Paul Verlaines Brüsseler Graffiti-Gedichte / Paul Verlaine’s Brussels Graffiti Poems
1872 verließ Paul Verlaine mit dem zehn Jahre jüngeren Arthur Rimbaud Paris und führte ein Jahr lang ein Vagabundenleben mit ihm. Die befreiende Wirkung dieses Ausbruchs aus den bürgerlichen Verhältnissen spiegelt sich auch in Verlaines Gedichten wider.
Brüssel: Schlichte Wandmalereien
Grünliches, rosenbenetztes Entfliehen
der Hänge und Hügel,
wenn in der Lampen Zwielicht erblühen
des Dunkels einende Flügel.
Demütig tränkt sich das Gold
der herbstlichen Täler mit Blut,
wo in dem wipfellosen Baum, wie ungewollt,
das Lied eines Vogels noch ruht.
Welle, die an den Strand sich verschäumte,
zu schnell für der Trauer Gebinde.
Ach, dass mein Sehnen schweifend sich träumte
heim in den wiegenden Arm der Winde!
II
Kristallblaue Himmelsarkaden
wölben sich über zwei Nomaden,
über uns, die wir in stolzer Blässe
träumen in der Blätter Nässe
unter den ausladenden Ästen
vor den prunkvollen Palästen.
Wie gerne würd‘ ich sie begleiten,
jene Herren, die da schreiten
gut betucht dem Schloss entgegen!
Ist es wirklich zu verwegen,
zu hoffen, dass die ehrwürdigen Greise
mich aufnehmen in ihre Kreise?
Ach, die schneeweiße Mauer
in des Abends Purpurtrauer,
und endlos an ihren Rändern
die Felder in ihren Sommergewändern –
könnte doch in jenen Traumgefilden
unsere Liebe Wurzeln bilden!
Paul Verlaine: Bruxelles 1: Simples fresques (August 1872) aus: Romances sans paroles (Wortlose Romanzen; 1874).Oeuvres complètes, Bd. 1, S. 170 – 172. Paris 1902: Vanier
Vertonung des ersten Gedichts durch Guy Sacre (geb. 1948); aus: Trois Poèmes de Verlaine (Gesang: Jean-Francois Gardeil; Klavier: Billy Eidi)
Zwischen Bohème und Bürokratie
Schon vor 1871 war Paul Verlaine sicherlich kein Mensch, von dem man sagen würde, dass er mit sich „im Reinen“ war. Im Herzen Dichter, wurde er von seinem Vater gezwungen, eine Angestelltenlaufbahn bei der Pariser Stadtverwaltung einzuschlagen.
So war Verlaine genötigt, den Schein einer bürgerlichen Existenz zu wahren, während er gleichzeitig jede freie Minute nutzte, um zu dichten und sich in den Kreisen der literarischen Bohème zu bewegen. Die daraus entstehenden inneren Konflikte ertränkte er immer wieder im Alkohol.
Allerdings gab ihm der Zwang, wenigstens äußerlich die Verbindung zur bürgerlichen Gesellschaft aufrechtzuerhalten, doch auch einen gewissen Halt. Diesen verlor er, als er sich 1871 den Revolutionären der Pariser Kommune anschloss und nach deren Scheitern seinen Posten bei der Stadtverwaltung einbüßte.
Verlaine und Rimbaud
In dieser Situation erhielt Verlaine Post von einem jungen Dichter: Der damals erst 16-jährige Arthur Rimbaud schickte ihm eine Auswahl seiner Gedichte. Verlaine lud den frühreifen Dichterkollegen daraufhin zu sich nach Paris ein und stürzte sich mit ihm in eine der wohl atemlosesten Liaisons der Literaturgeschichte.
Zwischen Juli 1872 und Juli 1873 bereisten die beiden Dichterfreunde Nordfrankreich, Belgien und England. Ihre Beziehung war dabei äußerst dynamisch. Mehrfach kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen, vorübergehenden Trennungen und Versöhnungen. Diese emotionale Aufgewühltheit war zugleich Zeichen und Motor des durch die Freundschaft angeregten kreativen Prozesses, der sich bei beiden Dichtern in einer erhöhten literarischen Produktivität niederschlug.
Im Sommer 1873 kam es jedoch in London zum endgültigen Bruch. Verlaine reiste daraufhin allein nach Brüssel ab. Der Verlust der Freundschaft zu Rimbaud belastete ihn so sehr, dass er sich sogar mit Selbstmordgedanken trug. Allerdings ließ er sich mit der Ausführung seiner Pläne dann doch genug Zeit, um Rimbaud und seiner Mutter Gelegenheit zu geben, nach Erhalt der an sie gesandten Abschiedsbriefe zu ihm nach Brüssel zu reisen.
Das Wiedersehen mit Rimbaud führte indessen nicht zu der erhofften Versöhnung. Stattdessen kam es erneut zu einem heftigen Streit, in dessen Verlauf Verlaine auf Rimbaud schoss. Zwar wurde dieser dabei nur leicht verletzt. Da er sich jedoch weiterhin von Verlaine bedroht fühlte, zeigte er den Freund bei der Polizei an, die Verlaine daraufhin verhaftete.
Besänftigter Schmerz
Die beiden oben wiedergegebenen Brüssel-Gedichte Verlaines datieren vom August 1872, also aus der Anfangszeit des Wanderlebens mit Rimbaud. Dies ist den Versen auch deutlich anzumerken.
Schon der Titel der Gedichtpaars deutet den Übermut des Vagabunden an. „Schlichte Wandmalereien“ – das klingt fast wie eine Vorstufe der späteren Graffiti, von Bildern also, die weit stärker dem Augenblick verhaftet sind als ein im Atelier angefertigtes Gemälde. Gerade dies freilich kann ihnen eine besondere Lebendigkeit verleihen.
So scheinen auch Verlaines dichterische Fresken den Augenblick zu feiern. Das erste Gedicht verbreitet dabei eine für Verlaine typische elegische Stimmung. Diese ist hier allerdings nicht – wie es sonst oft in Verlaines Gedichten der Fall ist – Ausdruck einer ausweglosen Verzweiflung oder inneren Zerrissenheit. Vielmehr ist sie verknüpft mit der Vision eines abendlichen Wiegenliedes, welches das lyrische Ich mit sich selbst versöhnt. Die Trauer erhält dadurch eine im Wortsinn „erhabene“, die Seele aus dem irdischen Jammertal heraushebende Qualität.
Simplicianische Ironie
Noch stärker als in dem ersten kommt in dem zweiten Gedicht das befreiende Gefühl des Wanderlebens zum Ausdruck, des Aufbruchs zu neuen Ufern. Zwar deutet sich auch hier Verlaines prekäre Lebenssituation an – die Tatsache also, dass er als Dichter dazu verdammt ist, am Rande der Gesellschaft zu leben und nirgends richtig dazuzugehören.
Allerdings thematisiert Verlaine dieses Grundübel seiner Existenz in diesem Fall mit einem Mittel, das bei diesem Dichter ansonsten eher selten anzutreffen ist: mit Ironie. Der Gedanke, dass die hohen Herrschaften, die durch den edlen Park dem Schloss entgegenschreiten, ihn, den ewigen Nomaden, in ihre Mitte aufnehmen oder gar ihren Platz mit ihm tauschen könnten, ist von einer simplicianischen Komik.
Eben hierin offenbart sich die heilsame Wirkung, welche die Wandermonate mit Rimbaud auf Verlaine ausübten. Sie haben ihm den Weg zu einem inneren Glück gewiesen, das nicht auf materiellen Reichtum angewiesen ist.
Eben hierauf verweist auch der Schluss des Gedichts: Die Paläste der Reichen, das satte Leben der Arrivierten, ihre Gärten, in denen die poetischen Outlaws dieser Welt allenfalls als flüchtige Gäste oder Gaukler geduldet sind – all das wäre zwar ein schönes Ambiente für zwei Seelen, die ihre innige Verbundenheit entdeckt haben. Sie sind darauf jedoch nicht angewiesen, weil ihre Träume tausendmal schönere Paläste in den Himmel malen können.

English Version
The Freedom of the Vagabond
Paul Verlaine’s Brussels Graffiti Poems
In 1872, Paul Verlaine left Paris with Arthur Rimbaud, ten years his junior, and led a vagabond life with him for one year. The liberating effect of this escape from bourgeois society is also reflected in Verlaine’s poems.
Brussels: Simple Murals
I
Moistened with the breath of roses,
the slopes and hills fade away,
while in the twilight of the lamps
the unifying wings of darkness blossom.
Devoutly, the gold of the autumnal valleys
turns to blood, while in the spectre of a tree
the song of a blackbird quivers
on the abyss of the night.
So fast the autumn’s wave broke on the beach,
too fast for sorrow’s arrow.
If only my longing could dream itself home,
drifting in the cradle of the winds!
II
Crystal blue sky arcades
arch above two nomads –
above us, who in proud pallor
dream in the foliage wetness
under the overhanging branches
in front of the magnificent palaces.
How I wish I could accompany them,
those noblemen who stride
so gallantly towards the castle!
Is it really too bold
to hope that these venerable lords
accept me into their circle?
Ah, the snow-white wall
in the purple mourning of the evening,
and endlessly at its edges
the fields in their summer robes –
if only our love could take root
in those dream-embroidered realms!
Paul Verlaine: Bruxelles 1: Simples fresques (August 1872) from: Romances sans paroles (Wordless Romances; 1874). Oeuvres complètes, Vol. 1, pp. 170 – 172. Paris 1902: Vanier
Musical Setting of the first poem by Guy Sacre (born 1948); from: Trois Poèmes de Verlaine (voice: Jean-Francois Gardeil; piano: Billy Eidi): Musical Setting
Between Bohemia and Bureaucracy
Even before 1871, Paul Verlaine was certainly not a person who could be considered at peace with himself. A poet at heart, he was forced by his father to take up a clerical career at the Paris city administration.
Thus Verlaine was compelled to maintain the appearance of a bourgeois existence, while at the same time using every free minute to write poetry and frequent the circles of literary bohemia. The resulting inner conflicts he repeatedly drowned in alcohol.
However, the compulsion to maintain at least an outward connection to bourgeois society gave him a certain stability. This was lost for him when he joined the revolutionaries of the Paris Commune in 1871 and after their failure forfeited his employment with the city administration.
Verlaine and Rimbaud
In this situation, Verlaine received mail from a young poet: Arthur Rimbaud, only 16 years old at the time, sent him a selection of his poems. In response, Verlaine invited the precocious fellow poet to his home in Paris and engaged in what was probably one of the most breathless liaisons in literary history.
Between July 1872 and July 1873, the poet friends travelled through northern France, Belgium and England. Their relationship was extremely dynamic. Several times they had heated discussions, quarrelled with each other, separated and reconciled. This emotional turmoil was both a sign and a motor of the creative process stimulated by the friendship, reflected in increased literary productivity for both poets.
In the summer of 1873, however, they finally broke up in London, and Verlaine left for Brussels. The loss of his friendship with Rimbaud burdened him so much that he even had suicidal thoughts. Yet he delayed the execution of his plans long enough to give Rimbaud and his mother the opportunity to travel to him after receiving the farewell letters sent to them.
The reunion with Rimbaud, though, did not lead to the reconciliation Verlaine had secretly hoped for. Instead, another heated argument ensued, in the course of which Verlaine shot at his friend. Although Rimbaud was only slightly injured, he still felt threatened by Verlaine. So he reported his friend’s assault to the police, who subsequently arrested Verlaine.
Soothed Pain
Verlaine’s Brussels poems reproduced above date from August 1872, i.e. from the early days of his itinerant life with Rimbaud. The euphoria of departure is indeed clearly evident in the verses.
The title alone of the pair of poems hints at the vagabond’s high spirits. „Simple murals“ – that sounds almost like a precursor of the later graffiti, of images that are far more attached to the moment than a painting created in a studio – which can lend them a particular liveliness.
In a similar way, Verlaine’s poetic murals also seem to celebrate the moment. It is true that the first poem exudes an elegiac mood typical of Verlaine. However, this is not – as is often the case in Verlaine’s poems – a reflection of hopeless despair or inner conflict. Rather, it is linked to the vision of an evening lullaby that reconciles the lyrical I with itself. This gives the sorrow a sublime quality that lifts the soul out of the earthly vale of tears.
Mischievous Irony
Even more strongly than in the first poem, the second one expresses the liberating feeling of a life „on the road“, of setting out for new shores. Admittedly, Verlaine’s precarious life situation is also hinted at here, namely the fact that as a poet he is condemned to live on the fringes of society.
However, Verlaine addresses this crucial dilemma of his existence in this case with a device that is rather untypical of his poetry: with irony. The idea that the distinguished noblemen who walk through the stately park towards the castle could accept him, the eternal nomad, into their midst, or even swap places with him, reveals a mischievous humour.
This shows the healing effect that the months of rambling with Rimbaud had on Verlaine. They showed him the way to an inner happiness that is not dependent on material wealth.
This is also what the conclusion of the poem refers to: the palaces of the rich, the saturated life of the established, their gardens where the poetic outlaws are tolerated at best as fleeting guests or jesters – all this would be a beautiful place to live for two souls who have discovered their intimate bond. But they are not dependent on it, because their dreams can paint a thousand times more beautiful palaces in the sky.
Bilder / Images: Fotomontage mit Porträts von Verlaine und Rimbaud aus der Zeit um 1870; vgl. Hugfon: Images de Verlaine et Rimbaud; rimbaudphotographe.eu, 22. September 2020. / Photomontage with portraits of Verlaine and Rimbaud from around 1870; cf. Hugfon: Images de Verlaine et Rimbaud; rimbaudphotographe.eu, 22 September 2020; Paul Verlaine (links) und Arthur Rimbaud; Ausschnitt aus: Henri Fantin-Latour (1836 – 1904): Eine Tischecke (1872); Paris, Musée d’Orsay (Wikimedia commons) / Paul Verlaine (left) and Arthur Rimbaud; detail from: Henri Fantin-Latour (1836 – 1904): A Table Corner (1872); Paris, Musée d’Orsay (Wikimedia Commons); William Turner (1775 – 1851): Baumwipfel und Himmel (1807); London, Tate National Gallery (Wikimedia commons) / William Turner (1775 – 1851): Treetops and Sky (1807); London, Tate National Gallery (Wikimedia Commons); Arthur Rimbaud, gezeichnet von Verlaine im Juni 1872 (veröffentlicht 1895 in den Dessins de Verlaine pour l’édition Vanier des Poésies) / Arthur Rimbaud, drawn by Verlaine in June 1872 (published in 1895 in the Dessins de Verlaine pour l’édition Vanier des Poésies)

