Constance Amiot: Rendez-vous de novembre
Musikalischer Adventskalender 2024/19
In ihrem Chanson Rendez-vous de novembre thematisiert die Singer-Songwriterin Constance Amiot die Vergänglichkeit der Liebe. Gleichzeitig deutet sie jedoch auch die Kraft des Geistes an, die reale Vergänglichkeit in der Kunst zu überwinden.
Treffen im November
Wozu taugen unsere Versprechungen?
Die Zeit stößt sie ja doch am Ende um,
sie nimmt die schönsten Bilder mit sich fort
und zerpflückt die Jahreszeiten
wie ein wurmstichiges Buch.
Die schönsten Geschichten möchte ich ernten,
sie ergreifen mit den Akkorden meiner Gitarre.
Aber die Zeit, die von Zeit zu Zeit,
ja, die Zeit, die glitzert wie ein Stern …
Wozu die zarten Worte aufbewahren,
den Baum umarmen, wenn am Ende
der November doch die Früchte raubt
und uns zurücklässt mit nichts
als klappernden Fensterläden
und zerfallenden Bildern?
Aber die Zeit, die von Zeit zu Zeit,
ja, die Zeit, die glitzert wie ein Stern …
Wie gerne würde ich
mich auf den Weg der Träumenden begeben,
Abschied und Wiedersehen miteinander versöhnen!
Bis bald, wir sehen uns wieder
in den Farben des Herbstes.
Lass uns versuchen, glücklich zu sein,
wenigstens bis zum Abend.
Aber die Zeit, die von Zeit zu Zeit,
ja, die Zeit, die glitzert wie ein Stern …
Die Tage suchen Zuflucht in den Mänteln des Winters
und verstreuen alles, was geblieben ist, im Wind.
Wozu taugen unsere Versprechungen?
Sie verblassen am Ende ja doch
wie die Bilder an der Wand.
Constance Amiot: Rendez-vous de novembre aus: Fairytale (2007)
Live-Aufnahme (2013) mit Benoît Caillé (Mundharmonika) und Nicolas Deutsch (Bassgitarre)
Die Naturgewalt der Liebe …
Das Lied Rendez-vous de novembre kreist um die Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen und der Liebe im Besonderen. Die Liebe erscheint so als eine Art Naturgewalt, deren Dauer und Beständigkeit nicht in der Hand der Liebenden liegt.
Diese Sichtweise hat teilweise sicher ihre Berechtigung: Gefühle können sich abnutzen, der körperliche Verfall setzt der Liebe ganz banale physische Grenzen, und schließlich können auch widrige Umstände wie etwa ungünstige Arbeitsbedingungen der Liebe im Weg stehen.
Ebenso richtig ist allerdings, dass die Beständigkeit der Liebe auch von den Liebenden selbst abhängt: von ihrer Bereitschaft, aufeinander einzugehen und die Erwartungen, die sie aneinander haben, immer wieder zu „erden“, also an die realen Möglichkeiten und Gegebenheiten anzupassen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Liebe in einem selbstzerstörerischen Prozess Erwartungen schürt, denen man sich dann irgendwann nicht mehr gewachsen fühlt.
… und die Beharrungskraft des Geistes
So gesehen, könnte das in dem Song geäußerte Versprechen, sich „in den Farben des Herbstes“ wiederzusehen, auch auf einen nur vorübergehenden Abschied hindeuten. Die Liebenden könnten dann jeweils ihre eigenen Wege verfolgen, um sich hinterher auf einer reiferen Stufe neu zu begegnen.
Unabhängig von der Beständigkeit der einzelnen Beziehung wird dem realen Vergehen in dem Lied allerdings die Beharrungskraft des menschlichen Geistes gegenübergestellt – ausgedrückt in dem Wunsch, „die schönsten Geschichten“ mit den Akkorden der Gitarre zu „ernten“. Die hierin angedeutete Verwandlungskraft der Kunst – in diesem Fall speziell der Musik – schlägt sich in dem Lied auch in einer poetischen Sprache nieder, die ihrerseits eine besondere Musikalität ausstrahlt.
Über Constance Amiot
Die 1978 in Abidjan (Elfenbeinküste) geborene Sängerin wuchs als Tochter französischer Eltern in Kamerun und den USA auf. Erste professionelle Erfahrungen als Musikerin sammelte sie als Mitglied der Band Virus, die sich auf Cover-Songs von Guns N‘ Roses spezialisiert hatte. Im Jahr 2000 zog sie nach Paris und produzierte dort 2005 in Eigenregie das Album Whisperwood (Flüsterwald).
Für ihr zweites, 2007 in New York entstandenes Album Fairytale wurde sie vom Label Tôt ou Tard unter Vertrag genommen. Weitere Alben erschienen 2012 und 2014.
Bilder: Lucien Lévy-Dhurmer (1865 – 1953): Die Windböe (1897); Wikimedia commons; Sylvain Iasco: Constance Amiot (2014); Wikimedia commons
