Wer war Walther von der Vogelweide?

Gedichte Walthers von der Vogelweide/1

Der Poetry Day ist ab sofort noch einmal Walther von der Vogelweide gewidmet. Nachdem in einer früheren Reihe dessen Minnelyrik im Vordergrund stand, geht es nun schwerpunktmäßig um den Dichterphilosophen Walther, der sich auch immer wieder ins politische Tagesgeschäft einmischte.

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Falsches Lächeln

Wahrlich, einem Hof mit höfischem Benehmen,
wo Besonnenheit und Fürsorge
in Wort und Tat regieren,
würde immer ich die Treue halten!

Mich schaudert aber vor dem falschen Lächeln
der heuchlerischen Höflinge,
die süßen Honig auf der Zunge tragen,
derweil in ihrem Herzen bittere Galle keimt.

Klar wie das Abendrot, froher Verheißungen voll,
so soll das Lachen des Freundes sein.
Ein Spiegelbild deines Lächelns
möge dein Handeln sein!

Doch wenn dein Lächeln eine leere Larve ist,
so ummäntle nicht mit dieser Maske deinen Mund.
Das geschlossene Tor deiner Lippen
ist mir lieber als die Lüge deines Lächelns.

(Got weiz wol, mîn lop wære iemer hovestæte; L 30,9; textkritische Edition in LdM)

Aktualität der Verse trotz zeitlicher Distanz

Ein Gedicht Walthers von der Vogelweide, entstanden vermutlich um 1215 oder kurz danach. Und in der Tat verdeutlichen gleich die ersten beiden Verse, in welcher Zeit wir uns befinden: Die Worte „hovestæte“ und „hovelîchen“ verweisen unmissverständlich auf die höfische Kultur des Mittelalters.

Sie bezeichnen zum einen die „Hofstatt“, also den Raum, an dem sich das Leben an einem Hof abspielt, bzw. im konkreten Fall die „stæte“, also die Treue gegenüber einem konkreten Hof. Zum anderen geht es um das „höfliche“, also den sittlichen Vorgaben und kulturellen Gepflogenheiten bei Hofe gemäße Betragen.

Die Klage über die mangelnde Beachtung dieser Normen, die das Gedicht zum Ausdruck bringt, ist uns jedoch alles andere als fremd. Denn die Falschheit und die Heuchelei, die es anprangert, sind auch heute keineswegs aus der Welt. Ersetzt man „Hofleben“ durch „Betriebsleben“, „Unternehmenskultur“, „politische Umgangsformen“ oder auch „Schulleben“, so ließen sich heute wohl dieselben Klagen führen wie in dem 800 Jahre alten Gedicht.

Gleiches gilt für das darin formulierte Freundschaftsideal. Heute wie damals verbinden wir damit die Hoffnung auf unbedingte Aufrichtigkeit und eine Übereinstimmung von Wort und Tat. Falschheit, leere Versprechungen und ein Lächeln, das sich hinter dem Rücken der Angelächelten zu einer Grimasse übler Nachrede verzerrt, halten wir auch heute noch für unvereinbar mit echter Freundschaft.

Eine Brücke in eine andere Zeit

Vielleicht liegt eben hierin ein Schlüssel für die ungebrochene Faszination, die das Werk Walthers von der Vogelweide bis heute auf uns ausübt. Immer wieder stoßen wir in seinen Versen auf Gedanken und Gefühle, die uns auch aus unserem eigenen Alltag vertraut sind.

So sind diese Verse für uns gewissermaßen eine Brücke in eine andere Zeit. Denn natürlich sind uns die Umstände, unter denen Walther gelebt hat, völlig fremd. Seine Gedichte ermöglichen uns jedoch eine emotionale Nähe zu dem Menschen, der unter diesen Umständen gelebt hat. So hebt sich durch seine Empfindungen und ihre dichterische Gestaltung ein wenig der Vorhang zu dem Alltagserleben einer – gemessen an unseren heutigen Alltagsroutinen – unendlich weit entfernten Zeit.

Rätselhaftigkeit der Person Walthers

Gleichzeitig bleibt der konkrete Mensch, der sich hinter diesen Empfindungen verbirgt, jedoch ungreifbar für uns. Wir wissen nicht genau, wann und wo Walther geboren und gestorben ist. Wir haben nur eine ungefähre Vorstellung von seinen Lebensstationen. Wir wissen nicht, wie er ausgesehen hat.

Wir können auch nicht genau sagen, wann und wie Walther seine Gedichte geschrieben und unter welchen Umständen er sie vorgetragen hat. In vielen Fällen sind noch nicht einmal Einteilung und Zuordnung der einzelnen Verse gesichert, da die bekannten schriftlichen Überlieferungen seiner Texte erst lange nach seinem Tod entstanden sind. 

Vieles von dem, was wir über Walther wissen, lässt sich nur aus seinen eigenen Versen rekonstruieren, ist also subjektiv gefärbt. Bis zu einem gewissen Grad ist der Mensch Walther damit selbst eine dichterische Fiktion – was seiner Faszination freilich keinen Abbruch tut. Eher ist das Gegenteil der Fall. Denn die Vorstellung eines Autors, der sich in seinem Werk verflüchtigt, ist uns wiederum sehr vertraut. Sie ist ein Kernelement postmoderner Literaturtheorie.

Detektivische Bemühungen zur Rekonstruktion von Walthers Herkunft

Die Versuche, Walthers Herkunft zu rekonstruieren, zeugen von einer fast schon detektivischen Kombinationsgabe (oder Phantasie). Die Puzzleteile, die dabei zusammengefügt werden müssen, sehen in etwa wie folgt aus:

  1. Walther selbst berichtet in seiner Dichtung von Lehrjahren am Wiener Hof („ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen“: „In Österreich erlernte ich Gesang und Dichtung“; L 32,7). Daraus lässt sich schließen, dass er sich dort als junger Mann aufgehalten hat.
  2. Der Ausdruck „Vogelweide“ bezeichnete im Mittelalter einen Ort für die Aufzucht von Falken für die Jagd.
  3. In der Nähe der niederösterreichischen Stadt Zwettl ist in alten Katasterkarten eine „Vogelwaidt“  als Flurbezeichnung zu finden, und zwar in der Nähe eines Dorfes namens „Walthers“ – was zusammengenommen die Bezeichnung „Walthers Vogelweide“ ergibt. Demgemäß könnte hier also von Walthers Vater – oder einem seiner Vorfahren – eine Falknerei eingerichtet worden sein.
  4. Wenige Kilometer von diesem Dorf entfernt ist 1138 ein Zisterzienserkloster – das heutige „Stift Zwettl“ –  gegründet worden. In dessen Archiv findet sich ein Hinweis auf einen „frater Walther“, dessen Professformel unvollständig wiedergegeben wird. Möglicherweise ist Walther also in das Kloster eingetreten, hat es aber vor dem Ablegen des Mönchsgelübdes wieder verlassen. 
  5. Der Passauer Bischof Wolfger von Erla hat sich regelmäßig in dem Zisterzienserkloster aufgehalten. Dass Walther später mit ihm in Kontakt stand, ist belegt. Vielleicht hat der Bischof – der sowohl ein Förderer der Kunst als auch ein Liebhaber der Falkenjagd war – Walther also auch bei seinen dichterischen Ambitionen unterstützt und ihm den Weg an den Wiener Hof geebnet.  

Eine spekulative Lebensgeschichte

Dass es sich bei Walther um einen verhinderten Mönch gehandelt haben könnte, hat durchaus einiges für sich. Insbesondere würde dies erklären, wie Walther die für seine Dichtung nötige Bildung erlangt hat.

Ein längerer Klosteraufenthalt in der Jugend würde auch ein neues Licht auf die Heftigkeit von Walthers späteren Attacken gegen die Amtskirche werfen. Schließlich lassen diese gerade auf eine besonders tief empfundene, von der Realität des Kirchenlebens enttäuschte Religiosität schließen. Von dieser zeugt zudem ein Langgedicht, das Walther in der Form eines „Leichs“ – einer besonders kunstvollen Spielart religiöser Lyrik – abgefasst hat.

Nicht zuletzt passt auch der keusche Liebesgestus des Minnesängers in dieses Bild. Über die zentrale Bedeutung, die der Marienverehrung in Walthers Leich zukommt, ist dieser Gestus wiederum mit dem Minnesang verbunden – wird doch die „frouwe“ darin wie eine Göttin verehrt.

Dennoch bewegen wir uns mit solchen Thesen im Bereich der Spekulation. „Vogelweide“ etwa war ein gängiger Begriff für Orte der Falkenaufzucht, weshalb sich ähnliche Flurbezeichnungen auch anderswo finden. Bei dem verhinderten Zisterzienser-Bruder namens „Walther“ könnte es sich auch um eine ganz andere Person gehandelt haben. Und dass ausgerechnet ein Bischof den Novizen eines Klosters dabei unterstützt, sein Glück außerhalb der Klostermauern zu suchen, klingt auch nicht unbedingt plausibel.

Jugendjahre am Wiener Hof

Wenn wir uns an die reinen Fakten halten, ergibt sich folgendes Bild: Der Dichter wurde vermutlich um 1170 geboren und starb wahrscheinlich um 1230. Beide Angaben sind Mutmaßungen, die sich aus Anspielungen auf historische Ereignisse in seinem Werk und allgemein aus seinem künstlerischen Werdegang ergeben. Konkrete Quellennachweise dafür gibt es nicht.

Der Namenszusatz „von der Vogelweide“ verweist auf eine Herkunft aus dem niederen Adel: Die Falkenaufzucht war eine Aufgabe von Ministerialen, die für den höheren Adel Dienste verrichteten und so mit der Zeit selbst eine höhere – wenngleich weiterhin untergeordnete – soziale Stellung erlangen konnten.

Dass Walther sich als junger Mann am Wiener Hof aufgehalten hat, wissen wir, wie oben ausgeführt, von ihm selbst. Sein Dichterhandwerk hat er demnach am Hof der Babenberger erlernt, unter denen Österreich sich von Bayern gelöst und zu einem eigenständigen Herzogtum aufgestiegen war. Die spätere Metropole des Kaiserreichs ist ein unmittelbares Zeugnis dieser Machtentfaltung: Die Verlegung der Residenz der Babenberger Herrscher von Klosterneuburg nach Wien fiel mit der Aufwertung der ehemaligen Markgrafschaft zum Herzogtum im Jahr 1156 zusammen.

Walther zeichnet ein durchweg positives Bild seiner Zeit in Wien. Immer wieder finden sich bei ihm Lobgesänge auf den „wünneclîche[n] hof ze wiene“, an dem man „sô maneger tugende mit stæter triuwe pflac“ („den herrlichen Hof zu Wien“, an dem man „so vielen Tugenden mit großer Beständigkeit die Treue gehalten hat“; L 84,1).

Den Verlust seiner geistigen und emotionalen Heimat kommentiert er mit den Worten, „der sælden tor“ sei nun „verspart“ für ihn: Das „Tor zur Glückseligkeit“ sei nun „versperrt“ für ihn (L 20,31). In an Leopold VI., Herzog von Österreich von 1198 bis 1230, gerichteten Versen vergleicht Walther die Trennung vom Wiener Hof sogar mit einem Leben in der Einsamkeit der Wildnis. Anstatt „ze walde“ (im Wald) solle der Herzog ihn doch wieder „ze selde“ – an einer festen Wohnstatt (hier: bei Hofe) – und „bî den liuten“ – bei den Leuten: unter [gesitteten] Menschen – leben lassen (L 35,17).

Daraus lässt sich wohl schließen, dass Walthers frühe Bardenjahre eine glückliche Zeit für ihn waren – auch wenn die Erinnerung manches verklärt haben mag. Als Grenze für diesen Zeitraum kristallisiert sich das Jahr 1198 heraus. Dies hängt mit der gesamthistorischen Entwicklung zusammen, die auch das Leben Walthers maßgeblich beeinflusst hat. Darauf wird im nächsten Beitrag dieser Reihe näher eingegangen werden.

Bild: Lars Staffanski: Walther-von-der-Vogelweide-Denkmal im Gmundner Viktoria-Luise-Park, errichtet 1926 von Alois Redl im Auftrag der Stadtgemeinde Gmunden (Wikimedia commons)

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