Literarische Reise in ein russisches Labyrinth

Neue literarische Reise auf LiteraturPlanet

Auszüge aus Nadja Dietrichs Roman Das russische Labyrinth/1

Heute beginnt die neue literarische Reise auf LiteraturPlanet. Nadja Dietrich entführt uns mit ihrem Kriminalroman Das russische Labyrinth ins Russland der Jahrtausendwende.  Als Einstieg gibt es heute zunächst den Anfang des Romans.

Inhaltsangabe:
In Nadja Dietrichs Roman Das russische Labyrinth wird die Privatdetektivin Sylvia Wagner durch ein Komplott nach Russland gelockt. Dort verfängt sie sich in einem dreifachen Labyrinth: dem Labyrinth einer fremden Kultur, dem Labyrinth ihrer Vergangenheit und dem Labyrinth einer gnadenlosen Verfolgungsjagd. Gleichzeitig trifft sie aber auch auf Menschen, die ihr bei ihrem Weg durch die verschiedenen Labyrinthe zur Seite stehen.
Zu dem Roman gibt es auf literaturplanetpodcast.com ein Audio-Angebot, das den kompletten Text in sechs Episoden als Hörbuch wiedergibt.

Ein früher Wintereinbruch

Am Fenster ihrer Wohnung stehend, sah Sylvia hinaus in das dichter werdende Schneetreiben. Es schneite nun schon den dritten Tag hintereinander. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann es das letzte Mal so viel Schnee gegeben hatte – noch dazu Anfang Dezember, wenn der Winter noch gar nicht richtig begonnen hatte!
In waghalsigen Pirouetten umkreisten sich die Schneeflocken, touchierten einander, nur um dann, vom Wind zum Tanz aufgefordert, in einem wilden Reigen durcheinanderzuwirbeln und sich schließlich in einem letzten Salto mortale auf die Erde zu stürzen.
Keine Frage – die lautlosen Tänze der Eisprinzessin waren schön anzusehen. Gleichzeitig schien es Sylvia aber, als würde sich die Luft mit jeder ihrer Bewegungen ein wenig mehr abkühlen. So war die Eisprinzessin abstoßend und anziehend zugleich. Man konnte sie aus der Ferne bewundern, durfte ihr aber nicht zu nahe kommen, wollte man nicht in eine der erstarrten Figuren in ihrem Eispalast verwandelt werden.
Sylvia trat vom Fenster zurück und ließ sich in ihren Kuschelsessel sinken. Fröstelnd schlang sie sich das graue Wolltuch, das sie um die Schultern trug, enger um den Hals. Es war ein Andenken aus Russland und so schon durch seine Herkunft ein Garant für den Schutz vor Kälte.
Durch die besonderen Umstände, unter denen sie das Tuch erworben hatte, hatte es für sie aber noch eine weitergehende, umfassende Schutzfunktion. Es war für sie wie ein Talisman, wie ein Zaubermäntelchen, das alles Unheil von ihr abwehrte.
Die Flockentänze vor dem Fenster, der frühe Frosteinbruch, das behütende Wolltuch an ihrem Hals … Fast fühlte sie sich wieder zurückversetzt in ihr Russlandabenteuer, das sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Sie schloss die Augen und gab sich ihren Erinnerungen hin. Nicht lange, und sie schlenderte tagträumend durch den Palast einer untergegangenen Zeit.

Einfahrt in das Eislabyrinth

Wenn sie heute an ihr Russlandabenteuer zurückdachte, sah sie als Erstes das geräumige Zugabteil vor sich, in dem sie damals, kurz nach der Jahrtausendwende, einer ihr völlig unbekannten Stadt an der Wolga entgegenfuhr. Das Überspringen ihrer Ankunft in Moskau hing sicher nicht zuletzt mit dem Eindruck zusammen, dass das eigentliche Russland erst hinter dieser Großstadt mit ihrer Hektik und den Leuchtreklamen, die auch in jeder anderen Metropole blinken könnten, beginnt.
Hinzu kam, dass sie damals keinen Abstecher in die Innenstadt unternommen, sondern vom Flughafen direkt ein Taxi zum Bahnhof genommen hatte, wo ihr Zug schon abfahrbereit auf sie wartete. Vor allem aber hatten wohl die Ereignisse während der Zugfahrt alle früheren Geschehnisse verblassen lassen.
Das Bild, das sich ihr vom Zugfenster aus bot, entsprach ziemlich genau der Kindervorstellung, die sie sich von Russland gemacht hatte. Es war Ende Januar und entsprechend kalt, so dass der Zug immer wieder Schneeverwehungen aufstöberte, die dann als feine Eiskristalle an den Fenstern vorbeiwirbelten.
Unter der geschlossenen Schneedecke wirkte das Land noch weiter, als es ohnehin war. Die langen Spaliere von schneebehangenen Bäumen, die der Zug durchfuhr, erschienen ihr wie ein einziges großes Eislabyrinth, das sie mehr und mehr in sich aufnahm. Dörfer flogen vorbei, in denen die Zeit stillzustehen schien, mit Holzhäusern, Brunnen und vermummten Gestalten, die genau dieselben Filzstiefel trugen wie ihre Ahnen und Urahnen.
Dann wieder durchquerte der Zug Städte, deren Baukastenhochhäuser in der grauen Abenddämmerung kalt und abweisend wirkten. Hielt der Zug auf einem der Bahnhöfe an, so wurde er auf dem Gleis stets von einer langen Reihe alter Frauen in wattierten Jacken erwartet, die dort die verschiedensten Dinge feilboten: Milch, Teigwaren, Honig, Brot, Zigaretten – eben alles, was das Herz von Langzeitreisenden erfreuen konnte.
Außerdem waren natürlich auch Wodka und Bier im Angebot. Wer Letzteres kaufte, erstand dazu oft auch Sonnenblumenkerne und „wóbla“, getrockneten Fisch, den sie hier zum ersten Mal sah. Später stellte sie fest, dass er tatsächlich hervorragend zu Bier passt.
Außer ihr befanden sich noch eine andere, wie sie selbst etwa 30-jährige Frau, ferner ein junger Mann und ein Veteran des „Großen Vaterländischen Krieges“ im „kupé“ – einem Vierer-Abteil mit je zwei unteren und oberen Liegen. Anfangs dachte Sylvia, sie gehörten irgendwie zusammen, da sich die Frau und der Mann sogleich beim Vornamen ansprachen. Sie hieß Swjetlana, er Iwan.
Auch der alte Kriegsveteran, den die beiden zusätzlich mit seinem Vatersnamen anredeten – er hieß Dmitri Alexándrowitsch –, ging mit ihnen um, als würde er sie schon ewig kennen. Erst später merkte Sylvia, dass die scheinbar vertraute Art des Umgangs lediglich eine Folge der in Russland oft mehrere Tage dauernden Zugreisen war, während derer man in den Abteilen zusammenlebte wie in einer kleinen Kommunalka.
Sylvia hatte sich zunächst auf dem Gang aufgehalten, da sie von dort aus ungestört ins Land hinausblicken konnte. Außerdem war es ihr unangenehm, sich als einzige Fremde zu den drei – wie ihr schien – eng miteinander vertrauten Personen dazuzusetzen.
Ihre Unsicherheit wurde noch dadurch verstärkt, dass sie die russische Sprache so gut wie gar nicht beherrschte. Zwar hatte sie sich – aus Bewunderung für ihren Vater, der immer wieder beruflich in Russland zu tun gehabt hatte – in ihrer Schulzeit extra ein Gymnasium ausgesucht, in dem Russisch als zweite Fremdsprache angeboten wurde. Bis zu jener Reise war sie jedoch noch nie in Russland gewesen. Ihre ohnehin nur rudimentären Russischkenntnisse waren daher längst von den allgegenwärtigen westlichen Fremdsprachen überlagert worden.
Ein Kontakt zu ihren Mitreisenden kam erst zustande, als die beiden Männer vor die Tür traten und der jüngere von ihnen etwas von „pjerjeodjétse“ zu Sylvia sagte. Natürlich verstand sie ihn nicht, aber Swjetlana, die gerade die Abteiltür zuschieben wollte, gab ihr durch ein Gemisch aus Gesten und englischen Satzfetzen zu verstehen, dass sie sich nun ihre Nachtkleidung anziehen werde.
Im Unterschied zum Großteil der russischen Passagiere, die fast alle in Hausschuhen und Jogginganzügen oder leichteren Hauskleidern über den Gang liefen, hatte Sylvia zwar nichts Spezielles für die Nacht dabei. Auf ihr Zögern hin zog Swjetlana sie jedoch einfach zu sich ins Abteil. So fühlte sie sich genötigt, wenigstens ihre Schuhe auszuziehen, auch wenn der Abteilboden eine empfindliche Kälte abgab.
Sie wollte gerade aufstehen, um in ihrem Koffer nach dicken Strümpfen zu wühlen, als Swjetlana sie, indem sie auf ihre eigenen Hausschuhe zeigte, fragte: „Tápotschki jest‘?“
Da Sylvia sie unschlüssig anstarrte, nötigte Swjetlana ihr umstandslos ihr Ersatzpaar auf. Sobald sie sich ihren lilafarbenen Trainingsanzug übergestreift hatte, traten sie gemeinsam auf den Gang und ließen nun die Männer zum Umziehen ins Abteil.

Eine Anekdote eines Kriegsveteranen

Nachdem Iwan und Dmitri Alexandrowitsch wieder ins Abteil zurückgekehrt waren, entspann sich ein lebhaftes Gespräch, dem Sylvia sich – eng an die Abteiltür gepresst – vergeblich zu entziehen versuchte. Die angeschnittenen Themen waren einfach viel zu komplex für das Kauderwelsch aus Russisch und gebrochenem Englisch, in dem die Kommunikation mit ihr notgedrungen ablaufen musste. Zudem wurden lauter Dinge thematisiert, über die sie auch auf Deutsch nur ungern gesprochen hätte.
Zwar stand am Anfang das übliche Geplänkel: Wie heißt du, woher kommst du, ich war auch schon mal, kennst du vielleicht … Aber schon auf die Frage, warum sie nach Russland gekommen sei, konnte sie nur ausweichend antworten. Nach kurzem Überlegen gab sie an, eine Bekannte besuchen zu wollen – was weder ganz falsch noch ganz richtig war.
Auch die Anwesenheit des Kriegsveteranen, der die Deutschen als Horde barbarischer Eindringlinge in sein Land kennengelernt hatte, machte sie befangen. Sie fühlte sich wie ein Kind, das eine verbotene Tür geöffnet hat und sich nun dafür verantworten muss.
Allerdings beruhte diese Empfindung vor allem auf der Plötzlichkeit, mit der sie auf ihr „Deutsche-Sein“ gestoßen wurde. Dmitri Alexandrowitsch selbst gab ihr keinen Anlass, sich für irgendetwas schuldig zu fühlen. Als er von Sylvias Herkunft erfuhr, gab er lediglich eine Anekdote aus seinem Dorf zum Besten.
„Meinen Eltern war damals ein deutscher Kriegsgefangener als Hilfskraft bei der Feldarbeit zugeteilt worden“, erzählte er mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich weiß nicht, ob es sich bei ihm um einen dieser Judenhasser gehandelt hat. Falls dem so war, ist er bei uns aber ziemlich schnell von seinem Judenhass geheilt worden. Denn der Einzige, der in unserem Dorf ein paar Brocken Deutsch gesprochen hat, war unser Dorfältester – und der war Jude. Er hat dem armen Teufel eine Brücke zu den anderen im Dorf gebaut – und mit der Zeit haben sie in ihm dann keine blonde Bestie mehr gesehen, sondern einen tüchtigen Jungen, der sich für keine Arbeit zu schade war.“
Als er mit seiner Erzählung fertig war, sah Dmitri Alexandrowitsch die deutsche Mitreisende erwartungsvoll an. Sylvia konnte sein freundliches Lächeln aber erst erwidern, nachdem Swjetlana ihr die Geschichte ins Englische übersetzt hatte.
Selbst dann fiel ihr Lächeln allerdings etwas gequält aus. Sie musste an die Bilder von den ausgemergelten sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland denken. Das Nest einer wärmenden Dorfgemeinschaft war für sie wohl noch nicht einmal als Traum vorstellbar gewesen.
Das war allerdings, wie sie sehr wohl wusste, auch für die meisten deutschen Kriegsgefangenen in Russland nicht anders gewesen. War Dmitri Alexandrowitschs Geschichte also nichts anderes als eine schöne Utopie? Oder wollte er damit genau das bewirken, was er dem jüdischen Dorfältesten bescheinigt hatte – der Fremden im Abteil eine Brücke bauen, indem er eine Geschichte von Völkerverständigung unter erschwerten Bedingungen erzählte?

Podcast, erste Episode: Die Unterhaltungen im Zug lenken Sylvias Gedanken auch auf die Ereignisse, die ihrer Reise vorausgegangen sind und sie veranlasst haben. Während sie aber in ihren Erinnerungen versinkt, passiert im Zug etwas Schreckliches.

Bild: Claude Monet (1840 – 1926): Zug im Schnee (1875); Paris, Musée Marmottan Monet (Wikimedia commons)


Eine Antwort auf „Literarische Reise in ein russisches Labyrinth

  1. Avatar von Eva

    Eva

    Ich habe die Printfassung des Romans 2011 gelesen und war ziemlich begeistert. Nun werde ich mal die neue Fassung lesen und bin gespannt. Das Cover sieht schon mal interessant aus.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..