Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels
Theo ist in seine ehemalige Gegenwart zurückgekehrt. Dort findet er in einer alten Chronik einen Bericht über seinen „Abflug“ aus dem Jahr 1485.
Text hören:
Jetzt-Zeit, Freitag, 13. Oktober
Rettung in höchster Not … in letzter Sekunde … mit Gottes Hilfe … wie von Zauberhand …. Für Dinge wie die, die ich erlebt habe, müssen derartige Wendungen erfunden worden sein!
Es war schon mitten in der Nacht, als Stefan endlich zu mir in das Verlies gekommen war. Er hatte erst warten müssen, bis die Wachen abgezogen waren. Glücklicherweise erachtete man eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung nicht für notwendig. Vielleicht gingen die satanskundigen Inquisitoren davon aus, dass auch der Fürst der Finsternis seinen Schlaf braucht.
Bei Stefans Erscheinen müffelte ich schon verdächtig nach Angstschweiß. In der völligen Finsternis, die mich umgab, schlugen meine Gedanken Purzelbäume, sie verhakten sich ineinander zu fratzenhaften Gebilden, die mich allmählich zu einer Beute des Wahnsinns werden ließen. Ich hätte nicht mehr sagen können, ob ich träumte oder im wachen Zustand halluzinierte.
Stefan hatte nicht nur meine Notfalluhr und die Flugdüse dabei. Er hatte sich auch einen Plan ausgedacht, durch den ich nicht nur mich, sondern auch Lina retten könnte.
Nachdem ich mich jetzt schon wieder seit einer Woche in meiner „Heimat-Zeit“ befinde, konnte ich es mir nicht verkneifen, im Stadtarchiv nach alten Gerichtsprotokollen zu suchen. Vielleicht, so dachte ich, würde sich dort ja ein Bericht über meine Rettungsaktion auftreiben lassen. Was für mich nur ein paar Tage zurückliegt, ist schließlich im historischen Maßstab ein Teil einer lange zurückliegenden Vergangenheit.
Tatsächlich bin ich nach einigem Stöbern fündig geworden. In einer Chronik stieß ich auf einen Bericht, den wohl niemand anderes als Albertus verfasst hat. Über den Tag der Urteilsvollstreckung heißt es darin:
„Im Jahre des Herrn 1485 ist allhier auf dem Marktplatz eine böse Zauberin und Hexe, die sich frech als Dienerin Gottes ausgegeben, ihrer gerechten Strafe zugeführt worden.
Schon als die Buhle des Höllenfürsten aus dem Gefängnis geleitet worden, ist eine Menge Volks dagewesen, und haben alle zugesehn, wie die Hexe auf einen Leiterwagen gestiegen und zur Richtstätte ist geführt worden. Auf dem Weg dorthin haben sie aber die Knechte des Henkers mit glühenden Zangen gezwickt, weil sie gar so hartnäckig sich geweigert hat, sich zu ihren Sünden zu bekennen. Denn wer sich so der peinlichen Befragung widersetzt, der kann nur mit dem bösen Feind im Bunde sein. Drum haben auch die Leute, so die Hexe ihnen nahe kam auf ihrem Weg, ihr ins Gesicht gespuckt, damit sie ihre Verachtung spüren möge.
Auf dem Marktplatz sind dann die Untaten der Hexe verlesen worden, und haben alle gestaunt ob des erschrecklichen Umfangs der Verbrechen, die dieses Frauenzimmer begangen. Und ist noch einmal betont worden, wie die Hexerei so verdammungswürdig ist und dass in ihr sich das Grundübel auf frevelhafteste Weise offenbare, nämlich der Abfall des Menschen von dem Vater im Himmel.
Demütig dankten da alle dem allmächtigen Schöpfer, dass Er es durch Seinen weisen Ratschluss ermöglicht habe, der bösen Zauberin habhaft zu werden. Es hat aber jeder vermieden, der Hexe in die Augen zu sehen, um nicht von ihrem bösen Blick getroffen zu werden.
Darauf hat der Herr Scharfrichter ein Zeichen geben, dass seine Knechte das Reisig sollten anzünden, das man um den großen Scheiterhaufen ausgebreitet. Indes die Flammen emporschossen, hat man die böse Zauberin auf eine Leiter gebunden, auf dass man sie mitten in die Flammen werfen könne, wenn diese hoch genug wären. Und dies war wegen der vielen trockenen Zweige auch gar bald der Fall.
Also haben die Knechte die Leiter mit der Hexe hochgewuchtet, dass sie bald aufrecht dastand. Und wurden die Glocken dazu geläutet und haben alle gebannt auf den Scheiterhaufen geschaut und gebetet, dass er die Welt reinigen möge von dieser Unholdin.
Als aber das Feuer die Hexe schon mit seinem schwarzen Pechatem streifte, da ist der böse Feind erschienen und hat das Feuer durchstoßen, dass es sich teilte wie die Wasser des Meeres, das Moses mit seinem Volk durchschritten. Denn das Feuer ist sein Element, und er herrscht darüber mit unbeschränkter Macht. Die Menschen aber, so sie in der Nähe des Feuers standen, haben gemacht, dass sie fortkämen, damit die giftigen Dämpfe, wie sie der Gottseibeiuns verströmt, ihnen nicht den Garaus machten.
Auch war der Anblick so schrecklich, dass viele – zuvörderst das schwache Geschlecht – ohnmächtig zu Boden fielen, als sie des Bösen ansichtig wurden. Es hatte dieser nämlich einen Unterleib wie ein Ziegenbock, und zwischen seinen Beinen stand die Waffe seines Geschlechts, mit der er sich die Hexen gefügig macht, in abscheulicher Weise nach oben.
In den Händen aber trug der Leibhaftige verzauberte Schlangen, die mit ihrem Züngeln die Flammen von seiner Buhle fernhielten. Sein Kopf endlich war nur mit Fetzen von Haut bedeckt, so dass, wer nicht rechtzeitig den Blick abwandte, tief in seine Augenhöhlen hineinsehen musste, in denen sich die Würmer der Verdammnis auf das Widerwärtigste wanden. Und haben etliche bis heute ihren Schrecken über diesen schauderhaften Anblick nicht verwunden.
Der böse Feind aber hat seine Buhle ergriffen und sich mit ihr in die Lüfte erhoben. Und dort haben sich beider Gestalten vor aller Augen in nichts aufgelöst, was beweist, dass er mit ihr geradewegs in die Hölle geflogen ist.“
Was für eine schmeichelhafte Beschreibung meiner Rettungstat! Damit hat Albertus meinem Abflug aus der Vergangenheit wahrhaft ein würdiges Denkmal gesetzt. Ich hätte ihm gar nicht so viel Phantasie zugetraut.
Andererseits – aus seiner Perspektive hätte er das Geschehen auch kaum anders deuten können. Ein fliegendes Menschenpaar, das zum Sprung durch die Zeit ansetzt, würde schließlich auch heute noch für Verwunderung sorgen. Um wie viel mehr musste so etwas also die Menschen im Mittelalter in Verwirrung stürzen!
Dass ich meine „Buhle“ Lina als Flugmensch befreit habe, lag allerdings nicht daran, dass ich den Glauben an den Höllenfürsten befeuern wollte. Es hatte vielmehr rein praktische Gründe.
Den Schlüssel für das Verlies der Hexe hatte Bruder Heinrich aus Sicherheitsgründen an sich genommen. So gab es für mich keine Möglichkeit, Lina noch in der Nacht aus ihrem Kerker zu befreien. Ich konnte ihr nur durch die Tür hindurch von dem Rettungsplan berichten.
Auf dem Weg zum Schafott waren dann aber zu viele Leute um sie herum. Mit der Flugdüse auf dem Rücken hätte ich sie den vielen Händen nicht entreißen können. Und dass die Notfalluhr uns tatsächlich gemeinsam in eine andere Zeit katapultieren würde, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als den opernreifen Auftritt auf dem Schafott hinzulegen.
Und nun sitzt der Fürst der Finsternis also an seinem Laptop und digitalisiert, was er in seinem Zauberbüchlein niedergeschrieben hat, als Chronist seiner eigenen fernen Vergangenheit. Manchmal komme ich mir dabei selbst vor, als würde ich über eine fremde Person schreiben.
Über den Verbleib von Stefan habe ich auch schon etwas herauszufinden versucht. Tatsächlich gibt es eine Sammlung seiner Predigten, in der auch eine kurze Zusammenfassung seines Werdegangs enthalten ist. Der Herausgeber bedauert darin allerdings hauptsächlich, nichts Näheres über das Leben von „Bruder Eberhart“ mitteilen zu können. Nicht einmal sein Geburts- und Sterbedatum ließen sich mit Sicherheit angeben. Seine Spuren würden sich irgendwo in Rom verlieren, wo er wegen angeblicher Häresie angeklagt worden sei.
Ich entnehme daraus, dass Stefan offenbar seine ursprünglichen Pläne geändert und sich doch persönlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen geäußert hat. Wahrscheinlich hat er in Rom dann aber doch die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens eingesehen und sich der Verhandlung oder ihrer Fortsetzung entzogen. Wer weiß, vielleicht hat er danach den Rest seiner Tage irgendwo als Eremit zugebracht, oder er hat doch wieder seine Notfalluhr betätigt und ist nun, ein Schiffbrüchiger im Meer der Zeiten, für immer verschollen.

English Version
From a Chronicle of the Year 1485
Theo has returned to his former present. There he finds an account of his departure from the year 1485 in an old chronicle.
Present time, Friday, October 13
Rescue by the skin of my teeth … with God’s help … as if by magic … For experiences like the ones I went through, such expressions must have been invented!
It was already after midnight when Stephen had finally joined me in the dungeon. Of course, he had to wait until the guards had left. Fortunately, round-the-clock surveillance was not considered necessary in my case. Perhaps the inquisitors, knowing Satan very well, assumed that even the Prince of Darkness needed his sleep.
By the time Stephen appeared, the sweat of fear had long since spread on my skin. In the complete darkness that surrounded me, my thoughts somersaulted, they intertwined to form grimacing shapes that gradually made me a prey to madness. I could no longer tell whether I was dreaming or hallucinating while awake.
Stephen not only brought me my emergency watch and the flight engine. He had also come up with a plan by which I could save not only myself but also Lina.
Now that I have been in my „home time“ again for a week, I couldn’t resist looking for old court records in the town archives. Maybe, I thought, a report about my rescue operation could be found there. After all, what was only a few days ago for me is, on a historical scale, part of a distant past.
After some rummaging, I did indeed find what I was looking for. In a chronicle I came across an account that was probably written by none other than Albertus. About the day when the sentence was carried out, it says:
„In the year of our Lord 1485, an evil sorceress and witch, who impudently claimed to be a servant of God, was brought to justice in the market square.
As soon as the Prince of Hell’s paramour was led out of prison, a crowd of people gathered, and all watched as the witch climbed onto a cart and was led to the place of execution. On the way there, the executioner’s assistants pinched her with red-hot tongs because she had so stubbornly refused to confess her sins. For anyone who thus resists the painful interrogation can only be in league with the Evil One. Therefore, when the witch came near them on her way, people spat in her face so as to make her feel their contempt.
The witch’s misdeeds were then read out in the market square, and everyone was amazed at the horrific extent of the crimes committed by this wicked woman. Once again it was emphasised that witchcraft is truly condemnable and that in it the evil manifests itself in the most sacrilegious way: in the apostasy of humans from the Father in heaven.
Everyone humbly thanked the Almighty Creator that in His immeasurable mercy He had made it possible to get hold of the evil sorceress. However, everyone avoided looking the witch in the eye so as not to be struck by the evil spell of her gaze.
Thereupon the executioner gave a sign that his assistants should set fire to the brushwood that had been spread around the great funeral pyre. While the flames were flaring up, the evil sorceress was tied to a ladder so that she could be thrown into the middle of the flames as soon as they were high enough – which quickly happened because of the many dry branches.
So the assistants hefted the ladder with the witch to make it stand upright. All the bells were ringing and everyone was looking spellbound at the pyre, praying that it might cleanse the world of this disgraceful creature.
But when the fire was already reaching for the witch with its scorching breath, the evil enemy appeared and broke through the fire, so that it parted like the waters of the sea that Moses had crossed with his people. For fire is his element, and he rules over it with unlimited power. Thereupon the people standing near the fire ran away in despair so as not to be swallowed up by the poisonous vapours emitted by the Evil One.
The sight was so horrible that many – especially the sensitive dames – fell fainting to the ground when they saw the Evil One. For below the waist his body resembled that of a billy goat, and between his legs the weapon of his sex, with which he subdues the witches, stood up in a hideous manner.
In his hands, the Fiend carried bewitched serpents, which kept the flames away from his paramour with their lambent tongues. His head was covered only with scraps of skin, so that whoever did not look away in time had to gaze deep into his eye sockets, in which the worms of damnation wriggled in the most disgusting way. To this day, many have not recovered from their horror at this gruesome sight.
The evil enemy, however, unflinchingly seized his paramour and took to the skies with her. And there, before everyone’s eyes, they both vanished into thin air, proving that they flew straight to hell.“
What a flattering description of my rescue operation! Truly a worthy tribute to my departure from the past. I wouldn’t have expected Albertus to display so much imagination.
However, from his point of view, he could hardly interpret the events in any other way. After all, a flying couple leaping through time would cause astonishment even today. So how much more must such an incident have caused confusion among the people of the Middle Ages!
Admittedly, the fact that I freed my „paramour“ Lina as a flying man was not because I wanted to fuel the belief in the Prince of Hell. Rather, it was for purely practical reasons.
Brother Henry had decided to keep the key to the witch’s dungeon himself. So there was no way for me to free Lina from her dungeon during the night. I could only tell her about the rescue plan through the door.
On the way to the scaffold, she was surrounded by too many people. With the flight engine on my back, I wouldn’t have been able to snatch her from those many hands. And whether the emergency watch would indeed catapult both of us into another time, I could not know at that point. So I had no choice but to make an operatic appearance on the scaffold.
And now the Prince of Darkness sits at his laptop and digitises what he has written down in his little magic book, as a chronicler of his own distant past. At times I really do feel like I’m writing about a stranger.
As for Stephen, I have also tried to find out something about him. In fact, I came across a collection of his sermons, which also contains a short summary of his life and work. In it, however, the editor mainly regrets not being able to provide anything more detailed about the life of „Brother Eberhart“. Not even his date of birth and death are known exactly. His traces get lost somewhere in Rome, where he was accused of alleged heresy.
I gather from this that Stephen apparently changed his original plans and did speak out personally about the accusations against him. In Rome, however, he probably realised the futility of this undertaking and withdrew from the trial or its continuation. Who knows, perhaps he spent the rest of his days as a hermit somewhere, or he activated his emergency watch again and is now missing forever, a castaway in the sea of time.
Bilder / Images: Hexenverbrennung in Derenburg (Grafschaft Reinstein, heute Sachsen-Anhalt) / Burning of witches in Derenburg (county of Reinstein, today Saxony-Anhalt), 1555 (Wikimedia commons); Vinson Tan: Alte Bücher / Old books (Pixabay)