Ein Sonntagsgedicht von Paul Verlaine / A Sunday Poem by Paul Verlaine
In Paul Verlaines Gedichtband Sagesse (Weisheit) spiegelt sich die Hinwendung des Dichters zum Glauben wider. Allerdings scheint es ihm dabei mehr um den Trost einer allgemeinen Religiosität als um christliche Überzeugungen gegangen zu sein.
Endlos kräuselt das Meer der Hecken
dem Horizont entgegen sich, umlacht
von eines glänzenden Nebels Pracht,
darin sich die Beeren blinzelnd verstecken.
Leichthin über das zärtliche Grün
verstreut sind Bäume und Mühlen,
und Fohlen springen und spielen
trunken zwischen dem sorglosen Blühn.
Schmeichelnd webt des Sonntags Welle
Träume in das Gespinst aus Schafen
und Wolkentupfern im wärmenden Hafen
aus Wiesen an des Himmels Schwelle.
Und über Feld und summender Au,
brandend wie knisternde Locken,
löst sich aus segnenden Glocken
die Woge ins milchige Blau.
L’échelonnement des haies … aus: Sagesse (1880). Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 281. Paris 1902: Vanier
Göttliche Harmonie
Während des Gefängnisaufenthalts, zu dem Verlaine wegen der tätlichen Angriffe auf seinen Freund Rimbaud verurteilt worden war, suchte er Trost im christlichen Glauben. Angeregt und ermutigt wurde er hierzu durch intensive Gespräche mit dem Gefängnispfarrer.
Andeutungen von Verlaines Religiosität finden sich auch in den oben wiedergegebenen Versen. In Verbindung mit dem am Schluss des Gedichts erwähnten himmlischen Glockengeläut erhält die evozierte sonntägliche Harmonie eine transzendentale Qualität.
Die friedvolle Sonntagsstimmung vermittelt so eine Ahnung von der allumfassenden göttlichen Harmonie. Dies spiegelt sich in dem Gedicht auch darin wider, dass die „Welle“ der Hecken in den Himmel mündet, irdisches und überirdisches Meer also unmittelbar miteinander verbunden sind.
Religiosität in Verlaines Gedichtband Sagesse
Nun sind die Hinweise auf den christlichen Glauben in dem Gedicht allerdings eher andeutender Natur. Wenn man nicht weiß, dass viele der in dem Band Sagesse (Weisheit) versammelten Gedichte Verlaines Hinwendung zum christlichen Glauben widerspiegeln, wird man die Verse wohl nicht unbedingt mit diesem in Verbindung bringen.
Dies ist bei einigen Gedichten aus dem Band Sagesse anders. So enthält dieser etwa eine Absage an die irdische Liebe, an deren Stelle die alleinige Liebe zur „Mutter Maria“ treten solle [1]. Daneben findet sich darin auch ein längeres Zwiegespräch einer verirrten Seele mit Gott, das in der Inbrunst des Glaubensstrebens an Dostojewski erinnert.
Der Titel dieses dichterischen Zwiegesprächs enthält dabei zugleich einen Hinweis auf die Motivation für Verlaines Hinwendung zum Glauben: „Mon Dieu m’a dit: Il faut m’aimer“ (Mein Gott hat mir gesagt: Mein Sohn, man muss mich lieben; 2). Eben die Empfindung dieses Zwangs zur Liebe stellt die Wahrhaftigkeit des Glaubens, den Verlaine in manchen Gedichten aus Sagesse zelebriert, in Frage.
Gott erscheint aus dieser Perspektive wie ein Wiedergänger von Verlaines früh verstorbenem Vater. Den Gehorsam, den er diesem oft verweigert hat, verspricht er nun dem Vater im Himmel. Die Hinwendung zum Glauben wäre demnach der Versuch, sich den Normen und Geboten der Gesellschaft wie durch einen vor Gott bezeugten Treueschwur unterzuordnen.
Verlaines „unchristlicher“ Werdegang nach seiner Haftentlassung
Verlaines Werdegang im Anschluss an seinen Gefängnisaufenthalt legt nahe, dass diese religiös ummäntelte Unterwerfungsgeste eher eine temporäre Auswirkung der Haftbedingungen war als das Resultat eines echten inneren Wandels.
So hat er sich unmittelbar nach seiner Haftentlassung wieder mit Rimbaud getroffen, wobei es erneut zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen ist. Und statt seine Liebe allein der „Mutter Maria“ zuzuwenden, hat er sich während einer kurzzeitigen Tätigkeit als Lehrer in einen Schüler verliebt, was ihn seine Stelle gekostet hat. Auch Alkoholexzessen hat er sich erneut hingegeben und ist im Rausch auf seine Mutter losgegangen.
Weil seine Mutter daraufhin nicht Verlaine, sondern dessen Sohn aus seiner früh gescheiterten Ehe als Erben einsetzte, landete Verlaine nach deren Tod buchstäblich auf der Straße. Er musste in Armenasylen übernachten und war darauf angewiesen, dass Freunde ihm ab und zu ein wenig Geld zusteckten. Als er in den 1890er Jahren allmählich mehr Anerkennung als Dichter erlangte und aus Vorträgen und Preisen auch ein bescheidenes Einkommen erzielte, konnte das seinen frühen Tod im Januar 1896 nicht mehr verhindern.
Zwischen Sublimierung und rauschhafter Überwindung der Verzweiflung
Fragt man vor diesem Hintergrund nach der Bedeutung des Glaubens für Verlaine, so muss die Antwort wohl lauten: Die Frage ist falsch gestellt. Es ging Verlaine weniger um den Glauben als um die Religiosität, also nicht um christliche Überzeugungen, sondern um den inneren Frieden, den eine tief empfundene Religiosität vermitteln kann.
Die Religiosität war für Verlaine dabei allerdings nur ein Heilmittel unter anderen gegen seine innere Zerrissenheit. Ein weiteres war die Welt der Dichtung, in der er mit der besonderen Musikalität seiner Verse eine Harmonie erschuf, die er der Disharmonie seines alltäglichen Leben entgegenstellen konnte. Hinzu kam der Freundschaftsbund mit Rimbaud.
Daneben flüchtete Verlaine aber auch immer wieder in den Rausch, wenn sich seine verwundete Seele anders nicht besänftigen ließ – sei es in den Liebesrausch mit Prostituierten, sei es in den Alkoholrausch. Er schwankte also gewissermaßen zwischen einer bloßen Betäubung des Leidens an seiner Existenz und dessen Sublimierung. Dass er für Letztere während seiner Haftzeit auf den christlichen Glauben zurückgriff, war wohl schlicht den Umständen geschuldet.
Nachweise
[1] Paul Verlaine: Je ne veux plus aimer que ma mère Marie; aus: Sagesse (1880); Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 247 f. Paris 1902: Vanier.
[2] Paul Verlaine:Mon Dieu m’a dit: Il faut m’aimer; aus: Sagesse (1880); Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 251 – 258. Paris 1902: Vanier.

English Version
Longing for Divine Blessing
A Sunday Poem by Paul Verlaine
Paul Verlaine’s poetry collection Sagesse (Wisdom) reflects the poet’s turn to faith. However, this was apparently more due to his general need for comfort in religion than to genuine Christian convictions.
The wave of hedges ripples endlessly
towards the horizon, bathed
in the splendour of a shining haze,
in which the blinking berries hide.
In the fragrant plain, mills and willows
nestle in the blooming day,
and horses leap exuberantly
across the buzzing meadows.
Flatteringly the Sunday sorceress
weaves dreams into the web of sheep
and clouds that streak the sea
of fields at the threshold of heaven.
And over fields and buzzing meadows,
like an animating rain,
church bells pour exultantly
their blessing into the milky azure.
L’échelonnement des haies … from: Sagesse (1880). Oeuvres complètes, Vol. 1, p. 281. Paris 1902: Vanier
Divine Harmony
During his stay in prison, to which he had been sentenced for assaulting his friend Rimbaud, Verlaine sought consolation in the Christian faith. In this he was stimulated and encouraged by intensive conversations with the prison priest.
Hints of Verlaine’s religiosity can also be found in the verses reproduced above. In connection with the heavenly ringing of bells mentioned at the end of the poem, the evoked Sunday harmony takes on a transcendental quality.
The peaceful Sunday mood thus conveys an inkling of the all-encompassing divine harmony. This is also reflected in the poem by the fact that the „wave“ of the hedges flows into the sky, so that earthly and supernatural sea are directly connected.
Religiosity in Verlaine’s Poetry Collection Sagesse
However, the references to the Christian faith in the poem are rather allusive. If the reader does not know that many of the poems collected in the book Sagesse (Wisdom) reflect Verlaine’s turn to the Christian faith, the verses will probably not necessarily be associated with it.
This is not the case with some other poems in Sagesse. For example, the book contains a rejection of earthly love, which should be replaced by the sole love of „Mother Mary“ [1]. In addition, there is also a long dialogue between a lost soul and God, which is reminiscent of Dostoevsky in the fervour of its striving for faith.
The title of this poetic dialogue hints at the motivation for Verlaine’s turn to faith: „Mon Dieu m’a dit: Il faut m’aimer“ (My God told me: My son, I must be loved; 2). It is precisely this sensation of being forced to worship that calls into question the veracity of the faith that Verlaine celebrates in some of the poems from his book Sagesse.
From this perspective, God appears like a revenant of Verlaine’s father, who died at an early age. The obedience he often refused to his father he now promises to the Father in heaven. Turning to faith would thus be an attempt to subordinate himself to the norms and commandments of society as if by an oath of allegiance witnessed before God.
Verlaine’s „Unchristian“ Life after his Release from Prison
Verlaine’s life after his prison stay suggests that this religiously shaped gesture of submission was more a temporary effect of the prison conditions than the result of a genuine inner change.
Thus, a meeting with Rimbaud immediately after his release from prison again ended in a heated argument. And instead of turning his love solely to „Mother Mary“, Verlaine fell in love with a pupil during a brief stint as a teacher, which cost him his job. Furthermore, he indulged in alcoholic excesses again and attacked his mother while drunk.
Since his mother did not appoint Verlaine, but his son from his early failed marriage as her heir, Verlaine literally ended up on the street after her death. He had to sleep in night shelters and depended on friends to slip him a little money now and then. When he gradually gained more recognition as a poet in the 1890s and also earned a modest income from lectures and prizes, it was too late to prevent his early death in January 1896.
Between Sublimation and Ecstatic Overcoming of Despair
Against this background, the answer to the question about the significance of faith for Verlaine must probably be: The question is wrongly posed. Verlaine was less concerned with faith than with religiosity, i.e. not with Christian convictions, but with the inner peace that a deeply felt religiosity can convey.
However, for Verlaine, religiosity was only one remedy among others against his inner brokenness. Another remedy was the world of poetry, in which the special musicality of his verses helped him create a harmony that defied the disharmony of his everyday life. And last but not least, there was the bond of friendship with Rimbaud.
In addition, though, Verlaine repeatedly took refuge in various forms of inebriation when his wounded soul could not be soothed in any other way – in the frenzy of love with prostitutes as well as in alcoholic excess. In a sense, he vacillated between merely numbing the suffering of his existence and sublimating it. The fact that he used the Christian faith as a means of sublimation during his imprisonment was probably simply due to the circumstances.
References
[1] Paul Verlaine: Je ne veux plus aimer que ma mère Marie; from: Sagesse (1880); Oeuvres complètes, Vol. 1, p. 247 f. Paris 1902: Vanier.
[2] Paul Verlaine:Mon Dieu m’a dit: Il faut m’aimer; from: Sagesse (1880); Oeuvres complètes, Vol. 1, pp. 251 – 258. Paris 1902: Vanier.
Bilder / Images: Vincent van Gogh (1853 – 1890): Der alte Kirchturm [von Nuenen] in den Feldern / The old church tower [of Nuenen/Netherlands} in the fields(1884); Wikimedia commons; Henry Bainbridge McCarter: Illustration zu einem Band mit Gedichten von Paul Verlaine (S. 81) /Illustration for a book with poems by Paul Verlaine (p. 81). . New York 1906: Duffield & Co.