Die dunkle Seite der Liebe

Gedichte von Delmira Agustini/4

Delmira Agustini hat in ihren Gedichten sowohl die helle als auch die dunkle Seite der Liebe besungen. Auch in letzterem Fall enthält ihre Lyrik religiöse Bezüge, greift aber – wie in dem Gedicht Der Vampir – auch auf Motive der Gothic Novel zurück.

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Der Vampir

Im Schoße des umflorten Abends
beschwor ich deinen Schmerz herauf,
als Brücke in dein aufgewühltes Herz,
das sich als Blütenwunde mir ergab.

Ich sah, wie du erbleichtest,
wie deine Augenlider, wächsern,
in Todeswehen zitterten
und deine Stimme sich im Nichts verlor.

Da habe ich mit schlangenhafter List
die Wabe deines Herzens aufgetan
und sein süßes Gold getrunken.
Hast du meinen Bienenbiss gespürt?

Du aber botest mir in schmerzlichem Erbarmen
den Quell deines verheerten Herzens dar,
dass die dolchbewehrten Münder meines Durstes
gierig das Blut deiner Tränen tranken.

Warum verwunde ich als Vampirin dich?
Bin ich eine dornige Blume,
ein nächtliches Rankengewächs,
das sich von Wunden und Tränen nährt –
die Wurzel eines namenlosen Übels?

Delmira Agustini: El vampiro Aus: Cantos de la Mañana (1910)

Die Janusköpfigkeit der Liebe

Es gehört zum Wesen der Liebe, dass sie uns an die Grenzen unseres Daseins führt: Indem das Ich sich ganz für einen anderen Menschen öffnet, tritt es aus sich selbst heraus und wird Teil von etwas Neuem.

Positiv ausgedrückt, bedeutet dies: Das Ich überwindet seine existenzielle Einsamkeit. Negativ ausgedrückt, bedeutet die Durchbrechung des „principium individuationis“ aber auch, dass das Ich seine Autonomie einbüßt. Eben diese Ambivalenz erklärt zugleich die zwiespältige Haltung mancher Menschen gegenüber einer festen Bindung.

Der Prozess der Grenzüberschreitung in der Liebe kann sich dabei zum einen nach innen hin, zum anderen aber auch nach außen hin vollziehen. Im ersteren Fall ist das konkrete Gegenüber eine Brücke zum Göttlichen, zum All-Einen, in das sich das Ich auf dem Wege von Kontemplation und Meditation versenkt. In letzterem Fall vollzieht sich die Grenzüberschreitung über ein ekstatisches Heraustreten aus sich selbst im Liebesrausch.

Diese Form der Grenzüberschreitung hat auch eine destruktive Seite. Sie kann das liebende Ich selbst, aber auch den Gegenstand seiner Liebe betreffen. Selbstzerstörerisch kann diese Liebe etwa durch eine an Selbstaufgabe grenzende Hingabe werden. Auf der Beziehungsebene kann sich die zerstörerische Kraft etwa durch Eifersucht und Trennungsschmerz entfalten oder auch durch bestimmte besitzergreifend-sadistische Formen der Leidenschaft.

In idealtypischer Weise könnte man damit die nach innen gerichtete Form der Grenzüberschreitung in der Liebe als apollinisch, die andere als dionysisch charakterisieren. Das eine ist der Weg der Mystik, das andere der Weg der Mänaden, die sich im Gefolge des Gottes Dionysos einem ekstatisch-rauschhaften Tanz des Lebens hingeben. Beide Wege wären dabei als Endpunkte auf einem Kontinuum zu sehen, innerhalb dessen es diverse Mischformen und Überschneidungen gibt.

El vampiro – ein Gedicht über die Wunde der Liebe

Delmira Agustini hat in ihrer Lyrik beide Formen der Grenzüberschreitung in der Liebe beschworen. Auf den erstgenannten, mystischen Weg ist im vorigen Beitrag dieser Reihe (Die göttliche Kraft der Liebe) näher eingegangen worden. Der aktuelle Beitrag widmet sich nun der anderen, dunkleren Seite der Liebe.

Ein Beispiel für die Thematisierung der rauschhaft-ekstatischen Aspekte der Liebe ist das Gedicht El vampiro. Dieses war Agustini offenbar besonders wichtig, denn sie hat es nach der Erstveröffentlichung in Cantos de la Mañana (Morgengesänge; 1910) auch in den drei Jahre später erschienenen Gedichtband Los Cálices Vacíos (Die leeren Kelche) aufgenommen.

Gleich zu Beginn des Gedichts werden Liebe und Schmerz in einem Atemzug genannt. Könnte man hier noch denken, dass die Liebe den Schmerz überwindet, indem ein Wesen sich für das andere öffnet und ihm so dabei hilft, in  der Vereinigung mit einem anderen die Wunde des Todes zu heilen, so lässt die zweite Strophe keinen Zweifel daran, dass die Liebe selbst ursächlich ist für den Schmerz. Anstatt die Wunde des Todes zu schließen, öffnet die Liebe diese erst.

Dies könnte sich zunächst so verstehen lassen, dass die Liebe diese Wunde durch ihre eigene unaufhebbare Vergänglichkeit umso schmerzlicher erscheinen lässt. Im Folgenden ist es jedoch das lyrische Ich selbst, das dem Geliebten durch seinen Vampirbiss Schmerzen zufügt. Dabei ist es nicht ohne Bedeutung, dass es unzweideutig als weibliches Ich markiert ist.

Ein vergleichender Blick auf Charles Baudelaires Gedicht Der Wiedergänger

Um letztgenannten Aspekt von Agustinis Gedicht deutlicher vor Augen zu führen, empfiehlt sich ein vergleichender Blick auf die Lyrik Charles Baudelaires. Dieser hat in seiner berühmten Gedichtsammlung Les Fleurs du Mal (Die Blumen des Bösen; 1857) ebenfalls die destruktiven Kräfte, die durch menschliche Leidenschaft entfaltet werden können, beschrieben. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht Le revenant (Der Wiedergänger):

Der Wiedergänger

Ein Engel mit flackerndem Blick,
so suche ich des Nachts dich heim
und schleiche aus dem Schattenmeer
geräuschlos mich in deinen Schlaf.

Mondscheinkalt sind meine Küsse,
ich streichle dich wie eine Schlange,
die heimlich über einer Grube
dich in die dunkle Tiefe zieht.

Wenn der Morgen bleiern graut,
ist verwaist mein Platz und kalt,
bis der nächste Tag zerfällt.

Wo and’re zärtlich dich bezwingen,
mache ich durch das Entsetzen
mir deine Jugend untertan.

Aus: Les Fleurs du mal (erste Ausgabe 1857, 2., erw. und überarb. Aus­gabe 1861), S. 186 (Nr. 65). Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres complètes, Bd. 1, hg. von Charles Asselineau und Théodore de Banville).

 Luziferische Liebe – Delmira Agustini und Charles Baudelaire

Die Gemeinsamkeiten zwischen den Gedichten von Baudelaire und Delmira Agustini fallen unmittelbar ins Auge. In beiden Fällen wird die Gefährdung eines Menschen durch die destruktive Leidenschaft eines anderen Ichs thematisiert.

Beide Male wird dafür auf Sujets der Gothic Novel zurückgegriffen. Bei Agustini ist dies die Gestalt des Vampirs, der anderen den Lebenssaft raubt, bei Baudelaire das des Wiedergängers, der andere durch seine bloße Erscheinung erstarren lässt. Hier wie dort geht die Evozierung der dunklen Seite des Lebens und der Liebe zudem mit der Wahl einer entsprechenden Tageszeit einher.

Auffallend sind allerdings auch die Unterschiede zwischen den beiden Gedichten. So strebt Baudelaires Wiedergänger offenbar ganz gezielt die Zerstörung der von ihm aufgesuchten Person an. Es ist diese Zerstörung selbst, die ihm Lust bereitet. So weckt er Assoziationen an einen Triebtäter, der seine fehlgeleitete Leidenschaft auf perverse Weise zu befriedigen sucht.

Bei Agustini ergibt sich die zerstörerische Kraft der Leidenschaft dagegen aus der Liebe selbst. Sie ist nicht intendiert, sondern erscheint als notwendige Begleiterscheinung einer rückhaltlosen Hingabe. Dies verleiht der Liebe hier eine tragische Komponente: Je stärker man liebt, desto zerstörerischer wird die Liebe. „Vampirgleich“ ist die Liebe demnach in dem Sinne, dass sie gerade in ihrer hingebungsvollsten Form gar nicht anders kann, als die Kraft des einen für den anderen „auszusaugen“.

Die Liebe – Symbol für Verlust und Wiedergewinnung des Paradieses

Ein weiterer Aspekt tritt dadurch hinzu, dass das lyrische Ich sich am Schluss des Gedichts als „estirpe de una especie obscura“ (Nachkomme einer dunklen Art) charakterisiert. Da wir es hier mit einem weiblichen Ich zu tun haben, weckt dies Assoziationen an die biblische Geschichte von der Schlange, die mit ihrer Verführungskraft die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies bewirkt hat.

Die Tragik der Liebe erhält damit hier auch eine religiöse Dimension. Erneut offenbart sie dabei ihre Janusköpfigkeit: Einerseits hat sie die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies nach sich gezogen, indem sie mit der Aktivierung der körperlichen Komponente der Liebe zugleich den Eintritt in die Welt des Werdens und Vergehens zur Folge hatte. Andererseits eröffnet sie durch die Vereinigung mit einem anderen Menschen die Möglichkeit, zumindest eine Ahnung von dem verlorenen Paradies zu erhaschen.

Da die Frau für die „verschlingende“ ebenso wie für die neues Leben aus sich hervorbringende Kraft der Liebe steht, eignet sich ein weibliches Ich eher dazu, diesen zwiespältigen, Erlösung wie Verdammnis gleichermaßen umfassenden Charakter der Liebe zu thematisieren. Eben dies tut Agustini in ihrem Gedicht.

Bild: Philip Burne-Jones (1861 – 1926): The Vampire (1897); Wikimedia commons

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