Alma Forrer: Bobby
Musikalischer Adventskalender 2024/23
Alma Forrers Chanson Bobby handelt von einem Menschen, der sich seiner Melancholie gezielt hingibt, um daraus geistige Kraft zu schöpfen. Der von ihr besungene „Bobby“ trägt damit unverkennbar die Charakterzüge eines Romantikers.
Bobby
Bobby, du besingst die Schatten,
die bleichen Gesichter,
und die Wintermonate
nähren deine Wehmut.
Bobby, diese Wehmut, die dir gefällt,
der du verfallen bist:
Du weißt, sie ist schön,
und sie ist dein Schicksal,
sie ist Gold in deinen Händen.
Es ist die Angst vor dem Vergessen,
die ständige Geistesabwesenheit,
die Versprechen der Morgenröte,
wenn die Hoffnung von Neuem erwacht,
die brennenden Wünsche, die Ungeduld.
Bobby, der Wein des Wahnsinns
fließt in deinen Adern,
und je berauschter du bist,
desto mehr zerbrechen die Ketten,
die dich entführen zu ihr.
Bobby, die Tage entschwinden,
die Wochen verbrennen,
und sanftere Träume fliegen von ferne heran
und nehmen dich mit sich fort.
Bobby, du besingst die Schatten,
die bleichen Gesichter,
und du versinkst in ihren Augen.
Die Nacht ist eingeschlossen
zwischen ihren Fingern.
Bobby, diese Wehmut, die dir gefällt,
der du verfallen bist:
Sie ist das Echo der Vergangenheit,
der Ruf des Morgens,
das Aufflackern des Lebens,
bevor es erlischt.
Alma Forrer: Bobby (Text und Albumfassung auf bandcamp.com) aus: Alma Forrer (2014)
Acoustic Session (2014):
Das dunkelschillernde Gold der Melancholie
Alma Forrers Lied Bobby erinnert an die Gefühlswelt der Romantik. Fast könnte man es als eine Art Psychogramm eines Romantikers lesen.
Das Chanson kreist um eine Person, die sich nicht nur nicht um eine Überwindung ihrer Melancholie bemüht, sondern im Gegenteil alles tut, um diese zu erhalten und zu nähren. Denn eben sie ist es, die hier als Quelle der Inspiration erscheint, als „Gold“ in den Händen der besungenen Person.
Das Chanson versäumt es dabei allerdings nicht, auf die Gefahren hinzuweisen, die mit einer solchen Haltung verbunden sind. Wohl um nicht in Plattitüden zu verfallen und „Bobby“ – einen Charakter, mit dem die Sängerin laut eigener Aussage ihre „erste große Liebe“ verknüpft – nicht zu desavouieren, geschieht dies jedoch nur in vagen Andeutungen und feinen sprachlichen Nuancen.
Eine ominöse „Elle“
Die in Bobby lodernde kreative Glut wird mit dem „Aufflackern“ des Lebens vor seinem endgültigen Erlöschen assoziiert. Erst so erhält die ominöse „Elle“, mit der „Bobby“ schicksalhaft verbunden ist, einen Sinn: Offenbar handelt es sich dabei weniger um eine konkrete Person als vielmehr um „la folie“ oder „la mort“ – den Wahnsinn oder den Tod, die im Französischen beide weiblich sind.
Freilich könnte man bei „elle“ auch an eine wirkliche Geliebte denken – zumal die „Ketten“, die „Bobby“ an diese binden, umso schwächer werden, je mehr sich die Hingabe an die Melancholie verstärkt. Auch dies entspräche jedoch dem romantischen Muster einer Liebesbeziehung. Denn wie die Liebe in der Romantik stets einen unglücklichen Verlauf nimmt und in ihrem Scheitern oder Vergehen beklagt wird, befeuert ja auch „Bobby“ seine Wehmut gezielt, da er aus ihr seine geistige Kraft schöpft.
Über Alma Forrer
Die 1993 geborene Alma Forrer hat zwischen 2014 und 2019 zunächst drei EPs herausgebracht. 2019 ist mit L’Année du Loup (Das Jahr des Wolfes) ihr erstes Album erschienen.
Als Hauptinspirationsquelle für ihre Werke gibt die Sängerin die Stille und eigene Lebenserfahrungen an. Daneben nennt sie auch „poetische Einflüsse“, wobei sie insbesondere Paul Éluard und Théophile Gautier erwähnt. Wichtig seien für sie darüber hinaus die Malerei und die Fotografie. So entstünden auch ihre Texte aus Bildern in ihrem Kopf, die sie in Worte zu fassen suche.
Forrer spricht in dem Zusammenhang von einer Art von „psychischer Verschmelzung“, einem Vorgang, durch den innerpsychische Aspekte sich in Personen oder Ereignissen, die sie in ihren Chansons beschreibe, widerspiegelten. Wie die Nacht oder die Stille Ängste in einem wecken könnten, bestünden ihre „Geschichten“ im Kern aus einer „Mischung zwischen einer inneren Erregung, einer Kraft, die in einem selbst wirkt, positiv oder negativ“, und den äußeren „Elementen“, mit denen diese Kraft „konfrontiert“ werde.
Gefragt, in welcher Atmosphäre ihre Chansons am besten zu genießen seien, empfiehlt Alma Forrer „ein Glas Weißwein und eine Zigarette“. Dies bedeute für sie, dass man sich ganz dem Chanson widme, dass man darin etwas entdecke und die Wirkung sich ganz entfalten könne.
Zitate entnommen aus: Alma Forrer: Interview auf Froggy’s Delight, 29. Okt. 2015.
Bilder: Edvard Munch (1863 – 1944): Melancholie (1894); Wikimedia commons; Alma Forrer bei einem Live-Auftritt im Jahr 2020 (wikimedia commons)
