Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels
Theo wird von Albertus zu einem Hexenprozess abgeholt, dem er als Zeuge beiwohnen soll. Der Prozess hält eine sehr unangenehme Überraschung für ihn bereit.
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Donnerstag, 31. März 1485
Was bin ich doch für ein Idiot! Warum nur bin ich nicht umsichtiger vorgegangen, zielgerichteter? Habe ich wirklich geglaubt, ich könnte einfach so in eine fremde Zeit hereinspazieren und mich dort von dem Geschehen treiben lassen? Wie habe ich nur annehmen können, das Schicksal – oder wer auch immer – würde mich ganz von selbst in die gewünschte Richtung lenken?
Fakt ist: Durch meine Naivität gefährde ich das Leben anderer und bewirke so das Gegenteil dessen, was ich eigentlich vorhatte. Statt dem Bösen Einhalt zu gebieten, werde ich unversehens selbst zu seinem Werkzeug. So war es bei meinem Abstecher in die Zukunft, und so wird es auch jetzt wieder sein, wenn mir nicht bald die rettende Idee kommt.
Wenn wenigstens Schorsch da wäre! So muss ich mir selbst seine Tausendsassa-Mentalität zu eigen machen – anders werde ich wohl kaum einen Ausweg aus dieser vertrackten Lage finden.
- Der verstörte Zeuge
Dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die von Bruder Heinrich gelegte Zündschnur Feuer fangen würde, war mir klar gewesen. Aber dass es so bald geschehen ist, hat mich dann doch überrascht. Schließlich sind gerade mal drei Tage vergangen, seit er seine Rede gehalten hat!
Schon als es in aller Frühe, nicht lange nach der Morgenandacht, an meiner Tür klopfte, hatte ich ein ungutes Gefühl. Ich fürchtete, man hätte Albertus‘ und meinen Besuch im Frauenkloster entdeckt und wollte nun ein Exempel an uns statuieren.
In aller Eile sprang ich auf, um die Notfalluhr unter dem Bett hervorzuholen, aber da öffnete sich schon die Tür. Es war wieder nur Albertus. Ich war zunächst erleichtert, weil ich annahm, er statte mir einen seiner üblichen Verschwörerbesuche ab. Misstrauisch machte mich jedoch, dass er seinen Habit mit den versilberten Ärmeln angelegt hatte, für den ihn Bruder Eberhart in der Kirche gemaßregelt hatte. Auch die an ihm ganz ungewohnte Ernsthaftigkeit seines Auftretens zeigte mir, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein musste.
„Bruder Heinrich hatte Recht“, eröffnete er mir. „Eine der Beginen hat sich offenbar der Hexerei schuldig gemacht. Noch heute machen wir ihr den Prozess.“
„Aber – das ist doch Wahnsinn!“ entfuhr es mir. „Ihr werdet doch nicht diesem Mordbrenner zu Willen sein!“
Albertus reagierte säuerlich. „Deine Rede scheint mir etwas wirr“, wies er mich zurecht. „Auch bin ich nicht hier, um mit dir zu debattieren, sondern um dich zu dem Verfahren abzuholen. Auf meinen Vorschlag hin bist du als Zeuge geladen worden.“
Ich sah ihn verständnislos an. „Als Zeuge? Aber ich kenne die Angeklagte doch gar nicht!“
Albertus schüttelte unwillig den Kopf. „Du sollst ja auch nicht die Taten der Beklagten, sondern die Rechtmäßigkeit des Verfahrens bezeugen! Das ist eine große Ehre für dich. Außerdem ist es für uns alle eine hervorragende Gelegenheit, uns in solcherlei Prozessen kundig zu machen. Wenn du wieder in dein Heimatkloster zurückgekehrt bist, wird man dich preisen ob solcher Kenntnisse!“
Ich war also zu einem Schauprozess eingeladen – und sollte mich dafür auch noch geehrt fühlen! Zu dem Prozess waren nur ausgewählte Beobachter zugelassen worden. Außer mir und Albertus zählten lediglich zwei weitere Mönche und sechs Ratsherren, darunter der Vater von Albertus, zu dem erlauchten Kreis. Der Prior hatte wegen anderweitiger Verpflichtungen abgesagt.
„Während des Prozesses solltest du am besten schweigen“, riet mir Albertus, während er mich zu dem Ort geleitete, an dem der Prozess stattfinden sollte. „Sofern du aber doch das Wort an mich richtest, achte bitte darauf, mich keinesfalls zu duzen – es ist nicht üblich unter Mönchen.“
Plötzlich war er eifrig darauf bedacht, sich an die Regeln zu halten – ganz der künftige Prior! Dabei wirkte sein staatsmännisches Auftreten in Verbindung mit seinem Säuglingsgesicht eher lächerlich. Um auch seine Kleidung an die Ordensgebote anzupassen, war er allerdings zu eitel. So deutete der Kleiderschmuck bereits voraus auf die Freiheiten, die er sich als Vorsteher des Klosters herauszunehmen gedachte.
Instinktiv spürte ich, dass ich mich von nun an besonders unauffällig verhalten musste, wollte ich Bruder Heinrich sein Opfer noch aus der Hand reißen. Auch meine Schattenlosigkeit wurde mir plötzlich wieder stärker bewusst als zuvor. Ich blieb deshalb immer schräg hinter Albertus, wenn wir ein Fenster passierten oder an einer der Fackeln, die gegen das dämmrige Morgenlicht anflackerten, vorbeigingen.
Als Verhandlungsort für den Prozess war eine Ecke des Kreuzgangs hergerichtet worden. Dies entsprach der hier auch sonst üblichen Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen – was wohl die Akzeptanz der Prozessführung bei den Beobachtern erhöhen soll. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte sicher auch die Tatsache, dass es der Sonne gerade am Tag vor dem Prozess gelungen war, sich durch die hartnäckigen Wolkenmassen hindurchzuwühlen.
Schon von weitem erblickte ich Bruder Heinrich. Er saß leicht erhöht auf einem mit Armlehnen versehenen Stuhl, über den ein bestickter Umhang gebreitet war. Zu seiner Rechten war ein Schreibpult hergerichtet worden, auf das Albertus zusteuerte. Als Chronist der Stadt war er mit der Protokollführung betraut worden. Daneben warteten schon die beiden weiteren zu dem Prozess geladenen Mönche. Ihren würdevollen Gesichtern war deutlich die Genugtuung über dieses Privileg anzumerken.
Links von Bruder Heinrich saßen – gleich neben einem Tisch, auf dem allerlei für den Prozess benötigte Utensilien bereitstanden – die geladenen Ratsherren. In gebührendem Abstand zu ihnen verharrte der, den ich schon von der Predigt auf dem Marktplatz her kannte, der Mann mit der lila-roten Kleidung und dem verschlossenen Lächeln: der Scharfrichter. Er stand da wie ein Muster an Gehorsam und Dienstbeflissenheit, ein echter Beamter des Todes.
Der Stuhl des Prediger-Richters stand auf der ins Innere des Klosters führenden Treppenstufe. Um zu dem Verhandlungsort zu gelangen, mussten Albertus und ich daher durch eine andere Tür nach draußen treten. So kehrte die Angeklagte mir zunächst den Rücken zu. Außerdem versperrten die Säulen des Kreuzgangs die Sicht auf sie.
Erst als wir näher herantraten, geriet sie – zusammen mit den beiden Wächtern, die man zu beiden Seiten ihres Stuhles aufgestellt hatte – in mein Blickfeld. Die Gerichtsschergen hatten ihr ein leinenes, etwa knielanges Hemd angezogen und ihr den Kopf kahlgeschoren. Später erfuhr ich, dass man ihr die gesamte Körperbehaarung abgesengt hatte.
In ihren Händen hielt die Angeklagte einen Rosenkranz mit einem daran festgebundenen Kreuz. Dieses betastete sie unentwegt mit ihren Fingern, als suchte sie dort nach etwas.
Trotz der religiösen Symbole erinnerte mich das Tribunal eher an die Schnellverfahren vor Kriegsgerichten. Zu deutlich wies die Inszenierung darauf hin, dass hier weder mit weltlicher noch mit göttlicher Gnade zu rechnen war.
Als ich eben meinen Platz am äußeren Rand der Mönchsreihe eingenommen hatte, traf sich mein Blick mit dem der Angeklagten. Ich erschrak so heftig, dass nicht nur Albertus, sondern auch meine Mitbrüder und Bruder Heinrich mich befremdet ansahen. Denn die Frau, die da wie eine Schwerverbrecherin in Erwartung ihrer Hinrichtung zur Schau gestellt wurde, deren Kopfhaut sich über den Schädelknochen spannte wie eine Karnevalsmaske, deren Augen wie die Erinnerung an eine andere Zeit in ihren Höhlen lagen, war mir nur zu gut bekannt – es war Lina!

English Version
The Witch Trial/1: The Distraught Witness
Theo is picked up by Albertus for a witch trial, which he is to attend as a witness. The trial has a very unpleasant surprise in store for him.
Thursday, March 31, 1485
Damn it, what a fool I am! Why didn’t I proceed more carefully, more purposefully? Did I really think I could just walk into a foreign time and let myself drift along? How could I have assumed that fate – or whatever – would guide me in the desired direction all by itself?
Unfortunately, it is a fact that through my naivety I endanger the lives of others and thus achieve the opposite of what I actually intended. Instead of putting an end to evil, I unawares become its tool myself. That’s how it was on my excursion into the future, and that’s how it will be again now, if I don’t come up with a flash of inspiration soon.
If only Shorsh were here! Without him I have to adopt his jack-of-all-trades mentality myself – otherwise I will hardly find a way out of this awkward situation.
If only Schorsch were here! Without him, I have to adopt his jack-of-all-trades mentality myself – otherwise I’m unlikely to find a way out of this awkward situation.
- The Distraught Witness
It had been plain to see that it would only be a matter of time before the fuse laid by Brother Henry would catch fire. Nevertheless, I was surprised that it happened so soon. After all, only three days have passed since his sermon of hate.
When there was a knock on my door early in the morning, not long after the matutinal prayer, I immediately had a bad feeling. I feared that Albertus‘ and my visit to the women’s monastery had been discovered and that we should serve as an example of how to deal with sinners.
Hastily I jumped up to get the emergency clock out from under the bed, but the door was already opening. It was only Albertus again. I was relieved at first because I assumed he was paying me one of his usual conspiratorial visits. However, it aroused my suspicion that he had put on his habit with the silver-plated sleeves, for which Brother Eberhart had reprimanded him in church. In addition, the seriousness of his demeanour, which was quite unusual for him, showed me that something extraordinary must have happened.
„Brother Henry was right,“ he revealed to me. „One of the Beguines has apparently practised witchcraft. This very morning we will put her on trial.“
„But – that’s madness!“ I exclaimed reflexively. „Do you really want to make yourselves the tools of this agitator?“
Albertus reacted sourly. „Your speech seems a little confused to me,“ he rebuked me. „Besides, I am not here to debate with you, but to pick you up for the trial. At my suggestion you have been summoned as a witness.“
I looked at him uncomprehendingly. „As a witness? But I don’t even know the accused!“
Albertus shook his head disapprovingly. „You got me wrong – you are not supposed to testify to the deeds of the defendants, but to the legality of the proceedings! That is a great honour for you. Besides, it is an excellent opportunity for all of us to get acquainted with such trials. Upon returning to your home monastery, you will be praised for such knowledge!“
So I was invited to a show trial – and should even feel honoured for it! Only selected observers had been admitted to the trial. Apart from me and Albertus, no more than two other monks and six councillors, including Albertus‘ father, belonged to the illustrious circle. The Prior had refused to attend the trial because of other appointments.
„During the trial, you should preferably remain silent,“ Albertus advised me as he led me to the place where the trial was to take place. „But if you do address me, please take care not to call me by my first name – it is not customary among monks.“
Suddenly he was eager to abide by the rules – obviously trying out the role of the future Prior! However, his statesmanlike appearance, combined with his childish face, had a rather ridiculous effect – all the more so because he was too vain to adapt his clothing to the order’s commandments. Thus, the way he dressed already hinted at the liberties he intended to allow himself as head of the monastery.
I realised that from now on I had to behave particularly inconspicuously if I wanted to save Brother Henry’s victim. Furthermore, I suddenly became more aware of my shadowlessness than before. I therefore always stayed diagonally behind Albertus when we passed a window or one of the torches flickering in the dim morning light.
The venue for the trial had been prepared in a corner of the cloisters. This corresponded to the usual publicity of court hearings here – which is probably meant to increase the acceptance of the proceedings among the observers. In addition, it might have played a role that the sun had managed to break through the clouds just the day before the trial.
Brother Henry could already be spotted from afar. He sat slightly elevated on a chair with armrests, over which an embroidered cloak was spread. To his right, a writing desk had been prepared, towards which Albertus headed. As the town’s chronicler, he had been entrusted with taking the minutes. Next to him, the two other monks summoned to the trial were already waiting. Their dignified faces clearly showed the satisfaction they felt at this privilege.
To the left of Brother Henry sat the invited councillors – right next to a table on which all kinds of utensils needed for the trial were placed. At an appropriate distance from them stood the man who had already caught my eye during the sermon in the market square, the man with the purple-red clothes and the secretive smile: the town’s executioner. He stood there like a perfect example of obedience and zeal, a real official of death.
The chair of the preacher-judge stood on the step leading inside the monastery. To get to the place of the trial, Albertus and I therefore had to step outside through another door. Thus, the accused initially turned her back on me. Moreover, the columns of the cloister blocked our view of her.
Only when we moved closer did she come into my field of vision – together with the two guards who had been placed on either side of her chair. The judge’s aides had dressed her in a linen shirt about knee-length and shaved her head completely bald. Later I learned that all her body hair had been removed.
In her hands, the accused held a rosary with a cross tied to it. She kept touching it with her fingers as if she was searching for something on it.
Despite the religious symbols, the tribunal reminded me more of the summary proceedings in courts-martial. The staging pointed out too clearly that neither secular nor divine mercy was to be expected here.
Just as I had taken my place at the outer edge of the row of monks, my gaze met that of the accused. I was so shocked that not only Albertus, but also my confreres and Brother Henry looked at me in amazement. For the woman who was displayed there like a felon awaiting her execution, whose scalp stretched over the bones of her skull like a carnival mask, whose eyes lay in their sockets like the memory of another time, was only too familiar to me – it was Lina!
Bilder / Images: Frederick H. Evans (1853 – 1943): Foto eines Fensters mit Blick auf einen Kreuzgang (1911) / hoto of a window looking out onto a cloister; Los Angeles County Museum of Art / Wikimedia commons (modifiziert); ID 591360: Bedrohlicher Schatten / Ominous shadow (Pixabay)
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