Auf der Suche nach der Prinzessin im Dschungellabyrinth

Der brasilianische Dichter Raul Bopp/1

Der brasilianische Dichter Raul Bopp hat Anfang der 1920er Jahre mehrere Reisen in die Amazonasregion seines Landes unternommen. Dies spiegelt sich auch in seinem 1931 erschienenen Gedichtzyklus Cobra Norato (Die Schlange Norato) wider.

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Cobra Norato/I

Eines Tages werde ich erwachen
im Land des Unendlichen.

Wandernd werde ich mich verweben
mit dem flüsternden Fluss
und dem Weg der Wurzeln folgen
in den Schoß des Waldes.

Getaucht in ein rotgeädertes Gewand
aus Tajáblütenherzen*
werde ich die Moorgeister rufen lassen
nach der Schlange Norato.

Auf dem Schlangenrücken reitend,
werde ich gemächlich entgleiten
in eine edelsteinbestückte Nacht
aus mondumflossenen Inseln.

Im Rausch der tuschelnden Sterne
wird sich das Lianenmeer verwandeln
in ein rauschendes Gewebe
aus uralten Urwaldgeschichten.

Dann werde ich in der seidigen Haut
der Schlange Norato
aufbrechen in das traumbestickte Reich
der Königin Luzia.

Hinter dem Vorhang meiner Augen
wird mich die Königstochter erhören.
Gemeinsam werden wir versinken
im fruchtbaren Humus der Träume.

Raul Bopp: erstes Gedicht aus dem Zyklus Cobra Norato (1931).In:Poesia completa de Raul Bopp, herausgegeben von Augusto Massi (1998), S. 132 – 181 (hier S. 133).  Rio de Janeiro 2. Aufl. 2014: Olympio (PDF)

*    Tajá (auch: Tinhorão/Caládio): in der Amazonasregion heimische Pflanzenart mit herzförmigen, oft auffallend gefärbten Blättern

Ein indigener Mythos als Inspirationsquelle

Raul Bopps 1931 erschienener Gedichtband Cobra Norato (Die Schlange Norato) ist ein Zyklus aus 33 freirhythmischen Gedichten, für den Bopp bereits 1921 erste Entwürfe verfasst hatte.

Der Zyklus geht im Kern auf den indigenen Mythos der „Großen Schlange“ zurück, mit dem Bopp Anfang der 1920er Jahre bei seinen Reisen in die Amazonasregion in Berührung gekommen ist. Die zentrale Bedeutung der Figur der „Großen Schlange“ für die Mythologie der Amazonasvölker beruht dabei darauf, dass die Schlange aufgrund ihrer Bewegungsform als Verkörperung der Flüsse – insbesondere des die Region prägenden Amazonas – erscheint.

In dem Mythos wird der Geist der Großen Schlange – wie es in vielen Märchen und Mythen mit göttlichen Wesenheiten geschieht – in zwei unterschiedliche Figuren aufgespalten: eine negative und eine positive. Die (männliche) Schlange Norato repräsentiert dabei in dem Zwillingspaar den guten Geist des Flusses: Sie hilft den Menschen im Kampf gegen bedrohliche Tiere und bei der Orientierung in dem Labyrinth der Flussarme. Noratos Zwillingsschwester bringt dagegen die Kanus zum Kentern und zieht die Fischer auf den Grund, wenn sie in den Fluss fallen.

Märchenhafte Metamorphose

Ein typisches Märchen- und Mythenmotiv ist auch die Metamorphose, welche die Schlange Norato durchläuft: Sie, die jede Nacht als „Honorato“ Menschengestalt annimmt, kann sich nur dann endgültig in einen Menschen verwandeln, wenn jemand den Mut aufbringt, ihr an einem bestimmten Tag des Jahres in einer genau festgelegten Weise den Kopf abzuschlagen.

In dieser Menschwerdung des Göttlichen spiegelt sich die Verankerung des „guten“, harmonischen Verhältnisses von Mensch und Natur im Alltag der Menschen wider: Die durch Noratos Zwillingsschwester repräsentierten Tücken der Natur sind so weit bekannt, dass ein einigermaßen gefahrloser Umgang mit ihnen möglich erscheint. Eben deshalb kann das durch die „gute“ Schlange Norato personifizierte, auf ein fruchtbares Geben und Nehmen ausgerichtete Verhältnis zur Natur fest in den Alltag integriert werden.

Dschungelwanderung zu einer geheimnisvollen Prinzessin

Bopp greift in seinem Gedichtband Motive des mythischen Cobra-Norato-Narrativs auf, verwebt diese jedoch zu einer neuen, eigenständigen Erzählung. Außerdem spielen die einheimische Flora und Fauna, die Bopp sowohl direkt anspricht als auch über onomatopoetische Elemente „zum Klingen bringt“, darin eine zentrale Rolle. Auch sonst ist der Gedichtband von Anklängen an Begriffe und grammatikalische Besonderheiten der indigenen Sprachen – wie etwa bestimmte charakteristische Verkleinerungsformen – durchzogen.

Die Handlung, welche die einzelnen Gedichte des Zyklus miteinander verknüpft, basiert auf dem Motiv einer phantastischen Reise: Das lyrische Ich begibt sich in das Labyrinth des Urwalds, um darin zu der Tochter der Königin Luzia vorzudringen. Dieser Gedanke knüpft an die Metamorphose des mythischen, halb menschlichen und halb schlangenförmigen   Mischwesens Norato/Honorato an, das am Ende eine neue Stufe seines Daseins erreicht und seine Mischwesenexistenz zugunsten eines rein menschlichen Daseins abstreift.

Hierauf deutet auch der Name „Luzia“ hin, der auf das Licht („luz“) verweist: Luzia ist, etymologisch betrachtet, „die, die das Licht bringt“. Sie kann damit den Menschen zu Erleuchtung verhelfen, ihnen also eine neue Dimension ihres Daseins erschließen.

Um überhaupt das Dschungellabyrinth durchdringen zu können, muss das lyrische Ich in dem Gedichtzyklus die Gestalt der Schlange Norato annehmen. Die Metamorphose ist damit sowohl Voraussetzung als auch Ziel der Wanderung: Der Held muss sich dem Dschungel anverwandeln, um sich von diesem verwandeln lassen zu können.

Bilder: Henri Rousseau (1844 – 1910): Die Schlangenbeschwörerin (1907); Paris, Musée d’Orsay (Wikimedia commons); Ron Frazier: Early evening in the garden (Wikimedia commons); Ganesh Mohan T.: Caladium (Wikimedia commons); Raul Bopp (1898 – 1984); guidasartes.com (Fotograf unbekannt)

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