Der kolumbianische Dichter José Asunción Silva/9
In mehreren Gedichten aus der Sammlung Gotas amargas (Bittere Tropfen) entlarvt José Asunción Silva auf ironische Weise unrealistische Vorstellungen vom Leben und warnt vor deren Folgen. Besonders eindrücklich geschieht dies am Beispiel der Liebe.
Idyll
"Sie vergötterte ihn, und er betete sie an."
"Haben sie schließlich geheiratet?"
"Nein, mein Herr: Sie hat einen anderen geheiratet."
"Und ist sie vor Kummer gestorben?"
"Nein, mein Herr: An einer Fehlgeburt."
"Und hat der arme Unglückliche
seinem Leben ein Ende gesetzt?"
"Nein, mein Herr: Sechs Monat vor ihrer Hochzeit
zog er selbst vor den Altar
und ist nun glücklich verheiratet."
José Asunción Silva: Idilio Aus: Gotas amargas (Bittere Tropfen). In der 1990 erschienenen textkritischen Gesamtausgabe der Werke Silvas (Obra completa, 2. Aufl. 1996) findet sich das Gedicht auf S. 92.
Romantische Ironie zur Entzauberung romantischer Liebesklischees
Das Gedicht stellt zwei Sprecher mit konträren Positionen einander gegenüber. Der eine geht von dem Konzept der absoluten, romantischen Liebe aus. Demnach lodert das Feuer der Liebe, einmal in einem Herzen entfacht, ewig weiter. Stirbt einer der Liebenden oder ist der Liebe aufgrund sozialer Konventionen die Erfüllung versagt, so gehen die Liebenden eher in den Tod, als dass sie ihrer Liebe entsagen.
Die Worte des anderen Sprechers spiegeln dagegen die Geschlechterbeziehungen in der sozialen Realität wider. In dieser kann sich die Liebe – wie unvergänglich sie den Liebenden auch zunächst erscheinen mag – durchaus in den Windungen und Wirren des realen Lebens verlieren, und der Tod tritt eher durch eine Fehlgeburt ein als durch die heroische Absage an ein Leben, in dem die Liebe keinen Platz hat.
Dadurch, dass das Gedicht die Idee der absoluten Liebe und die nüchterne Realität der Geschlechterbeziehungen in der Weise eines lakonischen Smalltalks miteinander konfrontiert, erzielt es die Wirkung einer maximalen Entzauberung der romantischen Weltsicht. Es knüpft damit an die romantische Ironie an, mit der schon Heinrich Heine den weltfremden Träumereien seiner Zeitgenossen einen entlarvenden Spiegel vorhielt.
Gustavo Adolfo Bécquer: ein Seelenverwandter Silvas
Die sachliche Ironie in dem Gedicht erinnert darüber hinaus auch an das Werk des spanischen Lyrikers Gustavo Adolfo Bécquer (1836 – 1870), mit dem Silva sich in einem Essay befasst hat [1]. Als Autor aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stellt Bécquer eine Art Brücke zwischen romantischem Weltschmerz und Fin-de-siècle-Stimmung dar. Sein Werk kann deshalb auch dabei helfen, den Wandel zu verstehen, der sich bei dem Übergang von dem einen zu dem anderen Gefühlskomplex vollzogen hat.
Auffallend ist vor allem, dass die Lyrik Bécquers zwar melancholisch grundiert ist und insofern an den romantischen Weltschmerz anknüpft, dabei aber eine reflektiertere Position einnimmt. Dies spiegelt sich auch in einer Abkehr von den tradierten Dichtungsformen wider, die sich bei Bécquer zugunsten einer freieren Handhabung von Reim und Versmaß auflösen.
Ein wesentliches Element der reflektierteren Haltung gegenüber der eigenen Stimmungslage ist dabei die Ironie [2]. Sie drückt sich sogar im Titel der einzigen Gedichtsammlung Bécquers aus: Die „Rimas“ genannten Gedichte sind eben nicht durchgehend gereimt, sondern setzen immer wieder ungezwungenere Assonanzen an die Stelle der festen Reimschemata.
Ein inhaltliches Beispiel für die Handhabung der Ironie im Werk Bécquers ist ein Gedicht, in dem er die materielle Situation des Dichters thematisiert. Dabei dekonstruiert er nicht nur das Klischeebild des Dichters als eines genialischen Geistwesens, das aufgrund seiner göttlichen Gaben keine finanzielle Absicherung benötigt. Indem er den Hinweis auf die nötige Erdung des Himmelssohns in materieller Sicherheit einer Frau in den Mund legt, ironisiert er zugleich das Stereotyp der Frau als eines auf die häusliche Sphäre beschränkten Anhängsels des Mannes, das sich über gesellschaftliche Belange keine Gedanken macht:
Ich gebe es zwar nur ungern zu,
aber letztlich stimme ich, meine Geliebte, dir zu:
Eine Ode ist nur dann für etwas gut,
wenn sie die Rückseite einer Banknote ziert.
Sicher wird es Ignoranten geben,
die beim Hören dieser Worte, sich bekreuzigend
in heiliger Empörung, ausrufen:
"Wie kann eine Frau des 19. Jahrhunderts
nur so materialistisch und prosaisch sein!"
Doch flieht der Mond, wenn die Hunde ihn anbellen?
Bedecken Dichter sich im Winter
nur noch mit ihrer Leier, weil sie sich schämen
ob solcher weihevollen Worte?
Du weißt es, Geliebte, wie ich:
Nur über Wenigen schüttet beim Schreiben
das Füllhorn des Geistes sich aus,
doch jeder kann mit Gold Gedichte machen. [3]
Das Gedicht Enfermedades de la niñez: Tödlicher Liebeswahn
Wie für Bécquer ist auch für Silva die Ironie ein Mittel, Klischeevorstellungen und unrealistische Erwartungshaltungen als solche zu entlarven. In der Gedichtsammlung Gotas amargas geschieht dies vor allem am Beispiel der Liebe. Dabei nimmt die Ironie – wie in dem Gedicht Enfermedades de la niñez (Kinderkrankheiten) – zuweilen auch sarkastische Züge an:
Kinderkrankheiten
Auf einen käuflichen Mund,
auf einen schändlichen Mund,
auf abgenutzte, schlaffe Lippen
presste er, dürstend nach Zärtlichkeiten,
den ersten Kuss, als er den Trieb verspürte,
der in die Arme der Torheit uns treibt.
Es war nicht wie bei Romeo,
als er in Liebe zu Julia entbrannte.
Der Körper, für den er entflammte,
als das Feuer des Verlangens loderte
in seinen Adern, war ein Kurtisanenkörper,
der alternde Leib von Doña Juana,
der rastlosen Begierdenmarketenderin.
So mündete die göttliche Ekstase,
die seine Träume ihm verheißen hatten,
in Missmut und Melancholie,
als der Rausch der Wollust endete.
Statt ins Zauberland der Liebe
sank er in den Höllenschlund der Syphilis. [4]
Das Gedicht Lentes ajenos: Die Buchliebe und das Wesen der Liebe
Die Warnung vor den Folgen einer unrealistischen Erwartungshaltung an die Liebe, die in Enfermedades de la niñez besonders drastisch ausfällt, prägt auch ein weiteres Gedicht aus der Sammlung Gotas amargas. Darin berichtet der lyrische Ich-Erzähler von einem Freund, der seine Vorstellung von der Liebe ausschließlich aus der Literatur ableitet. Die negativen Auswirkungen dieses Bücherlebens werden am Schluss des Gedichts wie folgt zusammengefasst:
Und so verging sein Leben zwischen Träumen
und endete schließlich mit der Bilanz
dreier Kinder und einer unglücklichen Frau.
Immer lebte mein Freund Juan de Dios
durch das Medium der Bücher,
und ich bezweifle, dass er jemals
das Wesen der Liebe erkannte. [5]
Das Gedicht Psicoterapéutica: Der Dichter als Psychotherapeut
Die „bittere Medizin“, die Silva mit seinen Gotas amargas verabreicht, bezweckt damit auch hier wieder eine veränderte Schwerpunktsetzung in der Lebensführung. Anstatt das Leben an philosophischen Lehren oder literarischen Abbildern des Daseins zu messen, soll umgekehrt zunächst das Leben in seinem Sosein angenommen und erst danach mit Hilfe seiner Spiegelung in philosophischen und literarischen Werken tiefer durchdrungen werden.
Die ideale psychische Hygiene, die Silva in einem weiteren Gedicht der Sammlung – mit dem bezeichnenden Titel Psicoterapéutica(Psychotherapeutisch) – entwirft, rät folglich zu einer realistischen Haltung gegenüber dem Leben: Wer sich nicht über das Leben täuscht, kann auch nicht enttäuscht werden.
In engem Zusammenhang damit wendet das Gedicht sich gegen jede Form von Künstlichkeit, sei sie in sozialen Normen begründet oder in Denk- und Verhaltensmustern, die aus philosophischen oder literarischen Moden abgeleitet werden. Empfohlen wird stattdessen eine Rückkehr zu „natürlichen“, unmittelbar aus den Erfordernissen des Lebens selbst abgeleiteten Denk- und Handlungsweisen:
Psychotherapie
Wenn du viele Jahre leben
und dich bester Gesundheit erfreuen willst,
dann sag schon als Kind den Illusionen Lebewohl:
Tue Gutes und erwarte Böses!
Scher dich nicht um die Konventionen
uns'res artifiziellen Lebens
und richte dein Handeln allein
nach der Norm des Natürlichen aus!
Meide die ätherischen Philosophen
und ihre theatralischen Lehren
und wappne dich mit der Arznei des wahren Lebens
gegen das Krebsgeschwür der Sentimentalität! [6]
Nachweise
[1] Das Essay mit dem Titel „Gustavo Adolfo Bécquer“ ist 1894 in der Zeitschrift El Correo Nacional in Bogotá erschienen (vgl. die chronologische Übersicht zum Leben Silvas bei der Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes: Vida y obra de J. A. Silva).
[2] Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Ironie im Werk Bécquers vgl. Pérez, Pedro Benítez Pérez / Guillemas, Raquel Romero: El discurso irónico de G. A. Bécquer (PDF); cvc.cervantes.es (Centro virtual Cervantes; ohne Herkunftsnachweis/Jahresangabe).
[3] Bécquer, Gustavo Adolfo: Rima XXVI. In: Ders.: Rimas y leyendas. Die „Rimas“ Bécquers sind erst nach seinem Tod als Buchausgabe erschienen (1871, zusammen mit den „Leyendas“, in „Obras completas“). Sie mussten dafür von seinen Freunden zusammengestellt werden, da das Manuskript im Verlauf des „Sexenio Revolucionario“, der sechsjährigen politischen Unruhen in Spanien von 1868 bis 1874, zweimal verlorenging. Dies ist eine weitere Parallele zu José Asunción Silva, dessen Manuskripte 1895 ebenfalls – infolge eines Schiffsunglücks – abhandenkamen.
[4] José Asunción Silva:Enfermedades de la niñez. In: Ders.: Obra completa (Das Gesamtwerk). Textkritische Ausgabe, herausgegeben von Héctor H. Orjuela (1990), S. 80. Madrid u.a. 2. Aufl. 1996: ALLCA XX / Universidad de Costa Rica (Colección Archivos de la Literatura).
[5] Silva, Lentes ajenos (Fremde Linsen/Augen). In: Ebd., S. 76 f.
[6] Silva, Psicoterapéutica (Psychotherapeutisch). In: Ebd., S. 81.
Bild: Jelena Samokisch-Sudkovskaja (1863 – 1924): Zurückweisung Eugen Onegins durch Tatjana; Illustration in einem Buch zu Alexander Puschkins Versepos Eugen Onegin (1833). Sankt Petersburg 1908: Golike und Wilborg (Wikimedia commons)