Eine Reise ins Jahr 2521

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/9

Nachdem er die Notfalluhr betätigt hat, findet Theo sich urplötzlich im Jahr 2521 wieder. Staunend steht er vor dem Tor einer Zeit, in der nichts mehr so ist, wie er es gewohnt ist.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Ankunft in der Zukunft

Jetzt weiß ich es also: Georges Notfalluhr funktioniert tatsächlich! Eine Drehung im Uhrzeigersinn, und das Rad an der Seite ver­wandelt sich in ein Zeitkatapult, das einen in eine unvorstellbar ferne Zukunft schleudert. Das hier ist einfach zu real, zu detail­reich, als dass es nur eine Ausgeburt meiner Phantasie sein könn­te.

Die Notfalluhr zeigt als Datum unmissverständlich Mittwoch, den 18. März 2521 an. Gestern war also Dienstag, der 17. März 2521. Aber dieses Gestern ist nicht mein Gestern, denn mein Gestern war in einer anderen Zeit und in einem anderen Leben, das mir allmählich ebenso unwirklich vorkommt wie die Welt, in die ich hier hinein­geraten bin.

Ups! Eine kleine Bewegung, und schon passt sich dieses ver­dammte Möbelstück, auf dem ich sitze, meiner neuen Haltung an.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, darauf Platz zu nehmen. Beim ersten Hinsehen wirkt es eher wie ein Kof­fer, der aus allen Nähten platzt. Sobald man es aber berührt, ge­rät es in Bewegung und verändert unmerklich seine Form. Of­fenbar ist es mit einem Sensor ausgestattet, der die Körper­wärme an einen Bewegungsmelder überträgt, durch den dann der Mechanismus des Gerätes in Gang gesetzt wird.

Anfangs habe ich gedacht, das Ding wäre eine Falle und würde mich – als unbefugten Eindringling – festhalten, sollte ich es wa­gen, mich darauf niederzulassen. Nachdem ich dies trotz allem gewagt hatte, fing es regelrecht zu wachsen an und umschloss mich von allen Seiten.

Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mich wahrscheinlich vor der Hirnmaske, die über dem Möbelstück hängt, viel eher in Acht nehmen müssen. Von ihrem äußeren Erscheinungsbild her wirkte sie jedoch viel harmloser als der riesenhafte Bildschirm. Sie ist durch ein elastisches Drahtseil mit der Decke verbunden und sieht aus wie eine Kombination aus Fahrradhelm und Schlafbrille. Dies weckte in mir die Hoffnung, wenigstens für ein paar Minuten dem gleißenden Licht entgehen zu können.

Kaum hatte ich die Maske aber aufgesetzt, da begann sie sich ebenso wie mein schlauer Sessel plötzlich mit Leben zu füllen. Wie eine Friseuse, die einem Kunden das Haar wäscht, tastete sie meinen Kopf ab – so schien es mir zumindest. Dies dauerte aller­dings nur wenige Sekunden. Dann legte die Maske sich fester um meinen Kopf, während ich gleichzeitig das Gefühl hatte, als senkten sich von mehreren Seiten unsichtbare Hände in mein Gehirn, um es zu massieren.

So ist es schwer zu entscheiden, was hier Wirklichkeit ist und was nur Vorspiegelung von Wirklichkeit. Die Wände in dem Raum haben etwa eine ähnliche Wirkung wie Ho­logramme: Statt die Begrenzung, der sie de facto dienen, hervor­zuheben, öffnen sie den Blick in scheinbar unendliche Weiten.

Beim Eintritt in das mir zugewiesene Appartement war es mir daher zunächst, als würde ich nicht einen einzelnen Raum, sondern eine ganze Zimmerflucht betreten. Bilder zeigen die Wände allerdings keine – der Eindruck einer Er­weiterung des Raumes entsteht allein durch ein ständig wech­selndes Farbenspiel.

Dummerweise knurrt jetzt auch noch mein Magen … Ja, lieber Magen, ich ver­stehe dich ja: Nach all den Anstrengungen der letzten Stunden möchtest du gerne gefüttert werden. Und ich hätte ja auch gar nichts dagegen, dir etwas Ablenkung zu gönnen von all den stressreichen Veränderungen. Leider weiß ich aber beim besten Willen nicht, wo ich hier etwas Essbares herbekommen soll.

Ein Kühlschrank ist nirgends zu sehen. Eine Vorratskammer gibt es erst recht nicht, auch kein kleines Schränkchen mit Astro­nautennahrung, die sehr gut in dieses Ambiente passen würde. Ob vielleicht der Schlauch, der da hinten aus der Wand ragt, et­was mit Nahrungsaufnahme zu tun hat? Oder dient er eher der Belüftung? Aber warum ist dann an seinem äußeren Ende ein Mundstück angebracht?

Tatsächlich – der Schlauch ist so eine Art überdimensionale Na­belschnur! Als ich ihn in den Mund nahm, war hinter der Wand ein zischendes Geräusch zu hören, als hätte ich dadurch irgend­einen Einspritzmechanismus in Gang gesetzt. Gleich darauf spür­te ich, wie sich eine dickflüssige Masse in meinen Mund er­goss. Mit kurzen Unterbrechungen, die optimal auf den Schluck­vorgang abgestimmt waren, sickerte sie in mich ein.

Der Nahrungsbrei war lauwarm und schmeckte nach nichts Be­sonderem – am ehesten vielleicht nach aufgelöstem Milchpulver. Da ich aber großen Hunger und Durst verspürte, habe ich nicht darauf geachtet, sondern den Schlauch in meinem Mund behal­ten, bis er nichts mehr hergab. Erst dann habe ich mich von dem Mundstück befreit. Surrend verschwand es in der Wand. Das Ge­räusch einschießenden Wassers, das danach zu hören war, lässt mich annehmen, dass der Schlauch nach jedem Fütterungs­vorgang  automatisch gereinigt wird.

Danach blieben Mundstück und Schlauch verschwunden. Ein Nachschlag war augenscheinlich nicht vorgesehen. Aber ich hätte auch keinen gewollt – ich bin viel zu sehr gefesselt von dem Geschehen auf dem Flutlichtplatz vor der Glasfront des Raumes, in dem ich untergekommen bin.

Bis eben herrschte dort noch Friedhofsruhe. Jetzt aber sind auf einmal Flugbewegungen vor den Glaspalästen auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen. Ob das wohl so eine Art Mittagspause ist?

Flugbewegungen … Wie schnell doch das Ungewohnte zum Ge­wohnten wird, wenn man ihm nur intensiv genug ausgesetzt ist!

Bei meiner Ankunft hier, als ich mich plötzlich auf diesem riesigen Flutlichtplatz wiederfand, war das noch ganz anders. Da hatte ich im ersten Augenblick den Eindruck, in ein Abwehrfeuer aus Lenk­raketen geraten zu sein. Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, dass es sich bei den vermeintlichen Geschossen um menschliche Flugobjekte handelte. Das Fliegen scheint hier die übliche Art der Fortbewegung zu sein. Man schnallt sich einfach einen metallisch glänzenden Schutzanzug um, und dann geht’s ab in die Lüfte – und dort umschwirren die menschlichen Fluginsekten einander auch jetzt wieder wie glühende Kometensplitter.

Podcast, Teil III:

Episode 1: Vorwort der Herausgeberin

Onkel Theos Nichte erhält einen anonymen Hinweis auf den Ort, an dem sich das Kloster der Dunkelmänner befinden soll. Davon erhofft sie sich Aufschluss über den Verbleib von Onkel Theo und sein weiteres Schicksal.

Episode 2:

Vorsichtig tastet Theo sich in sein Leben in der Zukunft hinein. Dabei verfolgt ihn auf Schritt und Tritt die Angst, als „Zeitmigrant“ enttarnt und bestraft zu werden – in einer Form, von der er, als Mensch aus einer anderen Zeit, keinerlei Vorstellung hat.

Episode 3:

Theo versucht, im Strom der anderen mitzuschwimmen und sich möglichst unauffällig zu verhalten. Da spricht ihn plötzlich jemand von hinten an: Passkontrolle!

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Stefan Keller (Kellepics): Sprung in die Berge (Pixabay)

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