Interview mit Tina Reuter

zur Neuausgabe ihres Romans Waisen des Lebens

Die neue literarische Reise auf LiteraturPlanet wird uns mit Tina Reuters Roman Waisen des Lebens ins Frankfurt des Jahres 1800 entführen. Aus Anlass der Neuausgabe des Romans gibt es heute zunächst ein Interview der Autorin mit der Literaturkritikerin Nona Suomy.

Über Waisen des Lebens

Frankfurt am Main im Jahr 1800. Aus den Wirren des Krieges schält sich langsam ein neues Zeitalter heraus. Eine seltsame Unruhe erfüllt die Menschen, niemand ist gerne an seinem Ort.

Die junge Annie verkleidet sich als Mann und zieht gegen die Tyrannen dieser Erde zu Felde. Ihre Freundin Carola sehnt sich nach einem Ausbruch aus den engen Mauern ihres Damenstifts, doch die Ehe, einzige Alternative zu ihrem Leben, erscheint ihr ebenfalls als Gefängnis.

Lina, ihre Schwester, erschafft sich in ihren Gedichten eine eigene geistige Welt, verlässt diese aber, als sie den Südseereisenden Antoine kennenlernt. Und Jonathan, der Bruder der beiden, hält es in Frankfurt nicht aus ohne seine unnahbare Frau Eleonore, die die Ehe mit ihm nur unter der Bedingung eingegangen ist, dass er sie jeweils für das Winterhalbjahr freigibt.

In Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Gesprächen tasten die Personen dieses Romans sich an ihre Grenzen heran und erträumen oder erleiden deren Überschreitung.

Interview

Nona Suomy: Dein Roman Waisen des Lebens ist zuerst 2008 erschienen. Vielleicht solltest du uns zunächst einmal erklären, warum du ihn jetzt noch einmal in einer Neuausgabe herausgebracht hast.

Tina Reuter: Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe …

Nona Suomy: Gut, dann lass uns die doch mal gemeinsam durchgehen. Also: Punkt 1?

Tina Reuter: Der entscheidende Punkt war für mich, dass nach nun bald zwei Jahrzehnten der Abstand groß genug ist, um den Blick für nötige Korrekturen zu schärfen. Außerdem habe ich – um hier gleich zu Punkt 2 überzugehen – den Roman damals als reines Tagebuch angelegt, ihn also in keinerlei Kapitel unterteilt. Das erschien mir durch die veränderten Lesegewohnheiten im Internetzeitalter aber nicht mehr zeitgemäß.

Nona Suomy: Du bist also sozusagen vor der Häppchenwirtschaft der Netzwelt eingeknickt …

Tina Reuter: Ich gratuliere dir zu der provokanten Formulierung – zustimmen kann ich Dir aber leider nicht. Meiner Meinung nach ist es in diesem Punkt eher hilfreich, vom Internet zu lernen. Es ist doch nichts Schlechtes, wenn man Texte übersichtlicher gestaltet und sie damit leichter nachvollziehbar macht. Das hat für mich etwas sehr Dialogisches, das mich als Autorin dazu anregt, die Perspektive derer einzunehmen, die in meine Romanwelt eintauchen möchten.

Nona Suomy: Und der dritte Grund für die Neuausgabe?

Tina Reuter: Der betrifft die Quellenangaben. Ich hatte damals ja eine PDF mit den Quellen zusammengestellt, auf die ich mich bei meiner Arbeit an dem Roman gestützt habe. Dabei habe ich aber hauptsächlich Buchveröffentlichungen angegeben. Heute dagegen lassen sich viele Quellentexte auch online abrufen, was meines Erachtens den Dialog mit dem Roman erleichtert. Gerade bei Bildquellen halte ich das für sehr hilfreich. Deshalb habe ich jetzt einen eigenen Materialienband zu dem Roman zusammengestellt.

Nona Suomy: Meinst du nicht, dass das der Phantasie beim Lesen zu viele Fesseln anlegt?

Tina Reuter: Das mag bei Werken zutreffen, die sich auf frei erfundene Welten oder auf unsere Gegenwart beziehen. Die Handlung meines Romans spielt jedoch in einer vergangenen Zeit, die sich in zahlreichen Strukturen und Alltagsdetails von der unsrigen unterscheidet. Da halte ich es schon für hilfreich, wenn die Phantasie einen gewissen Rahmen erhält, um nicht Vorstellungen aus der Gegenwart unwillkürlich auf die vergangene Zeit zu übertragen. Abgesehen davon ist das natürlich nur ein Angebot. Es ist ja niemand gezwungen, davon Gebrauch zu machen.

Nona Suomy:  Und die Aktualität? Hast du keine Bedenken, dass dein Roman mittlerweile ein wenig veraltet sein könnte?

Tina Reuter: Nein, das denke ich nicht. Zwar blickt auch ein historischer Roman wie Waisen des Lebens immer aus der Perspektive der Gegenwart auf die Vergangenheit. Die Fragen, die darin gestellt werden, stehen aber meines Erachtens nicht in der Gefahr, in naher Zukunft zu veralten.

Nona Suomy: Welches wären denn für dich die zentralen Fragen des Romans?

Tina Reuter: Fragen wie „Warum bekriegen wir uns? Und wie unterscheidet sich der Krieg im Kopf vom Krieg auf dem Schlachtfeld?“ Oder: „Was sind die Grundvoraussetzungen menschlicher und insbesondere weiblicher Freiheit? Wie verändert die Liebe unsere Sicht auf die Welt?“

Nona Suomy: Das sind in der Tat recht existenzielle Fragen. Aber hättest du die nicht auch vor der Kulisse unserer Gegenwart stellen können? Warum bist du dafür denn in die Vergangenheit gereist?

Tina Reuter: Weil ich der Meinung bin, dass gerade die zeitliche Distanz uns dabei helfen kann, uns diesen Fragen zu nähern. In unserem Alltag sind sie mit zu vielen anderen Angelegenheiten verbunden, so dass uns die eigentliche, grundsätzliche Problematik oft verborgen bleibt.

Nona Suomy: Und wieso hast du dir gerade das Jahr 1800 für deine Zeitreise ausgesucht?

Tina Reuter: Das hat mit dem Scharniercharakter dieser Zeit zu tun. Damals war alles im Umbruch, so dass den Menschen auch das zuvor fraglos Hingenommene fragwürdig wurde. Das scheint mir, von der geistigen Atmosphäre her, auch gut zu unserer heutigen, sich ständig selbst überholenden Zeit zu passen.

Nona Suomy: Und warum hast du diesen komplexen Fragen-Strauß gerade in einem Roman über Karoline von Günderrode verhandelt?

Tina Reuter: Es tut mir leid, aber hier muss ich dir entschieden widersprechen: Waisen des Lebens ist kein Roman über die Günderrode.

Nona Suomy: Nicht? Aber ich dachte, die beiden Hauptpersonen – Carola und Lina – wären sozusagen jeweils auf ihre Weise literarische Wiedergängerinnen der Dichterin.

Tina Reuter: „Wiedergängerinnen“ sind sie eben nicht. Sie greifen lediglich bestimmte Persönlichkeitsmerkmale der Günderrode auf. In Lina spiegelt sich der unbedingte Freiheitswille der Dichterin wider, ihr Streben nach geistiger Unabhängigkeit über den Tod hinaus. Carola steht dagegen eher für ihren Wunsch nach einem emotionalen Hafen, nach einer festen Beziehung – wobei auch hier nicht an irgendeine Liebelei gedacht ist, sondern an eine Liebe, die von unbedingter Hingabe an den anderen getragen ist.

Nona Suomy: Wenn ich es recht in Erinnerung habe, verliebt sich aber auch deine Lina im Verlauf des Romans recht heftig.

Tina Reuter: Ja, das stimmt. Die Charaktere nähern sich eben auch aneinander an – schließlich spiegeln sie ja zwei zentrale Aspekte einer Persönlichkeit wider.

Nona Suomy: Und wie passt das zu den existenziellen Fragen, die du oben aufgelistet hast?

Tina Reuter: Ich denke, dass das Leben der Günderrode von einer tiefen Tragik gekennzeichnet war: Einerseits strebte sie nach unbedingter geistiger Freiheit, andererseits sehnte sie sich nach einer Liebe, die ihr Halt geben könnte in den Stürmen des Geistes. Mit diesem in sich zerrissenen Leben steht sie stellvertretend für eine aus ihrer Mitte gefallene Zeit.

Nona Suomy: Aber ist Waisen des Lebens dann nicht doch in gewisser Weise ein Roman über die Günderrode?

Tina Reuter: Nein, denn es geht mir ja nur um das Beispielhafte ihrer Person – vor allem natürlich für weibliche Lebens- und Freiheitsentwürfe. Mich ihrer konkreten Person in einem biographischen Roman zu nähern, wäre mir auch als zu große Herausforderung erschienen. Dafür ist die Sicht auf sie viel zu sehr von Bettina von Arnims Roman über die Freundin überlagert. Und wissenschaftliche Biographien über die Dichterin gibt es ja bereits.

Nona Suomy: Da du die Bettine erwähnst – die hat ja wohl auch Eingang in deinen Roman gefunden.

Tina Reuter: Ja, aber ebenfalls nur in idealtypischer Weise. Die Annie in meinem Roman ist eine Art Gegenpol zu Lina und Carola. Sie versucht ihre Freiheit nicht auf geistigem Gebiet, sondern im sozialen Feld zu verwirklichen – dadurch, dass sie hinauszieht in die Welt und diese unmittelbar zu verändern sucht.

Nona Suomy: Was wiederum der Beziehung zwischen der Günderrode und ihrer Freundin entspricht – zumindest, was die spätere Entwicklung der Bettine anbelangt.

Tina Reuter: Ja, schon. Entscheidend ist für mich hier jedoch die charakterliche Differenz zu dem Figurenpaar Carola/Lina. Während dieses durch Ernsthaftigkeit und eine gewisse hamletsche Zögerlichkeit beim Zugehen auf die Welt gekennzeichnet ist, steht Annie für das Gegenteil: Sie geht erst auf die Dinge zu und denkt dann darüber nach, wie sie mit ihnen umgehen soll. Sie ist also mutiger, zugleich aber auch sorgloser und leichtsinniger als ihre Freundin Carola.

Nona Suomy: Bliebe noch Jonathan, die vierte zentrale Figur des Romans …

Tina Reuter: Jonathan repräsentiert für mich einen weiteren, ganz anders gearteten Versuch des Ausbruchs aus dem Gefängnis seiner Zeit. Lina, Carola und Annie versuchen jeweils auf ihre Weise das Korsett der Normen abzustreifen, in das ihre Zeit sie zwängt. Jonathan dagegen wählt den Weg nach innen, in das Reich der Träume …

Nona Suomy: … dem die Romantik ja nach dem „Zeitalter der Vernunft“ wieder zu neuem Glanz verholfen hat. Ist das auch etwas, woran du bei der Gestalt gedacht hast?

Tina Reuter: Ja, durchaus – wobei Jonathan selbst allerdings eher für die gefährliche, dunkle Seite der Traumwelt steht: für die Gefahr, sich darin zu verlieren und den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Wenn man ihn allerdings im Rahmen des Gesamtbildes sieht, das der Roman entwirft, so deutet sich in ihm eine Kraft an, die auch in den anderen Romanfiguren untergründig wirksam ist. Auch ihr Verhalten ist immer wieder von Trugbildern geprägt, die sie in die Irre führen, aber auch von Visionen, die sie über die Grenzen des kühl kalkulierenden Verstandes hinausträumen lassen.

Nona Suomy: Darf ich dir zum Schluss noch eine persönliche Frage stellen?

Tina Reuter (grinst): Fragen darf man alles – nur Antworten bekommt man nicht immer.

Nona Suomy: Gut, ich versuche es einfach mal. Also, dein Vorname weist ja eine auffallende Ähnlichkeit mit dem der Bettine auf. Und in deinem Nachnamen klingt eine frühere Form von „roden“ an – er erinnert also an die Günderrode. Ist das Zufall?

Tina Reuter: Kann schon sein …

Nona Suomy: Komm schon: Dein Name ist doch offensichtlich ein Pseudonym!

Tina Reuter: Auch das ist gut möglich.

Nona Suomy: Weiter möchtest du dich nicht dazu äußern?

Tina Reuter: Sagen wir so: Der Name spiegelt eine starke Identifikation mit dem Roman wider. Wenn du den Roman liest, wirst du also auch etwas über mich erfahren. Ob sich aber die Person, die du dabei entdeckst, nun „Tina Reuter“ oder „Hulda Hutzliputzli“ nennt, spielt doch letztlich keine Rolle.

Nona Suomy (seufzt): Da hast du auch wieder Recht. Verbuchen wir das also unter „Künstlerinnenmarotten“. – Und vielen Dank für das Gespräch, Frau Hutzliputzli!

Ebook (Neuausgabe)

Materialienband zum Roman

Bild: Edouard Hamman (1819 – 1888): Enttäuschung (1851); St. Petersburg, Eremitage (Wikimedia commons)

Eine Antwort auf „Interview mit Tina Reuter

  1. Avatar von Renata Marie Vilshofen

    Renata Marie Vilshofen

    Das ist ein spannendes Interview. Tatsächlich stimme ich der Autorin zu, dass die grundsätzliches Menschheitsfragen auch in der Verfremdung einer anderen Zeit für das Heute analysiert und reflektiert werden können. Ich habe das eBook nun auf meinem Reader und bin gespannt, ob die Autorin diesen Anspruch einlöst.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..