Schattenlose Tage / Shadowless Days

Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 2 / Diary of a Shadowless Man, Part 2

English Version

Montag, 3. Juli

War im Büro, um meine Sachen abzuholen. Zwar ist der Auflösungsvertrag auf das Monatsende datiert – aber was hätte es mir schon gebracht, die Frist voll auszuschöpfen? So habe ich die Trennung immerhin ein wenig zu meiner eigenen Sache gemacht.
Die Kollegen schauen mich immer noch an, als würden sie meine „Nacktheit“ zum ersten Mal bemerken. Aber habe ich denn etwas anderes erwartet? Wahrscheinlich empfinden sie mich wirklich als nackt, und daran kann man sich bei uns nun einmal nicht gewöhnen. Würde bei den Buschmännern ein Stammesmitglied im Anzug auf die Jagd gehen, wäre das schließlich ebenso wenig „salonfähig“.
Da ich meine Situation selbst kaum ändern kann, wäre es wohl das Beste, sich offensiv dazu zu bekennen – mitten durch den Raum zu gehen, direkt durch die Bahn des größten Lichteinfalls, den all die ergonomischen Beleuchtungsanlagen erzeugen, ohne sich um die Blicke der anderen zu kümmern. Das Ungewöhnliche könnte zum Attribut eines Helden werden, wenn ich den Makel wie eine Auszeichnung trüge.
Aber ich schaffe das einfach nicht. Lieber nehme ich Umwege in Kauf und drücke mich mög­lichst eng an Wänden, Mauern und Ecken vorbei, wo meine Blöße nicht gleich auffällt. Schließlich empfinde ich diese ja auch selbst wie eine Wunde. Es ist eben gerade ihr wesentliches Kennzei­chen, dass ich mich mir selbst wie anderen schutzlos ausgeliefert fühle.
Wer einen Makel in eine Auszeichnung umdeuten möchte, braucht doch eine gewisse Lust an der Provokation, die er dadurch für andere darstellt. Wenn man die Makelhaftigkeit des Makels dagegen selbst als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit erlebt, kann eine solche Umdeutung nie und nimmer gelingen. Stattdessen werden die anderen so eher noch in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt, was dann wiederum entsprechend auf einen selbst zurückwirkt – ein Teufelskreis.

Montag, 3. Juli, abends

Mein erster Tag als Arbeitsloser. Eigentlich müsste ich morgen zum Job Center gehen, aber ich warte damit lieber, bis es mal wieder einen Regentag gibt. Natürlich ist das im Prinzip unsinnig, denn das Licht im Innern der Räume wird dann wohl eher noch greller sein als jetzt. Trotzdem fühle ich mich irgendwie sicherer, wenn es draußen dunkel ist – und das ist bei einem solchen Behördengang schließ­lich auch nicht ganz unwichtig.
Mittlerweile habe ich mir auch ein paar Notizen gemacht. Mir ist aufgefallen, dass ich gerade über die Nacht, in der alles angefangen hat, so gut wie nichts mehr weiß. Oder vielmehr, dass mir selbst alles wie ein Traum vorkommt. Die Details – auf die doch alles ankommt, wenn ich mir klar werden möchte über das, was mit mir geschehen ist – sind wie weggeblasen. Die Straßen, das Mädchen, der Fluss – alles sieht aus wie ein Bild von Kubin, und ich selbst bewege mich darin wie ein Fremder, den die undurchsichtige Logik eines Traumes da hinein­geworfen hat. Ich werde wohl ein paar „Ortstermine“ ansetzen müssen, um bei meinen Rekonstruktionen Fortschritte zu erzielen.

depression-20195_1920 (2)Public Domain Pictures

English Version

Shadowless days

Monday, July 3

Went to the office to pick up my things. True, the termination agreement is dated for the end of the month – but what would have been good about taking full advantage of the deadline? This way, I made the termination at least a little bit my own business.
The colleagues still look at me as if they were noticing my „nakedness“ for the first time. But did I expect anything else? Probably they really perceive me as naked, and that’s just something you can’t get used to in our culture. After all, if someone belonging to a jungle people would go hunting in a business suit, that wouldn’t be socially acceptable as well.
Since I can hardly do anything about my situation myself, it would possibly be best to openly admit to it – to walk straight through the middle of the room where the floods of light, created by all the ergonomic lighting equipment, are strongest, without caring about the looks of the others. The unusual could become a hero’s attribute if I wore the taint like a badge of honour.
But I just don’t have the strength to do that. I prefer to take detours and sneak as close as possible past walls and corners where my nakedness is not immediately noticeable. After all, for me too, my condition is like an open wound. It is precisely its essential characteristic that I feel like being at the mercy of an unpredictable destiny.
Whoever wants to transform a taint into a distinction needs a certain pleasure in provocation. But if you experience the blemish yourself as a deficiency of your personality, such a reinterpretation can never succeed. Instead, the others feel confirmed in their negative attitude, which in turn has a corresponding effect on yourself – a vicious circle.

Monday, July 3, evening

My first day as an unemployed person. Actually, I should go to the job center tomorrow, but I’d rather wait until the next rainy day. Of course, this is basically senseless, because the light inside the rooms will then probably be even more glaring than it is now. Nevertheless, I somehow feel safer when it’s dark outside – and that’s not at all unimportant when going to the authorities.
In the meantime, I have also taken a few notes. This made me realise that I know almost nothing about the night when everything started. Or rather, that everything seems like a dream to me. The details – on which everything depends if I want to get clear about what happened to me – are like blown away. The streets, the girl, the river – everything looks like a surrealist painting, and I myself move through it like a stranger thrown into it by the obscure logic of a dream. I will probably have to schedule a few „site visits“ in order to make progress with my reconstructions.

Bild: Mystic Art Design: ohne Schatten, nackt /without shadow, naked (Pixabay); Public Domain Pictures: Depression

 

2 Antworten auf „Schattenlose Tage / Shadowless Days

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