Verhüllter Geist / Veiled spirit

English Version

Heute werden wir im literarischen Corona-Tagebuch mal wieder die Schulbank drücken – die während der Corona-Krise noch härter ist als sonst.

Verhüllter Geist

In langen Reihen stehen sie vor den Verhörräumen, die einmal Klassenräume waren. Keiner ist mehr der, der er war. Jeder existiert nur noch als wesenlose Kopie seiner selbst, in der ein böser, alles vernichtender Feind sein Lager aufgeschlagen hat.
„Lass dich nur nicht vom äußeren Anschein täuschen!“ hat man ihnen gesagt. „Auch in deinem besten Freund wohnt jetzt dein Feind!“
So stehen sie weit entfernt voneinander. Das, was sie nun am meisten bräuchten, ist ihnen am strengsten verboten: menschliche Nähe.
Dann ein durchdringendes Signal, das wie ein Stromstoß durch ihre Körper fährt. Schüler 1 betritt den Verhörraum.
Ein neuerliches Signal. Schüler 2 betritt den Verhörraum.
Nach und nach schleichen sie alle auf ihre Plätze, auf vorgeschriebenen Wegen, in gebührendem Abstand von dem Feind, der jetzt in ihren früheren Freunden wohnt.
Als Letzter betritt der den Raum, der einmal ihr Lehrer war. Auch in ihm wohnt jetzt der Feind, auch er ist nur noch ein Tafelroboter, der einem ihm selbst unverständlichen Plan folgt.
Aus furchterfüllten Augen fixieren sie den Tafelroboter. Eingesperrt in der Schutzhaft ihrer Schutzmasken, sind ihre Gedanken nur noch das Echo des Wortregens, der auf sie niedergeht.
„Schüler 5: Aufstehen!“ schallt es durch den Verhörraum.
Zitternd erhebt sich Schüler 5.
„Zähle alle Vornamen deiner Landesherren auf!“ tönt es von der Tafel.
„Friedrich“, stottert Schüler 5.
Der Tafelroboter nickt.
„Wilhelm“, fährt Schüler 5 fort.
Der Tafelroboter nickt.
Dann weiß Schüler 5 nicht weiter. „Kaspar?“ fragt er schließlich.
Der Tafelroboter erbebt. „Setzen! Sechs!“ bellt er.
Nach einer Weile ein erneutes Signal, ein erneuter Stromstoß, der die Körper wie an Marionettenfäden zur Tür dirigiert.
Einer nach dem anderen treten sie hinaus auf den Gefängnishof, der einmal ein Schulhof war. Schweigend drehen sie ihre Runden, ein jeder eingeschlossen in sich selbst, das Seelentor dreifach verriegelt, um den Feind nicht einzulassen.
Als alle wieder ihre Plätze im Verhörraum eingenommen haben, geschieht etwas Unerhörtes. Etwas, das seit Ewigkeiten nicht mehr an diesem Ort geschehen ist. Ein helles, zuckendes Licht erfüllt den Raum: ein Geistesblitz! Der, der davon getroffen wird, erhebt sich unvermittelt.
Irritiert blickt der Tafelroboter ihn an: Eine Regung, die nicht von ihm angeordnet worden ist? Wo kämen wir denn da hin?
Aber das Leuchten, das der Geistesblitz in die Augen des Aufgestandenen gebrannt hat, ist stärker als der finstere Blick des Tafelroboters. Ganz klar steht ihm vor Augen: Keine Kaserne kann existieren ohne Einkasernierte.
So reißt er sich die Maske vom Gesicht und sagt mit fester Stimme: „Ich erkenne die Wirklichkeit des unsichtbaren Feindes an – nicht aber die Kaserne, die ihr auf seinem Fundament errichtet habt!“
Damit verlässt er seinen Platz und marschiert durch die Tür hinaus ins Freie.
Und siehe: Auch der Geist kann sich unsichtbar fortpflanzen, nicht anders als der Feind, vor dem er in die Knie gehen sollte. Auch er kann von einem auf den anderen übergehen, keine noch so große Abstandsregel kann ihn daran hindern.
So erhebt sich einer nach dem anderen, reißt sich die Maske vom Gesicht und tritt hinaus ins Freie. Jeder wird wieder der, der er war. Zum Schluss fällt auch dem Tafelroboter die Maske vom Gesicht. Er zuckt mit den Augen, er schüttelt sich – und plötzlich kann auch er nicht mehr fremdgesteuert werden von denen, die das Reich des Geistes ersticken wollten im Windschatten einer unsichtbaren Bedrohung.
Sie wissen alle: Noch immer schleicht draußen auf der Straße der Tarnkappenfeind herum. Noch immer versucht er in sie einzudringen und sie in eine tödliche Waffe gegen ihre besten Freunde zu verwandeln.
Nun aber lassen sie es nicht mehr zu, dass der, der ihren Körper zu zerstören droht, zuvor schon ihre Seele zersetzen kann. Sie treffen sich in virtuellen Welten. Sie lernen sich selbst und andere neu kennen. Sie finden Trost in der freien Welt des Geistes. Sie erfinden Träume für ein neues Miteinander, in das sie eintreten werden am Tage des Sieges über den unsichtbaren Feind.
Und sie schwören sich: Nie wieder soll die Schule in eine Kaserne verwandelt werden!

English Version

Veiled spirit

In the literary Corona diary we will take a seat on the school bench today – a place that is even harder than usual during the Corona crisis.

In long rows they stand in front of the interrogation rooms that once were classrooms. No one is who they used to be anymore. Everyone exists only as an inanimate copy of themselves, in which an evil, all-destroying enemy has set up camp.
„Don’t let appearances deceive you,“ they were told. „Even in your best friend now lives your enemy!“
So they stand far apart from each other. The thing they would need most in this situation is strictly forbidden to them: human proximity.
Then a penetrating signal resounds, which runs through their bodies like a power surge. Pupil 1 enters the interrogation room.
A new signal. Pupil 2 enters the interrogation room.
Little by little they all sneak to their places, on prescribed paths, at a proper distance from the enemy who now lives in their former friends.
The last person to enter the room is the one who once was their teacher. The enemy now dwells in him as well, he too is only a blackboard robot, following a plan incomprehensible to himself.
From fear-filled eyes they gaze at the blackboard robot. Locked up in the protective custody of their protective masks, their thoughts are only the echo of the words that pour down on them.
„Pupil 5: Get up!“ it rumbles through the interrogation room.
Shivering, pupil 5 stands up.
„Enumerate all the first names of your sovereigns!“ it roars from the blackboard.
„Abraham“, student 5 stammers.
The blackboard robot nods.
„Theodore“, student 5 continues.
The blackboard robot nods.
Then student 5 is at his wits‘ end. „Buffoon?“ he finally asks.
The blackboard robot trembles. „Sit down! Failed!“ he barks.
After a while a new signal is emitted, a new electric shock, directing the bodies to the door as if on puppet strings.
One by one they step out into the prison yard, which was once a school yard. Silently they walk their rounds, each one trapped inside himself, the soul gate triple-locked to prevent the enemy from entering.
After they have returned to their places in the interrogation room, something incredible happens. Something that has not happened in this place for ages. A bright, twitching light fills the room: a flash of inspiration! The one who is struck by it suddenly rises.
The blackboard robot looks at him with irritation: A movement that was not ordered by him? Outrageous! How could that be possible?
But the glow in the eyes of the enlightened one is stronger than the gloomy gaze of the blackboard robot. One thing has become quite clear to him: No barracks can exist without barracked people.
So he tears the mask off his face and declares in a firm voice: „I acknowledge the reality of the invisible enemy – but not the barracks you have built on his foundations!“
With this he leaves his seat and marches through the door out into the open.
And behold, even the spirit can procreate itself invisibly, not unlike the enemy who was supposed to destroy all spiritual life. The spirit too can pass from one to the other, no rule of distance whatsoever can prevent it from doing so.
So one after the other stands up, tears the mask off his face and steps out into the open. Everyone becomes who they were again. Finally, the mask also falls off the face of the blackboard robot. He winks his eyes, shakes his head – and suddenly he too can no longer be controlled by those who wanted to suffocate the realm of the spirit in the slipstream of an invisible threat.
They all know: the stealth enemy is still creeping around on the streets outside. He is still trying to penetrate them and turn them into a deadly weapon against their best friends.
But now they no longer allow the one who threatens to destroy their bodies to decompose their souls in advance. They meet in virtual worlds. They get to know themselves and others anew. They find comfort in the free world of the spirit. They invent dreams for a new togetherness, which will come into being on the day of victory over the invisible enemy.
And they swear to themselves: Never again shall their school be transformed into barracks!

Bilder: Harold Copping: The dunce (Der schlechte Schüler), 1886; Albert Anker: Schreibstunde (Writing lesson), 1865 (Wikimedia)

5 Antworten auf „Verhüllter Geist / Veiled spirit

  1. Максим

    Сейчас, когда повсеместно свирепствует короновирус у особо меня есть исключительное поприще, где возможно отвлечься. Это конечно Вaш любимый веб сайт

    Gefällt mir

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