Am Tor zur Unterwelt / At the gate to the underworld

Zwölftes Türchen des musikalischen Adventskalenders: Myrkur: Himlen blev sort (Der Himmel verdüsterte sich)

Eine Reise in die Unterwelt bringt immer einige Überraschungen mit sich. Wer Glück hat, kann dort auch auf eine bezaubernde Frau treffen.

English Version

Im Frühjahr blüht das Leben auf, im Herbst verwelkt es wieder. Klingt banal …
Es klingt banal, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass es so ist. Es klingt ba-nal, weil wir nicht mehr existenziell abhängig sind von den Wechselspielen des Lebens: Wenn bei uns eine Ernte ausfällt, holen wir uns die Produkte eben von woanders. Und es klingt banal, weil wir die über Forschungswerkzeuge verfü-gen, die es uns erlauben, den Kreislauf des Werdens und Vergehens mit wis-senschaftlicher Exaktheit zu beschreiben.
Das Problem dabei: Wir verwechseln Erklären mit Verstehen. Nur weil wir et-was erklären können, verstehen wir doch noch lange nicht, warum etwas so ist, wie es ist. Dass in einer Pflanze bestimmte biochemische Prozesse ablaufen, die in spezifischer Weise auf Licht und Wärme reagieren, ist nicht weniger stau-nenswert, wenn wir diese Prozesse im Detail nachvollziehen können.
Manchmal erscheint etwas ja gerade deshalb phantastischer, weil man Einsicht in seine Mikrostrukturen erhält. Man denke nur an die immer neuen Erkennt-nisse über die komplexen Formen der Interaktion von Pflanzen mit ihrer Um-welt. Oder an die wachsende Einsicht in die ganz eigenen Denkstrukturen von Vögeln oder auch Oktopussen, die nicht weniger, sondern nur auf andere Art komplex sind als unsere.
Was wir daran auch sehen: Unsere heutige Erklärungsgewissheit kann schon morgen ins Wanken geraten. Dies gilt letztlich für alle Bereiche unseres Wis-sens. Die Sicht auf den menschlichen Körper wandelt sich gerade grundlegend durch die Forschungen zur Epigenetik, durch die das Augenmerk von der Auf-schlüsselung des Genoms auf die komplexe Interaktion der Gene und Zellen miteinander gelenkt wird. In der Physik ist das Atom, einst als kleinstes Teilchen erdacht, längst zu einem ganzen Mikro-Universum mutiert, in dem und um das sich unzählige weitere Mikroteilchen tummeln. Und die Astronomie hat mit ihren Fragen nach der Ausbreitungsgeschwindigkeit des Universums, den Schwarzen Löchern sowie der dunklen Materie und Energie mit jeder neuen Erleuchtung einen ebenso großen Schatten auf unser Wissen geworfen.
So ist es nur folgerichtig, wenn wir auch bei dem, was wir für vollständig aufge-klärt und erklärbar halten, ab und an die Brille des allwissenden Forschers zur Seite legen und noch einmal neu zu staunen lernen.
Das Wunder hinter dem scheinbar Banalen erfahren … Dies war das Ziel der Initiationen, die im antiken Athen im Rahmen der Eleusinischen Mysterien stattfanden. Grundlage dieser Mysterien, die mit einer Prozession von Athen ins 30 Kilometer entfernte Eleusis begannen, war der Mythos von Persephone. Diese war als Tochter (Kore) der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter von Hades, dem Gott der Unterwelt, entführt worden. Fortan musste sie einen Teil des Jahres bei Letzterem verbringen. In der übrigen Zeit durfte sie wie zuvor bei ihrer Mut¬ter leben.
Das, was in den Mysterien erfahren werden sollte, war etwas im Grunde Un-aussprechliches. Etwas, das sich unserem Verstand entzieht, weil es unserer Empfindung widerspricht – das aber dennoch eine tröstende Wirkung entfaltet, wenn wir uns der Erfahrung stellen. Im Kern ging es dabei um das Erleben der Tatsache, dass das Leben in den Schoß des Todes zurückkehren muss, um neu geboren zu werden. Dass der Tod der Dünger des Lebens ist. Dass dem Leben eine geheime Sehnsucht nach dem Tod eingeschrieben ist, es aber gerade des-halb aber stärker ist als der Tod – weil es eben nur in dessen Hafen einläuft, um verwandelt aus diesem hervorzugehen.
Anklänge an den Mythos der Persephone finden sich auch in dem Lied Himlen blev sort der dänischen Künstlerin Amalie Bruun (Künstlername Myrkur). Der Text nimmt dabei die Perspektive der entführten Demeter-Tochter (Kore) ein und schildert aus deren Sicht die Überwältigung durch den „Dämon“ der Dun-kelheit. Am „Tor zur Unterwelt“ verwandelt sich ihr „Herz in Stein“, und es bleibt ihr nur die nächtliche Erinnerung an ihre Heimatwelt. Deren Himmel hat sich zwar durch ihre Abwesenheit „verdüstert“, doch bleibt sie dieser durch ei-nen gemeinsamen Atem verbunden. Eben hierin deutet sich denn auch an, dass die scheinbar ausweglose Verlassenheit des Todes am Ende in neues Leben münden wird.

Myrkur: Himlen blev sort; aus: Mareidt (2017)

Live-Aufnahme mit der holländischen Musikerin Kati Ran, mit Liedtext und engli­scher Übersetzung:

Ganzes Album mit Lyrics auf Bandcamp

Freie Übertragung

Der Himmel verdüsterte sich

Guten Mutes schreite ich voran,
der Mond scheint hell,
der Nebel umarmt den Waldboden,
Wind streicht durch mein Haar.
Blätter welken auf meinem Weg
unter der Gewalt des Dämons.

Sag mir, Vater:
Kannst du mich erretten von dem kalten Sturm?
Als du mich verlassen hast am Tor zur Unterwelt,
verwandelte sich mein Herz in Stein,
und der Himmel verdüsterte sich.

Nur nachts komme ich heraus,
im Schutz der Dunkelheit
halten wir uns aneinander fest
in einer Welt, die nicht die meine ist.
Nur durch dich kann ich atmen.

Sag mir, Vater …

Über Myrkur

Bei Myrkur handelt es sich um ein 2014 aus der Taufe gehobenes Musikprojekt von Amalie Bruun. Den Namen „Myrkur“ hat die Künstlerin dem Isländischen entlehnt, wo er „Dunkelheit“ bedeutet. Dieser Name steht zwar programma-tisch Programm für einen Großteil von Bruuns Musik und Liedtexten, die im Bereich von Apocalyptic Folk und Neo-Folk angesiedelt sind.
Immer wieder finden sich auch die für den Neo-Folk charakteristischen Anlei-hen beim Black Metal. Der daraus resultierende „Blackgaze“-Sound ist bei Myr-kur jedoch nicht durchgehend zu hören. Es gibt durchaus auch Stücke, in denen Bruun, allein oder mit Begleitung, auf traditionellen Instrumenten wie etwa der norwegi¬schen Kravik-Lyra oder der Nyckelharpa (Schlüssel-/Tastenfidel) – ei¬nem Streichinstrument mit durch Tasten verkürzten Saiten – spielt und dazu ihre am klassischen Gesang geschulte Stimme ohne jeden Metal-Scream-Effekt einsetzt.
Ihren Hang zum Düsteren führt Bruun auf ihr Bemühen zurück, auf diese Weise innere Ängste und persönliche Krisen zu bewältigen. Mit ihren Liedern wolle sie den „menschliche[n] Geist unter der Oberfläche“ spürbar machen: „Wenn ich an diesen Punkt komme, fühle ich mich unbesiegbar“. Dass sie dafür immer wieder auf mythologische Themen – besonders aus der nordischen My¬thologie – zurückgreift, begründet die Sängerin mit der starken, Schönheit und Tod mit-einander verbindenden Rolle, die den Frauen darin zukomme. So spie¬geln sich in den mythologischen Göttinnen für sie offenbar existenzielle Ur¬ängste ebenso wider wie deren mögliche Überwindung.

Zitate entnommen aus: Laut.de: Porträt: Myrkur (2017).

Hier noch ein paar „Appetizer“ zu den erwähnten Forschungen:

Badenschier, Franziska / Schwarz, Thomas: Epigenetik. Planet Wissen, 29. April 2020.

Hattenbach, Jan: Kosmologie: Hubbles Konstante wird immer rätselhafter. Spekt­rum.de, 7. Mai 2019.

Morell, Virginia: Von wegen Spatzenhirn! Wie schlau Vögel wirklich sind. Natio­nal Geographic, 26. Januar 2018 (Heft 2/2018), aktualisiert am 5. November 2020.

Röhrlich, Dagmar: Intelligenz des Oktopus. Wenn Arme denken. Deutschland­funk, Forschung aktuell, 28. Juni 2019.

Weber, Andreas: Die Sinne der Pflanzen. National Geographic, 2015, H. 8. S. 88 – 111.

Mehr Musik aus Dänemark: Dänemark: Pop-Großmacht und Folk-Hochburg

English Version

At the gate to the underworld

12th door of the musical Adevent calendar: Myrkur: Himlen blev sort (The sky grew dark)

A journey into the underworld always entails a few surprises. If you are lucky, you may even meet an enchanting woman there.

Life blossoms in spring and withers again in autumn. Sounds trite …
It sounds trite because we have become accustomed to it. It sounds trite because we are no longer existentially dependent on the vicissitudes of life: if one of our harvests fails, we simply get the products from somewhere else. And it sounds trite because we have the research tools at our disposal that allow us to describe the cycle of growth and decay with scientific precision.
The main problem is that we confuse explaining with understanding. Being able to explain doesn’t necessarily mean that we understand why it is the way it is. The fact that certain biochemical processes take place in a plant and that they react in a specific way to light and heat is no less astonishing if we can explain these processes in detail.
Sometimes things even seem more fantastic precisely because we gain insight into their microstructures. Just think of the ever new discoveries about the complex ways in which plants interact with their environment. Or the growing awareness of the unique thought structures of birds or octopuses, which are no less complex than ours, but only complex in a different way.
What we can also see from this: The certainty of our explanations today can be called into question tomorrow. This ultimately applies to all areas of our knowledge. The view of the human body, for instance, is currently being fundamentally transformed by research into epigenetics, which is shifting attention from the decoding of the genome to the complex interaction of genes and cells with each other. In physics, the atom, once conceived as the definitively smallest particle, has long since mutated into an entire micro-universe in which and around which countless other micro-particles are floating. And astronomy, with its questions about the speed of expansion of the universe, black holes or dark matter and energy, has cast an equally large shadow over our knowledge with each new illuminating discovery.
As a consequence, we should occasionally put aside the glasses of the omniscient researcher and learn to marvel anew, even in the case of what we consider to be completely elucidated and explainable.
Experiencing the wonder behind the seemingly banal … This was the goal of the initiations that took place in ancient Athens as part of the Eleusinian Mysteries. The basis of these mysteries, which began with a procession from Athens to Eleusis, a town 30 kilometres away, was the myth of Persephone. As the daughter (Kore) of the goddess of fertility, Demeter, Persephone had been abducted by Hades, the god of the underworld. From then on, she had to spend part of the year with the latter. The rest of the time she was allowed to live with her mother as before.
That which was to be experienced in the mysteries was something basically inexpressible. Something that eludes our comprehension because it contradicts our innermost sensibilities – but which nevertheless has a consoling effect when we expose ourselves to the experience. In essence, it was about experiencing the fact that life must return to the womb of death in order to be born anew. That death is the fertiliser of life. That a secret longing for death is inscribed in life, but that it is stronger than death for that very reason – because it only enters the harbour of death in order to emerge from it in a transformed state.
Allusions to the myth of Persephone can also be found in the song Himlen blev sort (The sky grew dark) by the Danish artist Amalie Bruun (stage name Myrkur). The text takes the perspective of Demeter’s abducted daughter (Kore) and describes from her point of view the overpowering by the „demon“ of darkness. At the „gate to the underworld“ her „heart turns to stone“, and all that remains for her is the nightly memory of her homeworld. Although its sky has „darkened“ through her absence, she remains connected to it through a common breath – which is precisely the sign that the seemingly endless night of death will lead to new life in the end.

Myrkur: Himlen blev sort (The sky grew dark); from: Mareidt (2017)

Live with Dutch musician Kati Ran

Full album with lyrics on bandcamp.com

Free translation

The sky grew dark

With good courage I go forward,
the moon shines bright
the mist embraces the forest floor,
the wind is brushing through my hair.
Leaves wither on my path
under the force of the demon.

Tell me, Father:
Can you save me from the cold storm?
When you left me at the gate to the underworld,
my heart turned to stone,
and the sky grew dark.

Only at night do I come out,
under the cover of darkness
we hold on to each other
in a world that is not mine.
Only through you can I breathe.

About Myrkur

Myrkur is a music project by the Danish artist Amalie Bruun that was launched in 2014. The artist borrowed the name „Myrkur“ from Icelandic, where it means „darkness“. This name stands programmatically for a large part of Bruun’s music and lyrics, located in the area of apocalyptic folk and neo-folk.
Repeatedly, there are borrowings from black metal, which is characteristic of neo-folk. However, the resulting „blackgaze“ sound is not to be heard consistently. There are also pieces in which Bruun, alone or with accompaniment, plays traditional instruments such as the Norwegian kravik lyra or the nyckelharpa („keyed fiddle“) – an instrument with strings shortened by keys – and uses her voice, trained in classical singing, without any metal-scream effect.
Bruun attributes her tendency towards the gloomy to her efforts to overcome inner fears and personal crises. With her songs, she wants to make tangible the „human spirit beneath the surface“: „When I get to this point, I feel invincible“. The singer explains her repeated use of mythological themes – especially from Nordic mythology – with the role of women who have a strong sense of their own identity and represent both beauty and death here. Thus, for her, mythological goddesses obviously reflect existential primal fears as well as their possible overcoming.

Quotations taken from: Laut.de: Porträt: Myrkur (2017).

A few „appetizers“ to the research mentioned above:

Godfrey-Smith, Peter: The Mind of an Octopus. Eight smart limbs plus a big brain add up to a weird and wondrous kind of intelligence. In: Scientific American,  Mind 28, 1, pp. 62-69 (January 2017).

McKie, Robin: The Hubble constant: a mystery that keeps getting bigger. In: The Guardian (The Observer: Space), November 2, 2019.

Morell, Virginia: Newfound brain structure explains why some birds are so smart – and maybe even self-aware. In: Science, September 24, 2020.

Weinhold: Epigenetics: The Science of Change. In: Environmental Health Perspectives 114(3): pp. 160–167. March 2006.

Bilder / Pictures: Rupert Bunny (1864 – 1947): Die Entführung der Persephone / The Rape of Persephone (1913); National Gallery of Australia, Canberra; Frederic Leighton (1830 – 1896): Die Rückkehr der Persephone / The Return of Persephone (1891); Leeds Art Gallery

6 Antworten auf „Am Tor zur Unterwelt / At the gate to the underworld

  1. Spinnradl-Sabine

    Guten Morgen
    ein schönes Stück hast du wieder ausgesucht. Ich liebe diese mittelalterlich angehauchte Musik.

    Stephen Hawking hat einmal gesagt: „Es ist sehr wichtig, dass junge Leute ihren Sinn für Wunder behalten und dabei bleiben, immer nach dem Warum zu fragen.“
    Für mich ist Wissenschaft eine unglaublich spannende Kiste – und mit jedem Wissensfitzel, den ich aufschnappe, wird meine Bewunderung für die Vorgänge in der Natur, im Universum größer.
    Denn mit jeder Tür, die wir aufstoßen, tun sich dahinter weitere auf.
    Einen schönen Tag wünscht
    Sabine vom 🕷 🕸

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