Der brasilianische Dichter Raul Bopp/5
In seinem Gedichtband Urucungo zieht Raul Bopp einen Bogen von der Sklaverei zu den Favelas, als Sinnbild für ein Leben am Rande der Gesellschaft. Das Unrecht von gestern wird als Nährboden für die Ausgrenzung von heute vor Augen geführt.
Favela
Träge schleicht die Mittagssonne
über die zernagte Straßenrippe.
Von Häuserskeletten bedeckt,
verschwimmen die Hügel im Dunst.
Eine Kokospalme stützt ein Haus
mit Zahnschmerzfenstern.
Ein Sparstrumpf turnt vergeblich
auf einer leeren Wäscheleine.
Die Bäume recken ihre Brüste
aus Mangos und Bananen in die Luft.
Die Nachbarin döst mit den Hühnern,
eine Frau ruft laut: "João! He, João!"
Ein Vorortzug lässt seinen rußigen Atem
mit dem Staub der Straße spielen.
Gähnend öffnet sich ein Tunnelmund
und verschlingt den ungastlichen Gast.
Bopp, Raul: Favela; aus: Urucungo. Poemas negros (1932). In:Poesia completa de Raul Bopp, hg. von Augusto Massi (1998), S. 182 – 209 (Anm. S. 210 – 229), hier S. 207. Rio de Janeiro 2. Aufl. 2014: Olympio (PDF)
Ein antirassistischer Gedichtband
Raul Bopp war ein engagierter Kritiker von Rassismus und Rassentrennung. Deutlich wird dies etwa in einem Bericht des Autors über eine Reise nach Südafrika. Darin prangert er mit einer Mischung aus Sarkasmus und Empörung die teilweise grotesken Formen von Rassentrennung und die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den südafrikanischen Minen an [1].
Entsprechend scharf fällt auch Bopps Kritik an rassistischer Diskriminierung in Urucungo aus. Die entsprechenden Gedichte greifen kurze Episoden aus dem Alltag auf, die stellvertretend für alltägliche Formen von Rassismus stehen. Indem Bopp die Diskriminierungen mit der Geschichte der Sklaverei in Brasilien verknüpft, stellt er sie in einen historischen Gesamtkontext.
Dadurch wird deutlich, dass der Rassismus nur dann nachhaltig überwunden werden kann, wenn die Wurzeln seiner Entstehung berücksichtigt werden. Oberflächliche Akzentverschiebungen führen dagegen nur zu einer Verdrängung der Problematik.
Eine dichterische Reise von den Sklavenschiffen zu den Favelas
Die einzelnen Aspekte von Leben und Geschichte der afrikanischen Sklaven und ihrer Nachkommen werden dementsprechend in Urucungo nicht unabhängig voneinander beschrieben. Ihre untrennbare Verbindung miteinander wird vielmehr auf vielfältige Weise vor Augen geführt. Ein Beispiel dafür ist die Gestalt des „Pai João“ (Papa João) aus dem ersten, titelgebenden Gedicht des Bandes (Urucungo), die am Schluss des Gedichtbandes in einem anderen João gespiegelt wird.
„Pai João“ ist eine Figur aus der Sklavenzeit. Als alter Mann „ertränkt er in seiner Pfeife die Erinnerung“ an die Jahre der Mühsal auf den Plantagen, die ihm „seine Muskeln geraubt haben“. Die Schläge der Aufseher haben sich so tief in seine Haut eingebrannt, dass er keine Freude mehr am Leben hat.
Lediglich das Spielen des Urucungo – eines traditionellen afrikanischen Musikinstruments (s. vorigen Post) – bringt ihm etwas Trost. Die Tänze seiner jüngeren Leidensgenossen am Lagerfeuer wecken in ihm dagegen nur noch wehmütige Erinnerungen an die verlorene Heimat. Die Trommelrhythmen werden folglich als „düster“ bzw. „dumpf“ („soturno“) beschrieben, die Tänze selbst als „nostalgisch“ [2].
Surrealistische Sozialkritik
Pai Joãos gleichnamiger Nachfahre wird zwar nicht mehr als Sklave auf den Plantagen ausgebeutet. Seine soziale Stellung ist jedoch kaum besser als die seines Urahnen. Er lebt – wie der Titel des entsprechenden Gedichts verrät – in einer Favela, also in einer jener slumartigen Siedlungen am Rand der großen Städte, in denen die Unterprivilegierten mangels Alternativen ihre Tage verbringen müssen.
Das Gedicht bringt die Trostlosigkeit dieses Lebens zum einen sehr konkret zum Ausdruck: Eine der Hütten kann nur dadurch am Einstürzen gehindert werden, dass sie mit einer Kokospalme zusammengebunden wird, ein Vorortzug bläst seine Rauchwolke in die engen Gassen.
Zum anderen enthält das Gedicht aber auch surreale Bilder, die den Eindruck der Kargheit und Enge dieses Lebens noch verstärken. So verweist etwa der bildhafte Ausdruck „Zahnschmerzfenster“ auf die Lückenhaftigkeit der Abdeckungen in den Fensteröffnungen.
In ähnlich expressiver Weise werden an einer anderen Stelle die über die Gassen gespannten Wäscheleinen aufgegriffen. Im Bild des Sparstrumpfs, der auf einem Drahtseil gymnastische Übungen vollführt, werden hier die hilflosen „Verrenkungen“ der Favela-Bewohner beschworen, genug Geld für ein menschenwürdiges Leben zu verdienen.
Die Ausweglosigkeit dieses Lebens wird gleich zu Beginn des Gedichts durch den quälend langsamen Gleitflug der Sonne durch den Zenit angedeutet. Die dadurch nahegelegte Lethargie spiegelt sich in dem Gedicht auch in dem Verhalten der Menschen wider, die hoffnungslos in einer Ecke kauern oder ihren Mund so weit zum Gähnen öffnen, dass er einen Tunnel für den Vorortzug zu formen scheint.
Die ironische Wendung macht deutlich: Die Favela ist nur eine Durchgangsstation, ein echtes Zuhause bietet sie nicht.
Nachweise
[1] Vgl. Bopp, Raul: El rostro lacerado del África (Das geschundene Gesicht Afrikas; 1934). In:Poesia completa de Raul Bopp, herausgegeben von Augusto Massi (1998), S. 227 – 229. Rio de Janeiro 2. Aufl. 2014: Olympio (PDF).
[2] Bopp, Raul: Urucungo; aus: Urucungo. Poemas negros (1932). In: Ebd., S. 182 – 209 (Anmerkungen S. 210 – 229), hier S. 184.
Bild: Andreyoshimoto: Favela in São Paulo, Juni 2004 (Wikimedia commons)-küntlerisch verändert.