Im Labyrinth des Rotlichtviertels / In the Maze of the Red Light District

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 6

English Version

Dienstag/Mittwoch, 11./12. Juli

Mitternacht … Das Gefühl, als würde das Leben in sich selbst zurückfließen. Niemand hat mehr einen Schatten, alles kehrt heim unter die weichen Flügel der Nacht.
Natürlich hängen diese Empfindungen auch mit meiner derzeitigen Situation zusammen. Für einen Schattenlosen ist die Nacht wie eine Tarnkappe, unter der er sein wahres Wesen verbergen kann. Andererseits hat die Nacht mir schon immer ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, ein Gefühl von innerer Ruhe und Zu-sich-selbst-Kommen.
Eine einzige Ausnahme fällt mir ein. Das war in einem abgelegenen Bergdorf, als ich spätabends von einer Gaststätte in mein Hotel zurückgehen wollte. Ich wusste zwar, dass es in dem Dorf keine Straßenlaternen gab. Mit einer derart undurchdringlichen Finsternis hatte ich jedoch nicht gerechnet. Es war, als wäre Gott auf einmal seiner Schöpfung überdrüssig geworden und hätte einen Mantel darüber gebreitet, um sie nicht mehr sehen zu müssen.
Da es in dem Dorf nur eine einzige Straße gab, war der Weg zum Hotel nicht zu verfehlen. Dennoch fühlte ich mich wie ein Astronaut, der frei im Weltraum schwebt und nicht mehr weiß, wie er zu seinem Raumschiff zurückfinden soll. Selten habe ich eine solche Erleichterung empfunden wie in dem Augenblick, als die Lichter der Herberge vor mir auftauchten.
Warum ich mich daran wohl gerade jetzt erinnere? Wahrscheinlich, weil ich – so seltsam das auch klingt – bei meinem nächtlichen Herumirren im Hafenviertel von Hadderstetten etwas Ähnliches empfunden habe, als ich mich dem Rotlichtviertel näherte.

Geschichte eines Schattenverlusts:

3. Im Labyrinth des Rotlichtviertels

Das Rotlichtviertel als Zufluchtsort für einen verirrten Wanderer? Heute kommt mir das selbst ganz lächerlich vor. Und dennoch: Wenn ich mich genau an jenen Augenblick zu erinnern versuche, als ich mich der rötlich schimmernden Gasse näherte, steigt immer nur das Gefühl einer behütenden Wärme in mir auf.
Für die leicht bekleideten Damen, die vor den Hauseingängen herumstanden, war ich einer von denen, die sie für ein paar Minuten von dem feucht-kühlen Nebel befreien konnten. Entsprechend aufdringlich bemühten sie sich um mich. Spätestens da hätte ich wohl meinen Irrtum erkennen und umkehren müssen. Stattdessen habe ich aber einfach meinen Schritt beschleunigt, sobald mich eine der Damen von der Seite ansprach. So geriet ich rasch immer tiefer in die Gasse hinein, bis es schließlich gleichgültig war, ob ich weiter geradeaus ging oder um­kehrte.
Die Stimmen, die an mich herandrangen, vermischten sich in meinem Kopf allmählich zu einem Chor, der demselben eintönigen, schrillen Rhythmus zu folgen schien wie die zuckenden Leuchttafeln, die mich von jedem zweiten Haus aus anbleckten: „Na Süßer wie wär’s denn SUPER LIVE SHOW nanu so allein Süßer HIER GEHT’S ZUR SACHE hast du Lust Süßer komm doch mit STRIPTEASE so allein zu zweit ist’s wärmer VIDEOKABINEN Süßer hast du LUST LUST LUST LUST LUST LUST …“
Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde mich von schräg vorne jemand mit den Augen fixieren. Unwillkürlich verlangsamte ich meinen Schritt, bis ich vor einem windschiefen Holzhaus anlangte. Davor stand ein Mäd­chen, das seinen Blick in der Tat fest auf mich gerichtet hatte.
Ich weiß nicht, wie oft ich schon versucht habe, mich an ihr Gesicht zu erinnern. Es ge­lingt mir einfach nicht, das Ungefähre ihrer Erscheinung genauer zu fassen. Das liegt natürlich zum Teil auch daran, dass sich das Haus in einem toten Winkel zwi­schen zwei Straßenlampen befand und das Gesicht nur von dem rötlichen Zu­cken einer schräg gegenüber angebrachten Leuchttafel beschienen wurde. Vor allem aber sehe ich in der Erinnerung immer nur ihre Augen vor mir – diese teichgrünen Augen, die mich sogleich auf unwiderstehliche Weise in ihren Bann zogen und es mir un­möglich machten, auf etwas anderes zu achten.
„Gehen wir nach oben?“ fragte sie mich, als wäre ich ein langjähriger Freund, den sie schon erwartet hatte.
Ich nickte, wie betäubt von ihrer Erscheinung. Erst als ich, ihr folgend, die Schwelle des Hauseingangs überschritten hatte und wir in den dunklen Flur dahinter eingetreten waren, begann ich meine Umgebung wieder bewusster wahrzunehmen.

English Version

Tuesday/Wednesday, July 11/12

Midnight … The feeling as if life is flowing back into itself. No one has a shadow anymore, everything returns home, sheltered by the soft wings of the night.
Of course, these sensations are also related to my current situation. For someone without a shadow, the night is like a cloak of invisibility under which he can hide his true nature. On the other hand, the night has already given me a feeling of security before, a feeling of inner peace and coming to myself.
There is only one single exception that comes to mind. It goes back to a remote mountain village, when I wanted to go back to my hotel from a restaurant late at night. I knew that there were no streetlights in the village. But I had not expected such impenetrable darkness. It was as if God had suddenly grown tired of his creation and had spread a blanket over it so that he would no longer have to see it.
Since there was only one road in the village, the way to the hotel could not be missed. Nevertheless, I felt like an astronaut floating freely in space, with no idea how to find the way back to the spaceship. Rarely have I experienced such relief as I did when the lights of the hotel appeared in front of me.
Why do I think of this just now? Probably because – as strange as it sounds – I felt something similar while wandering around the waterfront of Hadderstetten at night, approaching the red light district.

Story of a Shadow Loss: 3. In the Maze of the Red Light District

The red light district as a refuge for a lost wanderer? Today that seems pretty ridiculous to me myself. And yet, when I try to remember the exact moment when I walked towards the reddish shimmering alley, the feeling of a sheltering warmth rises in me.
For the lightly clad ladies standing around in front of the house entrances, I was one of those who could free them from the damp-cool fog for a few minutes. Thus, they tried to attract me in a rather importunate way. By then, at the latest, I should have realised my mistake and turned back. Instead, however, I simply quickened my pace as soon as one of the ladies approached me from the side. So I got deeper and deeper into the alley, until it finally didn’t matter whether I went straight ahead or took the way back.
The voices approaching me gradually mixed in my head to a chorus that seemed to obey the same monotonous, shrill rhythm as the twitching neon signs that blinked at me from every other house: „Hey cutie how about us SUPER LIVE SHOW why so alone cutie HERE YOU’LL GET IT do you feel the desire cutie come on STRIPTEASE so alone in twos it’s warmer BEST PEEP SHOW cutie do you feel it …“
Suddenly I had the feeling as if someone would fix me from an angle ahead with the eyes. Involuntarily I slowed down my step until I arrived at a crooked wooden house. In front of it stood a girl whose eyes were firmly focused at me.
I can’t say how many times I have tried to remember her face. I just don’t manage to picture her appearance more precisely. Of course, this is partly due to the fact that the house was located in a blind spot between two street lamps. Moreover, her face was only illuminated by the reddish twitch of a neon sign mounted diagonally opposite. But above all, I get lost in her eyes whenever I think of her – in those pond-green eyes that immediately captivated me and made it impossible for me to pay attention to anything else.
„Shall we go upstairs?“ she asked me, as if I were a longtime friend she had been expecting.
I nodded, stunned by her appearance. Only when we had crossed the threshold of the house and entered the dark corridor beyond did I begin to perceive my surroundings more consciously again.

Bild: Pexels: Tänzerin / Dancer (Pixabay); Gerd Altmann: Frauen /Women (Pixabay)

 

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