Poetische Polyphonie

Der brasilianische Dichter Mário de Andrade/1

Der künstlerische Werdegang des brasilianischen Dichters Mário de Andrade war stark von der Musik geprägt. Dementsprechend folgt auch seine Dichtung musikalischen Kompositionsprinzipien.

Szenerie Nr. 1

Aus einem feinen Nebel schält sich
mein eigenes London heraus …
Hochsommer: Die zehn Millionen Rosen von São Paulo
erfüllen mit ihrem Atem die Stadt.

Es liegt ein Duft von Schnee in der Luft.
Es ist kalt, sehr kalt …
Die Ironie der Ballerinabeine
der tippelnden Näherinnen.

Der Wind ist wie ein Rasiermesser
in spanischen Harlekinhänden.
Vor zwei Stunden schien die Sonne.
In zwei Stunden wird sie wieder scheinen.

Ein heiliger Tölpel singt im Vorübergehen
ein Lied unter den Platanen:
Tralali, tralala ...

Polizei! Ins Gefängnis mit ihm!
Sind Gefängnisse der Boden,
auf dem die Zivilisation gedeiht?

Mein Herz ist schwer ...
Im Duett mit den Gänsehautstraßen
pfeift der Wind sein Klagelied.

Mein Herz ist ganz leicht.
Meine erbebenden Lippen lächeln
in dieser belebenden Kälte.

Im Weitergehen spüre ich
den euphorischen Wirbel des Winters
wie einen Geschmack von Tränen im Mund.

Mário De Andrade: Paisagem No. 1; aus: Paulicéia Desvairada (1922). In: Ders. Poesias Completas (PDF), S. 87 f. Belo Horizonte 1987: Itatiaia (zugleich: Editora da Universidade de São Paulo).

Mário de Andrade: Musiker und musikalischer Dichter

Das Gedicht von Mário de Andrade dürfte auf die meisten wohl zunächst ziemlich irritierend wirken: Ist es nun Sommer oder Winter? Befinden wir uns in London oder in São Paulo? Ist das lyrische Ich nun traurig oder heiter gestimmt? Und was ist ironisch an den „Ballerinabeinen“ der Näherinnen?

Das Gedicht wird verständlicher, wenn man sich das dichterische Ideal Mário de Andrades vor Augen führt. Er selbst kennzeichnet dieses mit dem Begriff „poetische Polyphonie“ [1].

De Andrade verbindet auf diese Weise sein dichterisches Schaffen mit der Musik, von der sein künstlerischer Werdegang maßgeblich geprägt war. Er galt schon früh als ausgezeichneter Pianist, besuchte das Konservatorium von São Paulo – das Conservatório Dramático e Musical de São Paulo – und nahm danach auch ein musikwissenschaftliches Studium auf.

Wie Mário de Andrade sein dichterisches Ideal umsetzt, lässt sich exemplarisch an seinem Gedichtband Paulicéa desvairada ablesen. Dieser enthält auch ein längeres Vorwort, in dem de Andrade sich ausführlich zu seinen poetologischen Überzeugungen äußert.

Simultanismus als Gestaltungsprinzip

Paulicéa desvairada ist vordergründig ein Gedichtband über das vielfältige, in sich widersprüchliche, „wahnwitzige“ São Paulo. Allerdings ging es Mário de Andrade nicht nur darum, die verschiedenen Facetten der Stadt in Gedichten widerzuspiegeln. Seine Absicht war es vielmehr, ein dichterisches Äquivalent für das Kaleidoskop aus unterschiedlichen Eindrücken zu finden, als das die Stadt sich den darin lebenden Menschen darstellt.

Eben hierauf deutet auch der Titel des Gedichtbandes hin: „Paulicéa desvairada“ verweist auf eine Stadt, die in ihrer divergenten Zusammensetzung in unvorhersehbarer Weise pulsiert und in diesem Sinne „verrückt“ bzw. ohne inneren Halt erscheint. Dem entspricht eine Darstellungsweise, in der die einzelnen Aspekte des Lebens in der Stadt oft unverbunden nebeneinandergestellt werden.

Mário de Andrade begründet diesen Simultanismus allerdings auch mit der Struktur der menschlichen Wahrnehmung. Diese sieht er ebenfalls durch die Gleichzeitigkeit disparater Eindrücke sowie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bestimmt, indem Vergangenes in die gegenwärtige Wahrnehmung hineinspielt. Die Ordnung der Eindrücke und Gedanken in der linearen Logik der Texte ist für ihn lediglich dem Bedürfnis des menschlichen Geistes geschuldet, die Welt als wohlstrukturiertes Ganzes wahrzunehmen.

Im Vorwort zu Paulicéa desvairada erläutert der Autor dies am Beispiel von Ausnahme- und Grenzsituationen. Das „chaotische Durcheinander der vielen Gedanken“, die einem dabei durch den Kopf schießen, ist für ihn eine Möglichkeit, die „Gleichzeitigkeiten“ zu erleben, die für die menschliche Wahrnehmung konstitutiv sind [2].

Dichterische Umgestaltung der Wirklichkeit

De Andrade bestreitet nicht, dass es für die Orientierung in der Welt unerlässlich ist, Ordnung in das Chaos der Wahrnehmungen zu bringen. Zugleich betont er jedoch auch die Chancen, die in der unmittelbaren, von der ordnenden Hand des Verstandes unberührten Wiedergabe der Wahrnehmungen in der Dichtung liegen. In gewisser Weise sieht er darin eine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand des Geistes:

„Mein Unterbewusstsein weiß nichts von der Existenz von Grammatiken und auch nichts von strukturierten Sprachen.“ [3]

Die nicht durch den logischen Verstand vermittelte Wahrnehmung kann so gewissermaßen den Schleier der routinemäßig über die Wirklichkeit gebreiteten Deutungsmuster lüften. Diese betont subjektive Wahrnehmung bietet demnach auch die Möglichkeit einer kreativen Neuordnung des von den Sinnen übermittelten Rohmaterials der Wirklichkeit.

De Andrade spricht in dem Zusammenhang sogar von einer möglichen Korrektur der „fehlerhaften Wahrnehmung der Sinne“. Die „freie, subjektive“ Gestaltung der Wirklichkeit lasse „eine ganze Welt idealer Realitäten“ entstehen, „in der Gefühle, Wesen und Dinge, Schönheiten und Mängel“ sich in ihrer ganzen „Fülle“ zeigen [4].

Das Ideal einer „poetischen Polyphonie“

Es geht Mário de Andrade demnach nicht darum, lediglich ein dichterisches Abbild der chaotischen Struktur der Wirklichkeit zu finden. Vielmehr möchte er an die Stelle der herkömmlichen, von der linearen Logik geprägten Ordnung eine andere Form der Gestaltung des Realen setzen. Das entscheidende Mittel dafür ist für ihn eine musikförmige Darstellung der Wirklichkeit.

De Andrade vergleicht in dem Zusammenhang einen Vers, der nach den Regeln der linearen Logik eine „grammatikalische Phrase“ bildet, mit einer Melodie. Einzelne, nicht grammatikalisch miteinander verbundene Wörter könnten dagegen „Harmonien“ entstehen lassen, indem sie sich als „Kombination gleichzeitiger Klänge“ überlagern [5].

Dieses Kompositionsprinzip hat de Andrade laut eigener Aussage auch in Paulicéa desvairada angewendet. Statt einzelner Wörter, die für sich genommen keinerlei Sinn ergeben hätten, hat er dabei jedoch einzelne Sätze verwendet, die sich in ähnlicher Weise überlagern wie die Harmonien bildenden Wörter.

Daraus ergibt sich ihm zufolge eine „poetische Polyphonie“ [6], bei der die Melodien der einzelnen Sätze mit den Harmonien der Wörter zu einem eigenen Sinngefüge zusammenfließen. Dieses erscheint dann als subjektiver Spiegel der außersprachlichen Realität, deren chaotische Struktur damit zugleich widergespiegelt und in eine neue Ordnung überführt wird.

Dem entspricht auch der Titel des Gedichtbandes. Denn „desvairada“ lässt sich sowohl auf die fragmentierte, aus den Fugen geratene äußere Realität als auch auf die zersplitterte Wahrnehmung im Zustand der Verrücktheit oder des Drogenrauschs beziehen. Der Begriff verbindet somit das faktische Kaleidoskop äußerer Eindrücke mit deren Neuordnung bzw. „Verrückung“ in den dichterischen Visionen.

Eine solche Akzentuierung der dichterischen Freiheit verträgt sich in de Andrades Augen auch nicht mit dem „alexandrinischen Gefängnis“ (PD 63) – also einer in das Korsett eines strengen Versmaßes gezwängten Dichtung. Die Gedichte in Paulicéa desvairada sind deshalb in freien Rhythmen gehalten und auch nicht an feste Reimformen gebunden.

Das Gedicht Paisagem No. 1 als Beispiel für „poetische Polyphonie“

Bei dem Gedicht handelt es sich um das erste von insgesamt vier Stimmungsbildern, die in dem Band mit dem Titel „Paisagem“ (Landschaft/Szenerie) versehen sind. Dabei fließen jeweils inneres und äußeres Erleben ineinander.

So verschränkt das Gedicht etwa folgende gegensätzliche Bedeutungsebenen ineinander:

  • Nah- und Fernbereich: Ein nebliger Morgen weckt Assoziationen an London, obwohl sich das lyrische Ich offenbar in São Paulo befindet.
  • Sommer und Winter: Ob das Gedicht sich vor der Kulisse des Winters oder des Sommers entfaltet, ist anfangs kaum zu entscheiden: Fühlt sich das lyrische Ich durch Blütenpollen an den Winter erinnert, oder ist die winterliche Kälte Anlass für Sommerträume?
  • Heiterkeit und Traurigkeit: Die Schwermut, die ein grauer Wintertag auslösen kann, geht unmittelbar in die Beschwingtheit über, wie sie aus der frischen Winterluft und der durch sie möglicherweise vermittelten „Unruhe“ eines neuen Anfangs resultieren kann.

Enge Verschränkung von innerer und äußerer Realität

Hinzu kommt, dass in dem Gedicht mehrfach Alltagswahrnehmungen übergangslos mit den durch sie ausgelösten Assoziationen verknüpft werden. In einigen Fällen führt dies zu metaphorischen Wendungen. Dies gilt etwa für den Wind, dessen „schneidende“ Kälte mit einem Rasiermesser verglichen wird, oder für die Straßenfluchten, auf denen die Kälte Gänsehaut auslöst.

An anderen Stellen lösen die Wahrnehmungen bestimmte Reflexionen aus, die dann in enger Verbindung mit den Elementen der äußeren Realität formuliert bzw. angedeutet werden. Ein Beispiel dafür sind die Beine der Näherinnen, die das lyrische Ich „ironischerweise“ an Ballerinas erinnern, obwohl die Betreffenden in Wahrheit durch ihre schwere Arbeit kaum Zeit zum Tanzen haben.

Ebenso unvermittelt leitet der Ruf nach der Verhaftung eines möglicherweise betrunken vor sich hin trällernden Mannes zu Überlegungen über den Zusammenhang von Gefängnissen und zivilisatorischer Entwicklung über. Hinter dem Vorhang der scheinbar harmlosen Straßenszenerie kommt so schlagartig das Drama der modernen Gesellschaft zum Vorschein, die alles ausschließt und wegsperrt, was nicht ihrem Verständnis von Ordnung entspricht.

Hierzu passt auch die ambivalente Gefühlslage des lyrischen Ichs am Schluss des Gedichts: Die „euphorische Unruhe“ des Aufbruchs hinterlässt am Ende nur „einen Geschmack von Tränen“ in seinem Mund. Dies fasst zudem die Gegensatzstruktur des Gedichts in prägnanter Weise zusammen.

Eine kubistische Polyphonie

So führen die Verse vor Augen, wie Mário de Andrade die von ihm angestrebte „poetische Polyphonie“ (s.o.)konkret umsetzt. Ein Schlüsselbegriff ist dabei das Adjektiv „harlekinesk“ („arlequinal“). In Paulicéa Desvairada taucht es in insgesamt neun Gedichten auf. Es fungiert damit in dem Band als eine Art Leitmotiv, das zentrale Aspekte der Gedichte in sich vereint. Dies liegt insofern nahe, als der bunte Flickenteppich des Harlekingewandes als metaphorischer Verweis auf jene Vielstimmigkeit verstanden werden kann, die de Andrade in seinen Gedichten zum Ausdruck bringen möchte.

In Paisagem No. 1 ist es der Wind, der als „harlekinesk“ charakterisiert wird. Dass er dabei als „Rasiermesser in den Händen eines Spaniers“ beschrieben wird, könnte auf die kubistischen Gemälde Pablo Picassos hindeuten, die einen starken Einfluss auf die damalige Intellektuellenszene São Paulos ausgeübt haben.

In der Tat ließe sich der Flickenteppich an Eindrücken und Assoziationen, den das Gedicht darbietet, auch als dichterische Entsprechung zu kubistischen Gemälden begreifen. Denn auch für diese ist ja das Zerschneiden und Neu-Zusammenfügen von Elementen der äußeren Realität charakteristisch.

So verbindet der Begriff „arlequinal“ hier die äußere Realität – den alles durcheinanderwirbelnden Wind – mit ihrer subjektiven Wahrnehmung. Zugleich verweist er auf de Andrades künstlerisches Gestaltungsprinzip einer „poetischen Polyphonie“ (s.o.): Die Elemente der äußeren Realität werden durch das Assoziationengeflecht des wahrnehmenden lyrischen Ichs aufeinander bezogen und neu zusammengesetzt. Dadurch entsteht ein „mehrstimmiges“ Echo der Realität, das zwar auf diese bezogen bleibt, sie aber gleichzeitig um neue Bedeutungsebenen ergänzt.

Nachweise

[1]    Mário De Andrade: Vorwort; aus: Paulicéia Desvairada (1922). In: Ders.: Poesias Completas (PDF), S. 69. Belo Horizonte 1987: Itatiaia (zugleich: Editora da Universidade de São Paulo).

[2]    Ebd., S. 71.

[3]    Ebd., S. 73.

[4]    Ebd., S. 65.

[5]    Ebd., S. 68 f.

[6]    Ebd., S. 69.

Podcast:

Bild: Albert Gleizes (1881 – 1953): Mann auf einem Balkon; Philadelphia Museum of Art (Wikimedia commons)

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