Das leere Haus der Hoffnung

Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschikow/3

Über den Song Государыня (Gossudárynja: Herrscherin)

Boris Grebenschtschikows Song Gossudárynja handelt von Menschen, die sich aufgrund enttäuschter Hoffnungen von einer Herrscherin abwenden. 1991 entstanden, verweist das Lied auf die untergehende Sowjetunion, hat aber auch eine darüber hinausgehende Bedeutung.

Herrscherin

Weißt du noch, wie es war, damals,
als wir es bauten, unser Haus?
Alles war gut an unserem Haus,
auch wenn es leer war, völlig leer.

So viele Jahre haben wir
den unbefleckten Schnee mit Silber bestickt,
immer in Angst, ihn zu verätzen
mit unseren heißen Hoffnungen.

So viele Jahre haben wir
dich nächtelang besungen.
Wir haben gesungen,
aber nie etwas gesagt.

So viele Jahre hatten wir, Herrscherin!,
Angst, dir zu sagen:
"Wenn dir der Sinn nach Feinden steht –
wir alle stehen gern dir zur Verfügung!"

Warum also baden wir bis heute
in dieser Jauchegrube?
Warum packen wir die Teufel
nicht bei den Hörnern?

"Singt in der Nacht, dann wird
der Morgen euch belohnen",
hieß es. Nie aber wurde
heller die Nacht, nie leichter die Last.

So haben wir jahrelang
umsonst an diesem Haus gebaut.
Ist es etwa unsere Schuld,
dass es leer geblieben ist?

Doch werden wir kein zweites Mal
den Schnee mit Silber besticken.
Dieses Mal wird die Säure unserer Träume
uns einen Weg durch den Eispanzer bahnen.

Boris Grebenschtschików (Борис Гребенщиков) mit der BG-Band (die 1991/92 vorübergehend an die Stelle von Grebenschtschikows Stammformation Aquarium getreten war): Государыня (Gossudárynja; 1991) Aus: Русский Альбом (Rússkij Albóm: Russisches Album; 1992)

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1992:

Albumfassung

Eine Herrscherin mit duldsamen Untertanen

Um das Lied Gossudárynja zu verstehen, ist die entscheidende Frage offenbar: Um wen handelt es sich bei der Herrscherin, um die der Text kreist?

Da das Lied keine direkte Antwort auf diese Frage gibt, muss das Wesen der Herrscherin aus dem Umgang der Beherrschten mit ihr erschlossen werden. Dieser lässt sich wie folgt kennzeichnen:

  • Da die Untertanen das Haus, in dem sie gemeinsam mit der Herrscherin leben, selbst mit erbaut haben, zeichnet sich ihr Verhalten durch eine besondere Vorsicht aus. Wie bei einem Eispalast, der sich mit jedem allzu warmen Sonnenstrahl in nichts auflösen könnte, schonen sie das ebenso nichtssagende wie verheißungsvolle Weiß der Wände. So nehmen sie die Leere des Hauses zunächst klaglos hin und bestücken es mit ihren Träumen von einer glorreichen Zukunft.
  • Obwohl die Herrscherin die in sie gesetzten Erwartungen offenbar nicht erfüllt, halten sich die Untertanen doch mit ihrer Kritik zurück. Statt offen zu sagen, was ihnen nicht gefällt, singen sie weiter Loblieder auf die Herrscherin. Die Dunkelheit, in der sie leben, ist für sie nur ein Fingerzeig auf den Morgen, der sie irgendwann für ihre lange Wanderung durch das finstere Tal ihres Alltags belohnen wird.
  • Erst als die Not zu groß wird und offensichtlich ist, dass das verheißene Morgenrot sich nicht einstellen wird, wachen die Untertanen auf. Erst da wird ihnen bewusst, dass die Leere ihres Hauses nicht auf zukünftige Erfüllung hindeutet, sondern nur auf leeren Versprechungen beruht. Statt die Leere weiter mit den Halluzinationen ihrer Träume auszufüllen, versuchen sie diese daher nun in die Tat umzusetzen und wenden sich von ihrer Herrscherin ab.

Analogien zu Herrschaftsstrukturen in der Sowjetunion

Das Verhalten der Untertanen zeigt, dass ihre Tolerierung der Herrscherin nicht allein auf Angst vor dieser beruht. Vielmehr überdeckt die Herrscherin die Leere des „Hauses ihrer Herrschaft“ offenbar so geschickt mit Zukunftsversprechungen, dass die Menschen ihr im Vertrauen auf deren Erfüllung mehr oder weniger freiwillig folgen – auch wenn die Überzeugungskraft der Versprechungen mit der Zeit abnimmt.

Damit beschreibt der Text des Liedes ziemlich genau die vorherrschende Mentalität in der Sowjetunion. Natürlich gab es während der ganzen Zeit von deren Existenz oppositionelle Bewegungen und Phasen größerer Unzufriedenheit mit dem Regime, auf die mit entsprechenden Repressionen reagiert wurde. Der Großteil der Menschen wurde durch die Indoktrinierungsmaschinerie des Regimes jedoch zum Glauben an ein gemeinsames „Haus des Volkes“ erzogen, dessen Säulen die marxistisch-leninistischen Dogmen von einem irgendwann hereinbrechenden kommunistischen Morgenrot waren. 

Bei der „Herrscherin“ in dem Song würde es sich demzufolge um „die Partei“ handeln, verstanden als Chiffre für das Konglomerat aus rotem Adel, Bürokratenriege und Geheimdienstkraken, die das Haus der kommunistischen Herrschaft dominiert haben. Eine solche Deutung liegt auch deshalb nahe, weil die Entstehung des Liedes mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion zusammenfällt. Zudem weist der Titel der Songsammlung, auf dem es enthalten ist – Rússkij Albóm (Russisches Album) – explizit auf die Widerspiegelung der eigenen Kultur und Geschichte in den Liedern hin.

Musikalisch wird dies auf dem Album durch die Einbeziehung von Elementen der russischen Volksmusik umgesetzt. Damit wird die Neuorientierung und Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, wie sie im Zuge der Perestroika und der damit einhergehenden Loslösung von kommunistischen Dogmen zu beobachten war, gewissermaßen in der Sphäre der Musik nachvollzogen.

Das Album strahlt dadurch insgesamt eine Art von harmonischer Selbstreflexion aus. Dies gilt grundsätzlich auch für den Song Gossudárynja – wobei Grebenschtschikow selbst allerdings auf den „gebrochenen Rhythmus“ in dem Lied hinweist. Dieser unterstreicht zusätzlich die Spannung zwischen musikalischer Harmonie und der im Text ausgedrückten Dissonanz zwischen Volk und Herrschenden.

Der Song als Metapher für morsche Glaubensgebäude

Unabhängig davon ließe sich der Song jedoch auch auf andere Fälle beziehen, in denen Menschen gemeinsam mit anderen auf eine verheißungsvolle Zukunft hinwirken und dann ihre Erwartungen enttäuscht sehen. Dabei kann es sich um das Glaubensgebäude einer Sekte handeln, aber auch um andere politische Projekte.

So haben auch in das „Haus der Demokratie“ in letzter Zeit immer mehr Menschen den Glauben verloren. Die Frage ist nur, ob man es deshalb gleich ganz niederreißen oder doch besser so renovieren sollte, dass es wieder für alle bewohnbar wird.

Bezieht man den Song auf die heutige Situation in Russland, so stellt sich die Frage, wie lange es wohl noch dauern wird, bis die Menschen auf die aktuelle Herrscherclique so reagieren werden wie die Untertanen in dem Lied: Wann endlich wird die Einsicht in den morschen Charakter des Staatsgebäudes, in dem sie leben, groß genug sein, um sie zum Auszug daraus zu bewegen?

Zitat von Grebenschtschikow entnommen aus einer von Sergej Iwanowitsch zusammengestellten Sammlung von Infos, Zitaten und Videoclips zu Gossudárynja auf kursivom.ru: БГ-бэнд — Государыня (BG-Band – Gossudárynja)

Bild: Peter H. (Tama66): Verfallener Ort (Pixabay)

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