Die geistige Nähe der Verstorbenen

Bruder Norabus über das Totengedenken

Das Totengedenken handeln wir oft als rituelle Pflicht ab, durch die wir uns eher von den Verstorbenen entfremden, anstatt ihr Andenken zu bewahren. Sinnvoller erscheint daher eine Erinnerungskultur, bei der die Verstorbenen ein Teil unseres Alltags bleiben.

Harmonie und Disharmonie von Friedhöfen

Friedhöfe hatten schon immer etwas Tröstliches für mich. Gerade im Herbst, wenn die Natur sich hinter ihrem nebligen Trauerflor zurückzieht, ist der Friedhofsgarten hinter unserem Kloster mir ein willkommener Zufluchtsort.
Natürlich vermitteln Friedhöfe uns ein Gefühl für die Vergeblichkeit alles menschlichen Strebens. Gerade deshalb regen sie uns jedoch auch dazu an, in uns zu gehen, zur Ruhe zu kommen und nicht jedem Ziel, das uns im Alltag so unverzichtbar erscheint, mit derselben Verbissenheit nachzujagen.
Für das Totengedenken scheinen mir Friedhöfe allerdings nicht unbedingt der geeignete Ort zu sein. Natürlich besuche auch ich regelmäßig die Gräber verstorbener Mitbrüder. Insbesondere das Grab von Bruder Leonhard, der für mich auch ein Bruder im Geiste war, ein echter Seelenverwandter, schmücke ich regelmäßig mit frischen Blumen, bevorzugt mit den unscheinbaren Hornveilchen, die er so sehr geliebt hat.
Wenn ich die geistige Nähe von Bruder Leonhard suche, schlendere ich allerdings lieber die kleine Anhöhe unweit des Klosters hinauf und setze mich dort auf die Bank, wo ich so oft mit ihm geredet und geschwiegen habe. Sein Grab zu pflegen, ist für mich eher ein Gebot der Wertschätzung, ein Zeichen für mich und andere, dass er nicht vergessen ist.
Ich vermeide dabei aber, an die Person zu denken, der die Wertschätzung gilt. Der Gedanke, dass die sterbliche Hülle ei¬nes geliebten Menschen tief unter der Erde den Würmern zum Fraß vorgeworfen wird, ist mir ausgesprochen gruselig.
Die Seele eines Menschen lässt sich doch ohnehin nicht unter die Erde verbannen. Sie lebt dort weiter, wo das Leben dieses Menschen seine Spuren hinterlassen hat. Dies sind folglich auch die geeigneten Orte für das Totengedenken.

Zwiespältiges Totengedenken

Dabei bin ich mir bewusst, dass das Totengedenken, wie so vieles im Leben, eine zwiespältige Angelegenheit ist. Einerseits wissen wir, dass die, die von uns gegangen sind, erst dann voll-ständig von der Welt verschwunden sein werden, wenn ihr Bild sich in unseren Herzen verflüchtigt. Dies ist der tiefere Sinn all unserer Gedenktage.
Im Grunde handelt es sich dabei um Reanimationsmaßnahmen in einem geistigen Sinn, also um eine Wiederbelebung der Seele (Anima) der Verstorbenen. Oder genauer: um den Erhalt der Brücken, auf denen die Seelen von der einen in die andere Welt wandeln können.
Andererseits ist das Totengedenken aber immer auch etwas Schmerzliches. Denn gerade wenn wir uns das Bild der Toten ganz konkret in Erinnerung rufen, vergegenwärtigen wir uns, dass sie für immer von uns gegangen sind; dass wir die glücklichen Tage, an denen wir mit ihnen das Leben teilen durften, für immer verloren haben.
Gleichzeitig werden wir uns dabei bewusst, dass auch der uns zugemessene Lebensstaub immer schneller durch die Sanduhr rieselt; dass die Waage des Lebens sich unter der Last der Tage, die wir schon durchlebt haben, immer stärker zur dunklen Seite neigt. So sind wir allzu leicht bereit, das Totengedenken als lästige Pflicht abzuhandeln oder gar ganz zu missachten – und die Verstorbenen so ein zweites Mal zu töten.
Was aber, wenn wir unsere Verstorbenen gar nicht mit der Schattenkrone des Todes umkränzen, sondern sie schlicht als Teil unseres Lebens betrachten würden? Wäre es dann nicht viel leichter, die Brücke zu ihnen zu pflegen?

Die Verstorbenen als Brücke in die andere Welt

Dass das möglich ist, zeigen nicht zuletzt die Totengedenktage in anderen Kulturen, bei denen die Verstorbenen ganz selbstverständlich in den Alltag der Lebenden einbezogen werden. Man denke nur an den mexikanischen Día de los Muertos (unser Allerheiligen), an dem die Familien ihre Verstorbenen wie alte Bekannte auf den Friedhöfen besuchen und dort selbst-verständlich auch mit ihnen essen, tanzen und singen.
Dies zeugt von einer ganz anderen Sicht des Todes. Die Toten bleiben dabei ein Teil des Lebens, anstatt – wie bei uns – als Angehörige eines Schattenreichs betrachtet zu werden, in dem die Gesetze des Lebens aufgehoben sind.
Die Vorstellung, dass unsere Verstorbenen in dieses Schatten-reich eintreten, entfremdet sie von uns. Mehr noch: Sie führt dazu, dass wir eine abergläubische Angst vor den Toten und vor dem Gedenken an sie entwickeln – als würden sie nun einem anderen Herrn dienen, der sie, wie die Wiedergänger der Märchen, zu potenziellen Feinden werden lässt.
Wenn wir dagegen die Toten als Teil unseres Lebens erhalten, können sie uns diesen Freundschaftsdienst mit einem anderen Freundschaftsdienst vergelten: Sie können uns dabei helfen, die Angst vor dem Tod zu überwinden, der dann ja ebenfalls ein Teil des Lebens ist.

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