“ of her poetry:
„A nameless poetess am I,
the uncouth daughter
of a mouldy shack.
The sad and damned people
are my family,
igniting in my heart
an indomitable flame.“ [2]
Reference to the Poet’s Own Origins from Poor Social Circumstances
Indeed, Ada Negri did not have an easy childhood. Born in Lodi, Lombardy, in 1870, the poet lost her father at an early age. As a result, her mother had to support the family alone.
So Negri spent much of her childhood with her grandmother, who worked as a caretaker for a famous opera singer. The hours of idle sitting in the porter’s lodge of the palazzo, which the girl used for an intensive study of passers-by, were later taken up by Negri in her autobiographical novel Stella Mattutina (Morning Star; 1921).
Thus, the poet certainly came into contact with members of other social classes. Thanks to her mother’s steady income, she was also able to attend a girls‘ school, which enabled her to obtain a diploma as an elementary school teacher. Accordingly, Negri worked as a teacher at a village school and a girls‘ secondary school from 1887.
The poems from the volume Fatalità, which Negri initially published in newspapers, are thus by no means an unfiltered mirror of life at the lower end of the social scale. Rather, the fact that they could be written and published testifies precisely to the social advancement that Negri could achieve thanks to her mother.
From Regarding Social Misery as Fate to Combating it
Right with her first book of poems, Ada Negri established herself as a recognised poet. Both professionally and privately, the poems paved the way for her to a prosperous life. She obtained a position at a higher teaching institute in Milan and entered into a marriage with a rich factory owner in 1896 (from whom she separated again in 1913).
The success of Negri’s socially committed poems was also related to the perspective from which she addressed social misery. Regarding the latter as „fatalità“ implied that class differences and social hardship were to a certain extent fated, i.e. inevitable.
Using poetic means to arouse sympathy for people in need thus serves here primarily to motivate wealthy people to act charitably towards the poor. A call for revolution cannot be derived from Negri’s early poems.
In her later volumes of poetry, however, Negri did combine the issue of social misery with a demand for social change. Moreover, the socialist circles in which she moved in Milan led to a connection between poetic protest and concrete social commitment.
In the process, the author increasingly linked social misery with her commitment to the emancipation of women. Thus, she played a leading role in the founding of the Unione femminile nazionale (National Women’s Union) in 1899 as well as five years later in the opening of the Asilo Mariuccia, which was intended to offer girls from difficult social backgrounds educational prospects.
Negri’s Path During the Fascist Era
With her collection of novellas Le solitarie (The Lonely Ones, 1917), which addresses the emancipation of women from various perspectives, Negri remained true to her socially committed literature even during the First World War. At the same time, however, she also published a collection of patriotic odes (Orazioni/Prayers, 1918).
This mixture of social commitment, socialist ideals and patriotic spirit might be one reason why the poet had difficulty distancing herself from the rising Italian fascism. Furthermore, she knew Benito Mussolini from her Milan days as a committed socialist, who had served as editor-in-chief of Avanti!, the newspaper of the Socialist Party, from 1912 to 1914.
This made it possible for the poet to be awarded the Mussolini Prize in 1931 for her literary achievements and in 1940 to be admitted as the first woman to the Accademia d’Italia (the fascist version of the Italian Academy of Arts and Sciences), which existed from 1926 to 1945.
However, Negri was not an active supporter of the fascist regime. Rather, she retreated into inner exile in the last years of her life and turned to religious themes before dying in Milan in January 1945.
References
[1] Ada Negri: Birichino di strada (Street Urchin); from: Fatalità (Fate/Doom; 1892).
[2] Ada Negri: Senza nome (Nameless); from: Fatalità (1892).
Bilder / Images: Gustave Courbet (1819 – 1877): Die Welle / The Wave; Dallas Museum of Art (Wikimedia Commons);Unbekannter Fotograf: Ada Negri in den 1890er Jahren (Wikimedia commons)/Unknown photographer: Ada Negri in the 1890s (Wikimedia Commons)
Morgenstern
Ich freue mich auf die Reihe. Ich interessiere mich sehr für Lyrik und von italienischer Lyrik habe ich ganz wenig Ahnung. Das hier ist ein sehr interessanter Text und ein schönes Gedicht. Die Idee mit dem „Podcast“ finde ich auch gut.
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