Der verlorene Schatten

Neue Audiofassung und überarbeitete Gesamtausgabe von Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen

Zu Ilka Hoffmanns dreiteiligem Tagebuch eines Schattenlosen gibt es eine neue Audiofassung und eine überarbeitete Gesamtausgabe als Ebook. Es wird deshalb noch einmal das Ziel unserer literarischen Reise sein – dieses Mal allerdings mit dem Schwerpunkt auf der Audiovariante.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Erster Auftritt als Schattenloser

Niemand rechnet damit, seinen Schatten zu verlieren. So bemerkt auch Theo zunächst nicht, dass sein Schatten ihm abhandengekommen ist. Ausgerechnet als er verspätet zu einer Teambesprechung mit der Produktmanagerin seiner Versicherungsfirma kommt, wird sein Makel offenkundig:

Obwohl ich mich bemüht hatte, die Tür so vorsichtig wie möglich zu öffnen, drehte sich Frau Zimmermann, die Produktmanagerin, sogleich nach mir um, als ich den Raum betrat: „Ah, der Herr C.! Tja, wenn man vom Teufel spricht … Gerade habe ich gefragt, ob jemand etwas von Ihnen gehört hat.“

Ihr durchaus entgegenkommendes Lächeln konnte nicht verhin­dern, dass mir die Schamesröte ins Gesicht stieg. Natürlich pro­vozierte die Aufteilung des Raumes auch geradezu peinliche Ge­fühle bei einem Nachzügler. Die Ti­sche waren kreisrund angeord­net, und das Whiteboard, auf dem man bei Bedarf Kalkulationen oder Geschäftsstrategien skizzieren konnte, stand vorne, unweit der Tür.

Der Leiter der Besprechung saß daher stets mit dem Rü­cken zur Tür. Bei meinem Eintritt in den Raum hatte ich so das Gefühl, ei­ne Bühne zu betreten, zumal auch der über dem Whiteboard an­gebrachte Deckenstrahler wie ein Scheinwerfer auf mich ge­richtet war.

Eine Weile lang verharrte ich in der halb geöffneten Tür wie ein Schauspieler, der seinen Text vergessen hat. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Die Blicke verrieten jene Mi­schung aus Be­fremdung und Abscheu, die mir von da an noch öfter begegnen sollte.

Damals aber verstand ich zunächst gar nicht, was los war. Gut, nach einer halb durchwachten Nacht sah ich sicher nicht allzu gut aus. Aber musste man mich deshalb anstarren, als wäre ich ein blutüberströmter Zombie?

Mein erster Impuls war, den Raum rückwärts wieder zu verlassen und einfach nach Hause zu gehen. Stattdessen schloss ich jedoch – um über­haupt etwas zu tun – die Tür hinter mir und trat zwei Schritte vor.

Warum ich dann innehielt, anstatt einfach auf den noch freien Platz zuzugehen, kann ich selbst nicht sagen. Wahr­scheinlich ha­ben mich die forschenden Blicke verunsichert, die sich nun nicht mehr in mein Gesicht bohrten, sondern mit ungläubigem Entset­zen einen Punkt schräg hinter mir fixierten, wo der Lichtkegel des Deckenstrahlers meinen Schatten auf das Whiteboard hätte zeichnen müssen.

Irgendwann bin ich dann wohl der Blickrichtung der anderen ge­folgt und habe mich umgedreht, um den Grund für ihre Beunru­higung herauszufinden. So muss schließlich auch mir aufgefallen sein, dass dort, wo gemäß den physikalischen Gesetzmäßigkeiten mein Schatten hätte sein müssen, der weiße Lack des Whiteboards genauso unberührt war wie an den anderen Stellen auch. Das Licht missachtete mich ganz einfach, es fiel mitten durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht da.

Ja, war ich vielleicht wirklich nicht da? Träumte ich das alles nur, oder war ich selbst ein Teil des Traums der Kollegen, die mich an­starrten wie eine Gruppe von Schlafwandelnden, die von ihrem Erwachen träumen? Aber seit wann begaben sich Schlafwan­delnde denn in Gruppen auf ihre nächtlichen Streifzüge?

Podcast, Teil I:

Episode 1: Das Mädchen mit den grünen Augen

Nachdem er nach seinem Schatten auch seinen Job verloren hat, beschließt Theo, die vergangenen Ereignisse noch einmal genau zu rekonstruieren. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Begegnung mit einer geheimnisvollen Fremden.

Episode 2: Der Morgen danach

Theo empfindet zum ersten Mal die Wunde des Schattenverlusts – jedoch ohne sich darüber klar zu sein, was mit ihm geschehen ist. So begeht er einen folgenschweren Fehler.

Episode 3: Im Labyrinth des Gesterns

Theo geht noch einmal die Wege ab, die ihn zu dem Mädchen mit den grünen Augen geführt haben. Seltsamerweise kommt ihm aber auf einmal alles ganz verändert vor.

Ebook

Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Dorothe Wouters (Darkmoon_Art): Brücke in den Wolken (Pixabay) 

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