Sehnsucht nach dem Nirwana

Der kolumbianische Dichter José Asunción Silva/6

Die Naturlyrik von José Asunción Silva scheint auf den ersten Blick der Romantik näher zu sein als der Literatur seiner Zeit. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch auch Elemente der Fin-de-siécle-Stimmung in den Gedichten.

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Tropische Landschaft

Ein zauberisches Wiegenlied flüstert der Fluss
auf seinem gelassenen Flug in die Ferne,
derweil die Nacht mit ihrem Schattenmantel
behutsam die Leere der Landschaft bedeckt.

Eine Hütte duckt sich in die Schattenmulde,
das Labyrinth des Laubwerks webt
ein Spitzenmuster in die Decke
der dunkelgrünen Dämmerung.

Über die schlummernden Strudel des Stroms
traumwandelt tänzelnd ein einsames Floß,
geleitet vom läuternden Licht der Venus.

Und der himmlische Schmied errichtet ein Schloss
aus smaragdnenen Mauern und Rosentürmen
in den verschwimmenden Spiegeln des Flusses.

José Asunción Silva: Paisaje tropical (1895). Aus: El libro de versos. In: Obra completa, S. 51.

Impressionen aus den Schweizer Bergen

In einer offenbar autobiographisch gefärbten Passage aus José Asunción Silvas Roman De sobremesa berichtet der Protagonist von einem Aufenthalt in den Schweizer Bergen. Einquartiert in der einfachen Holzhütte eines alten Bauernpaares, führt er ein einfaches Leben. Seine Nahrung besteht überwiegend aus Kuhmilch, und sein Zimmer enthält nichts als ein Bett und einen Tisch mit einer Holzschale, in der ihm das kalte Wasser des Gebirgsbachs für seine Morgentoilette gebracht wird. [1]

Der „unzugängliche Ort“, zu dem keine Straßen führen, wird von einer Gebirgsschlucht dominiert. Sie ist erfüllt „vom Rauschen eines Wildbachs, der sich ganz in Nebel auflöst, wenn er, überschattet von Pinien und Kastanienbäumen, zwischen riesigen schwarzen Felsbrocken hindurchfließt“ [2].

In der Abgeschiedenheit dieses schlichten Lebens erstirbt in dem Protagonisten jegliches Verlangen („No he sentido ningún deseo“). Er berauscht sich allein an der frischen Luft und an den Gedanken, die ihm dabei durch den Kopf gehen.

Jeden Morgen steigt er in aller Frühe auf einen Hügel und blickt durch den schon „vom Licht aufgehellten Nebel, hinter dem die Umrisse der Berge nur undeutlich als bläuliche Schatten zu erkennen sind“, auf

„ein Meer aus weißen Schleiern, die immer heller werden, bis die Sonnenstrahlen sie auflösen und die Landschaft eingehüllt in weiche Nebelschwaden zeigen, die wie Fetzen eines Brautschleiers über dem Blau der fernen Berge, über dem Grün der Täler und schließlich über dem silbernen Weiß eines schneebedeckten Berges am Horizont schweben“ [3].

In der klaren, nach Pflanzen duftenden Luft, in der nichts als „das Zwitschern der Vögel“ zu hören ist und „das gedämpfte Rauschen des Bachs, der in seinem steinigen Bett plätschert“, erfüllt den Protagonisten das „tiefe Gefühl der Frische, das von all dem ausgeht“ [4]. Darin sieht er ein Beispiel für eine ideale Annäherung an die Natur. Diese müsse man auf eben diese Weise betrachten: in vollkommener Stille,

„ohne dass eine menschliche Stimme den Dialog unterbricht, den die andächtig lauschende Seele mit ihr führt: mit den Stimmen ihres Wassers, ihres Laubs, ihrer Winde, mit der ewigen Poesie des Lichts und der Schatten. In dieser Abgeschiedenheit, losgelöst von allen menschlichen Banden, höre und fühle ich die Natur und verliere mich in ihr wie in einem göttlichen Nirwana.“ [5]

Silvas Wahrnehmung der Natur in der Umgebung seiner Heimatstadt

Denselben harmonischen Bezug zur Natur, wie ihn der Protagonist in De sobremesa empfindet, strahlt auch das Sonett Paisaje tropical aus. Von der Unruhe, die man bei der Beschreibung einer tropischen Landschaft erwarten würde, dem verschlingenden Gebären des Urwalds, ist nichts zu spüren. Alle Bewegung ist aufgehoben in der Ruhe einer abendlichen Dämmerung, die den Fluss in eine dem Himmel entgegenströmende Traumfähre verwandelt.

Dies mag damit zusammenhängen, dass Silva in Bogotá zwar umgeben von einer tropischen Vegetation, aber eben nicht inmitten einer solchen aufgewachsen ist. Bogotá war zu Silvas Zeiten noch nicht jener Moloch, als den man die Stadt heute kennt. Er selbst hat Bogotá als einen Ort beschrieben, wo jeder jeden kennt, also als ein überschaubares Gebilde, in dem die städtischen Strukturen zwar dominant waren, aber doch nicht so prägend, dass sie die umgebende Natur vollständig in den Hintergrund drängen konnten [6].

Dies geht auch aus einer Beschreibung der Umgebung Bogotás durch Silva hervor, die der kolumbianische Essayist und Linguist Baldomero Sanín Cano (1861 – 1957) aus der Erinnerung wiedergibt. Danach hat Silva zunächst die Kälte und Trockenheit und die aufgrund der Lage Bogotás in über 2.600 Metern Höhe dünne Luft hervorgehoben und daraus die Eigenarten der Wahrnehmung in der Stadt abgeleitet:

„Der Himmel ist von verwirrender Reinheit und Transparenz. In zwanzig, dreißig Kilometern Entfernung hebt sich die Silhouette der Berge in schroffer Schärfe ab, wie bei einem Schattentheater. Die Farben erhalten in diesem Licht etwas Unbestimmtes, Changierendes. Zarte Farbtöne unterliegen einem raschen Wandel, intensivere Farbtöne zerfallen unter dem kraftvollen Einfluss des Lichts in Zwischentöne. Nicht einmal Schwarz und Weiß können sich gegen das Licht durchsetzen. Das Schwarze nimmt augenblicklich einen grünen Schimmer an, weiße Farben werden durch Grautöne verzerrt.“ [7]

Elemente der Fin-de-siècle-Stimmung in Silvas Naturlyrik

Silvas Beschreibung der Umgebung seiner Heimatstadt ist – auch wenn seine Worte hier nur aus der Erinnerung rekonstruiert werden – durch eine sehr genaue Beobachtung gekennzeichnet, was erneut von einem engen Bezug zur Natur zeugt.

Dies scheint zunächst der Haltung der Fin-de-siécle-Décadents zu widersprechen, wie sie ansonsten das Werk Silvas – nicht zuletzt seinen oben zitierten Roman De sobremesa – zu prägen scheint. Schließlich besteht das zentrale Kennzeichen dieser Haltung gerade darin, dass man sich – wie der Protagonist aus Joris-Karl Huysmans‘ Roman À rebours (Gegen den Strich) – in eine künstliche, ganz dem eigenen Willen unterworfene Umgebung zurückzieht.  In ihrer Wechselhaftigkeit und grundsätzlichen Unkontrollierbarkeit ist die Natur daher die natürliche Feindin derartiger Charaktere.

Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die oben wiedergegebenen Naturbeschreibungen Silvas stets etwas Traumartiges an sich haben. So löst sich in Paisaje tropical die gesamte Landschaft in einem kosmischen Traumgebilde auf.

Selbst Silvas Beschreibung Bogotás bewegt sich – trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer großen Genauigkeit – an der Grenze zu einer traumanalogen Wahrnehmung, bei der das äußere Geschehen zu einem „Schattentheater“ verschwimmt. Silva selbst begründet dies mit der beständigen Nervenanspannung, die aus der dünnen Luft in der Stadt resultiere [8].

Entscheidend ist damit nicht die harmonische Verbindung zwischen Ich und Natur selbst, sondern die spezifische Traumwelt, zu der man hierdurch Zugang erlangen kann. Deren entscheidenden Aspekt beschreibt der Protagonist in De sobremesa als die Eröffnung eines Zugangs zum „göttlichen Nirwana“ (s.o.). Der innige Kontakt zur Natur dient am Ende also gerade dazu, eine Ahnung von der Überwindung des ewigen Werdens und Vergehens zu erhalten, von dem Stillstehen des Kreislaufs, in dem die Natur sich immer wieder selbst erneuert.

Damit ergibt sich auch an dieser Stelle wieder eine Nähe zum Fin-de-siécle-Gefühl der umfassenden Vergeblichkeit alles menschlichen Strebens, zu dem schopenhauerschen Gedanken des von Leid geprägten menschlichen Daseins, dessen unaufhörliche, unersättliche Jagd nach Bedürfnisbefriedigung einzig im Tod zur Ruhe kommen kann.

Nachweise

[1]    Silva, José Asunción: De sobremesa (1925), S. 72. Bogotá 2020: Instituto distrital des las artes (IDARTES), Libro al viento (PDF).

[2]    Ebd., S. 71.

[3]    Ebd., S. 72 f.

[4]    Ebd., S. 73.

[5]    Ebd., S. 74.

[6]    Vgl. Sanín Cano, Baldomero: Notas[Anmerkungen; zuerst 1923 in einer französischen Ausgabe der Werke Silvas erschienen]. In: Silva, Obras completas (Sämtliche Werke; PDF), herausgegeben von Alberto Miramón und Camilo de Brigard Silva, S. 111 – 122 (hier S. 119). Bogotá 1965: Banco de la República.

[7]    Zit. nach ebd.

[8]    Vgl. ebd.

Bild: Eugen Bracht (1842 – 1921): Morgenstern (1899)Rochester/New York, Memorial Art Gallery (Wikimedia commons)

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