Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels
Bei der Rückkehr in seine ehemalige Gegenwart stellt Theo fest, dass die Dinge einen anderen Verlauf nehmen als vor seinem Sprung durch das Tor der Zeit. Offenbar ist es Schorsch gelungen, am Rad der Zeit zu drehen.
Text hören:
Samstag, 14. Oktober
Nach meinem Ritt auf der Achterbahn der Zeit erscheint mir meine Wohnung gleichzeitig hypermodern und antiquiert. Der Alltag hier ist mir auf einmal genauso fremd wie früher Kegelstädte und Hexenprozesse. Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich mich wieder zu Hause fühle in meiner Heimat-Zeit.
Die Rückkehr in meine Ex-Zeit war allerdings nicht nur ein Kulturschock. Sie hatte auch sonst schockartige Züge. Von einer Sekunde zur anderen saß ich wieder auf meinem Platz im Überwachungsraum. Meine Mönchskutte war verschwunden, ich trug wieder Gegenwartskleidung, und vor mir zeigte die Reihe der Monitore dieselben langweiligen Stillleben wie vor meinem Sprung durch das Tor der Zeit.
Der Platz neben mir war verwaist. Schorsch war also gerade auf die Toilette gegangen, um per Fernbedienung die Bilder auf den Monitoren einfrieren zu lassen. Einer der beiden Security-Mitarbeiter, die uns als Wachhunde zugeteilt waren, war ihm gefolgt.
Was als Nächstes passieren würde, wusste ich nur allzu gut. In wenigen Augenblicken würde sich Schorsch beim Betätigen der Notfalluhr in Luft auflösen. Daraufhin würde Wachhund Nr. 1 zu dem hinter mir sitzenden Wachhund Nr. 2 laufen und ihn bitten, ihm bei der Suche nach Schorsch zu helfen. Ich würde derweil auf dem Monitor beobachten, wie Lina und Yvonne den Gang zu den Notstromaggregaten betreten und dabei von anderen Wachleuten gestellt werden.
Am Ende würde uns nichts anderes übrigbleiben, als wieder die Notfalluhr zu betätigen und erneut durch das Tor der Zeit zu entschwinden. Das Ergebnis wäre ein immerwährendes Hüpfen durch die Zeit. Wir wären dazu verdammt, in sisyphoshafter Manier den Stein der Zeit von einer Zeitebene zur anderen und wieder zurück zu rollen.
Mechanisch tastete ich nach meiner Notfalluhr – und musste feststellen, dass sie verschwunden war! Alles, was von ihr geblieben war, war eine große Brandblase. Wahrscheinlich hatte sich die Uhr bei meinem Sprung auf den Scheiterhaufen von meinem Arm gelöst und war ins Feuer gefallen. Oder war etwa der dritte Sprung durch das Zeitloch zu viel für sie gewesen? War sie dabei vielleicht in Brand geraten und verschmort?
Damit war also alles umsonst gewesen, dachte ich. Die ganze Reise durch die Zeit würde damit enden, dass genau das passierte, was ich mit ihr hatte verhindern wollen. Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass Lina ja über gar keine Notfalluhr mehr verfügte. Den Schüssen des Security-Personals wäre sie also hilflos ausgeliefert. Die abenteuerliche Flucht aus der Vergangenheit hätte ihr damit lediglich zu einem weniger schmerzhaften Tod verholfen.
Aber die Tür zum Überwachungsraum wurde nicht aufgerissen. Wachhund Nr. 1 kam nicht angelaufen, um mit Wachhund Nr. 2 nach Schorsch zu suchen. Und auch nach Lina und Yvonne hielt ich auf den Bildschirmen vergeblich Ausschau.
Stattdessen hörte ich nach einiger Zeit, wie sich der verbliebene Security-Mitarbeiter hinter mir von seinem Stuhl erhob. Reflexartig zog ich den Kopf ein. Aber der Mann beachtete mich gar nicht. Er stellte sich einfach neben mich und blickte durch die Fensterfront hinter den Monitoren hinab in den Saal, wo der Präsident, wie ich glaubte, die Bevölkerung auf den bevorstehenden Krieg einstimmte.
Fassungslos blickte mein Bewacher auf das, was sich vor seinen Augen abspielte. Erst jetzt bemerkte ich, dass etwas Wesentliches an dem Setting fehlte, in das ich zurückgeschleudert worden war: die Stimme des Präsidenten. Der Bildschirm zeigte ihn zwar am Rednerpult, aber er sagte nichts. Kein einziges Wort drang aus seinem Mund! Deshalb also war von Lina und Yvonne nichts zu sehen. Wahrscheinlich standen auch sie gerade vor einem Bildschirm und verfolgten das Geschehen im Saal.
Rasch erhob auch ich mich von meinem Platz und stellte mich neben den Security-Mitarbeiter an die Fensterfront. Von dort hatte ich einen guten Blick auf den Präsidenten. Er stand in einem Zustand offenkundiger Verwirrung am Rednerpult. Mehrmals setzte er zu einer Fortsetzung der Rede an, doch es kamen immer nur unartikulierte Laute über seine Lippen, die in Hüsteln oder Räuspern ausklangen.
Schließlich zog er ein Tuch aus der Tasche und tupfte sich damit den Schweiß von der Stirn. Dann nahm er, noch mit dem Tuch in der Hand, einen Schluck aus dem vor ihm stehenden Wasserglas, legte das Tuch zusammen, zerknüllte es gleich darauf und ließ es in seiner Tasche verschwinden.
Erst als die Zuhörer allmählich unruhig wurden, fand der Präsident die Sprache wieder. Die vormalige Entschlossenheit war allerdings ganz aus seiner Stimme gewichen. Auch das Redemanuskript, das er zuvor mit unverwandtem Blick fixiert hatte, schien er vergessen zu haben. Stattdessen irrten seine Augen unruhig umher, als suchte er etwas, das ihm Halt geben könnte.
„Tja“, murmelte er vor sich hin, „der Frieden … ein schönes Wort … Es hört sich an wie … wie …“
Er lächelte wie im Traum. „Da war einmal so ein Poster, das ich als Jugendlicher in meinem Zimmer aufgehängt hatte – ein Poster mit einer weißen Taube, die vor einem blauen Himmel schwebt … ein abgegriffenes Bild, ich weiß … Aber hat nicht selbst der Herr Pfarrer, der gestern die Predigt vor unseren Soldaten gehalten hat … Der Heilige Geist ist doch auch eine Taube! Natürlich, Tauben verschmutzen unsere Städte, aber … es ist ja nur ein Symbol, und eigentlich … Was wollte ich doch gleich sagen?“
Während die Sicherheitsbeamten hinter ihm zu tuscheln begannen und sich zwei Minister, die ihn hierher begleitet hatten, dem Pult näherten, verfiel der Präsident wieder für kurze Zeit in Schweigen. Dieses Mal schloss er dabei auch die Augen.
Plötzlich schien er sich an irgendetwas zu erinnern. Er öffnete die Augen wieder, hob den Kopf und fixierte das Redemanuskript: „Ja“, sagte er zustimmend beim Blick auf den Text, „es gibt wirklich keinen ‚halben Frieden‘. Schon wenn ein Einzelner ihn gefährdet, muss der Frieden zerbrechen. Wie soll es dann aber möglich sein, ihn zu retten, indem man ein ganzes Land mit Krieg überzieht? ‚Den‘ Frieden gibt es doch gar nicht, sondern nur friedliches und unfriedliches Verhalten. Der Frieden fängt in jedem Einzelnen von uns an, und wir können ihn wahrscheinlich nur dann bewahren, wenn wir wieder mehr aufeinander zugehen, wenn wir offen zueinander sind und Vertrauen aufbauen, anstatt Misstrauen zu säen.“
Der Präsident schüttelte missbilligend den Kopf, die Augen noch immer auf das Redemanuskript gerichtet: „Nein, die Sprache des Friedens kann niemandem durch die Sprache der Waffen gebracht werden, das passt einfach nicht zusammen, das ist doch …“
In diesem Augenblick legte einer der anwesenden Minister – ich glaube, es war der Verteidigungsminister – dem Präsidenten den Arm um die Schulter und drängte ihn sanft, aber doch entschieden vom Mikrofon weg. „Der Präsident ist offenbar von einem kleinen Unwohlsein befallen“, erklärte er in den jetzt offen ausbrechenden Tumult hinein. „Wir müssen die Rede leider kurz unterbrechen – ich bitte um Ihr Verständnis.“
Während der Präsident sich wie ein krankes Kind, das von seinen Eltern zu Bett gebracht wird, abführen ließ, erkannte ich, was zu dem Bruch in seiner Rede geführt hatte: Er hatte keinen Schatten mehr! Offenbar hatte Schorsch also mit dem Plan, von dem er mir in der Kegelstadt andeutungsweise erzählt hatte, Erfolg gehabt. Was er genau unternommen hatte, wusste ich freilich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
In dem großen Versammlungssaal des Bunkers entstand nun ein solches Chaos, dass die Fernsehkameras nur noch undeutliche Bilder übertragen konnten. Unbekannte Gesichter tauchten auf und verschwanden gleich darauf wieder, Fragmente von Gegenständen erschienen für Sekundenbruchteile in Großaufnahme, Hände zuckten vorüber oder griffen geradewegs in die Kamera hinein. Dann wieder wurden die Kameraleute augenscheinlich angerempelt, so dass das Bild kurzzeitig schwankte und wackelte wie bei einer Amateuraufnahme.
Ein Reporter versuchte, sich inmitten des Tumults Gehör zu verschaffen, doch wurden seine Worte nahezu vollständig von dem Stimmengewirr verschluckt, das den Saal erfüllte. Auch waren nun pausenlos die diversen Klingeltöne der Handys zu hören.
Wortlos wandte sich mein Security-Wachhund von mir ab und verließ den Raum. Er hatte nun Wichtigeres zu tun, als die Überwacher zu überwachen.
Auch für mich gab es jetzt keinen Grund mehr, weiter die Monitore anzustarren. Ich wartete, bis der Wachhund abgezogen war, dann machte ich mich selbst aus dem Staub.
Auf dem Gang wäre ich beinahe mit Schorsch zusammengestoßen. Lachend zwinkerte er mir zu: „Na? Habe ich zu viel versprochen?“

English Version
Turning the Wheel of Time
On returning to his former present, Theo finds that things are taking a different course than before he jumped through the gate of time. Apparently Shorsh has succeeded in giving the wheel of time a different turn.
Saturday, October 14
After my ride on the roller coaster of time, my flat seems hypermodern and antiquated at the same time to me. Everyday life here is suddenly as strange to me as skittle towns and witch trials were in the past. It will probably take a while before I feel at home again in my home time.
However, returning to my ex-time was not only a culture shock. It also had other shock-like aspects. From one second to the next, I was back in my seat in the monitoring room. My monk’s robe had disappeared, I was wearing present-day clothes again, and in front of me the row of monitors showed the same boring still lifes as before my leap through the gate of time.
The seat next to me was deserted. I knew that was because Shorsh had just gone to the toilet to freeze the images on the monitors by remote control. One of the two security guards assigned to us as watchdogs had followed him.
What would happen next was all too clear to me. In a few moments, Shorsh would vanish into thin air upon activating the emergency watch. Shorsh’s watchdog would then run to the watchdog sitting behind me and ask him to help him look for Shorsh. Meanwhile, on the monitor, I would see Lina and Yvonne enter the corridor to the emergency generators, where other guards would pounce on them.
In the end, we would have no choice but to activate the emergency watch again and disappear through the gate of time once more. The result would be a perpetual bouncing through time. We would be condemned to roll the stone of time from one time level to another and back again in a Sisyphean manner.
Mechanically, I fumbled for my emergency watch – and found that it had disappeared! All that was left of it was a large burn blister. Possibly the watch had come off my arm when I jumped onto the pyre. Or had the third jump through the time hole been too much for it? Had it perhaps caught fire as a result and burnt up?
So it had all been for nothing, I thought. The whole journey through time would end with exactly what I had wanted to prevent happening with it. Only now did I remember that Lina no longer had an emergency watch at all. So she would be helplessly exposed to the shots of the security guards. The adventurous escape from the past would merely result in a less painful death for her.
But the door to the monitoring room was not torn open. Shorsh’s watchdog did not come to ask his colleague to help him find the runaway. And Lina and Yvonne were not harassed by anyone either.
Instead, after a while, I heard the security guard behind me rise from his chair. Reflexively, I ducked my head. But the man paid no attention to me. He simply stood next to me and looked down through the large window behind the monitors into the hall where the president, as I suspected, was preparing the population for the imminent war.
Stunned, my guard gazed at what was happening before his eyes. Only now did I realise that something essential was missing in the setting I had been thrown back into: the president’s voice. The screen showed him at the lectern, but he said nothing. Not a single word came out of his mouth! So that’s why there was no sign of Lina and Yvonne. They too were probably standing in front of a screen watching the events in the hall.
I quickly rose from my seat and stood next to the security guard at the observation window. From there I had a good view of the President. He was standing at the lectern in a state of obvious confusion. Several times he tried to continue his speech, but only inarticulate sounds came from his lips, which ended in coughing or clearing his throat.
Finally, he pulled a cloth from his pocket and dabbed the sweat from his forehead. Then, with the cloth still in his hand, he took a sip from the glass of water in front of him, folded the cloth, crumpled it up immediately afterwards and then stuffed it into his pocket.
It was only when the audience began to get restless that the president regained his composure. The former decisiveness, however, had completely disappeared from his voice. Moreover, he seemed to have forgotten the speech manuscript, which he had previously fixed with an unwavering gaze. Instead, there was an unsteady flicker in his eyes, as if he were looking for something to hold on to.
„Well,“ he muttered to himself, „peace … a beautiful word … It sounds like … like …“
He smiled as if in a dream. „When I was young, I had a poster in my room – a poster with a white dove floating against a blue sky … a worn-out picture, I know … But didn’t even the priest who gave the sermon to our soldiers yesterday … After all, the Holy Spirit is also a dove! Of course, pigeons pollute our cities, but … it’s just a symbol, and actually … What was I about to say?“
While the security officers behind him began to whisper and two ministers approached the lectern, the president fell silent again for a while. This time he even closed his eyes.
Suddenly he seemed to remember something. He opened his eyes again, raised his head and stared at the speech manuscript: „Yes,“ he said approvingly, obviously referring to the text, „there really is no ‚half peace‘. Even if only one single person endangers it, peace will be shattered. But then, how can it be possible to save peace by waging war on an entire country? Ultimately, peace does not exist as the abstract thing we usually refer to it. There is only peaceful and unpeaceful behaviour. Peace starts in each and every one of us, and we can probably only preserve it if we show more empathy for each other, if we are open to each other and promote trust instead of sowing mistrust.“
The president shook his head disapprovingly, his eyes still fixed on the speech script: „No, the language of peace cannot be brought to anyone by the language of arms, that simply doesn’t go together, it is just …“
At that moment, one of the ministers – I think it was the Minister of Defence – put his arm around the president’s shoulder and gently but firmly pushed him away from the microphone. „The president seems to be affected by a slight malaise,“ he shouted into the turmoil that was now erupting. „I’m afraid we have to interrupt the speech for a moment – I ask for your understanding.“
While the president was being led away like a sick child taken to bed by his parents, I realised what had made him lose the thread: He no longer had a shadow! So obviously Shorsh had succeeded with the plan he had alluded to in the cone town. What exactly he had done, of course, I did not know at that time.
In the large meeting hall of the bunker there was now such chaos that the television cameras could only transmit blurred images. Unknown faces appeared and disappeared again, fragments of objects could be seen in close-up for fractions of a second, hands flashed by or reached straight into the camera. Then again, the cameramen were apparently jostled, so that the whole scene wobbled like in an amateur shot.
A reporter tried to make himself heard amidst the hubbub, but his words were almost completely swallowed up by the babble of voices that filled the hall. In addition, the various ring tones of the mobile phones could now be heard incessantly.
Wordlessly, my security guard turned away from me and left the room. He now had more important things to do than watch the watchers.
For me, too, there was no longer any reason to keep staring at the monitors. I waited until the watchdog had left, then I made my own escape.
In the corridor I almost collided with Shorsh. Laughing, he winked at me: „Great party, huh? But we’d better get out of here anyway!“
E-Book erhältlich / e-Book available
Bilder: Gerd Altmann: Gerd Altmann: Uhrengesicht / Clock face (Pixabay); Amy Art-Dreams: Rostiges Getriebe / Rusty gearbox (Pixabay)

