Der Aussteiger / The Dropout

Zehntes Gespräch mit Paula: Gespräch über das Wirtschaftswachstum / Tenth Conversation with Paula: Talk about Economic Growth

English Version

Heute heißt es Abschied nehmen von Paula. Mit ihrem zehnten Besuch bei uns enden die Gespräche mit ihr. Wer will, kann sich ja selbst auf den Weg zu ihr machen und sich weiter mit ihr unterhalten.

Auszug aus dem Text

Zu den Dingen, über die Paula sich immer wieder wundert, wenn sie bei mir zu Besuch ist, gehören die vielen Baustellen in der Stadt. „Irgendwann müsst ihr doch mal fertig sein!“ hat sie einmal zu mir gesagt. „Sonst lebt ihr doch in einem ewigen Provisorium.“
„Da hast du mal was Wahres gesagt!“ lachte ich. „Unsere Städte sind wirklich ein ewiges Provisorium – sozusagen ein Spiegelbild der modernen Welt und ihrer sich ständig selbst überholenden Dynamik. Abgesehen davon ist die Baubranche natürlich auch ein wichtiger Motor unserer Konjunktur.“
Auf Paulas fragenden Blick hin ergänzte ich: „Unter ‚Konjunktur‘ verstehen wir die Entwicklungsdynamik unserer Wirtschaft. Spricht man beispielsweise von einer ’stabilen Konjunktur‘, so befindet sich die Wirtschaft auf Wachstumskurs.“
Paula sah mich noch immer an, als würde ich in einem Dialekt der Inneren Mongolei auf sie einreden. „Von welcher Wirtschaft redest du jetzt eigentlich?“ fragte sie. „Von der Landwirtschaft? Von der Textilwirtschaft? Oder vielleicht …?“
„Wenn man von ‚der‘ Wirtschaft redet, ist immer die Gesamtheit der volkswirtschaftlichen Aktivitäten gemeint“, unterbrach ich sie. „Das Ergebnis bezeichnet man auch als Bruttosozialprodukt.“
„Dann wird damit also ein Mechanismus zur Herstellung von Gerechtigkeit bezeichnet?“ deutete Paula meine Worte. „Um nicht einzelne Wirtschaftszweige, die niedrigere Umsätze als andere erzielt haben, zu benachteiligen, errech¬net ihr den durchschnittlichen Gewinn aller Wirtschaftszweige und verteilt dann die Gewinne gleichmäßig unter allen Gemeinschaftsmitgliedern. Richtig?“
Ich seufzte. Manchmal war Paula die Logik unseres Denkens so fremd, dass es selbst bei einfachsten Zusammenhängen kaum möglich war, sie ihr begreiflich zu machen.
„Nein, mit Umverteilung hat das nichts zu tun“, korrigierte ich sie. „Natürlich führt eine stabile Konjunktur in der Regel auch zur Anhebung des Wohlstandsniveaus. Das heißt aber nicht, dass Einzelne dabei nicht auch Nachteile erleiden, also etwa bankrottgehen oder den Arbeitsplatz verlieren. Schließlich können die Unternehmen ja mehr bei weniger Wettbewerbern mehr Gewinne generieren oder Kosten sparen, wenn sie mit weniger Arbeitskräften auskommen. Wenn sie die Produktivität steigern und ihre Gewinne erhöhen, deutet das daher zwar auf eine robuste konjunkturelle Entwicklung hin, heißt aber nicht notwendig, dass auch das eizelne Unternehmen oder die einzelne Ar¬beitskraft davon profitiert.“
Paula schüttelte verständnislos den Kopf. „Wie kann denn eine allgemeine Entwicklung positiv sein, wenn sie für den Einzelnen negativ ist?“

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English Version

The Dropout

Tenth Conversation with Paula: Talk about Economic Growth

Excerpt from the text

When Paula comes to visit me, she always wonders about the many building sites in the city. „At some point you should be finished with work!“ she once said to me. „Otherwise it’s like living in a temporary arrangement forever.“
„You said something true there!“ I laughed. „Our cities really are an eternal temporary solution – a mirror image, so to speak, of the modern world and its constantly self-overhauling dynamics. Apart from that, the construction industry is of course a major driver of the business cycle.“
At Paula’s questioning look, I added: „The term ‚business cycle‘ refers to the development dynamics of our economy. For example, if we speak of a ’stable business cycle‘, it means that the economy is growing.“
Paula was still looking at me as if I were talking to her in a dialect of Inner Mongolia. „What economy are you talking about now?“ she asked. „About agriculture? About the textile economy? Or maybe …?“
„When we talk about ‚the‘ economy, we always mean the totality of economic activities,“ I interrupted her. „The result is also called the gross national product“.
„So this is a mechanism for creating justice?“ Paula interpreted my words. „In order not to disadvantage certain branches of the economy, which perhaps only through unfortu¬nate circumstances have achieved lower turnovers than others, you calculate the average profit of all sectors of the economy and then distribute the profits equally among all members of the community. Right?“
I sighed. Sometimes the logic of our thinking was so exotic to Paula that it was almost impossible to make her understand it, even in seemingly simple contexts.
„No, this has nothing to do with redistribu¬tion,“ I corrected her. „Of course, a stable economy usually leads to an increase in the level of prosperity. But that doesn’t mean that some individuals don’t suffer disad¬vantages in the process, such as going bank¬rupt or losing their jobs. After all, companies can generate more profit if there are less competitors, or save costs if they get by with fewer employees. If they increase produc¬tivity and profits, this indicates a robust economic development, but it does not necessarily mean that the single company or worker will benefit from it.“
Paula shook her head uncomprehendingly. „How can a general development be positive if it is negative for the individual?“

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Zum Buch

 eBook (deutsch)

 eBook (english)

Bilder /Pictures : Paul Müller-Kaempff (1861 – 1941): Landschaft mit Mond /Landscape with moon ; Unterlüß, Albert-Kö­nig-Museum; Karsten Paulick (Kapa65): Angemalter Bauwagen / Painted con­struction trailer (Pixabay)

2 Antworten auf „Der Aussteiger / The Dropout

  1. Eliah C.

    Thanks a lot for this „Conversation“. „Paula“ is absolutely asking the right questions. The world‘s enviromental leaders are going the wrong path by proposing a marriage of capitalism and green industry.

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  2. Renate

    Manchmal habe ich das Gefühl auf einem sinkenden Schiff zu sitzen. Schon seit den „Grenzen des Wachstums“ vor nunmehr 50 Jahren wissen wir, dass wir mit unserer Wirtschaftsform an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Dennoch versuchen wir die Wachstumsideologie mit all ihren asozialen Nebenwirkungen zu retten. Neuerdings durch einen giftgrünen Anstrich. Hoffen wir, dass Paulas Insel unentdeckt bleibt. Einstweilen ist sie noch ein ferner Ort der Utopie…

    Gefällt 1 Person

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