Antipoetische Medizin eines Poeten

Viele Gedichte von José Asunción Silva sind von einer melancholischen Fin-de-siècle-Stimmung geprägt. In den satirischen Gedichten der Sammlung Gotas amargas (Bittere Tropfen) zeigt der Dichter sich jedoch von einer ganz anderen Seite.

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Das Übel des Jahrhunderts 

Der Patient:

"Herr Doktor, ich verspüre einen Lebensüberdruss,
der tief in mir keimt und Wurzeln schlägt:
das Übel des Jahrhunderts …

Es ist dasselbe Übel wie bei Werther,
Rolla, Leopardi und Manfredo*;
ein Überdruss an allem, eine absolute
Verachtung alles Menschlichen;

ein unstillbarer Widerwillen
gegen die Niederträchtigkeit des Daseins,
würdig meines Lehrers Schopenhauer;
ein tiefes Unbehagen, das sich nur verstärkt
mit den Exerzitien langer Analysen."

Der Arzt:

"Mein Herr, Sie müssen Ihre Lebensweise ändern:
Gehen Sie früh am Morgen spazieren,
schlafen Sie sich aus,
gönnen Sie sich ausgedehnte Bäder,
trinken Sie genug, ernähren Sie sich gesund,
achten Sie gut auf sich:
Ihr Leiden kommt von Ihrem Hunger!"

José Asunción Silva: El mal del siglo. Aus: Gotas amargas (Bittere Tropfen). In der 1990 erschienenen textkritischen Gesamtausgabe der Werke Silvas (Obra completa, 2. Aufl. 1996) findet sich das Gedicht auf S. 74.

*    Rolla: Name der Protagonistin in dem Roman Rolla – Die Lebenstragödie einer Schauspielerin (1883) von Richard Voß (1851 – 1918)

      Leopardi: Giacomo Leopardi (1798 – 1837) war ein italienischer Dichter der Romantik, dessen von zahlreichen Fehlschlägen, unglücklicher Liebe und Geldnot geprägtes Leben sich in seinen melancholischen Gedichten widerspiegelt

      Manfredo: In dem Drama Manfred (spanisch „Manfredo“; 1817) von Lord Byron (1788 – 1824) sucht der Protagonist durch die Beschwörung von Geistern Heilung für sein unglückliches Leben oder zumindest Vergessen und rettet sich am Ende vor dem Ansturm der Dämonen in den Tod

Die Sammlung Gotas amargas (Bittere Tropfen)

Das Gedicht El mal del siglo ist Teil einer Sammlung von satirischen Gedichten, die unter dem Titel „Gotas amargas“ (Bittere Tropfen) zusammengefasst worden sind. Die Gedichte kursierten im Freundeskreis von Silva, der sie dort offenbar zum allgemeinen Amüsement vorgetragen hatte. Anders als die Gedichte seines Libro de versos, hat er sie allerdings nicht selbst in einer eigenen Sammlung zusammengestellt.

Als ein Jahrzehnt nach Silvas Tod eine Buchausgabe seiner Werke in Angriff genommen wurde, gab es so kein Originalmanuskript, auf das man sich für die Veröffentlichung dieser speziellen Gedichte stützen konnte. Sie wurden daher aus Aufzeichnungen und Erinnerungen der Freunde des Dichters rekonstruiert.

Bei einigen Gedichten wird aufgrund dieses unübersichtlichen Überlieferungsweges die Autorschaft Silvas angezweifelt. Für einen Kern von 15 satirischen Gedichten gilt seine Urheberschaft jedoch als gesichert.

Zäsur und konsequente Weiterentwicklung der eigenen Dichtung

Die Gedichte der Gotas amargas können einerseits als konsequente Weiterentwicklung von Silvas Dichtung angesehen werden, stellen andererseits aber auch einen radikalen Bruch mit dieser dar.

Eine Weiterentwicklung sind sie in dem Sinn, dass Silva bereits in früheren Gedichten einen freieren Umgang mit tradierten Dichtungsformen gepflegt hat. Eben dies kennzeichnet auch die Gedichte der Sammlung Gotas amargas: Die traditionellen Merkmale lyrischen Sprechens treten hier in den Hintergrund. Stattdessen nähern sich die Verse dem Prosagedicht an und sind oft eher aphoristischer Natur.

Dies verbindet die Gedichte auch mit Silvas berühmtestem, gänzlich anders gestimmtem Werk – dem dritten Nocturno (Una noche) –, in dem er sich gleichfalls von festen Reim- und Versformen löst. Dies bedeutet allerdings nicht, dass er in dem Gedicht auf eine musikalische Gestaltung verzichten würde. Vielmehr gelingt es ihm gerade durch die freiere Handhabung von Rhythmus, Assonanzen und Verseinteilung, das Gedicht „zum Klingen zu bringen“, ihm also eine ganz eigene, der Stimmung entsprechende Melodie zu geben.

Eben diese besondere Musikalität fehlt in Silvas satirischen Gedichten. In ihnen geht es nicht mehr darum, durch das Medium eines speziellen Klangzaubers und einer besonderen Metaphorik eine eigene dichterische Welt zu erschaffen, die sich – im Sinne des Ideals des „l’art pour l’art“ – von der sozialen Realität abgrenzt. Stattdessen setzen die Gedichte sich unmittelbar mit Aspekten dieser Realität auseinander.

Avant-propos: Silvas Geleitwort zu den Gotas amargas

Die Motive, die ihn dazu veranlasst haben, sich in seinen Gedichten stärker der sozialen Realität zuzuwenden, deutet Silva selbst in einem Geleitwort zu der Sammlung an. Darin vergleicht er seine satirischen Gedichte mit einer Medizin:

Zum Geleit

Bei Magenverstimmung verschreiben die Ärzte
dem armen, magenkranken Patienten
eine fettfreie Diät.

Statt Süßigkeiten verordnen sie fettarmes Fleisch
und lassen den Patienten zur Stärkung
bittere Tropfen schlucken.

Armer literarischer Magen,
vom Trivialen erschöpft und verstopft:
Verschlinge keine tränenreichen Gedichte mehr!

Überfriss dich nicht an all den Dramen,
den Legenden und Geschichten
mit den halbromantischen Gefühlsergüssen.

Und zur Beschleunigung des Heilungsprozesses
nimm eine kräftige Dosis
dieser bitteren Dichtertropfen.

José Asunción Silva: Avant-propos. Aus: Gotas amargas. In der 1990 erschienenen textkritischen Gesamtausgabe der Werke Silvas (Obra completa, 2. Aufl. 1996) findet sich das Gedicht auf S. 73.

Mal du siécle und Fin-de-siècle-Stimmung

Das Geleitwort kann dabei helfen, zu verstehen, was in dem eingangs wiedergegebenen Gedicht unter dem „Übel des Jahrhunderts“ zu verstehen ist.

Als „mal du siècle“ bezieht sich der Ausdruck bekanntlich ursprünglich auf eine besondere Stimmungslage, die vor allem unter jungen Menschen zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbreitet war. Dabei handelte es sich um ein durch den Verfall der alten Ordnungen bedingtes Gefühl der Entwurzelung und der Orientierungslosigkeit. Verstärkt durch Industrialisierung und Säkularisierung, fand dieser Gefühlskomplex ein Echo in der melancholischen Fin-de-siècle-Stimmung am Ende des Jahrhunderts.

Werke wie Goethes „Leiden des jungen Werther“ oder die Gedichte von Giacomo Leopardi und Lord Byron können als literarischer Ausdruck der Stimmungslage des „mal du siècle“ angesehen werden. Die Dichter beziehungsweise ihre literarischen Figuren fungieren in Silvas Gedicht folglich als personifizierte Verweise auf den entsprechenden Gefühlskomplex.

Die in dem Gedicht ebenfalls erwähnte Philosophie Arthur Schopenhauers erscheint als Bindeglied zwischen der Stimmungslage des „mal du siécle“ und des „fin de siècle“: In Teilen bereits 1819 erschienen, wurde Schopenhauers Werk erst später breit rezipiert und konnte so als philosophische Untermauerung der Fin-de-siècle-Stimmung dienen.

Wenn das Leiden an der Welt zur Modeerscheinung wird

Alle genannten Werke können zunächst in dem Sinn als Lebenshilfe angesehen werden, als sie für ähnlich empfindende Menschen einen Spiegel der eigenen Gefühlswelt darstellen. So kann die Lektüre der Werke dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen. Für viele mag zudem die Erkenntnis hilfreich sein, mit ihren Gefühlen nicht allein zu sein, also unter Problemen zu leiden, die nicht primär in der eigenen Person wurzeln, sondern in übergeordneten sozialen oder existenziellen Strukturen begründet sind.

Dies alles stellt Silva nicht in Frage. Was er jedoch kritisiert, ist die „Trivialisierung“ der philosophischen und literarischen Entwürfe zu einer Mode, die in entsprechend epigonalen Werken holzschnittartig reproduziert wird. Darin sieht er die Gefahr, dass sich Ursache und Wirkung umdrehen.

In der Folge ist es nicht mehr so, dass das Leiden an der eigenen Existenz dazu führt, dass Menschen in bestimmten literarischen oder philosophischen Werken Halt suchen. Stattdessen sind es diese Werke selbst – beziehungsweise ihr modisch verzerrter Nachhall in Salongesprächen und Nachahmerprodukten –, die das Leiden erst verursachen.

Das Leiden an der Welt wird damit selbst zu einer Modeerscheinung. Es verstärkt sich selbst, indem es eine Präferenz für Werke und Denkweisen nahelegt, welche die eigene lebensskeptische Haltung unterstützen. Eben deshalb rät der Arzt in dem Gedicht dem Patienten auch dazu, sich stärker den grundsätzlichen Dingen des Lebens zuzuwenden: frischer Luft, guter Ernährung, gesundem Schlaf und ausreichender Körperpflege.

Unterdrückter Hunger nach Leben

Die zusammenfassende Diagnose am Schluss des Gedichts, der zufolge der Patient vor allem an „Hunger“ leide, ist vor diesem Hintergrund doppeldeutig. Sie kann zunächst schlicht darauf bezogen werden, dass der Patient sich in seinem Kummer abhungern lässt, wodurch gewissermaßen der Kummer den Kummer ernährt.

Die Diagnose lässt sich aber auch auf einen unterdrückten „Hunger nach Leben“ beziehen. Die primäre Ursache dieses neuartigen „Übels des Jahrhunderts“ würde demnach darin bestehen, dass die darunter Leidenden sich zu sehr in ihre künstlich von trüben Gedanken verdüsterte Welt zurückziehen, anstatt Trost in den Schönheiten des wirklichen Lebens zu suchen.

Diese Erkenntnis mag zunächst „bitter“ schmecken, da sie die Betreffenden in ihrem Ego verletzt. Denn ihr Leiden wird so nicht mehr auf eine außergewöhnliche Sensibilität, sondern auf eine künstlich herbeigeführte Lebensuntüchtigkeit zurückgeführt. Dies ändert aber nichts an der möglichen Wirksamkeit der verordneten Hinwendung zu den einfachen Dingen des Lebens.

Bild: Honoré Daumier (1808 – 1879): Der eingebildete Kranke; Illustration zu dem gleichnamigen Drama von Molière (zwischen 1860 und 1862); Philadelphia Museum of Art (Wikimedia commons)

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