Ein gewagtes Experiment /  A Daring Experiment

Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming

Achmet erinnert sich an eine Zeitungsannonce, in der Probanden für ein Experiment gesucht wurden. Aus Geldnot hatte er sich bei dem privaten Forschungsinstitut gemeldet.

English Version

Hörfassung:

Ein dunkler Wolkenflügel umflatterte den Mond. Für ein paar Augenblicke wurde die Gestalt vor mir so vollständig von der Finsternis verschluckt wie das Leben, das wir einst, im Universum einer anderen Zeit, miteinander geteilt hatten. Dann aber bahnte das Auge des Mondes sich wieder einen Weg durch die Wolkenfedern und brachte die Konturen der vertrauten Fremden zum Leuchten.
Ihr Anblick warf mich zurück in jene fernen Tage, die von mir abgefallen waren wie die abgelegte Haut einer Schlange. Das verschwommene Bild einer Zeitungsannonce tauchte vor meinem inneren Auge auf: „Wissenschaftler sucht Versuchspersonen für Experiment. Erstklassige Verdienstmöglichkeiten!“
Auf einmal erinnerte ich mich auch wieder an die Kontaktadresse, die in der Anzeige genannt worden war. Es handelte sich dabei um ein privates Forschungsunternehmen, das sich „Visions for Humanity“ nannte.
Im ersten Augenblick, entsann ich mich, war mir das Angebot nicht sonderlich seriös erschienen. Teilnehmern an wissenschaftlichen Experimenten wurde, wie ich sehr wohl wusste, sonst ja allenfalls ein Taschengeld gezahlt, als symbolisches Schulterklopfen für die ehrenamtliche Unterstützung der Forschung. Am Ende aber hatte, wie so oft, die Hoffnung über die Vernunft gesiegt.
Ohne Gesa etwas davon zu erzählen, wählte ich die angegebene Nummer und vereinbarte für den folgenden Tag einen Termin. Am nächsten Morgen stand ich dann pünktlich um neun Uhr in einer Empfangshalle mit weiß glänzenden Wänden. Die antiseptische Ausstrahlung eines Forschungslabors verband sich darin mit der Beschwörung einer durch weltverändernde Erkenntnisse zu erzwingenden Tabula rasa, der empirisch abgesicherten Umdeutung aller Deutungen und Umwertung aller Werte.
Dem entsprachen auch die Bilder an den Wänden: resolute Striche, dynamische Wellenlinien, Quader, die sich aus einer stilisierten Ursuppe lösten. In der Mitte prangte in einem feuerroten Kreis das Unternehmenslogo: ein H, aus dessen oberer Hälfte sich das V wie ein himmelstürmendes Victory-Zeichen in die Lüfte schwang.
Hinter einer Bürotür begrüßte mich das professionelle Lächeln einer Vorzimmerdame: „Herr Doktor France erwartet Sie schon.“
Tatsächlich sprang im Nebenraum jemand wie angeknipst hinter seinem Schreibtisch hervor, sobald ich das Zimmer betrat, und reichte mir die unternehmungslustige Hand. Es war, als gingen Stromstöße von ihr aus.
„Pierre France“, begrüßte er mich, indem er mir seinen Namen wie einen Schlachtruf entgegenschleuderte. „Und Sie müssen Herr Achmedi sein – richtig?“
Seine Haare gefielen sich in koketter Unordnung. Unter dem glatt rasierten Kinn umspannte eine grellbunte Fliege den Kragen eines Hemdes, aus dem sie alle Farben herausgesogen zu haben schien.
Energiegeladen funkelten die Augen des Forschers mich an: „Schön, dass Sie so schnell kommen konnten. Setzen wir uns doch!“
Er rollte seinen Bürostuhl um den Schreibtisch herum und setzte sich direkt neben mich. Das wirkte auf mich ein wenig aufdringlich, hatte zugleich aber auch etwas Konspiratives. Offenbar wollte er für das folgende Gespräch eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen.
„Um gleich zur Sache zu kommen“, begann er ohne Umschweife; „darf ich Sie zunächst fragen, was Sie dazu bewogen hat, sich bei uns zu melden?“
„Ich bin momentan arbeitslos“, gestand ich kleinlaut.
„Das ist ja ganz hervorragend!“ begeisterte sich der quirlige Mann – um dann, als er meinen konsternierten Blick sah, entschuldigend hinzuzufügen: „Ich meine natürlich: hervorragend für das Experiment, an dem Sie teilnehmen wollen. Dafür ist die Frage der Verfügbarkeit unserer Probanden nun einmal ganz entscheidend. Deshalb ist es wichtig, dass die Versuchsteilnehmer nicht anderweitig gebunden sind – auch wenn Arbeitslosigkeit für die Betroffenen ein persönliches Unglück darstellen mag.“
Er sah mich aufmunternd an: „Aber genau das wollen wir ja mit unserem Experiment überwinden!“
„Das Experiment greift in meine persönliche Situation ein?“ fragte ich misstrauisch.
„Ich weiß, ich drücke mich mal wieder schrecklich nebulös aus“, entschuldigte sich Dr. France augenzwinkernd.
Einem plötzlichen Impuls folgend, erhob er sich ruckartig von seinem Stuhl und verkündete mit ausladender Geste, ein wenig wie ein Schausteller auf dem Jahrmarkt: „Wissen Sie was? Ich zeige Ihnen jetzt erst einmal, worum es bei dem Experiment eigentlich geht. Wenn Sie keine vernünftige Vorstellung davon haben, bewegt sich unser Gespräch doch sozusagen im luftleeren Raum.“
Damit ging er zu seinem Computer, scrollte sich durch die Dateien und klickte eine davon an. Als er den Bildschirm zu mir umdrehte, fiel mein Blick auf ein Video. Ich sah Affen in einem großen Käfig, offenbar Schimpansen, Bananen essend, spielend, kopulierend.
„Versuchen Sie doch mal herauszufinden, welches das Alpha-Tier in der Gruppe ist“, forderte Dr. France mich auf, indem er sich wieder neben mich setzte.
Die Aufgabe war nicht schwer zu lösen. Auch wenn ich die Affen anfangs nicht gut auseinanderhalten konnte, war doch nicht zu übersehen, dass stets einer von ihnen den Vortritt hatte, wenn es darum ging, wer zuerst fressen, mit einem attraktiven Spielzeug hantieren oder das einzige Weibchen in der Vierergruppe begatten durfte.
Ich wies mit dem Finger auf das entsprechende Tier. „Das hier ist der Anführer, denke ich.“
Dr. France nickte befriedigt. „Und jetzt suchen Sie mal dasselbe Tier auf diesem Video hier“, bat er mich.
Er rief eine weitere Filmsequenz auf, in der ich jedoch den dominanten Affen aus dem ersten Video nicht ausmachen konnte. Auffallend war nur, dass einer der Schimpansen die ganze Zeit über verschüchtert in der Ecke saß, während die anderen aßen, herumtollten oder einander lausten.
„Sind Sie sicher, dass das Alpha-Männchen in dem Film überhaupt zu sehen ist?“ fragte ich ratlos.
„Schauen Sie sich doch den Schimpansen in der Ecke einmal genauer an“, riet mir Dr. France.
Und tatsächlich: Jetzt, wo ich ihn eingehender betrachtete, erkannte ich, dass es dasselbe Tier war wie das, das in dem ersten Video so dominant aufgetreten war. „Da müssen wohl irgendwelche Rangkämpfe stattgefunden haben“, vermutete ich.
Dr. France lachte triumphierend auf. „Das war gar nicht nötig! Es musste nur ein kleiner Schalter im Gehirn der zuvor unterlegenen Affenmännchen umgelegt werden.“
Ich sah ihn verständnislos an. „Was soll das heißen?“
Die Spinnenarme hinter dem Kopf verschränkend, lehnte der hagere Mann sich in seinem Stuhl zurück. „Das heißt“, dozierte er, „dass es mir in langjähriger Forschungsarbeit gelungen ist, einen Stoff zu isolieren, der es erlaubt, biochemische Vorgänge im Gehirn auf ganz bestimmte Weise zu beeinflussen. Jemand, bei dem man die hirnphysiologischen Prozesse damit steuert, ist hinterher so stark von den eigenen Fähigkeiten überzeugt, dass er diese unweigerlich in der eigenen Gruppe zum Tragen bringen wird. Diese Entdeckung hat zu der Entwicklung eines Präparats geführt, das sich – wie Sie selbst gesehen haben – im Tierversuch als äußerst wirksam erwiesen hat. Für die Marktreife fehlen uns nun aber noch Experimente mit menschlichen Probanden.“
„Ich weiß nicht“, erwiderte ich zögernd, dem erwartungsvollen Blick des neben mir Sitzenden ausweichend. „Bei Affen mag so etwas ja funktionieren. Aber das menschliche Zusammenleben ist doch viel komplexer … Was nützt mir beispielsweise das schönste Selbstvertrauen, wenn irgendein Investor meine Firma aufkauft und mich auf die Straße setzt? Dagegen kann doch auch der unumstößlichste Glaube an die eigenen Fähigkeiten nichts ausrichten.“
Dr. France lächelte überlegen. „Das ist eben die entscheidende Frage“, entgegnete er. „Könnte es nicht sein, dass Sie Ihren Vorgesetzten durch Ihren mangelnden Glauben an sich signalisiert haben, dass Sie nicht unverzichtbar sind – und dass dann in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung die tatsächliche Erfahrung, dass man ohne Sie auskommt, Ihr Selbstwertgefühl weiter geschwächt hat?“
„Wollen Sie damit etwa sagen, dass ich an meinem Rauswurf selbst schuld bin?“ empörte ich mich.
„Nein, durchaus nicht“, wiegelte Dr. France ab. „Ich wollte nur darauf hinweisen, dass wir es hier mit einer Henne-Ei-Problematik zu tun haben. Wir können einfach nicht genau wissen, was zuerst da war: ihr mangelnder Glaube an sich oder die Zurückweisung, die Sie erfahren haben. Fakt ist jedoch: Auf äußere Geschehnisse, wie beispielsweise Umstrukturierungen in einem Unternehmen, hat ein Einzelner in der Tat nur begrenzt Einfluss. Bei unserem eigenen Verhalten und dem Selbstbild, das dieses steuert, sieht das dagegen ganz anders aus. Deshalb setzen wir mit dem von uns entwickelten Präparat eben hieran an.“
Dr. France sah mich durchdringend an, doch ich wich seinem Blick aus. Es war, als ginge von seinen Augen ein Hypnosesog aus, dem ich mich nur schwer entziehen konnte.

Gebundene Ausgabe 2015

Zum Buch

überarbeitete Ausgabe 2023

Kindle

ePub (Lehmanns)

English Version

.A Daring Experiment

Ahmet remembers an advertisement in a newspaper looking for test subjects for an experiment. Out of financial need, he had applied to the private research institute.

A dark cloud wing fluttered around the moon. For a few moments, the figure before me was as completely swallowed up by the darkness as the life we had once shared, in the universe of another time. But then the moon’s eye made its way through the cloud feathers again and illuminated the contours of the familiar stranger.
The sight of Gesa threw me back to those distant days that had fallen away from me like the shed skin of a snake. The blurry image of a newspaper advertisement appeared in my mind’s eye: „Scientist seeks test subjects for experiment. First-class earning opportunities!“
Suddenly I also recalled the contact address that had been mentioned in the advertisement. It was a private research company called „Visions for Humanity“.
At first, I remembered, the offer did not seem very serious to me. After all, I knew very well that participants in scientific experiments usually received a little pocket money at best. In the end, however, as is so often the case, hope triumphed over reason.
Without saying anything to Gesa, I dialled the number and made an appointment for the following day. The next morning, promptly at nine o’clock, I stood in a reception hall with gleaming white walls. The antiseptic aura of a research laboratory was combined here with the evocation of a tabula rasa, which was to be enforced by world-changing findings, the empirically founded reinterpretation of all interpretations and the revaluation of all values.
The pictures on the walls also corresponded to this: resolute strokes, dynamic wavy lines, cuboids emerging from a stylised primordial soup. In the centre, the company logo appeared in a fiery red circle: an H with a V detaching itself from the upper half of the other letter and rising up into the air like a Victory sign.
Behind an office door, the professional smile of an outer office lady greeted me: „Doctor France is already waiting for you.“
Indeed, as soon as I entered the neighbouring room, someone immediately jumped out from behind his desk and held out his hand to me. It was as if surges of electricity were emanating from it.
„Pierre France,“ he greeted me, hurling his name at me like a battle cry. „And you must be Mr. Ahmedi – right?“
His hair was in coquettish disarray. Under his clean-shaven chin, a garishly coloured bow tie spanned the collar of a shirt from which it seemed to have sucked out every colour.
Full of energy, the researcher’s eyes sparkled at me: „I’m glad you could come so quickly. Why don’t we sit down?“
He wheeled his office chair around the desk and sat down right next to me. This seemed a little intrusive to me, but at the same time had something conspiratorial about it. Apparently he wanted to create an atmosphere of trust for the following conversation.
„To get straight to the point,“ he began without further ado; „may I first ask you what prompted you to contact us?“
„I am currently unemployed,“ I confessed meekly.
„That’s excellent!“ the bubbly man enthusiastically said – before adding apologetically, when he saw my dismayed look: „I mean, of course, excellent for the experiment in which you want to participate. For that, the availability of our test subjects is a crucial point. That’s why it is important that the participants are not otherwise committed – even though unemployment may be a personal misfortune for those concerned.“
He looked at me encouragingly: „But that’s exactly what we want to overcome with our experiment!“
„The experiment interferes with my personal situation?“ I asked suspiciously.
„I know, I’m expressing myself terribly vaguely,“ Dr. France apologised with a wink.
Following a sudden impulse, he rose jerkily from his chair and announced with a sweeping gesture, a bit like a showman at the fair: „You know what? I’m first going to show you what the experiment is all about. If you don’t have a reasonable idea, our conversation will unfold in a vacuum, so to speak.“
With that, he went to his computer, scrolled through the files and clicked on one of them. When he turned the screen towards me, my gaze was caught by a video. I saw four monkeys in a large cage, obviously chimpanzees, eating bananas, playing, copulating.
„Just try to find out which one is the alpha animal in the group,“ Dr. France prompted me, sitting down next to me again.
The task was not difficult to solve. Even though I couldn’t tell the monkeys apart very well at first, it was obvious that one of them always had the lead when it came to who was allowed to eat first, play with an attractive toy or copulate with the only female in the group.
I pointed my finger at the appropriate animal. „This one is the leader, I think.“
Dr. France nodded with satisfaction. „Now find the same animal on this video here,“ he asked me.
He opened another film sequence, in which, however, I could not make out the dominant monkey from the first video. The most striking thing was that one of the chimpanzees was sitting timidly in the corner the whole time, while the others ate, frolicked or deloused each other.
„Are you sure the alpha male appears in the film?“ I asked, helpless.
„Just take a closer look at the chimpanzee in the corner,“ Dr. France advised me.
And indeed: now that I looked at the chimpanzee more closely, I realised that it was the same animal as the one that had appeared so dominant in the first video. „There must have been some kind of ranking fights,“ I guessed.
Dr. France laughed triumphantly. „That wasn’t necessary at all! All it took was flipping a little switch in the brain of the previously inferior male monkeys.“
I looked at him uncomprehendingly. „Excuse me? What are you trying to say?“
Crossing his spider arms behind his head, the gaunt man leaned back in his chair. „This little film shows,“ he lectured, „the result of many years of research. In short, I have succeeded in isolating a substance that makes it possible to influence biochemical processes in the brain in a very specific way. Someone whose brain physiological processes are controlled with this substance is afterwards so convinced of his own abilities that he will inevitably apply them in his own group. This discovery has led to the development of a compound which – as you could see in the film – has proven to be extremely effective in animal experiments. However, in order to bring the product to market, we still have to conduct trials with human test subjects.“
„I doubt that this will work,“ I replied hesitantly, avoiding the expectant gaze of the man sitting next to me. „Something like that might be okay with monkeys. But human interaction is much more complex … For example, what good is the most perfect self-confidence if some investor buys my company and kicks me out on the street? Even the most unshakeable belief in one’s own abilities can do nothing against that.“
Dr. France smiled superiorly. „That is precisely the crucial question,“ he replied. „Could it not be that you have signalled to your superiors through your lack of faith in yourself that you are not indispensable – and that then, in a self-fulfilling prophecy, the actual experience of being dispensable has further weakened your self-esteem?“
„Are you saying that I myself am to blame for my dismissal?“ I asked indignantly.
„No, not at all,“ Dr. France reassured me. „I was just pointing out that we are dealing with a chicken-and-egg issue here. We simply cannot know exactly what came first: your lack of belief in yourself or the rejection you experienced. But of course you are right in that an individual really has only limited influence on external events, such as restructuring in a company. With our own behaviour and the self-image that controls it, however, things look quite different. That is why we are addressing this very issue with the compound we have developed.“
Dr. France looked at me penetratingly, but I avoided his gaze. It was as if his eyes exerted a hypnotic attraction that I could hardly escape.

Bilder / Images: Sandid: Mond in Wolken / Moon in Clouds (Pixabay); Gerd Altmann: Erkenntnisfunke / Spark of Knowledge (PIxabay)

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..