Das Schweigen der Welt

Der kolumbianische Dichter José Asunción Silva/10

José Asunción Silvas Gedicht La respuesta de la tierra (Die Antwort der Erde) thematisiert in ironischer Weise die vergebliche Sinnsuche des Menschen. Dabei ergeben sich auch Parallelen zu Albert Camus‘ Philosophie des Absurden.

Die Antwort der Erde

Vor einem Wirtshaus wandte einst an einem Winternachmittag
sich ein sibyllinischer, grandioser Poet an die Erde:
"O Mutter! O Erde! Dich ewig um dich selber drehend,
scheinst du nichts zu wissen von unserer flüchtigen Existenz.

Ein Himmel oder eine Hölle sind unsere Hoffnung,
Leid oder Lust bringen uns uns're kurzen Stunden.
Du aber, seelenlose Mutter, verharrst in gleichgültigem Schweigen,
du kennst – so sagt man – keine Trauer, keine Tränen.

Ist dir das Mysterium, das dich erfüllt, etwa selber fremd?:
die abgründigen Nächte und die geisterhaften Dämmerungen,
die ungewissen Schilfrohrschatten, die verschwimmend
sich spiegeln in der Blässe taugetränkter Teiche;

dieses schwindende Bewusstsein unserer selbst,
zurückgeworfen aus zerbroch'nen Spiegeln:
Wer sind wir? Wohin gehen wir? Warum hat es uns
an diesen Ort verschlagen? Weshalb sind wir hier?

Kennen die Toten die Geheimnisse der anderen Welt?
Warum wirft man uns in ein trübseliges, nutzloses Leben?
Folgt auf die Lebenswüsten eine fruchtbare Oase?
Sag mir, Mutter: Warum werden wir geboren, um zu sterben?

Warum? Still meine Sorgen, lass nicht unerwidert
meine Angst! Zitternd kniet, o Mutter! nieder vor dir
dein ehrfürchtiger Priester und harrt deiner Antwort
in den einsamen Finsternissen dieser Welt."

Die Erde aber, gleichgültig und stumm, wie immer,
blieb dem poetischen Priester die Antwort schuldig.



José Asunción Silva: La respuesta de la tierra Aus: Gotas amargas (Bittere Tropfen. In der 1990 erschienenen textkritischen Gesamtausgabe der Werke Silvas (Obra completa, 2. Aufl. 1996) findet sich das Gedicht auf S. 75.

Ironische Elemente in dem Gedicht

Das Gedicht La respuesta de la tierra wird für gewöhnlich der Sammlung Gotas amargas zugeordnet. Dies ist insofern verständlich, als die Verse – wie die anderen Gedichte der Sammlung – in der Tat einige ironische Elemente enthalten.

Das zeigt sich bereits am Anfang des Gedichts, wenn uns der „sibyllinische, grandiose Poet“ vor einem Wirtshaus stehend vorgestellt wird. Der Widerspruch zwischen angemaßter Gottgleichheit und der Banalität des Alltags wird so gleich in den einleitenden Worten vor Augen geführt.

Verstärkt wird die ironisierende Beschreibung des Dichterfürsten in der Folge durch das übertriebene Pathos, mit dem dieser sich an die Erde wendet. Auf der äußeren Ebene wird das poetische Pathos dabei durch den Verweis auf das Wirtshaus motiviert. Dadurch wird nahegelegt, dass der Dichter bei seinem Fragegewitter nicht mehr ganz nüchtern ist.

Allerdings dient die Ironie in diesem Fall nicht – wie in anderen Gedichten der Sammlung Gotas amargas – dazu, weltfremde Einstellungen und eine daraus folgende Lebensuntüchtigkeit zu entlarven. Sie hat hier eher die Funktion, den Reflexionen über die grundsätzliche Tragik des Lebens den Stachel zu nehmen und sie so erträglicher zu gestalten. Die Ironie enthält dabei in diesem Fall wohl auch eine selbstironische Komponente.

Parallelen zu Albert Camus‘ Philosophie des Absurden

In seiner Grundstruktur des fragenden Ichs und der schweigenden Erde erinnert das Gedicht an Albert Camus‘ Philosophie des Absurden, die dieser 1942 in seinem Essay Der Mythos von Sisyphos dargelegt hat. Darin leitet Camus das Absurde aus der ins Leere laufenden Suche des Menschen nach einem absoluten Sinn des Lebens ab – und kennzeichnet diese Konstellation als „Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt“ [1].

Dabei betont Camus allerdings zugleich, dass die Charakterisierung des Schweigens der Welt als „vernunftwidrig“ ausschließlich auf der menschlichen Perspektive beruht. Die Welt an sich sei weder vernünftig noch unvernünftig [2].

Hieraus ergibt sich auch die grundsätzliche Ironie des Gedichts von Silva: Indem der Dichter darin an naturgesetzliche Prozesse, die sich den Kategorien menschlicher Vernunft wesensmäßig entziehen, eben diese Kategorien anlegt, missachtet er den Abgrund, der das vernunftgeleitete menschliche Denken von der blinden Dynamik naturhaften Geschehens trennt.

Dadurch wird der „grandiose Poet“ zu einer Don-Quijote-Figur, die gerade durch ihr Aufbegehren gegen die Sinnlosigkeit des eigenen Daseins ihre Lächerlichkeit dokumentiert. Er ist eben kein Urahne der Sibyllen, jener antiken Seherinnen, denen ihr Gott (Apollo) geheimes, prophetisches Wissen einflüsterte. Stattdessen ist er als moderner Mensch Sohn einer Mutter, die seine Fragen weder hört noch versteht und erst recht nicht beantwortet, weil sie eben keine Göttin, sondern ebenso vergängliche Materie ist wie er selbst.

Ein Blick in den Abgrund des Lebens

Wenn wir das Gedicht auf der Ebene des Autors betrachten, so ergibt sich freilich ein anderer Befund. Denn Silva musste ja, um die Lächerlichkeit der Fragekonstellation in dem Gedicht vor Augen zu führen, zuvor die Absurdität erkannt haben, die der vergeblichen Suche nach absolutem Sinn für den Menschen anhaftet.

Damit hat er – freilich ohne sich auf den Begriff zu beziehen, der erst später durch Existenzphilosophie und die Literatur des Absurden Popularität erlangte – das getan, was Camus als einzig sinnvolle Form des Umgangs mit dem Absurden ansieht: Er hat „dem Absurden ins Auge gesehen“.

Laut Camus ist dies für den Menschen die einzige Möglichkeit, seine Freiheit zu erlangen. Nur durch die Konfrontation mit dem Absurden – als dem zentralen Aspekt seines Daseins – kann er sich seiner selbst und seiner existenziellen Situation bewusst werden und so seinen Geist von den Fesseln der Angst befreien:

„Leben heißt: das Absurde leben lassen. Das Absurde leben lassen heißt: ihm ins Auge sehen.“ [3]

Auflehnung oder Kapitulation vor dem Absurden?

In einem anderen Punkt unterscheidet Silva sich allerdings grundlegend von Camus. Denn dem Absurden ins Auge zu sehen, bedeutet für Camus gerade nicht, sich mit ihm abzufinden. Als die einzig adäquate Form der Auseinandersetzung mit ihm sieht er vielmehr die ebenso absurde „Auflehnung“ gegen es an [4].

Eben dies symbolisiert für Camus der Mythos von Sisyphos, dem von den Göttern die Strafe auferlegt worden war, immer wieder denselben Felsblock einen Berg hinaufzurollen. In Camus‘ Deutung des Mythos stellt der antike Held, indem er dieses Schicksal auf sich nimmt, seine Bereitschaft unter Beweis, sich immer wieder neu gegen die Absurdität seines Daseins aufzulehnen. Er ist für ihn insofern „der Held des Absurden“ [5].

Die nach Camus zentrale philosophische Frage, ob die absurde Grundstruktur der menschlichen Existenz notwendig den Selbstmord zur Folge haben müsse, wird von ihm vor diesem Hintergrund verneint. Denn der Selbstmord ist ja gerade nicht von Auflehnung gegen das Absurde geprägt, sondern erkennt die dem Menschen durch das Absurde gesetzten Grenzen in einem absoluten Sinn an. Er bedeutet die Kapitulation vor der „einzige[n] und furchtbare[n] Zukunft“, auf die jedes menschliche Dasein zuläuft [6].

Insofern kann man wohl resümieren: Silva hat dem  Absurden zwar „ins Auge gesehen“. Mit seinem Freitod hat er daraus jedoch gänzlich andere Schlussfolgerungen gezogen als Camus.

Nachweise

[1]    Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos (Le mythe de Sisyphe, 1942, dt. 1950), S. 29. Reinbek 1959: Rowohlt.

[2]    Vgl. ebd., S.23.

[3]    Ebd., S.49.

[4]    Ebd.

[5]    Ebd., S.99.

[6]    Ebd., S.49.

Bild: Alexej Sawrassow (1830 – 1897): Winter; Sankt Petersburg, Russisches Museum (Wikimedia commons)

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